Der König Candaules, Drama in drei Akten
Zweite Szene.
NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir
anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen – die Wohltat
freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.
DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.
(Er zieht sich mit den Dienern zurück. – Die Herren entfernen sich.)
Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.
PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du
zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.
SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?
PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.
PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.
PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der Freundschaft.
Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich wenig aus der
Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und
bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch – ich sah ihn gegen nichts
sonst aufgebracht, als gegen diese süßen Worte.
PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich und
eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren – und nicht einen Freund.
SIMMIAS: Er hat seine Frau.
PHILEBOS: Die Frau – der Freund ist nicht dasselbe.
SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.
PHEDROS: Da tut er recht.
SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.
PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.
SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.
PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?
(Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er hört die
letzten Worte, und)
SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.
Zweite Szene.
CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem
Abend das Fest schmücken. – Ein köstlicher Abend … die Schönheit dieses
Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen. Nun ruhigt alles
und verklingt … doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum eine Stunde
ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust … Ihr hättet mit uns kommen sollen,
süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft
davon …
SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: … köstlich.
CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias hält):
Ihr geniert Phedros und Simmias.
SIMMIAS (lächelnd): Oh … nicht …
CANDAULES: Die Beiden – ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit mir
kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus. Ich bin
eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all
mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, für Dich ließ ich von
weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack sie
den andern vorzieht – Du findest sie wie ich süßer und duftender. Pharnaces,
Dein Witz hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die Geschichte
weitererzählen. Die Verse, die Du mir lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich
werde sie in Musik setzen lassen. – Armer Archelaos, diesen Abend gibt es
keine Flötenspielerinnen … die Königin wird da sein … Siehst Du sie wieder an
wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, – verzeiht, ich
schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: die Königin
wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt sich, kommt indes ein
Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!… Wir hatten, süßer Philebos,
auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst … – O Fülle
meines Glückes! Wie hätte ich an meinen Sinnen allein genug, es zu erschöpfen!
So sei Euch, Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages
auszupressen, wie den Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und
Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. – Und morgen
wiederholen wir diesen schönen Tag … (Er geht.)
SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!
ARCHELAOS: Er ist schön.
SEBAS: Er ist groß.
NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.
PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.
SYPHAX: Wie müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.
PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.
SYPHAX: Für wen? – Für mich?