Das Bücher-Dekameron
Die siebente Nacht
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebzig hat James Watt den Begriff der Pferdestärken geprägt. Achtzehnhunderteins stellte der Amerikaner Oliver Evans
die erste richtige Hochdruckmaschine her. Achtzehnhundertachtundzwanzig lief
durch den wackeren Mann George Stephenson auf der Stockton-Darlington-
Bahn der erste Personenwagenzug. Achtzehnhundertdreiundvierzig baut Morse die erste große Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore.
Dreizehn Jahre später zieht sich das erste submarine Kabel durch den Hafen
Portsmouths und dreiundvierzig darauf ist die Erde mit
siebenhunderteinunddreißig Kabeln verbunden. Neun Jahre nach der Startung
des deutschen Kaiserreichs läßt Siemens & Halske die erste elektrische Bahn
laufen und im Jahr darauf beginnen die amerikanischen Hauptstädte sich telephonisch zu verbinden und die Welt damit in einen Zaubergarten zu
verändern.
Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des
Mittelalters, wo die Seelenfähigkeit sich nach innen stellte, in die
leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers.
Achtzehnhundertsechsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit Leuchtgas
steigen, fünfundsechzig Jahre später hat man Höhen von über zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um einige tausend Meter
unter dem Meer arbeiten zu können.
Die englischen Alpenklubisten überschwemmen die Schweiz. Ein Dutzend
Männer hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen, auf die heute
Zahnradbahnen führen. Mr. Wimpher gelang es Achtzehnhundertfünfundsechzig
unter tödlichem Verlust seiner halben Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin
Pascha, Stanley, Baker, Gessi, Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die
Pole. Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir den ersten schüchternen Motor her.
Fünfzig Jahre später laufen Autostraßen durch die Wüste, Motorboote durch die
exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte man noch Latham, wenn er
von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als Fabel-Helden in allen europäischen Gazetten. Blériot überspannte sodann mit seinem Äroplan, Heros einer neuen
Mythe, den Kanal. Zehn Jahre darauf fährt man im Flugzeug mit zwei
Unterbrechungen von Portugal nach Chile. Die Erde ist organisiert, sie hat keine
Wunder mehr, statt dem Geheimnisvollen ist das Exakte in das Dasein getreten
und statt der Frömmigkeit das Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.
O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragödie stak doch noch Intimität!
In Tegnérs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt, ein
Adler in den Rücken geschnitten und das Rückgrat von den Rippen gelöst.
Cicero wird in einer Sänfte von Männern nach Bajä getragen. Sechzehnhundert
gab man Mäuse zu speisen gegen Zahnschmerzen. Bonapartes Adjutant ward
von Wölfen gefressen. Béranger, Balzac und Pückler mußten Stecknadeln in ihre
Kerzen stecken, um jedem bei ihrem Gespräch damit die Rededauer einzuteilen.
Goethe sandte Wieland für den „Oberon“ nicht eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim schickte einen Korb Kiebitzeier . . . . . .
Mijnheer, zwar besaßen die Ägypter und die Hellenen auch bereits Bahnen
und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man mit
Zeichensignalen über eine Stafette von zweihundertfünfundzwanzig Kilometern
in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch verloren.
Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das wilde Sausen über seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen und uns zu
den Schelmen und Sklaven unserer eignen Kühnheit machten. Wir leben in einer
wahrlich anderen Welt, und zwischen den stampfenden Maschinen Citroëns
wäre eine neue schwäbische Dichterschule genau so scherzhaft wie ein
vegetarianischer Wanderprediger auf der Sturmflutmole von Swinemünde.
Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitäten der Menschen dieselben, aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche geschmiedet. Graf
Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und vorher Italiens
schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der Futuristen sitzend, wäre
schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya hätte, als sie, vom Zeitbaum
Ygdrasil aus, den Ödur suchend, goldene Tränen vergoß, in keinem anderen
Raum als dem der Mythen es vermocht. Die Zeit rollt mit allen ihren Hebeln und Kräften ihre Repräsentanten an die Rampe und es ist nicht die Schuld und nicht
das Verdienst ihrer Helden, wenn sie mit dem Weltdonner von Ragnarök in die
Götterdämmerung fahren oder im Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert
PS die Ewigkeit suchen. Auch die Vehikel der Dichtung sind nur von dem
Sturmschritt der Erde mitgerissene Schatten, und die behäbige Karosse Jean
Pauls hat sich zu elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen ausgewachsen.
Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Roß am Schwanz aufzuzäumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu reiten. Sich dem
entziehen, hat man die Freiheit nicht.
