Das Bücher-Dekameron
Die neunte Nacht
Und Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko, wo sie die zänkischen Musen, unter welche sie (wie Venus an die Amouretten) ihre Gouvernements
verteilt hatte, in einer festlichen Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier ein Lächeln
begonnen, dessen Anmut die Abgründe ihres Wesens ahnen ließ, aber nicht
enthüllte. Und sie hatte eine Leidenschaftlichkeit in ihren göttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich hinter ihren graziösen Spielen versteckte.
Es war ein reizender Spätsommer der Musen, als sie um ihre Göttin sich zum
letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe Frühling
ihres Beginnens.
Schon immer war ein großes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre
Auserwählten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der Frau ausgab, in die ganze Windrose geführt. Holbein sowie der van Dyck haben ihre
Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mönche hatten seinerzeit den
Urwald des mittleren Deutschland gesäubert und die Karolinger unterwiesen,
Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grünewalds Töne, Dürers Art hat erst
Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen nach Reims und studierten den
Dom, ehe sie den ihren begannen. Der schöne Lionardo gab den Franzosen eine
andere Linie ihrer Architekturen. Rembrandts Chiarobscuro hat man im Süden erfunden, jüdischer Geist aber hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches
wanderte durch Granada nach Italien und über Frankreich in die Musik der
besten deutschen Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne
die Briten, Klopstocks „Messias“ ohne Miltons „Verlorenes Paradies“? Das
italienische Porträt der Renaissance, ihre schönste musikalische Erhebung in
Palestrina kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben den Tschechen von ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die Bienen, aber auch wie
die Wölfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die Eau de Cologne, das
Modeparfüm des Rokoko, war von einem Italiener erfunden.
Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendröte ihrer Springbrunnen
und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das kölnische Wasser
zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kämpfen und Balgereien der Musen mitten in einem
Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf der Flöte geblasen, halb von
einem unterirdischen Donner gespielt ward.
Die Deutschen bauten der Göttin Europa damals ein leidenschaftliches und ihr
schönstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und raffinierter
Andacht die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, und mit dem Niederländer Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann, dem Schweizer Bossi,
dem Münchener Zick, mit dem Tschechen Mika, dem Tiroler Oegg, dem
Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal beteiligt. Sie beeilten sich
später allerdings, in alle Verstecke wieder zu fliehen und mit Pfeilen aufeinander
zu schießen. Bonaparte, der letzte Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie
mit Kanonen erschreckte, denn es gab für ihn kein anderes Mittel, Europa wieder
zu finden, als die mörderischsten Kriege.
Als er Goethe Belehrungen gab über seinen „Werther“, den er siebenmal
gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schöner wie Voltaire
einen „Cäsar“ zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den besten Trabanten
der Göttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner Hauptstadt aus dessen
Stimme über die Welt schallen zu lassen. Der größte Europäer hatte den
begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber dieser folgte ihm nicht. Während des europäischen Maschinenkriegs aber war die Göttin völlig außer Landes
gegangen.
Sie war völlig außer Landes gegangen, und acht Jahre nach der Erfindung des
Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Vertrag stehen die Musen noch um
Deutschland an den Mitrailleusen. Frankreich weist ihm die Tür, England
übersieht deutsche Kultur, Amerika ist sie kaum erwünscht. Von dort kommt kein Ruf nach der Göttin. Nie hat der Schwaden des Hasses so sehr ihre
Gefolgschaft getroffen, daß die zänkischen Musen zu derartig tollen
Unterleutnants der Rancune wurden und das Gebiet des Geistes in eine Serie von
Gefängnissen aufteilten, durch die sie den Parlamentären der Kulturen nicht
einmal den Durchmarsch erlaubten.
Die weiße Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Söldnerkrieger der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen
Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanität in den Staub gerissen.
Von unseren Büchern weiß man nichts, unsere Bühne mißachtet man, unser
Entgegenkommen höhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den Zügen der guten
Viebig hat man im Reformkostüm an die Rampe des Gelächters gestellt und ihr
zu Füßen mit einem Jodler und Tiroler Hut den kleinbürgerlichen Bonsels
pathetisch gelegt und mit Übersetzungen aus ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und Feldwebel uns in Paris vor aller Welt so zu einem
geistigen Mummenschanz mißbraucht. Es ist kläglich, sich nach zehn Jahren
Pause durch solche Gäste vertreten zu wissen.
Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine große Göttin immer noch zu
lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht vor ihr zu
verneigen. Es ist das Unglück, daß mit den sinkenden Valuten auch die geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal wieder naht, ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten in dritt- und zweitklassische
Kreaturen eingeteilt finden. Aber Deutschland, Mijnheer?
Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei den
Rheingermanen gefunden. Während der Kriegsjahre haben sie alle Freudenfeste
der „feindlichen“ Musen nach alten Bräuchen mitgefeiert. Fünf Jahre nach der
Münchener Räterepublik schwimmt das deutsche Theater unter den Schwänken
der gallischen Possenfabrikanten, Moliere und Shaw reichen sich wie während des Kriegs vor den Bildern Calderons und Shakespeares die Hand, und alles
Zeug, was Deutschland schmähte, ist pardonniert und geliebt, soweit es begabt
ist.
