Der König Candaules, Drama in drei Akten

André Gide · Kapitel 7 von 12

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Der König Candaules, Drama in drei Akten

Zweiter Akt

 

Die Szene ist ein Gemach im Palaste, offen nach links und da von einer Terrasse

abgeschlossen, auf der Musikanten ihren Platz haben. CANDAULES und

GYGES sitzen noch beim Schluß eines Mahles, fast ausgestreckt auf niedrigen

Stühlen. GYGES ist glänzend gekleidet. Die Musikanten spielen.

 

Erste Szene.

 

CANDAULES: Nun quält mich die Musik. Hört auf! Gyges weiß nun, was ihr

könnt. Jede Regung hat nichts sonst Köstliches als ihre Überraschung. Unsere

Freude gleicht dem beweglichen Wasser des Stromes – es dankt die Frische

seiner währenden Flucht. (Zu den Musikanten.) Geht und zerstreut die Gäste in

den Gärten. Entschuldigt mich bei ihnen. Und daß ich später in der Nacht noch

komme. Versucht mit Eurem leichten Spiel, sie wach zu halten. (Die Musikanten

ab.) Deckt ab! (Die Diener beeilen sich damit.) Den süßen Wein laßt da …

Vielleicht trinkt Gyges noch davon … Gib Deinen Becher, Gyges. – Er kommt

von Cypern. – Liebst Du ihn? (Zu den Dienern, die abseits stehen.) Bringt uns

bald Licht. Der Abend schließt sich. Geht! (Die Diener ab. Candaules rückt

Gyges näher.) Freund Gyges! So mußtest Du, wenn Dir das Meer nicht gnädig

war, hungrig zu Bett.

GYGES: Ja, Candaules. Es gibt in Deinen Ländern mehr als einen Armen, der

öfter als an einem Abend ohne Mahl sein Lager aufsucht.

CANDAULES: Das hätt' ich früher wissen mögen.

GYGES: Wozu?

CANDAULES: Vielleicht – um mich darum zu kümmern.

GYGES: Um Dein Glück Dir zu verderben?…

CANDAULES: Nein, nein – mein Glück hätte das Elend besiegt … Ich glaubte

es so groß, so strahlend groß, daß neben ihm nichts Armes möglich wäre.

GYGES: Was Du für mich getan, das hättest Du so auch getan, so ohne mich zu

kennen?

CANDAULES: Selbst ohne Dich zu kennen, ja, wahrhaftig.

GYGES (wendet sich traurig ab): So siehst Du, daß Freundschaft zwischen uns

nicht sein kann.

CANDAULES: Weshalb denn? Sag!

GYGES: Was Du für mich getan, das tatest Du aus Mitleid. Man hat nicht

Freundschaft, man hat nur Mitleid mit den Armen.

CANDAULES: Arm! Bist Du's denn noch? Steh' auf und sieh Dich an! Dein

Kleid ist doch ein anderes. Glänzender Gyges, wer wollte Dir jetzt wohl sein

Mitleid schenken? (Gyges hat sich erhoben, er betrachtet sein kostbares

Gewand, doch sieht bekümmert und wendet sich von Candaules.) Nimm diese

Kette … (Er nimmt eine seiner Halsketten ab und will sie Gyges umhängen, der

abwehrt.) Ich will es. (Gyges trägt nun die Kette und setzt sich wieder.

Candaules neben ihm, eindringlich): Glaubst Du mich reich?

GYGES: Ja.

CANDAULES: Sehr reich?

GYGES: Ja, sehr reich.

CANDAULES: Dann sag mir noch, … wie … wie reich?

GYGES: Ich weiß, so weit mein Blick reicht, ist Dein Land.

CANDAULES: O größer, Gyges, viel größer!

GYGES: Man sagt, Du habest Inseln auf dem Meer.

CANDAULES: Meine schwerbeladenen Schiffe kommen her von dort … Doch,

das ist nur ein kleiner Teil … Kannst Du Dir denken, wie viel Gold in meinen

Kellern liegt?

GYGES: Fast so viel, denk' ich, als den Armen fehlt.

CANDAULES: Sprich mir nicht von den Armen, Gyges, ich kann sie reich

machen wie Könige und würd' es doch kaum spüren in meinem Schatzhause.

Morgen sollst Du es sehen. Deine Hütte war eng, Gyges, nicht wahr?

GYGES: Eng und niedrig, ja, Candaules.

CANDAULES: Und Geschmeide, glaubst Du, daß ich Geschmeide habe?

