Das Bücher-Dekameron
Die zehnte Nacht
Mijnheer . . . . . . . !!!
Letzter Vormittag
Mijnheer, wir sind frei.
Im Schlitten vor uns fahren die Filmleute. Hinter uns jagt mit Schellenklirren
eine Karawane zu Thal. Die Tiere schütteln sich vor Wonne unter dem blauen
Horizont, und der Wald ist, von Sonne getaut, in der Nacht wieder
zusammengefroren wie singendes Glas. Wo waren Sie heute Nacht?
Ich war nicht bei Ihnen, aber Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer. Ich sah
es, denn Sie hatten kein Licht, und als ich rief, lachte es in einem anderen
Korridor. Wir glücklichen Toren! Wir haben ein doppeltes Dasein geführt, wir
haben mit Grübeln in den Nächten das Leben bestimmt und den Tag uns
gegenseitig verschwiegen. Wir haben die Nächte mit Reden erhellt und unsere
Tage im Dunkeln gelassen und zweierlei Dasein gelebt. Nun ist das Leben plötzlich in unsere Gespräche eingedrungen wie ein Tier und hat uns die zehnte
Nacht entrissen. Fahre sie wohl.
Es geht wie im Traum, der Schlitten schwingt im weichen Tempo des
Hufschlages. Die Abhänge sind an den Felsen manchmal schon „aper“ und
beugen sich voll Lawinen über den Schwarzwald hinab.
Sehen Sie zurück: auf Gisiböden, Notschrey, Blösling, Seebuck steigen Säulen
von Dampf. Schauen Sie ins Tal: da strudeln in den langen Sonnenfächern rosa und blaue Nebelwolken. Welcher Zauber. Welche Weite. Die Welt ist wieder
offen.
Auf dem Bruchharsch des Zweiseeblick fahren die Skiheroen ins Tal. Sie
schwingen wie Kreisel in alpiner Technik über das Eis, flitzende schwarze
Punkte, dann stäuben sie in die Latschen. Die Sonne greift aus der gläsernen
Gegend eine vor Leidenschaft zitternde kühle Musik. Noch ist die Erde nicht aufgeplatzt, dem Frühling entgegen. Aber die Ebene kommt uns entgegen. Die
Erde nimmt uns auf, als habe der Okeanos, der sie umschließt, sich mit reißender
Wonne über sie ergossen. Was bleibt von der Kühle und Distanz, mit der wir sie
aus unserer Verbannung heraus geteilt und beurteilt?
Was bleibt an Überlegenheit, wenn die See und die Alpen uns anglühn?
Dahinter liegt Venedig und über dem See die Städte. Von Badenweiler bis Zürich, von Freiburg bis Köln geht der Atem der Landschaft. Und hinter der
Heimat steht unentziffert, mit allen Wundern verschleiert, rätselhaft wieder die
Welt.
Was bleibt nun von dem, Mijnheer, was wir zu entzaubern versuchten?
Was ist Kunst?
Zuerst ein Mißverständnis von oft entzückender Albernheit bei den Menschen. Welches Panorama von Witzen!:
Friedrich der Große schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das
Nibelungenlied sandte: „Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner
Büchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden. Sondern
herausschmeißen.“ Voltaire krächzte über Shakespeare als ein lächerliches
Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der Mensch zum
Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine Zeitlang Goethe fürs Haupt der romantischen Jünglinge. Zola hielt sich für einen nackten Schilderer
der Natur und war doch ein versteckter Romantiker. Man warf ihn aus der
Zeitung, weil er für Courbet eintrat, und nannte eine häßliche Frau „femme
impressioniste“.
Das Rokoko hielt die chinesische Kunst für eine Pläsanterie, benutzte ihre
Schnörkel hochmütig und sprach über sie als „Indianische Malerei“. Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrübelt und nicht geschildert und
sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein maßgeblicher Mann seiner Zeit.
Und ein anderer fügte hinzu: wie die Mode Hugos restlos verschollen sei, werde
auch Zolas schwaches Geschwätz dahingehn. Einer der besten Kunstwitterer
Deutschlands, Paul Cassirer, hielt, als ich ihm kurz nach der russischen
Veröffentlichung Alexander Blocks mir zufällig in die Hände geratende „Zwölf“, die Jahrtausend-Marseillaise aller Kommunisten, für seine „Weißen Blätter“
sandte, das Gedicht für eine kleine Ballade. Die Piraten der öffentlichen
Meinung haben Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wörtlich
buchstabengetreu denselben entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die
Expressionisten. Was ist Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es wertet
nicht das Lächeln eines holländischen Gentleman, der eine gute Zucht schwarzweißer Rinderherden hat.
