Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 10 von 14

PDF-Seiten

Die Innerste

Achtes Kapitel.

 

Auf einer Trommel saß der Held

Und dachte seine Schlacht,

Den Himmel über sich zum Zelt,

Und um sich her die Nacht;

 

nämlich die Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten August 1760. Als es

dämmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den Liegnitzer

Hügeln; die Österreicher rückten an gegen den linken Flügel der Preußen, und

zwei Stunden später war wieder einmal alles ganz anders gekommen, als ein

bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der König Fritz von Preußen hatte die

Welt wieder einmal in ein nicht ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die

Schlacht bei Liegnitz gewonnen.

Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war,

sagt, daß der Morgen sehr schön war und daß die Sonne den blutigen Walplatz,

die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hübsch schildert er auch, was

nach der Affäre vorging:

„Um fünf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europäischen Ländern

noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden Volksklassen sich erst

von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits große Taten geschehen und

vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg erfochten, der die Vereinigung der

Russen und Österreicher hinderte, und alle ihre auf die schlesischen Festungen

gemachten Entwürfe vereitelte. Friedrich ließ auf der Stelle von der ganzen

Armee ein Freudenfeuer machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch;

ein Marsch, der durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswürdig war, der

Aufzeichnung so sehr wert, wie irgendeine große Begebenheit des

gegenwärtigen Kriegs; denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von

zahlreichen Heeren umringte Armee mußte ohne Rast und ohne allen Zeitverlust

fortrücken und dabei alles eroberte Geschütz, alle Gefangenen und auch alle

Verwundeten mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen;

auch andere Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehören, wem sie

wollten; selbst der König gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die

Verwundeten, die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen

schlug man in Stücke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von

den feindlichen Gewehren mußte ein jeder Reiter und Packknecht eins

mitnehmen. Nichts wurde zurückgelassen oder vergessen, erheblich oder

unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb zurück,

weder von den Preußen, noch von den Österreichern, so daß um neun Uhr, vier

Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet neu belastete Heer mit

dem ganzen ungeheuren Troß schon im vollen Marsche war.“

Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so

reinlich, leicht und gewissermaßen freundlich dabei zumute, daß es eine wahre

Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schön, und nicht bloß in Schlesien.

Um diese neunte sonnige Morgenstunde, während der alte Fritz mit seinem

siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz befand, sang in der

Sarstedter Mühle eine helle Stimme, die aber mehr der arbeitenden als der feinen

Welt Europas angehörte, fröhlich in den jungen Tag hinein.

Die junge Müllerin sang, und die Räder der Mühle drehten sich lustig, die

Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten grünte und blühte

und duftete es. Die Vögel, die Blumen und die Bienen wußten so wenig wie die

junge Müllerin, daß soeben der König von Preußen die Schlacht bei Pfaffendorf

gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen gesagt hätte, würde es ihnen

wahrscheinlich auch ziemlich einerlei gewesen sein. Die Vögel sangen, die

Bienen summten, die Schmetterlinge flatterten um die Gartenblumen des

achtzehnten Jahrhunderts, und die junge Müllerin sprang hell und glänzend in

den Garten, um Petersilie zu pflücken, — was ging sie alle die Bataille bei

Liegnitz an?

Es war jammerschade, daß der Sänger des Frühlings gerade vor einem Jahr

bei Kunersdorf gefallen war, er hätte die Müllerin sehen und den Sommer

besingen sollen! Es paßte alles zusammen: die junge Frau mitten unter dem

Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tür um den schwarzen

Topf tanzen sah, die Bienen, die Vögel, die Blumen, das tanzende Rad, die

Innerste und das grüne Weidengebüsch und die weiten, sonnigen Wiesenflächen

jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er war damals noch nicht der alte

Vater Gleim, sondern als Sekretär des Domkapitels von Halberstadt und des

Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen besten Jahren und sang Kriegslieder: ihm

hätte es damals nichts genutzt, das Hüttchen, das Flüßchen, die Wiese und den

Garten, die Sonne und die junge Müllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit

— auch in einem poetischen Gemüte! Der tapfere Krieger singt von den

Schäfern und Schnittern, der Herr Domsekretär von den preußischen Grenadieren, und wahrscheinlich ist’s ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim

zu werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen — Anakreon soll’s auch

so gemacht haben.

Der jungen Müllerin sah man’s nicht mehr an, daß ihr Hochzeitstag sie in ein

Trauerhaus eingeführt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band auf der

Haube, aber das war auch allein als äußeres Zeichen von jenem jähen Schrecken,

der ihrer Brautnacht folgte, an ihr übrig geblieben. Und so war’s in der Ordnung!

Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete Frau drinnen im Hause, am offenen

Fenster, die vor ihrem Spinnrade die Hände auf dem großgedruckten

Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter ihrer Hornbrille immer noch durch

Tränen in den Sonnenschein hineinzwinkern; für die Jugend wollte es sich nicht

schicken — das Leben war kurz und der gegenwärtige Morgen gar zu schön!