Das hat, für die Schwerhörigen gesagt, nichts mit der Größe der Leistung und
dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun, sondern
bestimmt nur ihre Musik, erklärt nicht ihr Herz, aber ihr Gesicht, deutet nicht
ihre Macht, aber ihre Muskulatur.
Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war der letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs Fülle
hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und mit den
chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carrà war er in die Luft gespritzt
worden und kaputt. Zwischen den Giganten von Maschinen, über den Leichen
der Götter und den Donnern der Funksprüche, der Autorennen, im Netz der
Bahnen, durch das Sirenentuten der Dampfer, der Flieger, im feurigen Zickzack
der Geräusche und Kriege und dämonischer Vehikel mußte ein Geschlecht groß werden, das seine Zeit zum mindesten schilderte, das sie vielleicht verwarf oder
ihr unterlag, das aber ihr Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der
Schnelligkeit der seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die
Zeit, wo die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgültig bestimmten. Das
ist ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.
Der militärfrohe Lahmfuß und Baronet Walther Scott sagt in der Einleitung zu seinem schönen Buch „Waverley“, seine Helden würden nicht Eisen auf dem
Haupt wie früher und auch nicht an den Absätzen wie zu seiner bürgerlichen Zeit
tragen und seine Weiber kämen wohl kaum in Purpur und Talaren wie Lady
Alice in alten Balladen und auch nicht halbnackt wie die preziösen Bürgerinnen
seines Jahrhunderts, sondern man werde mit Staunen bemerken, daß es sich
nicht um Sitten sondern um Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschäftsmann und ein genialer Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche
natürlich genau so die Sitten wie die Menschen.
Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die feindlich
gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Säbelblitzen die Beschaulichkeit
von den Nationen trennten und die Sitten von den Menschen schieden, als die
Tempi der Schicksale niederfielen wie die Taktschläge der Motore und in dem unbeschreiblichen Pêle-mêle von stürzenden Gesellschaftsschichten bald kein
Untergrund, sondern auch im Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu
sehen waren, erst dann geschah es, daß neben den Gerippen der Äroplane und
Tauchboote auch die Skelette der Seele sichtbar wurden.
Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der größte Vagabund unter ihren
Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von Bett zu Bett geworfen und
heimatlos geworden war, nicht mehr mit den Kostümen der Zeit durch die Gärten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr das Kostüm der byzantinischen
Königinnen, nicht mehr die Spitzmütze bourbonischer Frauen, nicht mehr den
Turban der troubadourgeliebten Falconiere, nicht mehr den Charme der
Byronschen Geliebten, nicht mehr die Trauer der den gefallenen Puschkin
beklagenden Freundin, nein, sie zog wie ein telegraphischer Aufruf durch die
Dämmerung Europas.
Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen Empore von Ständen und Königen stand, sondern sich in Schrecken wälzte, und sie zog
sich von den Kostümen auf das Unverlierbare zurück, indem sie den Menschen
allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte. Das Bild dieses Zeitgenossen
bestimmten große klare Linien: Ballung, Dichte und Tempo.
Nur die Schwachköpfe staunten und wußten keine Erklärung, als die
kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles
Ausdrucks übersättigten, und daß Archipenkos Menschen dieselbe Allgemeingültigkeit hatten wie die schöne Nofrit des Jahres
Zweitausendachthundert der vierten ägyptischen Dynastie vor unserer
Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Götter bebte und
diejenigen, wo sie völlig ausgezogen scheinen, haben die gleiche
Unerbittlichkeit des Zustands ausgeübt.
Und während die einen aus der Überfülle des Reichtums sich die stärksten Sinnbilder schufen, indem sie alles außer dem Einfachsten ausschieden, haben
die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus dem Nichts dieselben
einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und der Schrei begegnen sich,
und die Seele, die aus der Üppigkeit sich zum Einfachen hin unter unendlicher
Mühe kristallisiert hatte, fand ihre Schwester, die völlig nackt und ähnlich
erlesen von der Seite der besten Armut kam.
Das ist eine Gleichung, deren Schönheit zu bezweifeln, deren Gültigkeit aber
nicht anzugreifen ist.
Mijnheer, Sie wissen, daß diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu haben das
Werk einiger befähigter Künstler in Europa war und daß man die Schulen, die
sich darum schlossen, und alle Mißverständnisse, die die Öffentlichkeit darum
bildete, „Expressionismus“ nennt. Es ist so albern wie wahr, daß dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum umschließt und daß wie in
allen revolutionären Epochen die ursprünglichen Armeen sich bald in
Condottierihaufen teilten.
Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen und
sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter Gespenster
abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach der parabolischen
Form, ob nämlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder Dreiecken sich das Gefüge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der Fakirorden: Kubisten,
Pointellisten, Konstruktionisten nannten.
Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufständen, die sich
weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb. Sie kamen aus
dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen und wurden dort, weil
sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und zerhauen wie die Bauernhorden des Thomas Münzer. Sie waren wie alle Jakobiner der Gefahr erlegen, daß sie zu weit von dem Erreichbaren ausgerutscht waren und mit Ausnahme schöner
Grenzfälle wie dem des anmutigen Malers Klee und des bedeutenden Picasso in
eine Fata Morgana nach links hineingestürzt waren.
Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, daß sie der
Glücksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen zu dürfen,
verpflichtete, in Erinnerungen der besten Zeit der Nationen glänzende
Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstören. Sie hätten sich heftig an das Fleisch der Zeit drängen müssen, statt es zu Schemen zu zersetzen. Denn die glatte und
vereinfachte Schönheit der ägyptischen Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer
untadligen Zeit, die aus ihrer beispiellosen Fülle sich ein Sinnbild der Dürftigkeit
wählen konnte, das ihr jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem
ungeheuren Gesellschaftsgefühl maschenhaft gehalten, nur immer glänzender an
Reichtum steigen konnte.
Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft hinter
sich, war nicht das kühne Symbol der Üppigkeit, sondern das schimmernde der
Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe zurückzustürzen, aus der
es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit Verantwortung und für die
Zukunft, aber nicht für die Eitelkeit und nicht für Quatsch und Theorie.
Es ist wahr, daß diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der Muskulatur
kränkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei anzuheben bereit waren,
auch diese Richtung sei wie tausend andere nichts gewesen.
Ich habe in der „Doppelköpfigen Nymphe“ von Sternheim bis Heinrich Mann,
von Döblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind, Däubler bis
Werfel die begabten und schöpferigen Dichter geschildert, die diese Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind unverlierbar, hinter Wenzig,
Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky, Kesser, Heinrich Eduard Jakob,
Kamnitzer sind die Nachfolger Legion, ihre Werte mag mein Nachfolger in
hundert Jahren bei einer hoffentlich für ihn sympathischeren Gelegenheit als
einer umstürmten und zugeschneiten Schneekuppe ziehen.
Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frühling
sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder um sich haben, wo die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und mit galanten Damen nicht nur
unter gewagten Gesprächen die klügsten Sachen sagen, sondern auch mit der
Heiterkeit einer gefestigten Zeit zwischendurch in klaren Bächen baden, schön
speisen und das Ungemach des Schicksals mit der Harmonie ihres Säkulums und
nicht ohne Genuß überwinden. Vielleicht werden sie die Anmut ihrer Flüsse und
ihrer Weiber dazu benutzen, Witze über uns zu machen und wenig kühne Beiwörter unseren Namen hinzufügen, aber vielleicht wird die Schönheit und der Friede ihres Frühlings sie zu gerechtem Preisen über unsere Tapferkeit
ermuntern. Es kann uns gleich sein, Mijnheer, aber wer sein Leben genießt,
wünscht auch den Nachfahren die saftigsten Dinge. Mögen sie leben, es ist auf
die Dauer noch nie ein Urteil nicht gefallen, wie es gefällt werden müßte.
Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue
Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven der
Dummheit und der Böswilligkeit wird man heute wie morgen an den Pilori binden müssen. Man hat nunmehr eine gewisse Größe unter der Hand mit den
neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der Tadler (wie
die der Lobenden) nur mit Mißtrauen vernommen. Denn die einen suchten
gewöhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie ihre Karriere zu
machen. Der Bau aber steht.
Man hört nun im fünften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre, nachdem man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die Kläffer. Faute de
mieux on couche avec sa femme: Ich muß mich nach den Feinden des in die
Manneshöhe gewachsenen Expressionismus umsehn.
Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komödie nicht
entziehen und man wird mit Vergnügen sehen, daß die Don Quichotes wieder
aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen Windmühlen zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten, aber man wird das
Schlachtfeld privater Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit erblicken. Daß
der Expressionismus entstand, war eine elementare Notwendigkeit. Die tapfern
Barden aber, die nun sein „Ende“ ausschreien, kommen aus einer verdächtigen
Gesellschaft und sind nichts als die Nutznießer einer Nervenermüdung des
Publikums. Wenn die Leute eine bunte Sache eine Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen, gleichgültig, ob dies ein Bild, ein Meer, eine Frau
oder eine Heimat war. Dies Stück Verräterei ist eine der bezauberndsten
Kontrollen im Auf und Ab der Zeit und ihrer Werte.
Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefühl. Die
Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht übel nehmen. „Ende des
Expressionismus“: er gähnt. Er ist bedeutend einfacher und anständiger als die
Grübler, die neoklassisch schwärmen. Meine Angorakatze, mein russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid, daß, nachdem
die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die Nymphen zu schweben
beginnen.
Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an
Aufklärung, an Sensation, an Broschüren, an Ausstellungen eines neuen Stils.
Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualität macht als durchgängiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen Kritiker
Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als aufgeklärt hat,
ist es nicht erstaunlich, daß das Publikum genug davon hat. Als Hausenstein
einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute übers Seil liefen, das hymnische
Vorwort schrieb und Däubler auf den Flügeln des „Neuen Standpunkts“
aufklärend Deutschland durchschnob und der Kritiker der„Frankfurter Zeitung“,
Bernhard Diebold, in Kornfelds „Verführung“ noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend verspürte, da war ein eckiger Seiltanz und ein Drama aus
lyrischen Grammophonen auch am Kurfürstendamm noch neue Mode. Als aber
Lunaparke in diesem Stil entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig
übernahmen, Filme ihn aufs Plakat, Revolutionäre auf die Fahne schrieben,
Jünglinge sich in Poemen die Zähne daran brachen, Kaffeehäuser seine
scheußlichen mißverstandenen Ornamente an die Wände klebten, und selbst ein Eiskünstler in einem Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit
Recht.
Sehr amüsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten
Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet hatten vor
Begeisterung, daß es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als keine Mauer ohne
Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu machen war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen Vorläufer und alle in Betracht und
Zusammenhang zu bringenden exotischen Kulturen abgegrast waren, gingen sie
rasch von dem Enthusiasmus zur Skepsis über.
Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzüglicher Kopf ist, flüchtete vorwärts
zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rückwärts in die Arme seines mit
Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen Kollegen Meier-Gräfe, ohne allerdings verhindern zu können, daß sein fruchtsaftiger Stil immer
abstrakter und dürrer wurde, je mehr er vom Expressionismus abwich, und daß,
als er dem Drachen die Lanze ins Maul zu stechen begann, sein Stil und ihr Stiel
zu einem fast unerforschlichen dünnen und wahrlich expressionistischen
Spinngewebe geworden war. Führwahr, die Bauern haben recht, wenn sie
meinen, man vermöge die Natur selbst in den gröbsten Dingen nicht mit
Heugabeln auszutreiben, sie kehre vielmehr auch dann zurück. Aber in den raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar gegen diejenigen, welche gegen
sie arbeiten, mit einem unverkennbaren Hohn zu wenden.
Die anderen Anreißer aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu folgen
und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu vertauschen.
Sie hatten nicht, die Courage, auch während der Ermüdungsbaisse bei der Sache
zu bleiben, was ja jederzeit möglich ist, auch wenn man die Träger der Sache verschieden beurteilt und wenn man die Gefahren klar übersieht, sondern sie machten sich nach neuen Entdeckungen aus und blamierten sich bis über die
Ohren.
Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhänge zwischen
Nation und Kunst und dachten nicht daran, daß die Zeit Heroen oder Bastarde
auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich erfüllt oder
vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt der Schöpfung und
man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trüffeln suche. Ach, die Suche nach diesen zarten Gewächsen ist jeweils eine besondere Begabung der gerüsselten
Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten mißlangen, so waren die
Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in die Kategorie der Riecher mit
Fälsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er Heilige fangen will, Heilige an den
Angelhaken tut, war es ihren bestürzten Gesichtern gern zu verzeihen, daß, als
sie Giganten zu fangen wähnten, die die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfüllen sollten, sie nur gerupfte Spatzen apportierten.
Sie trafen sich mit den Rutenträgern einer anderen menschlich würdigen
Genossenschaft. Die jungen und älteren Leute, die bei der vergangenen
zehnjährigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst die von
allem anderen abziehende Möglichkeit des Krieges nicht auf sich zu lenken in
der Lage waren, die von allen guten jüdischen Familien verlassenen Leute glaubten fälschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun gekommen.
Die sogenannten „Stillen im Lande“, denen ihre Unfähigkeit so schonend
etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht. Einäugige
der Kunst, sogar Lepröse, aber auch talargeschmückte Mumien nahten aus ihren
Särgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die politischen
Reaktionäre, die an ihre taprigen Methoden und nicht an ihre Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt sie nicht mit einem ausgestopften
Eichendorff, aber auch sicher nicht mit Paul Ernst in Brille, Trikot und
Löwenfell, den Zweihänder in der zittrigen Hand. Was nicht bewegt war, wird
nicht ruhig werden. Die verblaßten Statuen von vor dem Sturm werden trotz
ihrer klassischen Nasen in die Büsche geworfen, denn auch im Konservativen
hat die Natur soviel feuriges Schöpfertum, um einem klaren und alten Inhalt
neue Formen aufzuziehen.
Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere
Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn „Wachse, werde, weile“
balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch an der Spitze
(o glücklicher Entenjäger Smith!) in einen harmlosen Sonntag hineinliefen. Alle
Unproduktiven, die zeitig zur Kritik übergelaufen waren und, um die Mode nicht
zu verfehlen, als Zwinglis und Dietrichs der neuen Sache gestritten, entdeckten plötzlich den Neid auf ihre erfolgreichen Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen, wo der Pendel der Zeit die zwölfte Stunde zu schlagen
schien. Man kann, wie ein gewisser Sinzheimer in München, miserable Romane
geschrieben und mit unfähigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber
man wird in Deutschland erst dann die schöne Masse Ressentiments gesammelt
haben, um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von „Format“
vorstellen zu können.
Diese Armen fühlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, daß sie sehr arm sind und daß sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine Hundehütte
zurückzogen. Man kann die Menschen nicht ändern; es sei verstattet, daß sie
einem leid tun. Man wird mit fünfzig Jahren ein Album der Zeitgenossen
anlegen, die „verehrter Meister“ einem schrieben und, wenn man sie nicht
genügend (oder zu sehr) beachtete, mit Gummiknütteln bei schicklicher
Gelegenheit einem in den Rücken fielen — und nicht veröffentlichen. Es wird nichts mehr von ihnen da sein. Was die Gerüchte und das Geraun und den
Betriebskurs macht, sind immer die Schmuser. In der Historie wird das weicher
Leim.
Gestärkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengräber, deren
schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubärtig zu sein. Durch sie kam die
gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so groß ward, daß sie für jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die „es schon immer gesagt
hatten“, die ohne Prüfung, Befähigung und Vermögen, weil sie ihnen nicht
paßte, die ganze Richtung abgelehnt, zehn Jahre lang gegen Noldes Negerköpfe
gezetert hatten und nun recht behielten, als die Panegyriker der neuen Bewegung
plötzlich mit Pharisäerblicken ihnen in die Arme sanken. Denn schließlich ist
Kunst heute für die Tausende, die nicht schaffend um sie schmarotzen, ein Witz oder ein Geschäft, nicht mehr. Ein Schachspiel, mit dessen Figuren man sich mit
elegant angespannten Nerven beschäftigt, bis es gongt, um sich zu Musik, Lunch
oder Frauen zu begeben. Dann streicht man mit breitem Arm die vollendeten
Figuren vom Tisch herab.
Man hat mich stets für einen Experten des Stils als solchen gehalten, aber ich
habe, als die „erstklassischen Schreiber“, die nie den Blick über den Horizont
behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung wälzten, mich gegen den Stil und für den persönlichen Ausdruck erklärt und mir, als ich ganz an den
Anfängen (und wahrlich unbefangen an Kunst herankommend) die lächerliche
und impotent machende Gefahr der Typisierung aufdeckte, die Meute von links
zu der von rechts zugezogen.
Als aber Herr Stahl vom „Tageblatt“ vor einem Jahr las, daß ich dasselbe wie
vor Jahren äußerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu müssen. Der bärtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da ich auf nichts derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur meinen Standpunkt energischer,
indem ich ihn von dem der Kindsköpfe schied. Man klärt eine Sache besser,
indem man sie gutwillig trennt, als indem man sie böswillig und fälschend und
voll Unfehlbarkeit von außen her verwirrt.
Dies ist ein Zipfel gelüftet hinter dem, was „Ende des Expressionismus“
schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.
Doch man vergaß die kleinhirnigen Würger, die, seit die Deutschen sich nach ihrer ersten Revolte zur Politik befähigt hielten, mit der Kriegsflagge unterm
Arm und in festgeknöpftem Gehrock in die Kunst eindrangen. Die Politik ward
selten mit solchem Eifer der Amateure und gleicher Unbegabtheit ihrer Hyänen
über die Grenzen ihres Territoriums getragen. Man wird ihnen die Ehre antun,
die diesen Geschöpfen gebührt, und an ihnen vorübergehen. Die Ehre, mit der
sie prunken, wird ihnen sauer im Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler Zahn ihnen herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die
eines Gentleman, die wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch über
die Pflichten in dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen
weibisch und roh die rechte Haltung besitzt, schamhaft und kühn ist und in
dessen Geschlecht es Sitte ist, daß Vater und Sohn zwar nicht miteinander baden,
aber miteinander zu sterben wissen.
