Der König Candaules, Drama in drei Akten

André Gide · Kapitel 5 von 12

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Der König Candaules, Drama in drei Akten

Zweite Szene.

NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir

anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen – die Wohltat

freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.

DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.

(Er zieht sich mit den Dienern zurück. – Die Herren entfernen sich.)

Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.

PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du

zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.

SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?

PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.

PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.

PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der Freundschaft.

Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich wenig aus der

Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und

bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch – ich sah ihn gegen nichts

sonst aufgebracht, als gegen diese süßen Worte.

PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich und

eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren – und nicht einen Freund.

SIMMIAS: Er hat seine Frau.

PHILEBOS: Die Frau – der Freund ist nicht dasselbe.

SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.

PHEDROS: Da tut er recht.

SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.

PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.

SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.

PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?

(Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er hört die

letzten Worte, und)

SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.

 

Zweite Szene.

 

CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem

Abend das Fest schmücken. – Ein köstlicher Abend … die Schönheit dieses

Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen. Nun ruhigt alles

und verklingt … doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum eine Stunde

ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust … Ihr hättet mit uns kommen sollen,

süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft

davon …

SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: … köstlich.

CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias hält):

Ihr geniert Phedros und Simmias.

SIMMIAS (lächelnd): Oh … nicht …

CANDAULES: Die Beiden – ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit mir

kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus. Ich bin

eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all

mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, für Dich ließ ich von

weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack sie

den andern vorzieht – Du findest sie wie ich süßer und duftender. Pharnaces,

Dein Witz hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die Geschichte

weitererzählen. Die Verse, die Du mir lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich

werde sie in Musik setzen lassen. – Armer Archelaos, diesen Abend gibt es

keine Flötenspielerinnen … die Königin wird da sein … Siehst Du sie wieder an

wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, – verzeiht, ich

schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: die Königin

wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt sich, kommt indes ein

Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!… Wir hatten, süßer Philebos,

auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst … – O Fülle

meines Glückes! Wie hätte ich an meinen Sinnen allein genug, es zu erschöpfen!

So sei Euch, Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages

auszupressen, wie den Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und

Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. – Und morgen

wiederholen wir diesen schönen Tag … (Er geht.)

SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!

ARCHELAOS: Er ist schön.

SEBAS: Er ist groß.

NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.

PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.

SYPHAX: Wie müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.

PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.

SYPHAX: Für wen? – Für mich?