Die junge Müllerin sang: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“ sie sang:

 

„Die Bäume stehen voller Laub,

Das Erdreich decket seinen Staub

Mit einem grünen Kleide.

Narzissen und die Tulipan,

Die ziehen sich viel schöner an

Als Salomonis Seide.

 

Aus Kleists Frühling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und noch viel

weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es vordem gesungen:

 

„Die Bächlein rauschen in dem Sand

Und malen sich an ihrem Rand

Mit schattenreichen Myrten;

Die Wiesen liegen hart dabei

Und klingen ganz vom Lustgeschrei

Der Schaf’ und ihrer Hirten, —

 

und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Männerstimme in das Loblied

des Sommers ein; der neue Herr der Mühle, Meister Albrecht Bodenhagen, sang

mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine schmucke Frau aus der

Jungfer Papenberg geworden, er — Herr der Mühle an der Innerste oberhalb

Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes Wasser: wer je Übles von ihr

gesprochen hatte, der mochte die Verantwortung auf seine eigene Kappe

nehmen.

Ja, wenn nur drüben jenseits der Innerste im Weidengebüsch die Augen der Nixe nicht gewesen wären.

Der Müller Albrecht Bodenhagen hörte Paul Gerhardts Sommerlied durch das

Geklapper seiner Mühle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz

klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht länger aus:

 

„Die unverdrossne Bienenschar

Fleugt hin und her, sucht hier und dar

Sich edle Honigspeise!“

 

jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am Fenster

legte die Hand über die Augen zum Schutze gegen das Licht und schüttelte ob

der lustigen Jagd, die jetzt um die Büsche anhob, den Kopf.

„Drei Schritte vom Leibe!“ rief die junge Frau, mit beiden Händen

abwehrend. „Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Groß-Förste hat seinen

Spaß daran, wenn man solch ein weißgepudert Geschöpf im Kirchturm aushebt

und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rühr mich nicht an! ich werfe dir

unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du staubig

Müllergespenst!“

Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die Suppe;

aber er griff doch zu und lachte:

„Weshalb hat Sie einen Müller genommen, Jungfer Papenberg? Einen

Schornsteinfeger hättest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?“

„Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht über, und mein Brei brennt an,

und über den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!“

Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.

„Und ich fange dich doch, mein Schatz!“ rief der junge Meister.

„Jawohl — ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde —

 

Lieschen, mein Engel, meine Herzenstrompet’,

Meine Pauke, Standarte und meine Musket’,

 

— dazu hat dich der Colignon von der Landstraße mitgenommen. Nein, nein, ich

will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu fegen und zu bürsten.

Mutter! Hülfe, Mutter Bodenhagen!“

Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grünumsponnenen Fenster,

und über das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergnügliches Lächeln. In den

Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich aber doch nicht ein; sie

nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:

„Sind das schon fünfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da durch dieselbigen Wege nachjagte?“

In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der

Mühle seine Müllerin —

 

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud

In dieser lieben Sommerzeit

An deines Gottes Gaben!

Schau an der schönen Gärten Zier

Und siehe, wie sie mir und dir

Sich ausgeschmücket haben!“

sie wußten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht

bei Liegnitz, die der König Friedrich und der Feldmarschall

Laudon an diesem Morgen einander geliefert

hatten, und sie wußten auch nichts von den zwei

Augen drüben am andern Ufer der Innerste im

Weidendickicht! —

 

Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter niedergegangen,

und infolge davon war der kleine Fluß nach seiner Gewohnheit wieder einmal

eine gute Strecke in den Busch und das Röhricht übergetreten. Und inmitten des

Busches, mit dem linken Arm sich um einen knorrigen Weidenstumpen

klammernd, der vorgesetzte rechte Fuß vom Wasser überspült, stand ein junges

Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der Mühle lugend. Nicht häßlich,

aber seltsam verwildert war die Erscheinung anzusehen. Rotes, brennend rotes

Haar, hastig geflochten, war um eine fast männlich breite Stirn gewunden, und

eine der Flechten hatte sich gar gelöst und hing über die vorgeneigte Wange.

Schlank, fast hager und gebräunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen

Rock und grünem Jäckchen stand das Weib oder Mädchen da, und wunderlich,

wunderlich ließ den Fuß im Wasser! Wie sie so dastand, hätte sie daraus

hervorgestiegen sein können; es paßte alles zueinander in Gestalt und in Farbe:

die Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote, trübe

Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen, großen,

grünblauen, kühlen Augen. Wer die Nixe der Innerste hätte malen wollen, der

hätte diese Kreatur in sein Bild setzen müssen!

Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rührte leise an die

Weidenzweige über ihr, an die hohen Schilfdolden und die Blätter des

Erlengebüsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen kürzesten Moment

wehte er ihr die gelöste Flechte ganz über das Gesicht.

