Das Bücher-Dekameron
Die vierte Nacht
Ich will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den Morgen. Bereits,
als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen der Sonne zu hören, da
entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden und draußen stand der Sturm.
Im Sportraum kam mir der Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den
Aktrizen vom Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner
Branche, und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der
Seltsamkeit ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem
Boxer Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der
seine vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen
Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie sangen
ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das Heu, während
man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm Schnee kommt, aber das
brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich, nunmehr den Schneeberger,
Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen bis zum Boden vergitterten Fenster
die zwei Kufen seiner Springskis mit Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube
bewegte, fiel mir über alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.
Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger wie
viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm breit ist.
Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der Gefahr und
des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der Fachausdruck „faul sein“
heißt. Man kann von diesem Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche
mitzumachen, auch wenn man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung
packt, sich nachher ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie
alle Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.
Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports, sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis zur Vollendung
erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen Segel an der Savoyer
Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem grauen in Brunshaupten, einer
weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen Marstrand und Göteborg, purpurn
in Südfrankreich und mit milchgelbem Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg
im Gewitter gelegen. Sondern ich wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den Wind nehmen mußten, daß mein
Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und einen fatalen Fock, daß die Rennjolle
des Starnberger Sees so überfeinert war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee
schon parierte, während das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrücken
sein vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf
dem Kahn, mit dem wir durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten,
das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.
Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der
Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blühenden
Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, daß mich nur
die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug auf
meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk gefährdeten . . . . Denn
da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf dem Posten und durch die
Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes versöhnt und erheitert.
Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist möglich ohne Aeschylos
und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung
zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer
Gedankenflüge. Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es
beschrieb, ein Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch
sonst erfand sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten
Segel müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das
Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.
Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt,
das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in dieser Zone.
Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur auf den Brettern,
gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein nationales Instrument, und
wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat
aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie
sind.
Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten Hölzer
besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos die Form
verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den Lappen breite
Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie in abenteuerlichen
Formen und sah sie in roher Nüchternheit.
Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem
Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur Feier der
Heimkehr specktragender Weiber den Hügel herunterlief und abschnallte, sah
ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen Lappen dar in unanständiger
Stellung, der sich im Sturz befand und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend
war, und daß seine Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine
Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für
nötig, seiner Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch
die Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen
getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das Bild „das Lachen des Ski“.
An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:
Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche
Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im Stande
schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen, sondern sich
damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug der Zeit, die sie zu ihrem
Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets den Mut sich zu verspotten
und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.
Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute Walhall
suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel mir ein, der
nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte freudig fauchte, wenn einer
den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die primitiven Völker entstellten
sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch enorme Busen und Schenkel, um sich
mit dieser Verzeichnung ins Über-Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit
noch gepfefferter zu machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte
man, um die Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach.
Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe ironisierte und ins
Menschliche somit zurückzog.
Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie
zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem Ehrgeiz
und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste ihnen nach, sich
nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst gehabt, sich preiszugeben statt
sich zu verstecken.
Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die Luft
sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer glühenden
Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste liebenswürdig,
mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den Lappen schwingen
sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab, sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und man ist nur schön, wenn
man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ sagen die Liliputaner von den
Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor der Pupille der andern verstecken,
aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen und halten sich den Magen, wenn die
geölten Gauche bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und
läßt den Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.
Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie hat
dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick gefunden,
der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war bereits seiner
Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich verspottete und in die stolze
Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten
Posen aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie
den Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.
Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel hat,
ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das Lächeln des
Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne Abwehr ertrug. Von
den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines, der sich der Sainte Vièrge
zuliebe entmannte und dem spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm,
um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu müssen, infolge seiner Vollblütigkeit
jedoch verrückt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen,
und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an
die Spitze.
Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je höher
ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die
gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich denen
an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in Mozarts
Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich selbst. Die
Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als sympathische Leiche
fast wider Willen und erstaunt über seine eigene Atmung noch lebe.
Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern sie
führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie zu
Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der Dichter
dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat gewußt, daß, wenn
die angegriffene Unke geplatzt ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im
Mittelalter turnierten sie gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon
vorbei war, später mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens
Satiren sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches
persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur zufällig
satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben, den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte Jahrhundert ist von
Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie, lediglich der
„Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen zeitlichen Schmiß.
Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den Flair, worauf es ankam und
übte sich trefflich und elegant in der Manier des „Don Quichote“ und der
„Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab
keine Typen, die er hätte zeichnen, keinen Charakter, den er hätte karikieren
können und keine nationalen Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten.
Er gab wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen
„Neffe Rossinis“ und „Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der
fremden Satiren und bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.
Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine
Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur. Zachariäs
„Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang keinem, über die
Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen Zielscheiben die ewig
menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen auf rohe Studenten,
armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der irdischen Schwächen und Stärken
liebevoll aufzuziehen. Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen
ein Schmarrn. Die Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun,
denn um ein Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor
sind miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche
Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu baden.
Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es kommt
nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist an sich
gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist bombensicher
eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul, der mit seinen scharf
gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg fand, der aber ein
Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage gewesen wäre, beweist,
daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt,
formen, sondern er amüsierte sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine
Landsleute, indem er ihnen einen Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das
war aber nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.
Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und erhaben
zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners „Leonce und
Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil jenes romantischen
reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre siebenundachtzig Potentaten
hinweg) menschlich festzuhalten vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den
Deutschen den Vorwurf, der Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu
nüchternen Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er
überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, daß die Führer ihre
Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen erzogen
haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines Karussells, sie saust
nach außen, aber sie baut keinen Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die
Bedürfnisse augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von
Generälen oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele
Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und daß
dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang, zeigt sich
heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit bereits
wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York abfiele von ihren
Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß Bayern wie ein Kind
monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die Deutschen noch nicht
Deutsche sondern eine Zusammenstellung von Charakteren, und daß sie nicht
national, sondern Querköpfe sind.
Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her, wo er
exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art zusammenzuschließen
vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten Liebe verspottete. Er
verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten Sinne national zu sein, indem
er angriff und spiegelte. Deutschland hat nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn
verachtet, und weil Heine wagte, es durch seinen liebenswürdigen Hohn zu
erziehen, hat es ihm ein Denkmal verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte
zu zerstören. Die Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt
sich mit dem blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird
unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das
Unharmonische macht sich erbärmlich, indem es die Windmühlen angreift, die
es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer
nationalen Kultur wäre und sie verachten sich damit selbst.
Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners
Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe gegen
betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige Kleriker oder
fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit hineingezeichnet, so etwa, als beuge
sich jemand über Wasser und es bliebe, durch eine Welle gestört, das Bild auch
unter dem Zittern mit solcher Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch
durch die Verzerrung zu empfinden verstände.
England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß sie
Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde. Molière und
Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die Schoßkinder
ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu studieren, mit der man
die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem französischen Theater erzog man den
heroischen Ton so, daß er in seiner höchsten Pathetik bereits wieder die
Untermelodie des Mokanten erreichte, kein Staatsmann, kein Künstler war
zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in
seinem „Télémaque“ über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus
sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in
alle Häuser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über
Frankreich zum Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter
dem Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,
Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates zerlächelte,
bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in ihrem Stürzen begleitete, deren
Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft Anatole France mit einer weisen und
müden Ironie wieder zu Tod zu lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein
Jahrhundert alt und schon greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches
in Frankreich nie mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk
ist in der Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim Heroischen
bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im wahren Sinne dem
Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen vermissen, haben
Constant dem Nüchternen und Stendhal dem Verquollenen und nicht
Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre fehlende Kulturbasis gegeben.
Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu
setzen, so ist das ebenso bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die
Künstlerin gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr
großer Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une
fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter
und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.
In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen
Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft angefügt
wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen Lehrer aus der
Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem Ruhm seiner
satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös einer Übersetzung
allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er dagegen war, achtzigtausend Pfund
Sterling Kupfergeld aus Irland zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte
bescheinigte, Swift erklärte, es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch
Dickens und hundert Jahre nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in
„Punch“ und in „Vanity-fair“ seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen
gefangen, die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat
am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines
Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem
Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.
Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen, daß er
sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker geboren
ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte Hochschätzung vor ihren
Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in ihnen sehen und sie daher
lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die ein strengeres Zusammenraffen
des nationalen Geistes in dieser Maskerade verlangen. Beide aber wissen, daß
ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie
jeder Witz.
Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler angeht, in
einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den Briten
vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte geleistet, wenn sie
auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die Deutschen haben sich einen
Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit angedichtet, dessen
Anzweiflung schon Ausschluß aus der Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt Fehme auf sich nehmen.
Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings satirisch
spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung nicht zu Lächlern,
sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe sagen wollen, aber es ist
ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist der gleiche Liebeshaß, der die
Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft, der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht erzogen werden, die Dichter aber meinen,
man müsse sie erziehen oder sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese
Schreier, die ihnen Fehler zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen,
man müsse diese nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands
Herz zu kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was
beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild dieser Kämpfer nicht
sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in Wirklichkeit nicht besteht, die
modernen Satiriker glauben aber, sie müßten wie Savonarola hetzen, um das
Volk auf seine Fehler zu stoßen.
Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja auch
seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen nicht
bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder, die Satire. Es
wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider vom besten überzeugt
ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.
Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer Straße
der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich, schlug ihm
den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere Art finden, sich mit seiner Meinung
durchzusetzen. Da es ohne Frage ist, daß Satire nötig und daß sie fruchtbar ist,
darf sie sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst
kastrieren. Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern
gehaßt. Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent,
den man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente
hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die Belästigungen sind.
Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch
tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig hinreißend
sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird auch gar nicht
versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln, sondern sie werden wie
Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen Schriftstellern gegenüber die
Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte
vor Heine, von dem er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es
ein Weltmann war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im
Augenblick nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der
Zukunft ein Material über die Zeit.
Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und der
Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich keiner
Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon überzeugen zu wollen,
daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien, sowie daß Fehltritte unnötig
seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit einer anständigen kulturellen
Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden,
daß die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und
dadurch nur mißtrauischer werden.
Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er seine
satirischen Bücher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der
Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Bürger
zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“ und „Professor Unrat“ nicht
getötet werden müssen, sondern daß dies der winzige Teil einer menschlichen
Schwäche sei, die amüsant besonders im wilhelminischen Zeitalter blühte. So
wäre zur Objektivität die Heiterkeit gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt,
und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen
nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen „Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht als Dupe
hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das sie ist, mit
graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den
Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen sie um
dieser Einschränkung willen nur den dokumentarischen, nicht den menschlichen
Wert großer Kunstwerke.
Sternheim hat den Instinkt für Voltaire viel gerissener im Blut und weiß eher, daß nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden in einer
komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen für Deutschland
geschrieben, aber die Maßlosigkeit seiner Ausdrucksweise zerstört das meiste
seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei überhaupt nicht für die
Gegenwart sondern für ein Publikum der Zukunft zu schreiben, allein er weiß
nicht, daß das Kolossale einer satirischen Wirkung nicht durch die Unflätigkeit des Ausdrucks, sondern durch die möglichst unbeteiligte Form geschieht, mit der
man seine Nation in den schrägen Winkel gleiten läßt, der das Bild ins Komische
bricht.
Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal in
einer Abhandlung über die Zeit dem trockenen Ton der Sachlichkeit genähert,
allein sein „Modernes Ich“ erfordert Voraussetzungen an Gescheitheit, die ein auf Wirkung lüsterner Autor nicht stellen sollte.
Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung
Hermann Essig, dessen „Taifun“ das beste satirische Romanbuch in Deutschland
seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer künstlerischen Clique und
weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis, die sich mit der Lanzierung einer
abstrakten Malerei beschäftigen und hier beschrieben sind, rücken so in die Lupe, daß sie einem deutschen Nationalcharakter sich nähern, vielmehr eher
jener siebenten Sippe der ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nämlich
den Katzen (Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und
distanciert betrachtet wird.
Noch skurriler verkümmert in literarischem Gehabe die satirische Bemühung
von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der meisten kritischen
Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement kündigt und die aufgeblasenen Armseligen einflußlos auf der Straße liegen, denn erstens ist sie
so bissig, daß sie nur unabhängig ertönen kann und zweitens geht sie ohnehin
nicht über die Wiener Vorstädte hinaus. Er gibt seinem Organ daher gern die
Färbung des Teufels, der einhergeht wie ein brüllender Leu, aber es ist aus der
Nähe nicht ein Raubtier sondern ein Verbissener, und aus der Entfernung kein
Bespiegler sondern nur ein lokaler Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur stehen müßten, haben sich Mars zugewandt und tragen keine überlegenen Falten im Gesicht, sondern scharf nach oben gewichste Schnurrbärte. Die Dinge
werden aber nicht mit Geschrei überwunden, sondern mit der Tat oder mit
Achselzucken.
Die literarischen Führer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade und
Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Täuschung, wenn sie sich
wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu karikieren, bedarf es
Liebe und Verständnis für die Schwächen und etwas Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den Trommelwirbeln, die gegen den Bürger schallen, der
überhaupt nicht mehr lebt. An seiner statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und
Umbildungsvolk sich geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil
es sich um Literaturgeschrei gar nicht kümmert, und er sich wiederum nicht um
ein Volk zu kümmern vermag, das seine Art nicht nötig hat. Aber man wird zu
jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein großartiges, auch giftiges, aber auf den Händen hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte, daß man zum
Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten Satiriker sind
natürlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie stellen sich nur so, als
ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie stellen die Welt in Frage, damit man sie
um so liebevoller bejahe.