Wenden Sie sich zu den Künstlern, wirds ein Bajazzospiel des Temperaments.
Jeder liebt das ähnliche und kreuzigt das andere. Ingres hielt sich zu Holbein und
Rafael. Beckmann schwört zu Mäleskirchner und Bosch. Böcklin, Feuerbach,
Schwind wüteten gegen Macart und Piloty. Balzac amüsierte sich über Hugos
Stücke und verehrte Stendhal. Corot hielt Delacroix für einen Adler und sich für
eine Lerche, während Ingres von Delacroix als einem Epileptiker stöhnte. Heine hat Platen zwischen einer Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber
Lessing mit strenger Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was
Kunst sei, aber meiden Sie die Träger der ewigen Fackel! . . . . . . .
Nun traben die Pferde ums Bärental, geflockt von Lämmerschnee schwebt die
Ebene unten bis an den Rhein und der Wald über uns löst unter der Sonne seinen
weißen Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch durch das Blau herunter.
Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen ruhigen Gang.
Die Pferde knirschen schäumend an den Trensen und werfen die Köpfe in die
Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen die Ruhe der
landschaftlichen Majestät.
Nun traben die Pferde zwölfhundert Meter über dem Meer mit stolz
gebäumten Hälsen und wagerechten Köpfen schon fast hohe Schule von einer
Schleife der Straße in die andere nach dem Rhein.
Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der Jahrhunderte,
wenn selbst die Gäule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre unterdrückte
Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu bezeugen?
Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter aber
erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Können und Welt. Was liegt
dazwischen, Mijnheer?
Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:
Die ägyptische Plastik war wohl der größte Versuch, das Persönliche in das
Mächtige münden zu lassen. Berninis Büste des vierzehnten Ludwig erstrebte
nicht den ähnlichen Mann, sondern allerdings darüber hinaus das Königliche.
Flaubert spießte nicht mit seiner Pinzette die tausend Details, sondern sammelte
das Kleine immer in bezug auf die Größe. Voltaire machte nicht Witze, sondern suchte die Ernüchterung seiner Epoche, Beaumarchais hatte zwar nicht nur Haß,
sondern erstrebte nur Wahrheit. Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der
eigentliche und letzte Sinn?
Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden gegeneinander
getobt und dem Mißverständnis der Stile auch noch die Irrtümer ihres Charakters
hinzugefügt. Von ihnen ist keine Antwort zu erwarten. Sie wird höchstens Komödie:
Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die Romantik,
durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wüsten Götz, vor dem
noch der große Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie, aber auch das
italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen Seineufern zärtlich
bekannt gemacht hatte, schwor ihr mit furchtbaren Witzen wieder ab. Das
Rokoko erfand sich selbst zum Kontrast auf seine Eleganz die lockeren Schäferszenen. Die ritterliche Hochkultur des vierzehnten Jahrhunderts stürzte
sich auf die Wilden-Männersachen und schuf in den „ballets de sauvages“ sich
ein romantisch phallisches Ventil. Der kleinbürgerliche Gefühlsbulle unserer
herrlichen Zeitwende sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich
lasterhaften Eroticis, während er nun über Jesu gerne ausführlich spricht.
Joachim Kändler, der den europäischen figürlichen Porzellanstil von Meißen aus schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im Augsburger Goldschmiedstil, fertigte das berühmte Schwanenservice in den vierziger Jahren
des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn Jahre später das große
Geschenk seines Königs an den fünfzehnten Ludwig „im jetzigen goût der
kunstliebenden Welt“, nämlich in Rokoko. Ist das nicht lustig?
Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter des
einen gegen die des anderen Stils schlugen, täuschen über das Komische jener
Einstellung hinweg, die vermutet: daß der Stil das Wichtige und der Künstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager sei.
Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht, als
er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause stürzte und plötzlich an allen
Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der einen Auffassung
der Zeichnungen wuchsen ihm die Hörner aus dem Kopf, in der anderen aus dem
Zylinder. „Zwei Schulen“, dachte Bergeret und ging gelassen durch die Promenaden.
