Der König Candaules, Drama in drei Akten
Vierte Szene.
CANDAULES: Nur s e h e n möcht' ich ihn.
NYSSIA: Das werdet Ihr. Doch scheucht die Falten da von Eurer Stirn. Der
Morgen ist so schön! – Seht, in dieser klaren Luft scheint alles mir verliebt und
lachend wie wir selber … Fast bin ich müd' von dieser Nacht … Ach, mein
Gebieter, schöner als der Tag ist mir Eure Liebe, und diese Nacht war mir …
CANDAULES (unterbricht): Sprich mir nicht mehr von dieser Nacht, mein
Weib.
NYSSIA: Ich kann sie auch verschweigen, doch sagt sich Eure Nyssia die Küsse
alle wieder, einen um den andern. – Oh, von allen unsern Nächten diese Nacht
der Liebe schönste! –
CANDAULES: Die schönste, sagst Du, Nyssia? – die schönste?
NYSSIA: Was erstaunt Ihr? Was hab' ich denn gesagt? Was habt Ihr?
CANDAULES: Die schönste … weshalb?
NYSSIA (errötend): Oh, Ihr macht Euch lustig über mich … Weshalb erhebt Ihr
Euch? – Ihr geht? Was habt Ihr?
CANDAULES (für sich): Du, Candaules, eifersüchtig? – Schweig, schlechte
Leidenschaft. (Er macht eine Geste des sich Bezähmens.) Verzeiht …
NYSSIA (will ihn auf die Bank ziehen, faßt ihn am Kleid.)
CANDAULES: Nein, – lass' mich. (Er befreit sich.) – (Für sich.) Die
schönste!… Die … Ich muß den Gyges sehn. (Zu Nyssia, von der er sich etwas
nach links entfernt hat.) Da unten seh' ich Phedros … Verzeiht – gleich bin ich
wieder bei Euch. Nein! Folgt mir nicht. – Laß mich, Nyssia.
NYSSIA: So wart' ich hier auf Euch. –
GYGES (hat sich während des Letzten nach und nach aufgerichtet).
Vierte Szene.
GYGES (leise): Die schönste aller Nächte!… Genug! Mein Ring – genug! (Er
reißt den Ring von seinem Finger.) Und wenn ich daran sterben muß –! (Er
nähert sich der Königin.) Königin!
NYSSIA (läßt überrascht den Schleier über das Gesicht fallen): Ach! Habt Ihr
mich doch erschreckt! – Ich hörte niemand kommen.
GYGES (vor ihr gebeugt): Königin …
NYSSIA: Was wollt Ihr?
GYGES (reicht ihr den Ring): Der Ring, den der König sucht – hier ist er. NYSSIA: Da Ihr es wußtet, daß er ihn sucht, was gabt Ihr ihn nicht früher?
GYGES: Euch wollt' ich ihn zuerst geben.
NYSSIA: Doch – wie kommt Ihr zu dem Ring?
GYGES: Der König gab mir ihn.
NYSSIA: Und wenn er Euch ihn gab, was sucht er ihn?
GYGES: Nicht, um den Ring zu sehen, doch mich, der ihn trug.
NYSSIA: Ich versteh Euch nicht … Wer seid Ihr? Ihr war't nicht, glaub ich,
gestern bei dem Fest?
GYGES: Ich kam erst spät … als es zu Ende ging … Ich bin Gyges: – Erinnert
Ihr Euch nicht des Fischers Gyges, um den Ihr letzte Nacht Candaules fragtet:
«Der arme Fischer – was ist aus ihm geworden?». Der bin ich.
NYSSIA (zuerst etwas verwirrt): Wie sollte ich Euch wieder erkennen, so reich
gekleidet? – Des Königs Güte gab Dir das?
GYGES (verwirrt): Ja, Königin; er gab mir alles das … alles das – und diesen
Ring hier. (Er beugt sich wieder vor ihr und reicht ihr den Ring.)
NYSSIA: Ich will ihn dem König wiedergeben.
GYGES: Ein Wort noch, Königin, ich bitt' Euch … dieser Ring …
DIE KÖNIGIN (betrachtet den Ring und will ihn anstecken.)
GYGES: Ah! Steckt diesen Ring nicht an!
NYSSIA: Weshalb nicht?
GYGES (ängstlich vor dem, was er sagen will): Der Ring …
NYSSIA: So sprich doch, sprich –
GYGES: Macht unsichtbar den, der ihn trägt.
NYSSIA (lächelnd): Ein ganz kostbarer Ring und ich verstehe nun, weshalb
Candaules ihn so suchte.
GYGES: Und auch vielleicht, warum er ihn nicht fand.
NYSSIA (wird unruhig): Du verbargst Dich, Gyges?
GYGES: Der Ring verbarg mich.
NYSSIA: Doch, sag … weshalb denn gab der König Dir den Ring?
GYGES: Um selber ungesehen zu sehen.
NYSSIA: Und was … was konnte denn der König so zeigen wollen?
GYGES (fällt vor Nyssia auf die Knie): Euch Nyssia! – (Gleichzeitig hält er ihr
einen Dolch hin, den Nyssia instinktiv ergreift.) Stecht zu! Stecht zu!… Ich
war's, der diese Nacht … ich ließ Euch schlafend diesen Morgen … Ach! Ich
hätte schweigen können und Ihr, Ihr hättet's nie erfahren, doch war ich da, als Ihr
es sagtet, daß diese Nacht der Liebe von allen Euren Nächten …
NYSSIA (deren Verwirrung mit jedem Wort des Gyges zunimmt und die mit jedem Wort zu verstehen anfängt, schreit auf): Candaules! – (Sie schreit wild