GYGES: Du zeigtest mir sehr schöne …

CANDAULES: Ich habe noch schönere, Du wirst sehen. Was trinkst Du für

gewöhnlich?

GYGES: Wasser.

CANDAULES: Schmeckt Dir der Wein?

GYGES: Er mag nicht schlecht sein.

CANDAULES: Ich habe besseren.

GYGES (zieht seinen Kopf aus seinen Händen): König Candaules, weshalb

hältst Du so viel darauf, daß ich Deinen Reichtum kenne?

CANDAULES: Damit Dich die Freundschaft freut, die Dich von all den

Schätzen genießen läßt.

GYGES: Ich dachte, die Freundschaft, die Du wolltest, war nicht die Deines

Reichtumes, aber Deiner selbst …

CANDAULES: Laß Deinen Spott, Gyges. Und wehr' Dich nicht gegen das

Glück. Was liegt daran, daß Einer gibt, der Andere nimmt, wo Beide sich

desselben Gutes freuen? Hör': Unmut und Kummer ist in mir, so lang' Du nicht

die ganze Fülle meines Reichtums kennst.

GYGES: Viel besitzt Du, dessen Namen nichts für mich bedeutet. Was nanntest

Du mir alle Deine Schätze? Wie sie schmecken, läßt sich das denken? Was man

nicht haben kann, ist besser, nicht daran zu denken.

CANDAULES: Aber ich geb' Dir alles das … Alles … Alles … O Gyges, zu

lang unglücklicher Gyges. Ich möchte heut' Dein Glück größer als je Dein

Unglück groß war und Dein Schmerz. (Die Diener bringen Fackeln und gehen

ab. Schweigen.) An was denkt mein Freund?… Um diese Stunde, was tat er

gestern? Müde von der bittern Welle, trauriger Fischer

GYGES (unterbrechend): Kam er in seine Hütte, wo Trydo ihn erwartete.

CANDAULES: Trydo … ja – Du trauerst um sie! Armer Gyges … Komm zu

mir, sag – Du liebtest sie? (Gyges schweigt.) Hast Du für mich nur eine

Freundschaft, die kein Vertrauen kennt? – Mein Freund Gyges, sag, sprich doch

… Du liebtest sie? – Gyges?

GYGES (legt den Kopf in die Hände und bebt): Die Winternächte war sie warm

in meinem Bett … Ich sagte zu ihr: Trydo; und sie sprach: Meister. – Ich glaubte,

sie liebte mich, und ich war glücklich.

CANDAULES: Armer Gyges! (Er hat sich erhoben, geht langsam den Saal

nach rückwärts, leise.) Was flüsterst Du mir da zu, unruhiger Gedanke? (Er

löscht entschlossen einige Fackeln; dann wendet er sich, noch immer rückwärts,

zu Gyges.) Gyges – weißt Du, weshalb mich die Liebe zu Dir faßte? – Du allein

hast die Schönheit der Königin verstanden … Bevor Du sie sahest, konntest Du

glauben, Dein Weib sei schön … Aber ich weiß es, kaum daß Du Nyssia sahest,

da schien Dir auch Trydo nicht mehr schön. (Er kommt Gyges näher.) Deshalb … hast Du sie getötet, nicht wahr, Gyges?

GYGES: Wie kannst Du das denken, o König!

CANDAULES: Fing ich Dich, Gyges?

GYGES: So wahr ich an Gott glaube, dies ist nicht so.

CANDAULES (nimmt wieder sein Gehen auf): Du glaubst an Gott?

GYGES: Ich glaube.

CANDAULES: Ich nicht viel. – Einfach Du selber kannst Du auch nur

Einfaches denken, ich aber … (leise) lauter, sprich lauter, mein jüngster

Gedanke! Wohin willst Du mich führen? Herrlicher Candaules … (Er schreitet

im Gemach, löscht wieder eine Fackel, dann zu Gyges gewandt.) Also wirklich

deshalb, weil … So war es Dir so arg, zu wissen, daß Dein Weib nicht Dir allein

gehörte?

GYGES: Dafür hab' ich sie getötet – und weil ich den Andern nicht töten konnte.

CANDAULES: Stolzer Gyges!… Sonderbar … muß man so wenig sein Eigen

nennen, um es so für sich allein zu wollen?… Aber – wenn der Andere Dein

Freund gewesen wäre?

GYGES: O König, wie könnte ein Freund daran denken, mich zu betrügen?

CANDAULES: Ja … aber, wenn er es täte, ohne Dich zu betrügen?