Als der Baron Marcellino de Sautuola die Höhle von Altamira vor
vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rötelbildern fand, lachte ganz Europa,
und Cartailhac, der das später männlich zurücknahm, erfand den Spaß vom Ulk
der spanischen Mönche. Bald aber war nicht zu bezweifeln, daß hier eine Kunst
vorlag, die vor fünfzigtausend Jahren an die Wände gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison von Altamira sind gewaltigere weitere Kunst als
alle persischen Miniaturen und Teppiche und unvergleichbar großartiger als die
ähnliche Malerei des Franz Marc.
Fünfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist, liegt im
wesentlichen höchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte man in der
zwanzigmal größeren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen suchen, würde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.
Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren
vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.
Den ersten Napoleon hat seine Schildkröte hundert Jahre überlebt. Und von
Fieldings „Tom Jones“ meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor
habsburgisches Blut in seinem englischen Körper hatte, den österreichischen
Doppeladler überdauern, und es hat ihn überlebt. Was bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nähe, von Pupille zu Pupille gesehen, dem Sucher der
Sinn der Stile nichts anderes scheint als der Anlaß zu Albernheiten für die Zeit
und spöttischen Kartenspielen der Jahrhunderte?
Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen derselbe
unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst, Fruchtbarkeit,
Korn, Park und Flüsse . . . und der Widerstreit, den die Schönheit des einen gegen das Leben des anderen führt und es vernichtet.
Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter Elastizität
zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und die Früchte zu
nehmen, wenn sie reif sind. Darüber hinaus hat alles nur den Zweck des
Kampfes zur Erreichung eines immer glühenden Umlaufs der Säfte. Gegen die
französische Akademie, die um Poussin und das antike Ideal erstarrte, zog de
Piles mit den Rubenisten und verlangte die Vermenschlichung der Poussin-
Garde. Aus der Vereinigung entsprang Watteau, gegen den das Messer einer neuen Klassik sich schon schliff. Maxime du Camp hat über einen Genius
gesungen: „Je suis né voyageur, je suis actif et maigre /// J’ai peur de m’arrêter,
c’est l’instinct de ma vie.“ Es wird der Genius gewesen sein, der die Stürme der
Richtungen gegeneinander führt und keinen Sinn hat als den, die Fruchtbarkeit
des Lebens toll und süß und scharf zu halten.
Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich den Kampf von Sein und Schein, von Wollüstigen und Beschnittenen, von Verklärten
und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem Klassischen sich
gejagt, aber niemals war der Bürgerschreck Wahrheit, daß das eine größer, das
andere kleiner sei. Die Natur hat keine subalterne Kritik zu sich selbst, und was
das Ruhige und das Lodernde trennt, sind nur Unterschiede des Thermometers,
nicht solche des Glanzes.
Das Barocke ist nicht das Verhüllte und das Klassische dagegen das
Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit, wenn
sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der Klarheit im
Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des Lichten im
Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle Söhne der Klassik.
Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene Klassik und mißverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf diesen einzig richtigen Unterschied,
aber es würde bei einer Eselparade auch nicht auf die Gangart, sondern auf den
zweiköpfigen Esel schauen.
Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte,
gehalten gegen die aufbäumende Kraft des Daseins, es bleibt, über die ewigen
Bewegungen der Jahreszeiten von Blüte zur Frucht, von den reifenden Äckern
und den gewitterroten Herbsten, es bleibt über die weiche Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs durch die Jahrhunderte hinaus . . . es
bleibt letzten Endes außer dem unfaßbaren, aber erregenden Zustand dieser
Bewegung die stille Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn
alles Überflüssige schließlich fiele, wenn das Verhüllende fehlte, wenn das
Zeitliche schwände, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der Götterfries
ihrer Menschen, über jeder vor uns verrauschten Epoche mit klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.
Es werden durch diesen Fries die Götter der Sehnsucht und die Göttinnen der
Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres Lächelns
werden nicht fehlen und die Dämonen ihrer Leidenschaft werden darin zittern.
Ja, ihre Ernten und ihre Städte, ihre Sklaven und ihr Reichtum wird darin
enthalten sein wie in allen göttlichen Symbolen, die leicht zu entziffern sind,
wenn das Göttliche wirklich seinen Atem in sie gehaucht hat.
Denn die seligen Götter waren nie ein anderes als die Erhöhung der Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie waren nicht
einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar, alles wissend, aber zu
betrügen, voll Ethos, aber auch voll Haß und Neid. Sie waren aus beiden Stoffen
der Erde gemacht wie die Menschen auch, denen nur die Kunst schließlich blieb,
in ihr die Götter wohl mit größter Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren
eigenen Fehlern zu bilden.
Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die Größe
ihres Weltbilds zu schließen, es ist noch einfacher, sich aus den Figuren der
Götter die Gesellschaft jener Nationen zurückzuenträtseln, die auf dem Rücken
der Kunst diese Götter sich gebaut haben.
Denn Kunst ist immer der eifervollste Kämpfer mit der Unsterblichkeit
gewesen. Als die größten Künstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille, sich trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie „how do you do“ sagten, davon, wie
schmerzlich es sei, daß man so weit hinter seinen Idealen zurückbleibe.
Flauberts Tagebücher weisen Kämpfe, die verzweifelter sind wie jene Cäsars,
Alexanders, Napoleons, um die Erreichung einer möglichen Welt. Und als
Gelimer nach Karthagos Fall mit den letzten Vandalen in einer numidischen
Bergfeste am Krepieren war und die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm
eine Harfe, um selbst die Größe seines Unglücks mit der Kunst zu messen. . . . . .
Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute
angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen Hängen
unter uns ins Land fließen sehen. Hinter den Spießhörnern malten sich die
Vogesen violett an die Dämmerung und hoben Straßburgs Kathedrale aus der
fetten elsässischen Erde. Über dem Titisee funkelte die rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche Erde unter uns und sie atmete
über den Rhein, wo ihre Geschicke stets geplant, getragen und gemünzt wurden,
immer nur das eine wundervolle Gefühl: Gelassenheit.
Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von Hafer toll
und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen Blickpunkt, um auf
die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der Richtungen, die großen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den Wirbel der Dampfsäule hinein, der sich von allen
Berggipfeln der Sonne zu hebt, und wie atmet die Brust der Kunst denselben
Rhythmus wie die ewige Landschaft: Gelassenheit.
Nur das Höchste wird spät einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt einmal
den Sockel. Nur das Auserwählte kommt über die Bewegtheit der Jahreszeiten
mit der fiebernden Brust an den göttlichen Mund, der es durchatmet.
Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und Flüssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu wandern
und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen Himmel hat die
Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso wandern die Wolken
gehauchter oder gedunkelt, ebenso strömen die Flüsse silbrig oder voll Trübsinn.
Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene stahlhelle
Ränder und die deutschen Flüsse haben die wehmütigen Melodien ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen Fälle. Aber die Wolken
wandern noch nicht wie die Flüsse und die Ströme blicken in andere Wolken und
zwischen den oft italienisch geformten Wolken und den germanischen Flüssen
ist noch kein klarer reiner Kontur der Landschaft gezogen.
Die Götterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht
entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber über ihrem Barock haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der südlichen Erlösung
vergessen und werfen in ihren Träumen den Himmel Neapels und Barcelonas an
ihren kühlen germanischen und denken sich den dann gern als den ihren. Sie
haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht mit ihrem Dasein
verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren, bald Schwärmer zu
sein, haben von jedem ein Teil und können sich immer noch nicht entschließen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram, von Cranach und Bosch und
Grünewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen, Grabbe, Kleist, Wedekind den
Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit den Scheinwerfern ihrer Verehrung
bombardieren. Götter werden nicht nachträglich gemacht, sondern sie werden
verliehen. Sie sind da, ob man sie sieht oder nicht.
Einmal wird der dunkle Lauf des stürmischen Flusses mit den schweren
stahlglänzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung gehen und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und jungem Glanz
spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll großer Geduld. Ihr
Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden Schatten und den
durcheinanderwuchernden Hängen zu phantastischer Dichte zusammen. Nicht
bei Niggern und nicht bei Hellenen ist die Zukunft. Sie liegt barock in der
deutschen Vergangenheit, und wenn Kunst überhaupt mit Zweck zusammengenannt werden darf, so ist ihr gegenwärtiger Sinn, mit diesem Bewußtsein den Höhepunkt nationaler Blüte zu erreichen, denn das heißt: daß
die deutschen Himmel und die deutsche Erde zusammenwachsen.
Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk immer
sich der Ausdruck in einem fast flächigen Punkt sammelt, erreicht bei gleicher
Kraft der Schöpfung das barocke Bildnis noch die Stärke, von seinem Umriß aus
zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike, sondern es schillert und
überträgt und wird europäisch. Das ist auch die letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flüsse.
Aber Deutschland.
Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Fürsten hat nach der Revolution nicht
das souveräne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis drei
wirtschaftlichen Konzernen übernommen, die fast stärker sind wie der Staat. Als
der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff, führte er die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau und Loucheur das
Wiesbadener Abkommen berieten, hätten beide als Figuren eines Lustspiels von
einem sardonischen Molière sich abwechselnd erheben können mit der Frage, ob
im Gegenüber der Wiederaufbauminister oder der Präsident der AEG, oder der
Präsident von „Terres rouges“ sprächen. Früher bestimmte die Augenbraue eines
Königs, später der Zug der Gemüseweiber mit der Freiheitsgöttin nach Versailles die Geschichte.
Heute umfiebern die Börsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das, den
Mund voll Gesängen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des Kontinents
aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert Leuten, die vielleicht
nicht lesen und schreiben können, aber im Aufsichtsrat von Creusot, Standard
Oil Compagnie, Arbed und Crédit Lyonnais sitzen. Früher ging la doulce France kämpfend für den Glauben nach Palästina zum Grab des Herrn, heute sitzen die
Deutsch de la Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern und
lassen Deutschland aussaugen.
Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz
französischer, belgischer, holländischer, englischer, amerikanischer
Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des früheren niederländischen
Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Rußland zu bilden. Vor wenigen Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Männer eines einzigen Landes einige
Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents, machten
ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und erschien
ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon völlig ineinander vertrustet.
Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital Rohstoffquellen brauchte,
die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold- und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine
ist der Streit um Kohle und Erz, die Karambolage zwischen den Holländern und
Amerikanern ist wegen der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen.
Jetzt aber wird die Wirtschaft ein europäischer Riese und hat sich so verfilzt, daß
vielleicht die äußeren Kriege unmöglich werden.
Den kühnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die größten Zechen mit
allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in seine Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen Ölkonzern, mit der chinesischen
Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat Petroleumkonzessionen in
Comodore Rivadavia in Argentinien, eine elektrische Fabrik im jugoslawischen
Agram, er besitzt italienische Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin,
kaufte rumänische Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht
mehr bolschewistische Rußland beliefern zu können. Es gibt keine Grenze für sein hydrahaft wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien? Gemacht. Die
Alpine Montangruppe in Österreich? Gemacht. Eine Handelsgesellschaft in
Niederländisch Indien? Gemacht. Eine Waggonfabrik in Choribon?
Konzessionen in China? Der Stille Ozean der künftige Brennpunkt der
Wirtschaft? Gemacht.
Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Bürgertum zerrieben wird.
Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Stützpunkten umzusehen, um
mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes ist gegen den Morgan-
Trust, der das Tausendfache an Kapital kontrolliert, nur ein Zwerg. Amerika und
Asien haben einen Schein von zukünftigen Wirtschafts-Kränzen um das Haupt.
Gegen die Riesenkraft dieser Kapitäne der Wirtschaft hat sich die arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale Metallarbeiterverband hat acht
Millionen Mitglieder, soviel als Kämpfer an den Fronten des Maschinenkriegs.
Ihre Bureaus kontrollieren die Konzerne, ihre Betriebsräte gruppieren sich in
derselben Form wie die Konzerne, die sich nach Form der Seepolypen und
Quallen vergrößern und verändern, und halten ihnen die Gegenwagschale fest.
Zwischen diesen beiden Mächten schwankt das alte Europa. Seine seitherige
Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet in der staatlichen
Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die Sieger des
Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven übernehmen werden. Die
Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitäne der Wirtschaft und ihre
Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstört und die Welt damit, werden die
schaffenden Klassen sich mit den kommandierenden vermischen, sie werden die seitherigen Führer ersetzen und eine neue Form der Gesellschaft gründen. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht vorzieht, klüger wie die Natur zu
sein und sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und
Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Früher machte man sie wegen
irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo erschossen,
und trug die heilige Leiche über die Boulevards. Man kämpfte noch um
Verfassungen und brauchte Märtyrer. In Pernambuco sogar sah ich Revolten, die wegen der Einführung der Straßenbahnbillette und der Durchführung des
Impfzwangs geführt werden. Heutigentages entledigt sich die Luft durch sie der
elektrischen Spannungen, die zwischen den einzelnen Lagern liegen und macht
die Zeit damit präzis und funkelnd wie ein Walzwerk.
Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der großen Romane von Fielding
bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und de Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die großen Dramen von Shakespeare bis
Molière, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glänzten die schlanken Epen des
Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von Troyes und vom Hildebrandslied
bis zu Hartmann von Aue. Unser Jahrhundert hat seine schöpferischsten Kräfte
scheinbar in die Gestalt von Ingenieuren geworfen, Konstruktionen ungeahnter
Formate, Wirtschaftssysteme zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose Brut von Kinos über die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint,
die Welt fiele am liebsten in den Zustand der Barbarei zurück und wolle nichts
mehr wissen von der Schönheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit stets
homerischen Heißhunger nach dem Erlesenen, und erst die Zivilisierten
begannen mit dem Glauben, das Unaussprechliche sei entbehrlich, soweit es
vom Geist her komme, und man vermöge es durch Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.
