Der König Candaules, Drama in drei Akten

André Gide · Kapitel 10 von 12

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Der König Candaules, Drama in drei Akten

Dritte Szene.

Euch? Wenn plötzlich seine Stimme da unter uns sagt, daß er da ist, daß er da

unter uns ist, hört was wir sagen und uns Dummköpfe nennt?

GYGES (laut): Dummköpfe!

(Beim Ton von Gyges' Stimme zerstieben die Herren nach allen Seiten. Im Eifer

der Flucht rennt Archelaos an einen Baum, und in der Meinung, an Gyges

gerannt zu sein.)

ARCHELAOS: Oh … verzeiht …

(Kaum ist Gyges allein, stürzt er wie von Schande und Verzweiflung vernichtet

zu Boden, gegen die Bank hin, auf der Philebos saß.)

GYGES: Mein Ring! Mein Ring! (Er drückt ihn an die Lippen.) Ach! Verbirg

mir mein Denken!… Allen jagst Du Furcht und Angst ein, unsichtbarer Gyges.

Ring! Was kannst Du mich mir selber nicht unsichtbar machen! Gyges hat Angst

vor Gyges. ( Er verhüllt sein Gesicht in den Händen und schauert.) Hab' ich Dir

weh getan mit meinen allzuwilden Küssen? – Von Liebe voll und von Entsetzen

floh ich. Schlafend ließ ich sie auf ihrem Bette hingestreckt, lief in die Nacht,

lief wie ein Dieb, im Morgentau der kalten Wiesen das Fieber meinen Händen

abzuwaschen, das Grauen von meinem Denken, die Schande von meiner Stirn

und das Verbrechen meines Herzens … Da kommt wer … Nyssia! (Er bleibt auf

der Erde und drückt sich an die Bank, da er Nyssia hört.)

 

Dritte Szene.

 

NYSSIA (an Candaules gelehnt. Sie kommen näher und setzen sich beide auf die

Bank): Wie, mein Gebieter, das ist Eure Sorge? Was hat doch dieser Ring, daß

sein Verlust Euch so bewegt? Ist's deshalb, daß Ihr mich heut' morgen so früh

verließet? Im Morgendämmer, ermattet noch und kaum erwacht, da suchten

meine Hände Euch und fanden nichts sonst, als eine kalte Stelle. Konntet Ihr

mich so verlassen? Ah! Ihr wußtet nicht, was mein Erwachen Euch noch

aufbewahrte!… – Und dann, nachher, als ich Euch wiedersah im Garten, da

waret Ihr nicht mehr so voller Liebe, wie in dieser Nacht. Da waret Ihr unruhig;

– was habt Ihr? – Ihr geht fort? Ich bin eifersüchtig auf den Ring; er ist Euch

wichtiger als ich. Ihr sagt mir nichts? Wie undankbar ist Euer Mund! Was liegt

mir an dem Ring? Ihr habt doch andere genug!… Ihr, die Ihr immer schenkt,

denkt einfach, Ihr hättet ihn verschenkt.