Der König Candaules, Drama in drei Akten

André Gide · Kapitel 4 von 12

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Der König Candaules, Drama in drei Akten

Erste Szene.

die seine gütige Art nützen und ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es

lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der Schmarotzer sind nicht das eine

«Danke!» wert, das ihnen der König gibt. Aber was macht es Candaules, daß ich

ihn liebe? Der Blick der Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht sie

nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste in den Küchen eingeladen, das endet

spät, und später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich dann den Fang. – Auf

Gyges du Stolzer, Gyges du Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche;

dann warte an der Tür – schau' nicht viel um – bis daß dein Weib die Teller

abgewaschen und mit dir geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.

(Er geht ab.)

 

Erste Szene.

 

Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.

DER KOCH: Überallhin Früchte … He! Gyges! Du gehst?… Nein, nicht hierher

den Salat!… Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut' Alles, was

vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der

König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er bis auf unsere Tische

fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.

GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener des

Königs.

DER KOCH: Was macht das? – Wenn des Königs Tisch zu voll ist und

überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.

GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach links.)

DER KOCH: Was für ein Tölpel! – Ein Glück, daß sein Weib es leichter nimmt.

(Zu den Dienern): Eilt Euch, eilt Euch!

(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen umher.)

SEBAS (nimmt eine Feige und ißt sie): Haben wir gute Plätze?

DER KOCH (zeigt ihm einen Platz):

SEBAS: Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.

DER KOCH: 's gibt heut' keine.

SEBAS und ARCHELAOS: Oh!

DER KOCH: Die Königin will keine.

ARCHELAOS: Da werden wir uns mit dem Anblick der Königin trösten. SEBAS: Sie wird also beim Fest sein?

DER KOCH: Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.

SEBAS: Weshalb verbirgt sie sich? – Hält sie sich für zu häßlich?

ARCHELAOS: Im Gegenteil: für zu schön.

SEBAS: Stolz also?

ARCHELAOS: Scham.

(Beide lachen.)

SEBAS (nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem Archelaos davon): Das macht

Appetit! – Ich bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht wieder!

ARCHELAOS: Wer denn?

SEBAS: Die Köchin!

ARCHELAOS: Dein Schatz von gestern Abend?

SEBAS: Ihr Mann holt sie nach dem Essen.

ARCHELAOS: Das tut mir leid für Dich.

SEBAS: Es tut mir leid für sie, das arme Kind … (Sie entfernen sich.) Also

Flötenspielerinnen …

(Man hört):

ARCHELAOS: … Was ein Narr!!

(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)

NICOMEDES: Das kleine Fest kündet sich nicht übel an, mein lieber Syphax.

Was denkst Du?

SYPHAX: Bess'res vom Fest als von Candaules.

PHARNACES: Und doch ist er besser als das Fest.

NICOMEDES: Glaubst Du?

PHARNACES: Gewiß – denn dieses Fest läßt uns nur einen Candaules sehn,

während Candaules uns viele Feste sehen läßt.

DER KOCH (zu den Dienern): Feigen hierher.

SYPHAX (kommt mit Nicomedes vor): Ich fange wirklich an zu glauben, daß es

weder Politik noch Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit Festen und

Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, wie Du es sagtest, so eine Art

unentschiedener Gnädigkeit.

NICOMEDES (bestätigt): Das ist es.

DER KOCH: Da fehlen noch zwei Becher.

SYPHAX (fortfahrend): Und das ist gerade, was mich geniert. So lang ich auch

den König schon verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn er

wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, so bin ich es, den ich nun

verachten will.