Möglich, daß die Kunsthandwerker des Mittelalters, die die Dome und Altäre
bauten, heute statt dessen die eisernen Schwebebrücken, die sechzig Stockwerke
hohen Häuser, die irrsinnigen Maschinenwerke erfänden. Vielleicht, daß
Lionardo, statt sechs Jahre an den Haaren einer Frau zu vermalen, das schönste
Luftschiff auf elektrischen Wellen über den Ozean oder zum unserem Klima
entsprechenden und daher am wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel? Es gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht.
Es gibt auch nur einen einzigen vollkommenen Enträtseler der Epoche. Es war
der Clown eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die
Manege schrie: „Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.“
Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen.
Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das Beste will aber einen
Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes herangepfiffen, von den Sozialisten ins
Schlepptau genommen, läuft es wie ein getreuer Stern den großen Zug um die
Achse seines Schicksals.
Seine Fürsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine Bürgerschaft
wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Fürst der Bürger. Unter Ebert,
dem ersten deutschen Präsidenten, einem ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines Jahrhunderts, das die Bourgeoisie und ihre
Kunst auslöscht. Der Krieg sollte die Macht dieses Standes, der sich
achtundvierzig noch auf Barrikaden stellte, befestigen. Herr von Zobeltitz sang
damals: „Ein Mayer fiel und ein Arnim starb / Unter den Kugeln der Feinde /
Gab zwischen Adel und Bürgertum / Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt
baut der einende Todesruhm / Brücken durch brandrote Lüfte.“ Der Herr dachte an Avalun und ahnte nicht den Pulsschlag Europas. Die Seufzerbrücke des
Krieges baute sich auf über das Leichenfeld des bürgerlichen Deutschlands,
machte den Plan glatt zwischen arbeitender Masse und den Steuermännern der
Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen Schiff, sich auseinanderzusetzen haben,
ob sie den Erwerb teilen oder sich in die Luft sprengen wollen.
Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erkläre, das ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen wir wandern.
Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und interessantesten
Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den Preisen seiner Lebensmittel
wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen Valuta von Tag zu Tag die der anderen
überfliegt, dessen Industrie zittert vor der Stunde, wo die Mark sich stabilisiert
und sie die Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr mit Dumping unterbieten kann. Die aber auch graust vor dem Tag, wo die Mark hingegen steigt, die
Konkurrenz unmöglich, Millionen Arbeiter auf der Straße liegen und die inneren
Kämpfe mit einer Grausamkeit drohen, gegen welche die Eroberungskriege
früherer Zeit nur schwache Feuerwerke sind.
Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in
erbärmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die Wölfe
des Elends wehrt, indem die anderen Länder Europas, die es ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem Schauspiel zusehen. Und während
die Neue Welt sich nicht anschickt, aus dem Sentiment des Rettens zu helfen,
sondern fortfährt, zu allen Speisen Käse zu essen, Oberammergau zu besuchen,
seine Männer zu effeminieren und auch den ältesten Weibern die Haare
abzuschneiden.
Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mädchen für die Verdichtung der U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn besuchte, dem Sekretär sagte: „Schreiben Sie auf ‚Haben‘, daß er rote Haare hatte, damit,
wenn er kommt mit grauen, man weiß, daß es rote waren, die er besaß.“
Zwischen der edlen Nutzlosigkeit der ersten und dem Zynismus der zweiten
Geste atmen unsere Obstbäume.
Über den Obstbäumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer
Größe, mit allen Malen unseres Unglücks und mit den Verheißungen unserer
Unvollkommenheit. Zwischen den Flüssen und den Bergen Deutschlands bereitet sich seine Wiederkehr. Über den Hügeln liegt die Zartheit seiner besten
Farben. In den Buchenwäldern hallt das Echo seiner Helden. Zwischen den
reifen Wellen des blaugeäderten Kornes wehen die Vogelstimmen seiner
Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in alten Dörfern haben nicht
aufgehört zu rauschen, und der Dampf seines regengespeisten Bodens duftet die
alte mythische Fruchtbarkeit.
O Deutschland.
Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und
Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen deine
Kinder wie die Bären der Savoyarden auf den heißen Eisen der Zeit. Zwischen
deinen schönsten und geliebtesten Flächen haben die Einen begonnen, einen
Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen Gliedern blutend,
den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Späße das Publikum von ihren
Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus zu rühren suchen. Sie
schreien und sie lachen und sie weinen durcheinander wie am Anfang der
Schöpfung, aber sie leben.
Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge für deine stille Bereitschaft. Sie ahnen nichts von deinen Rebengärten, deinen romantischen Ufern, den jungen
Wäldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie spüren nichts
von dem Goldschlag der Reife, die dein Körper, den man beraubt hat, in seiner
Enge erreichte. Sie spüren nicht, mit welchen Wonnen deine Meere unter dem
Sommermond schlafen, deine Pappeln mit den Chausseen im Abend wandern,
mit welcher Süßigkeit deine Lerchen in den Frühhimmel steigen. Sie haben den
Blick nicht für den stillen Glanz deiner Matten, über die die großen Kuhherden weiden, den Zauber selbst deiner ärmsten Gerölle und die tiefdampfende
Schöpferkraft deiner aufgeworfenen Erde.
Sie ahnen nicht, daß von deiner Brust und der stählernen Lockerkeit deiner
weiblichen Gelenke die schöne Bewegung ausgeht, die sie eines Tags trösten
wird. Und sie spüren nicht, daß, ob sie mit ihren glatten Schlachtordnungen
siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen Gesellschaft in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen zurückgestürzt auf die Erde, zu dir zurückkehren, sie in dir die schöne Geliebte, die Mutter und die Heimat finden
werden, an deren Leib es schön zu ruhen und herrlich zu leben ist. Sie haben
deinen Leib nicht beachtet und sie ahnen nicht, daß er mit einem gewissen
Lächeln der Überlegenheit über alle Wirrungen hinaus nur atmet: Gelassenheit.
Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die Kühle, sie
nicht zu überschätzen, und wer die Kühnheit des Vorstoßes hat, besitzt auch die
Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht, Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man genießt, hat man Zutrauen in das
Gelebte. Als Balzac in der kränkendsten, entsetzlichsten Form durchfiel, dachte
er am nächsten Morgen nur an die Anlage eines Weinberges, einer Molkerei,
eines Gartens seltener Gemüse.
Alles Unglück ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe,
gleichwie in der letzten Erzählung des Boccacce, die schildert, wie ein Edler seine Frau verstößt, beleidigt, kränkt, um zu erproben, wie weit ihre Zuneigung
geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der tiefsten in gefälliger Anmut
und eines der galantesten auf tragischem Boden, sondern es ist hinter der Mauer
der Pest auch das tollste Loblied auf das Dasein.
Sehen Sie zurück, Mijnheer: Die Säule auf dem Feldberg steht wie eine
Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau wogenden Luft.
Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der
ritterlichste Gipfel einer verwirrten Übergangswelt, Blériot der
unerschütterlichste Bejaher einer anderen.
Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde gnädig,
die Menschen fruchtbar sind.
Sehen Sie vorwärts: Da flimmern bereits die ersten Gärten, der Frühling hat sie übermannt und tobt mit Gerüchen, es flammt uns entgegen das Gold der
Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln. Wir sind
fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.
Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelöscht, die Vogesen
verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit erstickt
jetzt mit seiner nahen Fülle. Hinter ihr kommt die Musik der ganzen Welt mit
Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur Melodie der Epoche, vor der der Frühling herstürmt wie Apollon Mousagetes, der, in fast weiblichem
Chiton heranbrausend, die Nymphen um sich, die Götter anschwellend immer
mehr hinter sich, in einen olympischen Rausch hineintanzt. Ich höre die Musik
von Kämpfen und ich rieche den Duft der Opfer. Ich spüre meine Heimat. Es
lebe Deutschland.
Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im Schmollwinkel zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor, mit ihr zu marschieren und nicht zu versäumen, die Hand ans Ruder, den Blick auf die Kontrolle zu
richten.
Mein Großvater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen
siebzehn über siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den Freimaurerspruch mit:
„Wenn dir der Große Baumeister einen Sohn gibt, zittre vor der Verantwortung,
die er dir auferlegt hat. Mach, daß er bis zum zehnten Jahre dich fürchte, bis zum
zwanzigsten dich liebe und bis zu deinem Tode dich achte.“ Ich werde vielleicht ohne Söhne sterben, Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhören zu
lieben.