An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu
schildern. Es ist eine amüsante und durchaus menschliche Brüderschaft, die
anrückt. Schon die Vorposten sind verdächtig laut, aber erst der Anblick der
Generäle macht die Angelegenheit hübsch suspekt. So sind alle Kriege geführt
worden: damit mag man sich trösten.
Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbühne, und es wird gehörig gemogelt. Die ganze „Krise der Kunst“ ist: die Sache ist langweilig
geworden. Auch der Weltkrieg, der doch Bezwingenderes an Sensation zu bitten
hatte, zog am Ende nicht mehr. Man kann es den Leuten nicht verübeln. Es gibt,
auf die Dauer, heute nach einem unerhörten Krieg unterhaltsamere Sachen als
die Kunst und Rebusse, was ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen
und Autos wieder und Dollarhaussen und mit dem Flugzeug über die
sturmdonnernde Ostsee, man hat im März Meran, im Herbst ist Iffezheim wieder im Start, und es ist nicht weit vom Gardasee. Die Länder schnaufen vor
Arbeitsamkeit, und Speisen in vollendeter Fülle werden angefahren. Die Erde
wird wieder voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine Viertelstunde die
Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr oder ein Verbrecher!
Hat dies ganze Getriebe überhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen für
Shaw und wäre ein Braten gewesen für Swift. Mit Kunst? Nicht die Spur.
Als die Überraschungserbsen nicht mehr knallten, war das „Junge Deutschland“, war die französische Romantik, war der Impressionismus rasch
„tot“. Man hatte das Frühstück verdaut und wandte sich dem Diner zu. Die
Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil sie genug davon
hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil zehn Jahre erbittert
bekämpft hatten, waren alle einmal in der grotesken Situation, ihn nicht mehr
bekämpfen zu müssen, „da er sich überlebt habe“. Sie gingen von der Wut zum
Mitleid, ohne Übergang, wie alle Heuchler.
Die Stimmungen lösen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist alles.
Wer wagt, zu sagen, daß die Generationen vor uns besser waren als wir? Die Zeit
ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und beklopft. Daß ein
Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so dumm wie falsch, weil es
die einzelnen Kräfte mit einem Typ erschlagen will. Daß ein ins Absurde
getriebenes Ornament scheußlich, eine gewisse Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der Statuen erbärmlich ist, beweist nicht,
daß ein Romanwerk gewaltig, ein Torso erschütternd, ein Gemälde voll schönem
Liebreiz in späteren Generationen empfunden wird.
Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf Ingres’ Bilder
rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie, von seiner Süße
gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh Briefen sich verzückten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode (im Lob und im Verwerfen)
gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von dem Vielerörterten mehr da. Man
kann das Album der Vielzuvielen, der Schmöcke, der Feiglinge, der auf Hecht
kachierten Schleie im Literaturgewässer nach fünfzig Jahren nicht mehr
veröffentlichen. Die gute Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade
fällt von selbst; sie war nie wichtig.
Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet, daß
der Impressionismus ihrer Zeit mit Klöppel und Stickrahmen und mit
Schraffiertechnik im Gähnen versank? Hat nicht der spitzbäuchige Victor Hugo
hinter Goethe als größter Dichter seines Jahrhunderts geglänzt, trotzdem ganz
Frankreich über die romantizistischen Späße bald lachte und selbst Musset nach
ein paar Jahren schon als ironischer Lächler ins andere Lager ging? Hat Manet,
der wahrlich ein Programm formulierte, hat Zola, der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring führte, darunter gelitten, daß eine Schule um sie
war, die Bankerott machte vor der Sensationslust der Masse wie jede gute
Sache? Hat Matisse Schaden gelitten, daß man seine Techniken verhöhnte?
Flaubert sprach man die Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Büchner
und Grabbe warfen sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.
Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als „überlebt“, keine gemeinere Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von Botticellis
Schule tropfte es gähnende Bitternis. Der menschlichen Natur entzieht sich
gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da die Menschen blind
sind, glauben sie den äußeren Anzeichen, daß die Haupttiere dieser Bewegung
nach Art der Echinodermen wie die See-Igel durch Kalkabsonderung sich nach
außen versteinten.
Wie leben aber, selbst den Einäugigen zum Trotz, noch die Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon vor der
expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen, siebenmal
verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!
Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, daß er
seinerzeit ein sehr öliges Programm von misanthroper Schnauzbärtigkeit
vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mühe, sich zu besinnen, daß auch das einmal eine wüste Schule war.
