Der König Candaules, Drama in drei Akten
Der König Candaules
DRAMA IN DREI AKTEN
VON ANDRÉ GIDE
DEUTSCHE UMDICHTUNG
VON FRANZ BLEI
ERSCHIENEN 1905 IM
INSEL-VERLAG LEIPZIG
ÜBER DIE ENTWICKLUNG
DES THEATERS.
D IE Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen, ist ein Gegenstand von eigentümlicher Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk findet und kann
seinen hinreichenden Zweck nicht in sich selber finden; der Dramatiker richtet
es vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und dem Schauspieler auf, und
so nehme ich mir vor, mich einmal auf den Standpunkt des Dichters, dann auf
den des Schauspielers und schließlich auf den des Zuschauers zu stellen.
Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt daher, daß zu dem Erfolg
eines Stücks oder selbst einer ganzen Gattung von Stücken, manches in Betracht
kommt, das mit der Literatur gar nichts zu tun hat. Ich meine damit nicht nur
diese vielfachen Elemente, die das dramatische Kunstwerk zu seiner Darstellung
und zu deren Erfolg braucht, wie Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent
und Berühmtheit der Schauspieler; ich meine damit vielmehr besonders die
sozialen, patriotischen, pornographischen oder pseudokünstlerischen vorgefaßten
Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke unserer heutigen Bühne sind
zumeist in solchem Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen fabriziert, daß
man, läßt man eine nach der anderen fallen, fast vom ganzen Stück nichts übrig
behält.
In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten Meinungen und
Anschauungen das Stück seinen Erfolg; und der Autor, der ihnen nicht gehorcht,
dem bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung ist, riskiert
meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein, sondern gar nicht aufgeführt zu werden.
Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig nur auf der Szene lebt, sieht
sich der Kritiker, der sich heute mit der Entwicklung des Theaters und der hierzu
parallelen der Schauspieler und des Publikums beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen, die nur eine sehr entfernte Beziehung zur Kunst haben, und
Werke von rein künstlerischem Wert hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht
anders zu sprechen, als von Buchdramen, deren Entwicklung weit verschieden
von jener anderen des gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in Opposition
steht.
«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt Darwin, ändert die natürliche
Zuchtwahl die Formation eines jeden Individuums in der Richtung seines
Nutzens für die Gemeinschaft, – immer unter der Bedingung, daß die
Gemeinschaft von der Änderung profitiert.» – In unserm Falle profitiert die
Gemeinschaft nicht … Der nicht aufgeführte Dramatiker schließt sich in seinem
Werke ein, entzieht sich der allgemeinen Entwicklung und endet damit, sich ihr
zu widersetzen. Diese Werke sind alles solche der Reaktion.
Reaktion gegen was? – Ich könnte sagen: gegen den Realismus, aber dieses
bereits so vielsinnige Wort würde mich selbst sehr bald in große Verlegenheit
bringen. Der schlimmste Sinn, den ich dem Worte gegen könnte, reichte nicht
hin, die Werke des Herrn Rostand etwa des Realismus zu überführen, oder des
Antirealismus die Komödien Molières oder die Dramen Ibsens. Ich möchte
lieber von einer Reaktion gegen den Episodismus sprechen, in Mangel eines
besseren Wortes. Denn die Kunst besteht nicht im Verbrauch heroischer,
historischer oder legendärer Personen, wie es nicht notwendig unkünstlerisch ist,
die Bourgeois von heute auf die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres in
dem Worte ist, das ich in Racine's Vorrede zum «Bajazet» lese: «Die tragischen
Helden wollen mit einem andern Auge angesehen sein als wir für gewöhnlich
die Leute aus unserer Nähe betrachten. Man kann sagen, unser Respekt vor dem
Helden wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.» Ich möchte noch
hinzufügen, daß dieser Respekt vor den dargestellten Personen vielleicht nicht
nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in einer ferneren Zeit trifft, kommt wohl
daher, daß die Zeit zu uns nur ein Bild kommen läßt, das schon alles
Episodische, Bizarre und Vorübergehende verloren und nichts sonst behalten hat
als sein Teil der tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann. Und die
Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen sucht, indem er seine
Menschen von uns entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um sein
Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als nichts sonst, und nicht hinter der
Illusion einer Realität herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur eine Realität
noch einmal wäre: ein Pleonasmus. Und ist es nicht, und fast mit Wissen dieses
selbe Verlangen, das unsere Klassiker an den drei Einheiten festzuhalten trieb:
aus dem Drama kühn und offensichtlich ein Kunstwerk zu machen?
Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man sie auf die Natur, wie man
einen Kranken ins Bad schickt. Aber die Natur kann da nichts – es ist ein
Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal ganz gut ist, wenn sich die Kunst auf
die Weide treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem Feld, im Leben die
Hoffnung auf neue Kraft sucht. Aber die Griechen, unsere Meister, wußten ganz
gut, daß Aphrodite nicht aus einer natürlichen Befruchtung geboren ward. Die
Schönheit wird niemals eine natürliche Schöpfung sein: man erreicht sie nur
durch künstlichen Zwang. Kunst und Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß:
der Künstler umfaßt die Natur, die ganze Natur, drückt sie in seine Brust, aber er
könnte in Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich umarme meinen
Rivalen – um ihn zu erdrücken.»
Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges. Glauben, daß sie sich um so
höher erhebe je freier sie sei, das ist zu glauben, das was den Papierdrachen am
Steigen verhindere, sei die Schnur. Aber ohne Schnur könnte er sich nicht
erheben. Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne den Widerstand der Luft, der
ihrem Flügel lästig ist, aber sie weiß nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand
der Luft Bedingung ist, auf die sie ihren Flügel stützen kann. Auf gleichen
Widerstand muß sich die Kunst stützen, um steigen zu können. Ich sprach von
den drei dramatischen Einheiten, aber was ich nun sagen will, gilt ebenso für die
Malerei als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht. Die Kunst wirbt
um die Freiheit nur in Zeiten der Krankheit: sie möchte mühelos sein. Aber
wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den Kampf und das Hindernis. Sie liebt
ihre Blattscheiden platzen zu machen, und deshalb wählt sie diese eng und
knapp. Ist es nicht in Zeiten des starken Überschäumens von Leben, daß die
pathetischesten Geister den Genuß der striktesten Form fühlen? Daher das
Sonnet, aus der üppigen Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard,
Petrarca, selbst bei Michel-Angelo; die Verwendung der Terzine durch Dante;
die Liebe zur Fuge bei Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang der
Fuge in den letzten Werken Beethovens. Gibt es ein Staunen darüber, daß die
Expansionskraft des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression steht,
oder daß es die zu überwindende Schwere ist, welche die Architektur
ermöglicht?
Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt, dem das Hindernis als
Sprungbrett dient. Es wird erzählt, daß es ein fehlbehauener Marmorblock war,
der den Michel-Angelo diese starke Geste seines Moses zu erfinden veranlaßte.
Es ist die beschränkte Zahl von Stimmen, über die er gleichzeitig auf der Szene
verfügen konnte, die dem Äschylos der Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu erfinden, da man ihn an den Kaukasus kettet. Griechenland
schickte den in die Verbannung, der der Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus
dem Zwang geboren, lebt vom Kampfe, stirbt an der Freiheit.
Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama an Ausdruck gewinnen zu
lassen, was es alsbald an Schönheit verlor und er verminderte nach und nach den
Raum, der Bühne und Theatersaal trennt. Eine verhängnisvolle Entwicklung,
scheint es. Diese «Distanz» zwischen Zuschauer und dargestellter Person zu
vermindern, den Helden zu vermenschlichen, daran arbeitete auch der
Schauspieler nach Kräften. Eins nach dem andern gab er auf, Maske, Kothurn,
alles was aus ihm etwas Fremdartiges machte und das man nach dem zitierten
Wort Racine's «mit einem andern Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich
die Personen betrachten, die wir aus nächster Nähe kennen.» Er unterdrückte
alles, bis auf das konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen abstrakt machte
und der Person nichts sonst ließ, als was ihr allgemein und menschlich war.
Wenn es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war der doch gefährlich und
nicht wenig. Unter dem Vorwande der Wahrheit suchte man die Exaktheit.
Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten sich an, Ort und Zeit des Dramas
zu präzisieren, unbekümmert darum, ob sich Racine nicht vielleicht um das
direkte Gegenteil gekümmert hatte.
Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte, glaubte er gut daran zu tun,
zuvor den Mahomet der Geschichte einen ganzen Monat lang zu studieren. Er
erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten zwischen seiner
Auffassung des Mahomet und der des Voltaire gefunden und daher sofort die
Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich gewesen wäre ohne der
Wahrheit Gewalt anzutun.» Der Fall zeigt besser als man es erfinden könnte, wie
der Autor den Akteur gegen sich hat. Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires
«Mahomet» ist kein gutes Stück, aber … Nach einer Darstellung des
«Britannicus» hielt man einem unserer größten Schauspieler vor, daß er seine
Rolle nicht so auffasse, wie es Racine vielleicht verlangt habe. «Racine?… wer
ist das?» antwortete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»
Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers partikularisiert dort wo der
Autor generalisiert. Ich kann darob den Schauspieler nicht anklagen; das Drama
ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand für Generalisierung, aber
immer Wesen von besonderer, partikularer Wahrheit; und das Drama ist wie der
Roman der Schauplatz der Charaktäre.
Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir Zuschauer kommen da des Abends
zusammen, um von andern Leidenschaften gemimt zu sehen, die wir selbst zu haben kein Recht besitzen, – weil sich Gesetz und Sitte dem entgegenstellt. Ich
möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's erinnern; es steht in der
«Physiologie der Ehe»: «Die Sitten, das ist die Hypokrisie der Nationen.» – Will
er vielleicht damit sagen, daß diese Leidenschaften, die der Schauspieler
darstellt, in uns nicht von der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt worden
sind? Daß unsere gemessenen Bewegungen nur sind, um auf eine falsche Spur
zu leiten? Daß wir die Komödianten sind – Hypokrites heißt im Griechischen der
Schauspieler –, daß unsere Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese
«Höflichkeit der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein Dekorationsstück ist? Ist
es daher, woher zum Teil unsere Lust am Theater kommt: da laut sagen zu hören,
was die Wohlanständigkeit in uns erstickt? Manchmal wohl – doch häufiger
noch sieht der Mensch die Leidenschaften auf der Bühne wie gebändigte wilde
Bestien. Er hat die wundervolle Fähigkeit, das zu werden, was er zu sein
prätendiert, und das ist was Condorcet schreiben ließ: «Die Hypokrisie der Sitte,
das spezielle Laster der modernen europäischen Nationen hat mehr als man
glaubt dazu beigetragen, die Energie des Charakters, welche die antiken
Nationen auszeichnet, zu zerstören.» Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht
immer existiert.
Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert; aber das zu sein
prätendieren, was man nicht ist, das ist eine spezifisch moderne Prätention,
deutlicher: die christliche. Ich sage nicht, daß die Intervention des Willens nichts
in der Bildung oder Entbildung des Charakters vermag; aber der antike Mensch
glaubte nicht anders sein zu müssen als er war. Der Mensch banalisierte sein
Wesen nicht aus einem Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend; keiner
verlangte von sich anderes als sich selbst und setzte sich neben den Gott ohne
sich zu deformieren. Daher die große Zahl der Götter – so groß wie die Instinkte
der Menschen. Das war nicht freie Wahl, die den Menschen sich diesem Gotte
hingeben ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild. Oft kam es vor,
daß er, der Mensch, sich dem Ebenbilde weigerte; und der so im Menschen
verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich dem Pentheus geschah in den
Bacchen des Euripides.
Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten der Seele als Güter, die man
sich erwerben könnte, sondern nicht anders als die Güter des Leibes, wie einen
natürlich zukommenden Besitz. Agathokles war gut, Charikles tapfer, so
natürlich wie der eine ein blaues, der andere ein braunes Auge hatte. Die
Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes Spitze dieses Bündel Tugenden,
dieses moralische Phantom auf, dem gleich zu sein sie alle Wichtigkeit gab, unter Strafe anders für gottlos genommen zu werden. Der typische Mensch war
nicht einer, sondern Legion und so gab es überhaupt keinen typischen Menschen.
– So war die Maske da im Leben ohne Sinn und Brauch – und reserviert für den
Schauspieler.
Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß man sich vor allem dieses
fragen: W o i s t d i e M a s k e ? Im Saal oder auf der Bühne? Im Theater oder
im Leben? – Sie kann nur hier o d e r dort sein. Die glänzendste Zeit des
Theaters, jene, da die Maske auf der Bühne triumphiert, ist die Zeit, wo die
sittliche Hypokrisie aus dem Leben verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da
siegte was Condorcet die «Hypocrisie des mœurs» nennt, jene, da man dem
Schauspieler die Maske abreißt, wo man von ihm nicht mehr so sehr verlangt,
daß er schön sondern daß er natürlich sei – was, wenn ich es recht verstehe, so
viel heißt als: der Schauspieler soll sich ein Beispiel an den Realitäten oder
mindest an deren Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, – das will sagen,
ein Beispiel an einer einförmigen oder bereits maskierten Menschheit. Der Autor
endlich, der gleichfalls in das Natürlichsein seinen Stolz setzt, soll sich zur
Aufgabe machen, das Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones,
maskiertes Drama, ein Drama, in dem das Tragische der Situationen – denn das
Tragische braucht man immer – nach und nach das Tragische der Charaktere
ersetzt. Diesen beunruhigenden totalen Mangel an Charakteren kann man im
naturalistischen Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren vorgibt.
Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne Gesellschaft, unsere christliche Moral
tun alles was sie können, Charaktere zu verhindern. «Die antike Religion,
schrieb schon Macchiavel, sprach nur die Männer des weltlichen Ruhmes selig,
die Heerführer, die Staatsgründer, unsere Religion glorifiziert eher die ergebenen
und beschaulichen Menschen als die Tätigen. Unsere Religion will die
Menschen stark, damit sie leiden können, nicht um große Taten zu vollbringen.»
Mit solchen Charakteren – wenn es noch solche sind – was bleiben da noch für
dramatische Aktionen möglich? – Wer aber Drama sagt, sagt Charaktere, und
das Christentum widersetzt sich dem Charakter, indem es jedem Menschen ein
allen gemeinsames Ideal aufstellt.
So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der «Polyeucte» und der «Saint-
Genest» können sich, wenn sie wollen, christliche Dramen nennen, und sie sind
christlich durch dies und jenes christliche Element darin; aber Dramen sind sie
nur durch ihr nichtchristliches Element, welches das christliche Element
bekämpft.
Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen Theaters ist der, daß sich der letzte Akt notwendigerweise in der Kulisse abspielen muß, ich meine im
Jenseits. Im Himmel schließt der zweite «Faust», im Himmel schließt sicher der
sechste Akt des «Polyeucte» und der sechste Akt des «Saint-Genest». Wenn ihn
weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht nur aus Respekt vor den drei
Einheiten, sondern weil Polyeucte, Pauline, Saint-Genest an der Schwelle des
Paradieses alle die Leidenschaft von sich fallen lassen, durch die das Drama
Drama war und als vollendete, völlig entcharakterisierte Christen durchaus
nichts mehr zu sagen haben.
Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich konstatiere einfach, woran
unsere Tragödie stirbt: aus Mangel an Charakteren. Das Christentum ist nicht
allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich, von der Kierkegaard sagt:
«Die Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute Mensch dürfte Augenblicke
kennen, da er über dieses Werk der Verwüstung weinen möchte.» – Für jene,
über die die Begehrungen siegreich sind, ist es nicht schwierig an Götter zu
glauben. Sie sind wahrhaft Götter, so lange sie herrschen; um sie der
Gefälschtheit zu überführen, ist es schon nötig, daß die Einheit einer
despotischen Vernunft sie verdrängt. Das ist die Erfindung einer Moralität, die
aus dem Olymp eine Wüste machte. Der Monotheismus ist im Menschen, bevor
außerhalb ihm ein Gott ist. In sich selber und bevor er seinen Glauben ins Blaue
wirft, fühlt der Mensch Gott oder Götter. Antike oder Christentum – das ist
zuerst eine Psychologie, dann erst eine Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit
der Triumph des Individualismus und der Glaube, daß der Mensch sich nicht
anders machen kann, als er ist. Das war die gute Schule des Theaters.
Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche Rückkehr zur Antike vor;
ich kann auch nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren – aber es liegt
mir daran, an dem, was heute das Theater tötet, zu erkennen, was es lebendig
machen könnte, denn es ist nicht der Niedergang der dramatischen Kunst, an den
ich glaube, sondern ihr Aufgang, den ich fast sehe.
Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen, ist: ihm wieder Zwänge
finden. Das Mittel, das Theater aufs Neue mit Charakteren zu beleben, ist: es
wieder vom Leben entfernen.
Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit der Sitten geben und der
Zwang der Kunst würde folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens
unterdrücken, und die Maske stiege wieder auf die Bühne. Aber da nun schon
die Sittlichkeiten und Moralen immer noch nicht hören wollen, so ist es am
Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe einige Hoffnung, daß die Moralen
folgen; und deshalb:
Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen Verteilungen des
Besitzes, unvorhergesehene äußere Einschüsse viel für die Bildung der
Charaktere bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser Dinge formgebende
Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen nur die Bedeutung des Aufdeckens,
Enthüllens. Alles ist immer im Menschen gewesen, mehr oder weniger offen
oder verborgen – und was da die neue Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke
auf, doch war schlafend da in aller Zeit. Wie ich glaube, daß auch in unserer Zeit
noch Prinzessinnen von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt,
daß es Adolphe, Rastignac und sogar Julien Sorel lange gab, bevor sie in den
Büchern erschienen. Mehr noch: ich glaube, indem ich die Menschheit über die
Rasse setze, daß man auch anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum Beispiel
oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna Karenina finden kann. Aber so
lange die Stimmen dieser nicht im Buch, auf der Bühne festgehalten, sind, sind
sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel der Sitten und warten auf ihre
Stunde. Man horcht auf die Welt und hört diese Stimmen nicht, denn die Welt
hört nur auf die, deren Stimme sie erkennt, und diese neuen Stimmen sind
erstickt, unterdrückt. Man schaut auf den schwarzen Mantel der Sittlichkeiten
und sieht nicht was darunter. Und: diese neuen Formen der Menschheit kennen
sich selber nicht. Wie viele heimliche Werter kannten sich nicht und mußten erst
auf die Kugel des Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! Wie viele
verborgene Helden, die nur auf das Beispiel eines Helden in einem Buche
warten, auf einen daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um zu
leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht das, was wir vom Theater
hoffen, daß es der Menschheit neue Formen des Heldentums gibt, neue Helden?
Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: unsere heutige Gesellschaft
gestattet uns eine einzige Form des Heldentums (wenn das noch Heldentum ist):
den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens; deshalb ist es, daß wenn ein
so mächtiger Schöpfer von Charakteren wie Ibsen über die Menschen seines
Theaters den traurigen Mantel unserer Sittlichkeiten legt, er mit gleicher Hand
seine heldenhaftesten Helden zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise
zeigt uns sein außerordentliches Theater Heldenbankerotte auf der ganzen Linie.
Wie hätte er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen –
oder ebensogut, wenn nämlich die Wirklichkeit den Helden, den vortretenden
dramatischen Helden erlaubte? Diese kühne Arbeit eines Prometheus, eines
Pygmalion glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt einen tiefen weiten Graben
vor der Rampe ziehn, die Bühne vom Saal, von der Wirklichkeit die Erfindung,
vom Zuschauer den Schauspieler und vom Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden weit trennen.
«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax des Sophokles, bringt ans
Licht alles Verborgene und verbirgt was im Licht war, und nichts ist was nicht
kommen kann.» Wir erwarten von der Menschheit neues, das ans Licht kommt.
Oft behalten jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich lang; die noch stummen
Generationen sind ungeduldig in Schweigen. Die da sprechen und meinen, sie
repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit, sollen nicht vergessen, daß andere
warten und daß sie es dann nicht mehr haben für lange, haben jene andern
einmal das Wort genommen. Heute gehört jenen das Wort, die noch nicht
gesprochen haben. Welche sind es? Das wird uns das Theater sagen.
Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche spricht, an das vom
Menschen noch unentdeckte Land voll neuer Gefahren und Überraschungen für
den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten waren vor den Karten und
ohne das genaue und begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese die
Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der Kapitän seinen Turban zu Boden,
schlug sich ins Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in unsäglichem
Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes hin. Alle Reisenden und Kaufleute
umringten ihn fragend, was all das bedeute. Der Kapitän sagte: Wir sind mit
unserm Schiff vom rechten Wege ab, aus dem Meere, in dem wir waren, in eines
gekommen, dessen Wege wir kaum kennen.» Ich denke an das Schiff des
Sindbad – und daß unser Theater die Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.
DER KÖNIG
CANDAULES