In meinem Wappen stehn unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des
Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder noch nicht in
das Haus meiner Väter in die Bibliothek gehängt. Ich habe mich nicht so rasch
entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer unbedenklicheren Zeit war, denn ich übersehe die Zerrissenheit meines Jahrhunderts besser und ich weiß,
daß jeder Schritt heute der falsche sein kann, daß man kurz vor dem Tode
vielleicht erst die Ahnung des rechten hat und diese halbe Gewißheit womöglich
in der letzten Sekunde noch widerruft. Man weiß nur, wohin man marschieren
muß, man weiß nicht, wohin es geht. Und man weiß nicht, ob die Führer die
Helden oder die Verbrecher sind.
Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fünften Karl
begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen König nach
den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem der Javaner
und Spaniolen überbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll Genuß und
Verantwortung in die Welt hineinführen. Sie unterscheiden die Notwendigkeiten
der Zeit und die Wünsche Ihres Blutes, und Ihr Monarchismus ist Ihnen das schöne Symbol einer Zeit, die um erlauchte Traditionen kreiste und nicht der
Götze unfruchtbarer Launen.
Was werden Sie tun? Ziemt es dem holländischen Gentleman, nachdem wir in
zehn Nächten die Welt verteilt, die Künste zensiert, die Leidenschaften geprobt
haben, der den Horaz im Koffer mitführt in die intimsten Situationen, ziemt ihm
die Heimkehr zum Haus in ’s Gravenhage, nach der Bibliothek in Delft, zu den
Herden in Utrecht, so ist die Reise gesegnet. Drumherum steht die Welt voll Genuß. Mai in Baden-Baden, Juni in Verona, im Juli zieht die Wimbledonwoche
um den Davis Pokal auf Rasenplätzen in England. Die Rumänen stehn gegen die
Tennisspieler der Philippinen, die Italer gegen die Japse, Dänemark ficht gegen
Indien, und der Australier Patterson ist Favorit mit seinen schmetternden Drives
und seinem zertrümmernden Anschlag, wenn der König zwischen dem Prinzen
von Wales und dem Herzog von York, seinen Söhnen, das Signal zum Beginn gibt. Sie können sodann im August am Pazifik „medicine ball“ spielen und im September in Hawai im Schlepptau eines Motorbootes das aufregende „surf-
board-riding“ ausüben und Sie werden die schönsten Frauen der Welt dazu um
sich sehen.
Sie werden den Atlantik hören und den Pazifik schäumen sehen und spüren,
wie die Schiffe darauf schaukeln und Sie werden die Größe der Erde mit einer
grenzenlosen Verwunderung einziehn. Denken Sie an den Tag, wo es Sie
überfällt, daß Sie kaum zu atmen wagen: wie grenzenlos die Welt ist . . ., denken Sie, daß ich Ihnen sagte, zuerst seien die Menschen und dann erst die Götter, die
sie sich erschufen.
Einmal komme eine neue Gesellschaft, aber vorher sei das Dasein, das sie erst
erkämpfen kann. Einmal komme eine europäische Weisheit, aber vorher das
Leben, und nichts sei männlicher als Gelassenheit. Sie sind ein holländischer
Gentleman, der die Erde liebt wie ich, mit dem ich zehn Nächte durchwachte, und sind nicht der Teufel, mit dem Herr Grabbe über diese Dinge zu reden
gezwungen war, und Sie verstehen auch, wie ich Sie begreife, wenn wir „Leben“
sagen, weil das alles ist.
Ach, auch Achilleus wußte um den sichersten Besitz dieser Kugel. Als
Odysseus ihn in der Unterwelt besuchte, erkannte er ihn erst, nachdem er Blut
vom Opfertier getrunken, und als jener ihm Komplimente machte, wie fabelhaft ihm auch der Tod tributär sei und wie erhaben auch im Hades er herrsche, winkte
der beste Grieche mit der Hand. Er hob den Kopf in die Höhe, versuchte das
Dunkel zu zerreißen und bewegte die Lippen: er möge lieber als bei den Toten
zu herrschen ein Tölpel sein, der knechtisch hinter dem Pflug die Erde aufreißt .
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Mijnheer. Leben Sie wohl,
Die Schlitten halten an und müssen zurück.
Die Schneegrenze ist erreicht, der Winter zu Ende. Hier wechselt das Klima.
Drüben im Frühling stehen schon wartend unsere Wagen. Zweihundert Meter
tiefer dehnt sich die Ebene bereits in betäubender Fülle. Dort ist schon Sommer
in Deutschland.