Die Persönlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit der
Kraft der ewig steigenden Fontänen, aber die Bewegungen der Kunst sind
deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren die Kräfte
und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie greifen an und
erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.
Seit die Romantik den letzten wehmütigen Gruß nach dem Mittelalter sandte
und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen anfuhren, haben
zwei Schulen sich um diesen Übergang gruppiert: Den Ruhm, während die
Elektrizitäten den Erdball einkreisten und umtobten, mit einem wundervollen
Glanz die alten Überlieferungen restlos aufgelöst zu haben, hat Renoir und seine
impressionistische Schule mit unsterblicher Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um den heiligen Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich
um die neu heraufkommende Zeit nicht gekümmert zu haben.
Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als dritte
Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach modern,
moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und während sie den letzten
Gipfel schon schmähen, haben sie die Zusammenhänge schon vergessen und
grüßen die ersten wieder als gute Bekannte. Sie begrüßen immer wieder aus der durch George aus dem Frankreich Baudelaires, Mallarmés und Hérédias
eingeführten symbolistischen Schule Herrn Hofmannsthals opalisierende Prosa,
Herrn Stucken, der Mexikos Untergang in Gobelinmustern bannte, Herrn
Gundolf, der als Geschichtsschreiber des Schreibtums unter Anrufung des
heiligen Namens seines Meisters auf dem eitlen Periodenbau seiner Sätze
seiltanzt, den Baron Taube mit dem wehmütigen Lächeln über den Untergang seiner aristokratischen Rassegefühle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an Haltung in seinen Geschichten und Nachschilderungen gab.
Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des Zerstücklers
Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und Slevogt, den Bang
und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das keine
Gesellschaft und daher keine „public characters“ besitzt, ist der Ruhm des aus
der greulichen deutschen Naturalistenzunft kommenden Hauptmann sogar
größer als irgendeines anderen modernen Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berühmtheiten Liebermann bekannter als Kokoschka, ist Georg
Kaiser minder einflußreich als irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist
Kellermann berühmter als Döblin, hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie
Schickele und ist Sudermann viel zelebrer als Sternheim.
Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als hätten die Schulen sich
vermischt, aber das ist eine leidige Täuschung, man lebt nur nebeneinander und nicht sukzessiv. Selbst für die Kritiker in hundert Jahren wird es nicht ohne
Mühe sein, anerkennen zu sollen, daß in dreißig Jahren drei große Schulen
hintereinander tobten. Sie werden die personellen Preise wohl nach ihren
Fähigkeiten zu urteilen und ihren Liebhabereien austeilen, aber sie werden in der
Betrachtung der Schulen einiges nicht übersehen können.
Sie werden nicht vermeiden können, mit leichten Witzen zu konstatieren, wie die Älteren sich von den Neuen befruchteten, wie die Überlebenden der früheren
Schulen an den Kelchen der neuen Jünger nicht vorübergingen, und wie der
Schwung manches „Bardala“ nicht aus dem Mund geflogen wäre, hätte der
Barde nicht aufmerksam auf die „Internationale“ gelauscht. Sie werden
dickbäuchige Schelme erwischen, die mit Jakobinermützen ausgingen, ihr
symbolistisches und etwas ranzig gewordenes Erkennungswort „erlaucht“ mit dem Worte „rasend“ umzutauschen. Sie werden über manchen Wicht sich die
Kränke lachen, der sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische
Lager geschlichen war und nicht bemerkte, daß er keine Fahne, sondern nur eine
Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.
Sie werden junge Helden und ergraute Männer beobachten, wie sie mit ihren
schönen weichen Waden von Wassermann bis zu den Bauernromanschreibern in
das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten und, neu beflügelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bücher hineinschießen ließen. Sie
machten es mit demselben ehrgeizigen Trick wie die Chinesen, die Europas
Erfindungen in ihren Lehrbüchern für China einige Jahrhunderte vordatieren,
und erscheinen nach der Verjüngungskur wie seit Ewigkeit überexpressionistisch
gesettled: „Haben wir auch schon gekonnt.“ Diese Diebe!
Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen haben, werden jedoch nicht vergessen zu sagen, daß die Impressionisten im wesentlichen teils schön wie Renoir, teils tollwütig wie van Gogh den
achtzehnhundertfünfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und daß die
Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen in
ihren „symbolistischen Armen“ erschienen, schmollend wie Kinder im Herzen,
aber mit allen schlechten Parfüms einer greulichen Würde gesalbt, erklärten:
diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie nicht wichtig, unter allen
Umständen aber verwerflich.
Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann abschließend bemerken,
daß die expressionistische Schule weiß Gott zum ersten Male wieder ihr
verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt entschlossen, mit eiserner
Konsequenz gespiegelt hat.
Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie lobt, um
andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht wohlgefällig. Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist mühselig und undankbar, aber
eine prächtige Aufgabe. Drittens, indem man sie aus ihrem engen Gesichtskreis
hinaushebt und, statt in ihrem nationalen Hader ersaufen, an der Brust der Welt
zusammen mit den anderen Völkern trinken läßt. Das ist ein utopischer, aber der
einzig praktische Gesichtspunkt. Man wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich
so die Rippen aufgerissen hat, daß erst der Sterbenden die Vision davon klar wird.
Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die Shakespeare
vorwarfen, daß seine Römer mit Hüten gingen, seine Schiffe in Böhmen
strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den Aristoteles zitierten. Sie
sahen auf die Lächerlichkeiten und bemerkten nicht den Bau des Leibes und die
Schönheit ihrer Glieder und übersahen, daß sie, wie Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenäht barg, den Genius für die Welt in sich trage. In
wessen Muskelsträhne aber glüht das noch verborgene Herz, um heimlich zu
reifen, und mit der Führerschaft eines Gottes den Völkern einen Weg zu weisen,
der sie aus ihren Trivialitäten in ein helleres Freiheitsleben führe?
Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die Richtung
einer ganzen Generation angegeben, während die Georgianer in ihren Höhlen
mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zählten. Sie haben sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen nun einmal schon nicht
beschieden war, ihre Nation in die Höhe zu führen. Sie haben daher ihre Epoche
mit allen Furiosos geballt und sich ihr wieder entgegengestellt, indem sie die
Sehnsucht nach der Größe und nach Europa mit hineinnahmen. Bliebe nichts,
wäre das allein ein nicht entreißbarer Gewinn. Denn ohne Hingabe und ohne
Ziel wird nichts. Zu Möllenbeck an der Elbe nur steht eine Holzfigur, die anzeigt, daß eine Frau ihrem gräflichen Gatten in seiner Abwesenheit neun Kinder geboren.
O deutsche Tartüfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen und
die den blauäugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche Schwermut,
die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu früh verurteilt und die
ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr Gesicht mit Größe gerne
schmücken möchte. O deutsches Schicksal, das glaubt, auch geknebelt und
geschunden noch die anderen Völker besiegen zu müssen, statt als Vorbild neuer
Tugend ihnen hilfreich entgegenzukommen, auch wenn die anderen vor Mißtrauen heulen. Europa wird durch gegenseitige Zuneigung sein oder es wird
nicht sein.
Der Rittmeister de Boussanelle erzählt in seinen „Observations militaires“ von
seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjährigen Krieg die anderen Pferde das
Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur Hälfte die Gebisse
verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie sind eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt sich die Schädel einzuschlagen, und sie
sind taub wie alte Türken, wenn sie aus dem Furor ihrer neuesten Schule nicht
die Marseillaise einer großen Sehnsucht hören, die ihnen den Weg weist.
Dieser Marsch ist kein blaßsüchtiges Friedensgewinsel und nicht auf der
schlechten Assiette der verschrobenen Träumer geblasen, sondern ist der hellste
Claironklang nach allgemeiner Übereinkunft, eine Kriegsmusik der Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent eine
Freiheitsgöttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.
Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?
Eine Generation. Und dann? Das Ende.
Sterben?
Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden, günstig zu
präsentieren, sondern im Zeichen jener Jünglinge Kleobis und Biton, denen ihre
Mutter von Here das größte Glück erbat, und welche die Göttin darauf, weil sie
demütig und kühn ihr menschliches Werk vollbracht hatten, als größte Ehrung
neben dem Genius mit der gelöschten Fackel in die bessere Heimat rief.
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den Begriff
der Pferdestärken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit den Maschinen die Welt umgepflügt. Fünfundzwanzighundert Jahre vor dem größten Krieg
Europas hat die Geschichte dieser beiden Jünglinge Solon dem lydischen Krösus
erzählt. Aber die Menschen haben noch nicht gelernt, zur Zeit und mit der
richtigen Haltung zu sterben, geschweige denn zu leben. Sie umtanzen Europa
im Kriegskleid mit Skalps und Kampfgeschrei wie die Indianer ihre am
Marterpfahl aufgehängten Opfer und lieben in ihr die Beute statt die Göttin.
Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen wilde
Verbeugungen und die Pelikane kreischen lärmend und wackelnd auf einem Bein
im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit ist immer die
Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen damit trösten, daß
sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von teuflischer Komik sein kann. Man
kann sich damit trösten, wenn man genug Humor hat.