Suarèz durfte schreiben, wir fräßen Hunde . . . Verziehen. Claudel uns gierig
in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den
Friedensvertrag längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte von Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer wie eine
Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die einen Kranz des
Führers trugen und besser wissen mußten, daß wir nicht allesamt eine Horde von
Hyänen und ausgehungerten Wölfen seien, durften die verächtliche Emeute jener
Niedertracht anführen, die uns zu den Hottentotten Europas erniedrigen wollte . .
. verziehen, vergessen. Die ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche Frankreich den Direktor des Theaters „Vieux colombier“ hängen,
den vom „Oeuvre“ schinden würde, wenn in ihren literarischen Versuchsbühnen
ein deutsches Stück gespielt würde, wo die französische Zeitschriftenkritik vor
Chauvinismus dampft, wo England uns die Pässe verweigert, Rußland kein
Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat. Und wo unsere
Freunde in diesen Ländern ohne Macht gegen die Geschwader der Dummheit und in der Minderheit gegenüber den Steuermännern des Hasses sind.
Der Dreißigjährige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen
diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur
Gesittung aufrief, schaut über den Ozean weg nur nach seinen Dominions.
Frankreich, das Europas Feldgeschrei führte, ist ein Land von irrsinnigen
Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im nördlichen Dreieck der
Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer Gorki shake hands der Internationale.
Aber Europa?
Ein Hohngelächter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die
Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrückten Haag,
vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ängstlichen Zürich als
Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das gleiche Zittern wie die Gestürzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie zur Zeit der Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen kachiert, sitzt zwischen den Bajonetten
der hochkapitalistischen Gallier und den Kanonen der östlichen Kommune.
Denn nicht nur Poincaré, auch Barbusse (seit er auf Moskau schwur) ist der
Krieg. Nicht nur die Kannibalen, auch die konsequenten Buddhisten bedeuten
Tod. Es unterscheidet beide nur (sehr) das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg
geht, ohne Belang.
Denn Krieg heißt Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, daß die Göttin vielleicht ihre Verstecke verläßt und zurückkehrt.
Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser
Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die zänkischen
Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und Springbrunnen spielten.
Ach, es wird keine Flöte in das Konzert ihrer Wiederkehr spielen, aber der
geheime Donner von damals wird ein abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.
Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurückkehren wollen. Deutschland wird
aber nicht aufhören, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden nicht
untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal Utopie, es
wäre ein schönerer Wahnsinn als der der Vernichter.
Ich weiß, wir haben am wenigsten Anlaß, schuldfrei uns zeigen zu wollen, wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, während des Mordens in schlechtem Stil
Europa geschmäht, und müssen, wo wir mit gereckten Armen nach ihr
verlangen, das Peinliche erleben, daß sie im Umkreis in gutem Stil verlacht wird.
Ich weiß, wir säßen in anderen Wagen, wären unsere Rosse siegreich durch den
Arc de triomphe geritten.
Der Staël antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Porträt ihm gefallen, der
neugierigen Staël antwortete der Lord ironisch: es wäre besser ausgefallen, hätte
er jener Lady Caroline Lamb länger zu sitzen geruht. Ich weiß, es ist billiger,
gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit anzurufen, als sich „audessus de la mêlée“ mit
schönen Ideen abgeben. Ich zweifle aber nicht, daß, „wenn wir länger Modell
gesessen“ und die Champs Elysées mit preußischen Pferden hinaufgeritten
wären, die Stimme nach Europa in Deutschland mit der größten Tapferkeit dennoch gerufen hätte.
Sie wäre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden. Ach,
daß Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren Freunden gerade
die schlechten Trommler Europas machen mußte. Was kann man tun, wenn
einem alles verläßt?
Nicht paktisieren, Mijnheer.
Es lebe Europa.
Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen, sind
eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und dem
„comédien ordinair edu bon dieu“ gewesen. Ihr Herz stritt zwischen dem Ideal
der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre edle Exaltation mit
den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und zuletzt immer ihre eigenen
Göttinnen erschossen, indem sie dabei das alte Preislied für sie sangen.
Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der Marseillaise
hergelaufen und haben schon preußischen Drill im Blut gehabt, sie haben Europa
befreien wollen und haben es geknechtet. Sie haben die Fiktion ihres
martialischen Glanzes erobert, während die unkriegerischen Nationen der Römer
und Briten, indem sie Baumwolle oder Christentum sagten, die Welt
unterwarfen. Sie haben selbst bei Stendhal und Suarèz den Vorbehalt, daß Europa nur sei, wenn Frankreich sei, aber, schon indem sie es sagen, ist es nicht
mehr eine Bedingung, sondern es ist schon Gleichung: Frankreich ist, darum ist
Europa.
Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst, die
sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort „Franzose“ so berauschen läßt,
während die Briten sich in ihren nationalen Gefühlen sehr nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenüberstehen, obgleich die Naturelle der
beiden Völker umgekehrt sind wie ihre Fähigkeiten, sie einzuschätzen.
Ein tapfrer Kämpfer Frankreichs für Europa sein, bedeutet darum mehr, als in
Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefühl folgt, der
Gallier aber gegen seine Empfindung erst europäisch wird. Der Deutsche erfüllt
seine Mission, der Franzose muß erst den Gallier in sich erschlagen.
Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder öffnet, bleibt es in
seiner guten Tradition, und wenn es die „Feinde“ mithereinläßt, ist es lediglich
nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das mißachten und für die Fehler von
Politikern und Kasten jetzt Europa büßen lassen, ist das ihre Sache und eine
infantile Vendetta gegen völlig Unbeteiligte. Wir ziehen es vor, die Geliebte
weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und ihre Knechte wütend die Zähne
zeigen. Denn wir verehren sie und nicht die Unvernunft ihrer Umgebung.
Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das
romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt. Ihre
großen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte Europa.
Montaigne zog die Kraft des Geistes schmerzlich um die Welt. Voltaire und
Stendhal flaggten Europa schon sehr hoch. Balzac formte bereits Demokratie,
Flaubert maß nach der Größe europäischen Gewissens. Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns das schmerzlich süße Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit Rousseau begann.
Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem Blut,
unter unsere Bürger genommen wie die Romantiker, wie die Sand, wie ihren
unglücklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen Sprache. Wir haben
in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle Boulevardstücke genossen,
Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezählt, seine zweihundert Bücher
Romanfabrik gelesen und sogar für seine Saucenrezepte uns interessiert.
Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine gerichtet. Sind
mit den Malern Feuerbach um Couture, Trübner um Courbet geschwärmt, haben
des Gauguin Tagebücher, des Van Gogh Aufzeichnungen, drei Bücher von
Kunsthändlern über Besuche bei Cézanne wie das Credo und die heilige Schrift
verschlungen, während Wedekind nicht gespielt ward.
Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht, haben die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst zu der monumentalen
Bedeutung der Flucht eines grandiosen Zivilisations-Deklassierten gemacht, wir
haben auf Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Rimbaud unsere Ästhetenschulen
gebaut, haben Pierre Loti leider für einen größeren Dichter wie Alfons Paquet
gehalten, haben hochstehende Aufsätze um Charles Louis Philippe, diesen
zärtlichen Kindskopf der Tragödie, geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und Pierre Mille und den unglückseligen Farrère mit seinem Opiumkitsch
in unsere besten Stuben geführt.
Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen
beschäftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, waren sie schon intim. Der
ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen um die Zeitschrift der
„Nouvelle Revue française“ war vor dem Krieg bekannter in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivières Ruf gingen weit übers literarische
Versnobtsein hinaus. Suarèz schrieb das beste Italienbuch für die Deutschen.
Claudel widmete man Weihespiele in Hellerau. Für Francis Jammes, der die
royalistisch fromme Linie des Joinville fortsetzt und die zärtlichen Töchter des
alten Adels und die Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu
nebeneinander malt, entstand ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste
Deutsche als Übersetzer.
Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die während des Kriegs den hellen
Bullen ihrer Revue im Stall ließen, hat sie Deutschland nicht entfremdet, man
erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Können gehört.
Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den Krieg
Frankreichs protestiert und für Europa optiert haben, jenen tapferen Kreis junger
Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste, aber seine mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse, teils um Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas während des Mordens waren, wenn beide auch,
zumal Barbusse, keine im letzten Sinne guten Schriftsteller, aber überzeitlich
große Charaktere sind.
Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist der
Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse wollte aus
dem Débacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen Europäer erstehen
lassen, schuf in der Organisation der „Clarté“ ihm mit einigen humanitären Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr guten gleichnamigen
Roman die Kulisse und mit seinem Anschluß an die dritte Internationale
Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen revolutionieren und ging nachher
Bajonette einkaufen, gläubig und voll menschlichen Mutes zwar wie ein
Thermopylenkämpfer der neuen Gesellschaft, aber dennoch als Aufrufer an die
Gewalt. Er postulierte mit dem russischen Terror die Gewalt von links gegen die von rechts, die er wie ein Herkules bekämpft hatte. Er führte seine Kunst durch
die Gesinnung in die Politik, während Rolland die jungen Leute zurückführte zu
dem weisen Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das Reich des Geistes
müsse rein bleiben und Europa käme nur, wenn man glaubend für es arbeite, und
nicht, wenn man danach schieße.
Barbusse aber, dessen „Feuer“ auch das einzige Frontkriegsbuch der Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu ahnen,
neben Goethe, den er in diesen Dingen bekämpft hat. Der, von Bonaparte
begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem Prätendenten
Enghien und dem läppischen Schreier Palm vor die Stirn geschossen, denn dem
Genius stehe dieses Weggehn über alle Schranken frei. Sie bedachten beide
nicht, daß man das aus dem Temperament heraus vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit mythischer Gewalt gegen die Idee
richtet und den am sichersten ersäuft, der es für sie vergießt.
Diesen Streit zwischen den Führern der europäischen Idee haben die
Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie den
Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjährigen France
wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einfluß Frankreichs
ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schülern der großen Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Léon Werth gehört. Guilbeaux, der während des
Krieges „demain“ in Genf herausgab, wurde in contumaciam (während er
Rußlands Erde schon mit Ruhe und Ansehen betrat) auf Grund eines Materials
als Schädling seiner Nation zum Tode verurteilt, das an der Spitze einen Bericht
von meiner Hand über den Mut enthielt, den er während des Krieges für die
Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat René Arcos mit seinen stillen weitherzigen Dingen übertragen, den Bilderhändler Vildrac auf die Bühne gebracht, Colin, diesen Wanderprediger Europas gehört, gelesen, man nimmt
Notiz von Duhamels Büchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain, von
Chennevière. In dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft der
Ästheten um Gide besäße und unsicher ist, ob einer europäisches Ansehn wie
seine Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie für das wahre Europa stritten,
die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.