Die deutschen und die deutschjüdischen Satiriker haben aber nur den ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen verbissen.
Albert Ehrenstein hat diese Beschäftigung am weitesten ausgedehnt und sich ein
Leidvermögen an der Unvollkommenheit der Welt antrainiert, daß er an jedem
Portier das erlebt, was Musset und Byron nur in besonderen Melancholien
erreichten. Mit einer ewig wunden Seelennot schreibt er sich aber in ein
heroisches Maß der Verneinung hinein und steilt seine Klage um die Erde zu fast grandioser Monumentalität. Hier aber, wo er umkippen und endlich das Ja
erleben müßte, hütet er sein Leid wie eine Champignonzucht, und statt nun in
angenehmere Partien des Diesseits zu verziehen, wirft er den Trauermarsch
seines Hohen Liedes in das larmoyante Geschrei der jüdischen Klageweiber, die
gegen Bezahlung tagelang den Schmerz zu artikulieren verstehen. Die Balance
ist falsch, das Talent ist nicht als Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die
Mauern stehen gar nicht mehr, gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche Satire der Zeit? Zerstören! Aber es fehlt ihr der Partner, und der
unnötige Lärm und die Besessenheit machen nur die Unbeteiligten unlustig.
Eher vermöchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener Knitzigkeit
herkommen und bei Kortums „Jobsiade“ sich beim Knittelvers aufgehalten
haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natürlich gelingt es auch
nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wäre immerhin zu konstruieren oder amüsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten, Herrn Freeman, ist beträchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach jedem Satz auf den Magen
klopft. Er macht den Trick, einen Naivling, einen unzivilisierten Bauer auf der
Suche nach einem Weib, Deutschland durchreisen zu lassen. Der agrarische
Parzival, der weder eine Eisenbahn noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion
eine ähnliche Einstellung wie Montesquieus Orientalen, welche Frankreich
bereisen, aber er hat nicht ihre Vergleichspunkte und damit erlischt die höhere
Gesetzmäßigkeit der Satire.
Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem
„Michel“ grinst nur ein Bauernlachen über ihm vorkommende
Unverständlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht rund,
die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein Lächeln ist nicht
überlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der aus gleicher Richtung
kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist schon fiter und läßt ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm entgegentritt. Auch in seiner
Hundegeschichte mischt er den derben Ton der knorzigen Fastenredner hinein
und bringt das deutsche Wesen manchmal schon zu Fastnachts-Komik. Allein
bei aller herzbrechenden Drastik ist dies nur ein vereinzelter deutscher Zug, der
dazu noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist nicht deutsch,
sondern nur ein vergröberter Auswuchs und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der Rüpel.
Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen nicht
ohne das Phantastische auskommt. Eine Gesellschaft, die nicht besteht, auch
noch auf der Milchstraße karikieren zu wollen, ist vielleicht ein Zeichen von
Talent (er besitzt es), aber eine unmögliche Satire. Das hätte Cervantes nicht
gewagt. Albert H. Rausch sodann, der nicht den Bürger, sondern den Spießer wie Hoffmann und Paul ärgerlich zeigen wollte, im Zustand wie er sich über
Urningtum entrüstet, ist ein Zärtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner
Provinzstadt dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfüme über das Dach schüttet.
Er kann es ohne Ästhetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder selbst,
elegant und heiter, zwischen den Bürgern seinem Publikum auf seinen eigenen
Händen serviert.
Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Größe und beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustände gefochten und nicht
Menschen geschildert. Die stofflichen Anlässe der Herren sind Späteren so
gleichgültig, wie uns die preziösen Salons der Molièrezeit, die
Arrangementgründe der Shakespear’schen Lustspiele, der Kitzel zu „Leonce und
Lena“. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit lachender Üppigkeit
die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, daß man sagen kann: hier ist Zeit zusammengelächelt und sonst nirgends? Die Antwort ist: nirgends. Bei einem Schüler von Anatole France, einem gewissen Übelhör, war alles da, wenn auch
geschwächt. Allein er hatte, wie Wieland, eine Satire auf die französische
Demokratie geschrieben. Es hätte eine Übersetzung aus dem Französischen sein
können. Es ist die Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.
Ein Börsenauftrag, Mijnheer, mit Ausführungsbestätigung dauert von London
nach New-York vier Minuten und kann tatsächlich effektuiert werden, da die
Börse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr zehn britischen
Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und schwer zu fassen. Wie faßt
man sie rasch?
In Frankreich begleiten, ob ein Präsident aus dem Wagen gestürzt ist oder eine
Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt mit dem Keuschheitsgürtel vom
verreisten Gatten an die Wand geschmiedet ward, in Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde Sänger und siebentausend in Café-
Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen diesen Vorfall mit einer Flut von Spott.