GYGES: Ich verstehe Dich nicht mehr, Candaules.

CANDAULES: … Also Du hast die Königin nicht gesehen?

GYGES: Ein wenig, ja … doch hab' ich sie nicht angesehen.

CANDAULES: Dann sahst Du sie nicht. – Man kann den Blick nicht von ihr

wenden, sieht man sie. (Leiser.) Sie weiß das. Sie will nicht mehr, daß man sie

sieht. – Sie sagte zu mir: Dies erste Mal, daß ich mich zeige, sei auch das letzte

Mal. (Noch näher zu Gyges und noch leiser.) Gyges … willst Du sie sehn, die

Königin?

GYGES (erhebt sich, wie ermüdet): Nun bin ich müde, laß mich gehn.

CANDAULES (hält ihn am Gewand zurück): Gyges … verlangt es Dich, die

Königin zu sehn?

GYGES (macht sich los): Nein.

CANDAULES: Gyges, ich will Dir Nyssia zeigen.

GYGES (wendet sich heftig zu Candaules): Aber ich will sie nicht sehn.

CANDAULES (leise): Ach! Wenn Du sie angesehen hättest …!

GYGES: Liebst Du sie denn nicht?

CANDAULES: Oh – mehr als mich selbst! Sie dürfte es auch nicht wissen …

Und wie sie mich liebt …! Das soll Dir ihre Schönheit sagen – doch hör's ganz

leise: (Er neigt sich Gyges ans Ohr.) Niemals, niemals hab' ich nach anderen Frauen begehrt … Ihr Antlitz, was ist ihr Antlitz … Wenn Du wüßtest, Gyges!…

Und ihre Wollust … Und wenn Du sie da hörtest … Ich leide, hör' ich ein andres

Weib loben und sag' zu mir: das ist nur, weil sie Nyssia nicht kennen. – Gyges …

willst Du Nyssia kennen?

GYGES: Du willst mich auf die Probe stellen? – Ich versteh' Dich nicht.

CANDAULES: So schlimmer. Lassen wir's. Das Kleinod, das ich Dir um den

Nacken legte, – alle meine Diener kennen es und gehorchen dem, der es trägt. Es

ist des Königs Halsband und ich schenk' es Dir. Zweifelst Du noch an meiner

Freundschaft?

GYGES: So lange Du es bist, der immer gibt: ja … Entlaß mich nun, ich möchte

schlafen.

CANDAULES (ein wenig erregt): Später, später! – Bleib, Gyges. Hör: – Du hast

mir auch etwas gegeben.

GYGES: Ich?

CANDAULES: So setz' Dich doch!… Bleib noch ein wenig. (Gyges setzt sich

halb.) Siehst Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht viel daraus. Nur,

weil ich seinen Wert nicht kannte. Doch waren da zwei Worte eingegraben, die

machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft unruhig. Er war im Fleisch des

Fisches, den Du gestern fingst. Einer fand ihn in einem Bissen und gab ihn mir.

Ich aber war erstaunt, verwirrt, und tat den Schwur, nicht früher den Ring an

meine Hand zu stecken, bevor ich nicht den Fischer sprach, dem wir den Fisch

auf unserer Tafel dankten. – Du kamst. Wir sprachen. Und des Mahles blutiges

Ende ließ mich den Ring vergessen, bis heute Morgen – ich war mit meinen

Gästen – da steckt' ich ihn gedankenlos an meinen Finger. Auf einmal: «Wohin

entfloh Candaules?» sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick noch

unter uns», «Wo ist er? Wo steckt er denn? Er ist verschwunden, fort!» Und doch

hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah die Herren neben mir, ganz nah,

wie ich bei Dir … doch sie, sie sahn mich nicht. Und voll Entzücken ward ich

betäubend so gewahr, daß mich der Ring unsichtbar machte. Stark genug, kein

Wort zu sagen, schlich ich mich leise aus ihrer Mitte, und dachte gleich: der

Ring, der ist von Gyges, meinem Freund, dem ich ihn schulde. – Da ist er!

GYGES: Wär' ich s o Dein Freund, Candaules?

CANDAULES: Da – sieh mich an. (Er steckt sehr deutlich auffallend den Ring

an den Finger.)

GYGES: Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst Du weg. – Die Luft, sie

schließt sich über Dich – – Du verschwandest … Candaules? Bist Du da? – Wo

bist Du denn?… Candaules … (Sehr deutlich auffallend zieht Candaules den Ring vom Finger. – Es ist völlig unnütz, daß Candaules durch irgendwelche