Es scheint allerdings im Sinn dieser Übergangszeiten zu sein, daß in den Siegerländern keine Führer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch
formt sie sich, weil er Höhenbedürfnis hat, während Triumph nur eine dicke
Lüge ist, die eines Tags nach ihrem größten Brüller platzt. Ungleich dessen ist
der Einfluß dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich atmet mit allen seinen
Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland liebt diesen Geruch als den
einer schönen Freundin. Es wird trotz allem dabei an die Göttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so wirbt es ja nicht um ein Weib, sondern um die
Liebe selbst. Unglückliche Liebe gibt es nur im Sprachschatz der Tölpel. Vor der
Ewigkeit gibt es das nicht.
Man kann nicht alles sagen, was ist, man muß sich begnügen mit dem, was
Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen holländischen
Gentleman, der unabhängig ist, reist, den Horaz im Koffer mitführt, den seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy ein Lager von
Strandkörben und halb wie ein Gartenliebhaber seine Blumen), mehr kann einen
holländischen Gentleman nicht reizen. Er kann nur so, statt an ein Phantom zu
glauben, die Wirklichkeit der Nähe eines befriedeten Europas berechnen — —
— in gleicher Methode wie Galilei, der auch, um die ungleiche Entfernung der
Fixsterne von der Sonne zu messen, auf die geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der Entfernung zu ihren einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was
macht Holland, Jonckheer?
Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a Kempis und
Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab der Freiheit das
tolle Geusenlied: „Wilhelmus von Nassauwen ben ick van duytschem bloet ///
Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet“ . . . Der Name der
Gerechtigkeit heißt Multatuli. Hinter ihm kennt man kaum die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der Menschheit, ich glaube auch von der
katholischen Propaganda. Das ist zusammen nicht sehr viel des Guten. Man hat
dafür die Seuche der sämtlichen Romane des Cooperus ebenfalls in das deutsche
Walhall gestellt. Das ist nicht Tulpe und nicht Geist, aber Valutadumping mit
verächtlicher Literatur. Auch den Unterbietern der Qualität, sehen Sie, gibt man
das Gastrecht.
Es könnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder man habe sie
nicht. Man hat übrigens durch den Krieg die stammverwandte flamische
Literatur nach Deutschland geführt. Der ausgezeichnete Essaiist F. M. Hübner
hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu dem Eekhoud nach Deutschland
transportiert und man hat, nicht nur aus politischem Interesse, diese germanische
breite und saftige Kunst, für die de Coster das europäische Wahrzeichen ist,
aufgenommen. Die über Frankreich eingeführten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher übertragen.
Deutschland hat außer den Russen überhaupt die besten Übersetzer der Welt.
Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die Barret-
Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine, Werfel die
Tschechen, Flake den Suarèz, Blei den Claudel, Vollmöller den d’Annunzio,
Däubler den Vildrac, Annette Kolb den Chesterton, Stefan Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling übertragen. Deutschland hat das Glück, daß seine besten
Stilisten seine glücklichsten Pioniere sind, während die guten Autoren des
Auslands es kaum der Mühe wert finden, Deutsch zu verstehen und schreien
würden vor Heiterkeit, wenn man ihnen vorschlüge, deutsche Zeitgenossen in
ihre Sprache zu bringen. Deutschland hat um seine besten Übersetzer herum
noch eine vollkommene Industrie von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das Ausland vorführen. Die einmal an der Börse des deutschen
Geisteslebens eingeführten Autoren werden wie die Hühner in schwarze
Minorkas, rote Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschäftlich
festnotierten Kurse.
Eine Anzahl Revüen verbinden Deutschland dazu noch mit verschiedenen
Ländern und die Übersichtstafeln seiner Zeitschriften berichten eifrig über jede Bewegung in der ausländischen Kunst. Während allerdings England und Italien
die Länder der Zeitschriften sind von fast unvorstellbarem Einfluß, während in
Frankreich die Revuen für die literarischen Kreise eine nicht genug zu
schätzende Bedeutung haben, sind ja die deutschen literären Zeitschriften ebenso
schlecht wie langweilig. Nach dem Eingehen von Schickeles
bewunderungswürdigen „Weißen Blättern“ gibt es keine Revue mehr. Lediglich
des Verlegers Fischer „Neue Rundschau“ hält eine gewisse Tradition, aber in der Tat nur die ihres Alters. Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie wohl
quallig aber nicht unamüsant, wenn auch mit Händen und Füßen zwischen die
Hauptautoren Wassermann und Hauptmann aufgehängt. Seitdem sie ihren
Standpunkt verlassen hat und„modernisiert und politisiert“ wurde, ist sie
erbarmungslos öd geworden. Deutschland, das immer hundert nach einem
halben Jahr schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften hat, verliert damit seine einzige konservative Revue von Haltung.
Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Stefan Großmann mit
seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene blitzschnelle Beweglichkeit des Geistes,
die Schärfe neben dem Kristall und der Farbe. Eine Zeitschrift müßte in jedem
Artikel, von dem man die letzten drei Sätze liest, so klar sein, daß man sofort
weiß, ob es um die Monarchie oder rumänische Läuse geht. Neun Zehntel
unserer Zeitschriftenaufsätze sind so dunkel, daß man, von Thomas Mann bis zu
Alfred Wolfenstein nicht ahnt, wohin die hochstehende Geschwätzigkeit nach vielen gelesenen Seiten eigentlich marschiert.
Die Flamen und Niederländer sind, ich weiß, noch breiter. Und doch ging von
der holländischen Zeitschrift „Stijl“ das erste Manifest für eine europäische
Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von der Bauart der
Maschinen her nicht einen europäischen Konstruktions-Stil lehren, denn
Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser Theo von Doesburg hatte eine
Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten gefolgt sind, beweist das nur tragisch,
daß die Verantwortungsvollen die Nichterwählten und die Leichtfertigen aber die
Begnadeten sind.