Die politischen Ereignisse werden in allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die
Erklärungen der Conferenciers in den großen Schaupantomimen, in den
Guignols, in den Kaschemmen, wo Schattenbilder gezeigt werden, stellen den
Kontakt zwischen Tagesereignis und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und bereitet die ungemeine Empfänglichkeit für die daraus addierten
Summen des künstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die
viel heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzblätter und Variétés.
In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts eingezogen, die
das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde von Herrn Mehring,
Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie nähert sich stark dem politischen Thema und damit jener Schärfe, mit der der deutsche Karikaturist
sich bemüht, seine Sachen seinem Publikum ins Gesicht zu speien, statt sie ihm
gefällig zu servieren. Der Kabarettstil der durchgängigen Nachkriegszeit
beschäftigt sich sonst mehr, soweit er diskutierbar ist, mit den „Faits divers“ der
Skandale der Hauptstadt. Lediglich den Schauspieler Paul Grätz mit einer
fiebrigen, aber gehämmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von
dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik. Von der aber fliehen die Bäuche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft lieber zu
Apachenszenen und „Zeig mir mal dein Muttermal.“ Man ist dann unter sich.
Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzüge, ist, nicht ohne Recht, international
verständlich. Es ist eine Sache, es sind Leiber und Frauen, um die es geht, und
nicht Experiment um Geschwätz.
Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm gelernt, daß es keine Helden gibt, daß aber nur erhaben ist, was sich belachen läßt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des Menschen überzeugt
worden, und nicht davon, daß nur, wo kein Spott hinlange, Größe sei. Der
antikisierende Maler Mengs war überzeugt, daß er nach seinen beiden Vornamen
die Eigenschaften des Correggio und des Rafael von Urbino in sich vereinige. Er
war ein Idiot, der, statt seinen preziösen Bürzel ins Wasser zu stecken, ihn wie
eine Trompete in die Luft hob. Er machte sich lächerlich, indem er sich spreizte
mit überlieferter Würde, statt daß er sich durch Witze seine Unbefangenheit von soviel anspruchsvoller Tradition erkauft hätte.
Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt für die Wirkung ihrer Figur
und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nördlich heißt Schauinsland, ich finde ihn
köstlich benamst, weil er voll Schneesturm steht wie ein Vulkan. Dieser
Aussichtspunkt westlich heißt Notschrey, ich finde bei diesem Windspektakel
das fast verzweifelt komisch. Dieses Getränk hier, Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heißt Horbener, weil das der Landstrich Badens ist, wo am
wenigsten wächst. Liegt nicht viel Anmut in diesem Sichverspotten? Man hätte
uns nicht nach den heroischen Idealen erziehen sollen, sondern lehren müssen,
aus dem Frivolen die Menschen sehen, man sähe gemeinhin sicherer und klarer.
Eine Serie Leben müßte man hinter sich haben, als Kammerdiener des
Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwächen und ihrem
Versagen fast kämpferisch sich den Glauben an ihre Größe zu erwerben. Aus den
Geschichtsbüchern klingt das hohe Pathos des Ruhms allein für den, der
Menschen kennt, leicht nur wie Gedudel aus einer Papiertrompete. Das wirkliche
Ja hat stets sein Lächeln mit sich wie Wotan seine Raben. Einmal hat übrigens
das Lachen des Ski sich umgedreht.
Man hat nämlich, wenn man nicht zünftig die Langriemen beim Skiern trägt,
die man selber knotet, den Fuß in der Huitfeldbindung, das ist eine Klammer
vorn, die mit einem Riemenschluß an den Absatz verbunden wird, oder man
trägt Bilgery, wo dafür eine Rolle mit Stahlfedern tritt. Die Preußen haben diese
beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fuß vorn fest säße, die Stahlfeder
aber erlaube, in Reih und Glied, nach Kommando und auf dem Ski knieend zu
schießen, laut Reglement. Hier ist das Lachen nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.
Hätte der es vermocht, er hätte seiner Heiterkeit Ausfluß gegeben, aber er
hätte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich über seinen Schützen
gefreut. Der nämlich war, wenn er nicht zwischen dem Schießen und der
Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das Symbol jener Gattung von
Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen, fatalerweise für sie.
Uns hier hilft nicht einmal das Schießen. Es schneit. Ob wir belachbar sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer, auch im
Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen, die noch
mörderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus drehte, die sich über
den König mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des Vierzehnten, und er starb.
Der König war ein Gettatore. Er hatte ihn tot gelächelt.