Auch die Natur hat ihre Einfälle barocken Humors und es macht ihr nichts,
daß sie zerstört, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so gesund, sich tragische Ausschweifungen leisten zu können, und es beschwert sie wenig, daß das
menschliche Gewissen unter dieser Frivolität sich krümmt. Sie hat wohl ihr
eigenes Gewissen und es ist wohl einfacher und tiefer als das unsere.
Man muß sehr vollblütig sein, um nicht fürchten zu müssen, sie wolle
überhaupt die Zerstörung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der
Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann die
Zerstörung mit einer Wollust, die nicht ohne göttlichen Funken war.
Kennt man den Niedergang der Kunst in Italien, weiß man um die Viehmärkte
in den Höfen herzoglicher Paläste, erlebt einer dauernd die Monotonie der
Landschaft, blauen Himmel mit Sonne an weißer Mauer, überblickt man die
drohende Kraft der klassischen Traditionen . . . dann begreift man die Inbrunst,
die den Futuristenpapst Marinetti mit der Petarde in der Hand herumlaufen ließ. Dieser sonst ganz begabte Autor beschloß alles zu vertilgen, um wieder atmen
zu können, seine Maler Boccioni, Carrà, Russolo, Balla, Severini malten zum
ersten Male in der Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu
noch gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem blödsinnigen
Nationalismus, der sich gegen Österreich richtete. Ihre Kunst bestand aus
Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und Hysterien. Die Bevölkerung Italiens bewarf sie mit Äpfeln, aber sie entzog sich nicht der Suggestion.
Im Krieg übertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale,
schrieben die Herren Hülsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen
durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schützengräben Europas. Die
Totentänze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen. Und die
Tänzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen rechtfertigten wie
jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich gewöhnen müssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis voyageurs des
Internationalismus zu fürchten. In dieser Pause Europas zeigt die Tugend wie das
Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.
In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die jungen, schon
wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in Berlin ausgestellt und
ihnen europäischen Ruhm gemacht, worauf sie ein Jahr später nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu gesunken war.
In dieser Pause Europas hat aber d’Annunzio, das feurigste Talent der
Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebüßt. Ihm war es leicht, da er
Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter sich zu scharen,
obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionären seine barocken Bücher nicht zur
Hälfte verstehen. Er verstand es, die Tradition zu lieben, auch wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und hatte, der Romantiker und Genüßling, die Generäle
und die Futuristen und die Proletarier hinter sich.
Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen,
Manzoni, der große Schüler Walter Scotts, in seinen „Verlobten“ die massive
Gläubigkeit eines Katholiken über Deutschland geschüttelt. Dann hat man wohl
auch Pascoli, dem schönen Lyriker und dem bedeutenden Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jüngsten Dichtern um die
vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst der Kirche, bald zu dem
der Futuristen betete, bekümmert.
Einfluß aber hatte nur d’Annunzio, für Deutschland wie Italien, ja für Italien
so sehr, daß, als er während des Tripoliskrieges ein wüstes Gedicht gegen
Österreich verteilen ließ, niemand es verstand, aber jedermann in Taumel geriet,
weil jedermann seine eigene italienische Stimme auch aus dem unerklärlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache trommeln hörte.
Von Einfluß waren die Futuristen dann dadurch, daß sie Bewegung brachten.
Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die Bewegung der
italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne Tradition sind, ohne
Sinn für spekulative Kunst und obwohl es nicht gut für uns war, sie
aufzunehmen. Man kann wohl sagen, daß wir Hunnen des Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die anderen gewesen. „Ich verachte alle Boches,“ sagte ein gebildeter Engländer mir in Innsbruck, „hier
heißen sie aber Franzosen.“
Die Deutschen sind von einer rührenden Großartigkeit der Welt gegenüber.
Wären sie es gegen sich selbst, sie wären das Herz Europas. Hätten wir am
neunten November des Revolutionsjahres statt lediglich Rissen zwischen den
Volksteilen nationale Bindungen großen Sinns gehabt, wäre eine
Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im gerechten Ausgleich gebend und nehmend, das Gesamtgefühl gestärkt hätte, dem Feind statt wie ein
Epileptiker wie eine große, aber unglückliche Nation entgegengetreten wäre . . . .
wir ernteten heute eher den Ruhm Europas für die Größe unseres Unglücks, als
daß wir den Foot-ball der anderen Nationen darstellten. Aber es ist nicht das
Schlimmste, wenn man seine Bestimmung erfüllt, maltraitiert zu werden. Auf
die Dauer gibt es keine „Sieger“, denn sie würden ersticken an ihrem Triumph.
Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen. Wer
Sieger allein sei, sagte der Gründer der Alhambra, Mohamed, als er bei der
Belagerung Sevillas dem König Ferdinand gegen seine maurischen Freunde
helfen mußte und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten Endes, sagte er, indem er
auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung: „Wa la ghalib ila Ala.“ Man hat
mit einer hinreißenden Größe in Deutschland vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an Europa nicht gezweifelt und alles in die Scheunen
gesammelt, was um die Grenzpfähle wuchs.
Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Götzen, und keinen Japaner, dessen
Perspektiven wir nicht untersucht hätten. Die Literatur der Ungarn, die aus dem
Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott nachmachte, bis
Petöfi sie ein wenig völkischer erlöste, haben wir zu unserer besten Unterhaltungsliteratur befördert. Wir haben jene stallburschenhafte
Unbekümmertheit unter schiken Reithosen, jenes Paprika auf der Zunge und
Pomade im Haar, das die an der Seine parfümierten Theaterstücke der Molnar
und Konsorten ausmachte, neben der „Minna von Barnhelm“ gespielt, während
Büchners „Leonce“ nicht gespielt ward. Wir haben das wenige, was nicht
erbärmlich in ihrer Prosa ist, in den graziösen Geschichten Ernö Széps, in dem
Seelenspaltungsroman von Babits, in der erotischen Bauerngroßmäulerei des Moricz aufgenommen.
Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell in die
Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das Verdienst des
Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenössischen Finnen gekümmert.
Das fabelhafte Schöpfungsgedicht „Kalewala“ war bekannt. Goethe hatte sich
schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines Landes, dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang schwedisch sprach und schrieb. Juhani Aho,
welcher das barbarische Land mit Stromschnellen und indianischen Gebräuchen
in großartiger Wildheit malte, ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die
zerblasene, barock sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem
deutschen „Simplizissimus“ hingeführt und in die Nachbarschaft von de Costers
„Uilenspiegel“. Bei Ilmari Kianto, in dessen Büchern sich zwischen Gletschern
und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum Zerplatzen biegen, tritt das soziale Element der Mongolen in die Literatur der Deutschen, das auf der ganzen Welt,
nicht zum Vorteil der Begabungen, die Dichtung zu beherrschen beginnt. Mit
France, Gorki, Shaw stirbt eine Generation von breiten Dichtern mit ihren
Gesellschaften aus. Europa ist noch nicht zurückgekehrt, um neue Führer für
neue Gesellschaft mit ihrem Finger zu benennen.
Wie groß war die Wirkung der klassischen Russen und Engländer auf Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski. Sie
sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen Literatur ins
Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen Kusmin, den schönen, aber
vom Geist der Städte zerpflückten Dymow, den rastlosen Panin, den verrückten
Remisow hat es übertragen und geschätzt.
Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne „Kunst dem neuen Volk“ angetreten. Alexander Block mit seinen „Zwölf“, jenem wilden
Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel dennoch
bewiesen, daß man auch als Politiker große Kunst schaffen könne. Die Kunst
Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die Deutschen haben aber
keinen Augenblick aufgehört, selbst den Experimenten nachzuspüren. Es fehlen
nur die Massen, die früher eine Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich
im gleichen Gefühl trafen.
Wo sind auch die Signale, die England einst herüberfunkte? Hinter Percys
„Reliques“ und Macphersons „Ossian“ lief ganz Europa her. Die Werke der
Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die Franzosen
auszuräuchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden schwankte. Der
„empfindsame“ Sterne, Fielding, dieser entzückende Spötter, Goldsmith, der mit Flötenspiel durch die Welt reiste und medizinierte, bestimmten einst den
deutschen Gefühlsausdruck. Die Romantik Bulwers überschwemmte alle
gefühlvollen Herzen, die Elliot malte ihre Sätze in jedes Album, um Currer Bell
vergoß man männiglich Tränen. Man freute sich mit dem großen Redner
Sheridan und seinen Witzeleien, man lag am Herzen der Smollet und Thackeray
und Defoe und Swift.
Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schönen Lord Byron geliebt und wie waren später der schöne Urning Wilde und Beardsley die sichersten
Ponten im Spiel der Geschmäcker. Aber erst Scott ward ein Autor, um den
Europa sich riß und mit Dickens wäre jeder Germane gern gestorben.
Deutschland lebte von England, weil es ein breites bürgerliches Publikum besaß,
aber keine bürgerlichen Romane.
Das Publikum ist heute in der Zersetzung, aber auch England hat keine
Autoren mehr außer dem Savanarola der Militaristen, dem Kipling und dem Lächler und Sozialisten Shaw. Zwischen ihnen steht (außer dem famosen Wells)
lediglich noch der gescheiteste Mann Englands, Chesterton, halb Prälat, halb
Kunstreiter, den Blick nach Rom gerichtet. Chesterton, der sogar
Detektivgeschichten benutzt, um katholische Seelen zu fangen, der den Curé-
Kriminalisten erfand und als Spötter sich über seine eigne Propaganda für Rom
artig ergötzt. Die katholische Kirche ist — weiß er — das elastischste Gebäude der Welt und gestattet als einzige Organisation der Welt die Ironie.
Kipling ist Engländer und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord Northcliff
ein halb Dutzend Jahre den größten Preßkonzern der Welt gegen uns in Batterien
der Unflätigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, daß auch Kipling, ein Dichter
und gewaltigerer Tierschilderer als unser Hagenbeck und der Däne Fleuron, daß
gerade ein Raubtier-Dichter wieder das Wort von der Vorherrschaft der weißen englischen Rasse über die Welt und die Schurkerei seines deutschen
Konkurrenten erfand. Es waren geschickte Jagdzüge, und das deutsche Fell
blutete heftig darunter. Shaw und Chesterton sind dagegen Iren. Auch in
England hat der Sieg neben dem Europäer Shaw nur einen überhitzten
Nationalisten als Repräsentanten hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort
Pause. Hinter den beiden Iren ist nichts mehr da.
Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch Schreibenden,
den Upton Sinclair geholt, dessen Bücher dichterischer wie die des Barbusse
sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn er versucht politische
Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen Kunst. Schon immer besaßen wir
Amerika. Als vor hundert Jahren Washington Irving seine Skizzen schrieb, die
England und Amerika aus der Schmollerei zur Freundschaft brachten, haben wir
den Irving sofort übernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbücher groß geworden, an des Bostoner Emersons Klügeleien haben
ebenso viele sich gewärmt wie andere an der Engländer Ruskin und Carlyles
beschränkten Gedankengängen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah wie
Bayern im deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopöen las man in
größeren Massen als die englischen tuberkel-süßen Prärafaeliten. Poes Grausen
hat seine furchtbare Nüchternheit neben unseres Hoffmanns Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.
Wir haben freigiebig dem Rumänen Monolescu unsere Perlen gelassen und
seine Diebsmemoiren dafür gedruckt, haben es willig hingenommen, daß
polnische Emigranten während des Kriegs, ehe sie zu antideutscher Propaganda
ins Reich Pilsudskis zurückkehrten und schwiegen, uns die halbe ziemlich
greuliche polnische Literatur servierten, darunter allerdings den kessen Roman
des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane, haben des portugiesischen
Zola, des Queiroz Bücher, haben die Poesien der Asiaten und Afrikaner, der
Kabylen und Lappen zu uns eingeführt in einer Flut, die bald hemmungslos
weiterströmt als man mitkann.
Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre
„Nichteingesessenen, Eingekauften“ stammen noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihre drei möglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd gestiegen
und damit in den großen Tattersal geritten. Das liberalste Hirn Europas sind die
Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter übersetzt, haben Scholem
Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die Paies und Kaftans und Chuzpes
und ihre tiefe Gläubigkeit, ihr unerhörtes Nationalbewußtsein neben das unsere
gestellt, haben durch des bedeutenden Denkers Buber vermittelnde Hand die großen östlichen Rabbis aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verkünder,
haben den Rabbi Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern
gemacht. Wir sind das Meer geworden schließlich, wohin die Skandinaven ihre
Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plündern oder Karthago zu erobern.
Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven Skandinaven
ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie ja langsam alle
bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den norwegischen Segeln liegt
Christiania und das Eismeer. Über den Stockholmer Rufen weht schon die
slawische Stimme. Um die dänischen Cats weht wie Versailles der weiche
Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein Renntier, das zu stottern anfängt, kein
Eskimo, der ein paar Runen zeichnet, kein delirierender Lappe in der Übersetzungskompagnie.
Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die Dänen. Sie
schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den Fußspitzen steht,
oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit dem zarten Bang uns
einen radierten Impressionismus geschenkt, der entzückende Tierempfinder
Fleuron, der süße Südseemaler Laurids Bruun, der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule. Dagegen sind der sibirische Vagant
Madelung mit seinen gemeißelten Sachen, der tolle Jürgensen, der das
Tiergebrüll der Kongonacht aufruft, von Jensens wundervollem Blut. Hinter
ihnen her sind zweiundachtzig kleinwüchsigere Dänen in Deutschland
ausgebootet. Darüber hat Pontoppidan dann mit der Freskenkraft eines müden
Rubens sein sterbendes Zeitalter gemalt, und der große Dichter Nexö hat mit der Wildheit eines zwanzigjährigen Rodin das proletarische Zeitalter schon
frohlockend an die Küste von Bornholm geschrieben.
Hinter dem gekreuzigten Quäler Strindberg haben alle lyrischen
Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Erde fester wie auf Götland und
Dalarne gestanden. Die schollenduftende Lagerlöf, der klassizistische Halström,
der sanfte Geijerstam, der Epiker Heidenstam sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber Frank Heller versorgt das deutsche reisende Publikum
fast völlig, zwanzig andere hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den
Globetrotter Hamsun als Erben des Großbauern Björnson mit dem Einfluß
übernommen, den englische Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der
größte Bekenner der modernen Weltliteratur, Hans Jäger, aus der Frühzeit des
Malers Munch und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland seine
unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen können. Siebzehn Holzfällerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit Ibsens drohendem
Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit belehrender Eleganz nach
Swinemünde: Es lebe Deutschland.
Alles wollten wir haben, alles haben wir eingeführt, allen haben wir geholfen,
an die europäische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe, jede
Schwärmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst die Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber geholt, Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.
Aber es genügt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir waren so
lüstern nach allen Möglichkeiten, daß wir übersahen, daß niemand sich
revanchierte. Als die Franzosen durch ihre internationalsten Künstler eine
Ausstellung in Paris vorschlugen, machten selbst sie den Einwand, für jedes
verkaufte deutsche Bild müsse Deutschland ein französisches kaufen, während
kein Bild der Deutschen in Frankreich wandert, aber tausend französische bei uns verkauft werden. Wir haben von der Welt nie das Verhältnis von eins zu eins
gefordert, wir haben nicht einmal die Quote eins zu hundert verlangt, wir haben,
wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht einmal daran gedacht, daß man
unsere Saphire dafür wenigstens nehmen könne.
Es hat uns genügt, wenn man unsere Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien
lobte, wir waren Verschwender im Einkauf und nachlässig in der Propaganda unseres Geistes nach auswärts. Wir haben die Welt kennen gelernt, ohne sie zu
verstehen, die Welt hat von uns nicht einen Centime akzeptiert. Warum aber soll
man jeden Mist nehmen, weil der dänische Verlag Gyldendal in seinen deutschen
Verlagsfilialen die Mark mit einem halben Öre kauft? Man braucht, finde ich,
nicht weniger weitherzig zu sein, wenn man nur das Beste nimmt und sich im
übrigen abschließt.
Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer Gewohnheiten,
wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprägt ist? Was tut der
deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er sein deutsches
Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf den deutschen
Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, daß es auch die Welt mit umfaßt.
Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns zu besitzen.
Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schönste Spitze
treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europäer ist der aus der Klarheit und
aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus geformte und nur
dadurch Überlegene. Er ist kein Gebräu aus internationalen Theorien, deren
Geruch so schlecht ist wie jener der unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man
wird daher nicht deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil
Frankreich ist, ist Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen zurückgeführt.
Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schöne Tugenden. Er
hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die Duldung, die
übermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht verwirrt. Mit Swinburne
im Flugzeug flog er nach London, lag mit Dostojewski im Tornister gegen die
Russen, haßte den Krieg und ließ sich doch aus Anstand für eine tote Sache erschießen. Welche Qualitäten, welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den falschen Engeln dies alles hoch! Er hat schon europäische
Augen, nur einen kleinstädisch gespannten Verstand. Wüchse ihm das rechte
Bewußtsein, er würde das schönste Volk der Erde.
Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwürdigen Väter der Kunst mit
ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein zwischen den
alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem über seine Zäune
hinübergewunken, aber niemand hat zurückgerufen. Ist der Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist der Nichtantwortende der
Kluge?
Ach, neutral sein in großen Dingen ist nie unverdächtig, und selbst die
Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die Franzosen
wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la veulent pas. Europa ist
kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob della Portes Standbild tat. Sie ist
eine Idee, die wird oder stirbt. Ach, Europa wird kommen, wenn wir es suchen
auf allen Seiten, oder wir werden weiter winkend krepieren, aber im Sterben
auch noch ihr Bild vorm Auge: Je t’aime plus qu’hier et beaucoup moins que
demain.
Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fühlbar andere Sitte. Im
feinen England wird man nie baskische Provinz wie in Berlin mit Fräcken
spielen. Eine französische kleine Kokotte wird mit einem armen Studenten das
Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in Holland. Ein englischer Sportsmann wird
nie wie ein französischer oder deutscher wegen des Rekords von ein paar
Minuten Kameraden im Stich lassen oder Damen im Bob anrennen. Eine französische Jury wird einen politischen Verbrecher erbarmungslos fassen, eine
Frau immer freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den
Unglücklichen sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden wird der
dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen: und wenn die
Sonne erblinde, der Paragraph müsse durch die Wand. Man wird weiter in
Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England Weekend machen, in
Brüssel Deserteure bildlich von der Mauer mit Militärmusik schießen, in Spanien Blumensträuße in die Bordelle senden, in Polen Kartoffeln bauen, in
Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer fürchten und in Deutschland
Europa lieben.
Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie auf
den Rand einer Zeitung schreiben.
Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt höher in den Himmel, kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in Amerika nicht wieder fände. Es gibt keine Geschichte, die nicht gleichzeitig ein Abencerrage
und ein Samurai den ihren je erzählt hätten. Skandinavien liegt fünfzehn
Breitegrade (so weit wie Berlin und Tunis) gestreckt und hat das gleiche Klima,
das warme Meere und Windströmungen ausgleichen, während der Süden
Europas mit kalten Nächten sich temperiert. Man reist mit den gleichen Koffern,
gleichen Tickets, gleichen Gesetzen. Was trennt die Kinder Europas, sich zu
finden?
Selbst die Götter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der ihnen
fehlte, fanden, mit dem doppelten großen Haupt, die Griechen in Rom. Sie
überwiesen dafür den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit. Der
mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische Jupiter
werden zusammen der Göttin Europa huldigen können.
Sie würde, wenn sie käme, eine reife Laune haben, jung wie der beste Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der
Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen Marmorton
der Franzosen im gleichen Takt nach ihr gehen. Die Musen hätten kein
Rokokospiel, aber repräsentablen Ernst. Die Monate würden heißen wie in
„Hiawatha“: Mond der schönen Nächte, Mond der Blätter, Mond der Erdbeeren,
Mond des Laubfalls, Mond der Schneeschuhe. Das wäre eine angenehm kultivierte Rasse dann, die diese geliebte Lehmkugel bewohnte, mit Erinnerung
an die Gletscherzeit und die Zuchtstiere, verliebt in den Boden und mit dem Gott
in Ordnung und elektrische Öfen dazu.
Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweißend, den
Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am
Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen überwölkt von Dampf durch den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frühling. Die
Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln stürzten bereits heute in
Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit Blüten
strecken. Wie die Landkarte Europas sei?
Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern täglich malen. Anders wie
das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie
Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nüchterner Romantik. Ein verständliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des Kopernikus mit seiner
„lucerna mundi“: der Weltleuchte, umgeben von Tierbildern, Pflanzenwäldern,
Menschenscharen, flammenden Polarlichtern, farbigen Ozeanen und
Meersäulen. Das ist für Fakire, nicht für Menschen. Der Mensch Voltaires,
glücklicher Candide, sprach die richtige und menschlichste Losung für Europa:
„Bebauen wir unseren Acker.“ Alles ist dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und Menschen sind meistens einer Meinung. All right. Sie lächeln, Mijnheer? Es ist die zweitletzte Nacht.