Zu ihren Füßen — um ihren Fuß! — regte sich und glitt leise die Flut der Mühle zu, und die Blasen — die Luftblasen vom Atem der Wassergeister stiegen

auch wieder empor zur Oberfläche und zerplatzten im Lichte. Manche sagen, die

Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe gleich riesengroßen Fröschen mit

glühenden Augen und atmen still und warten „auf Seelen“; wir wissen das nicht

und können nicht darüber nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige

Lauscherin im Geröhricht danach zu fragen; aber die Frösche haben nicht solche

Augen wie diejenigen, mit welchen sie in den Mühlgraben sah und nun in die

Laube am Zaun des Gartens hinübersieht.

„Du Schelm!“ flüsterte der Meister Albrecht, und jetzt rührte sich das Weib im

Ufergebüsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Blätter um sie her

erzitterten, der Fuß versank tiefer im Wasser und weichen Schlammboden, und

— das war alles um den letzten mutwilligen Schrei, mit dem sich die Müllerin

unter den Rosen gegen den Kuß des Müllers wehrte.

Die weißen Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben sich

flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der Morgensonne und in der

blauen Luft um den Schornstein schwangen.

„Du wilder Albrecht — wenn — du nun begraben lägest mit den tausend und

tausend anderen — in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der arme

Barthold Dörries?!“ flüsterte die junge Frau, und in demselbigen Augenblick

lachte es laut im Weidengebüsch, und mit dem Lachen drang zugleich ein

anderer Ton in die Laube herüber. Ein Rufen war es nicht; auch ein Schreien

nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher Zeit, und niemand konnte

sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch oder aus dem Wasser komme! —

— —

Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr

zusammen und ließ sein Weib los, und beide standen und horchten, und wieder

erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, daß sich das zum

zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne morgendlich-schön

und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein. Von Hause her schlug

der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen die Innerste hin; aber

ringsum blieb es still, und wiederum ließ sich die Stimme nicht zum zweiten Mal

hören.

Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und

wahrhaftig geschrien; — es war keine Sinnestäuschung gewesen!

„Um Gottes und Jesu willen, was war das?“ rief die junge Frau. „Hast du es

denn auch gehört? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hörte? Albrecht,

Albrecht, — Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat gerufen wie ein

böser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich die Stimme noch

einmal höre!“

Der jetzige Herr der Mühle war gleichfalls bleich geworden; er preßte die

Zähne zusammen und lachte heiser:

„Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick still;

— diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde

hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; — ich werde ihm

doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.“

„Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!“

Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus

dem Garten der Mühle zu. Sein Lieschen sah ihn über den Mühlensteg laufen

und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. Ängstlich rief sie ihn

noch einmal; aber sie hörte ihn drüben nur: „Such, such, Laudon!“ rufen und den

Spitz bellen. Mit zitternden Knien saß sie auf der Bank in der Laube und

versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam aber vor Angst und Beben nicht weit

damit. Sie saß halb bewußtlos in der Sonne; alles — Bäume und Büsche und

Blumen, die Wiesen und das Haus, wirrte sich ineinander; — sie wollte nach der

alten Frau im Hause rufen und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem

armen Weibchen, bis der Mann zurück von seiner Suche kam, und es waren doch

kaum zehn Minuten, die er ausblieb!

Als sie ihn langsamen Schrittes über den Mühlensteg zurückschreiten sah mit

dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch einen

blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstände ringsum nahmen doch

wieder ihre gewohnten Plätze ein und hielten sich ruhig. Ihr Müller aber

versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam und sich mit

dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor sie hinstellte.

„Kein Jägersmann, dem man Glück zur Jagd gewünscht hat, kommt mit

leererer Tasche zurück, Liese!“ sagte er. „Es ist eine Dummheit und es bleibt

eine Dummheit. Mein Trost ist nur, daß es nicht meine Sache ist, einen

Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die Spinnstubenhistorien

hineinzubringen.

„Du hast nicht gefunden — gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!“

Meister Albrecht schüttelte den Kopf.

„Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts zu

hören als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der es darauf

ablegt, sich in dem Röhricht zu verstecken. Und der Laudon ist zu gar nichts

nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er heißen, und wir wollen

uns einen Köter mit einer feineren Nase anschaffen zu deiner Beruhigung,

Lieschen. Wahrhaftig, da läuft ihr noch eine Träne über die Backe. Jetzt tu mir

den einzigen Gefallen, guck wieder auf. Morgen lege ich Fußangeln das ganze

Weidicht durch, und ich gebe dir mein Wort, das nächste Mal fangen wir das Geschrei. Nach Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben

habe!“

„O Albrecht,“ rief die junge Frau Liese mit gefalteten Händen, „tue das nicht!

denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit Fußangeln

fangen; sie will ein Lebendiges —“

„Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen Teufeln!

Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mühle — was vorher war, ist

abgetan, und die alten Narrheiten kümmern den neuen Müller nicht mehr. Dazu

bin ich nicht gegen den Franzos im Felde gewesen, um mir von solch einem

nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten zu lassen. Meine Hühner ess’ ich

selber! Solange mein Vater lebte, habe ich mich freilich genug ducken müssen;

aber als ein Tropf vom Wirbel bis zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause

gekommen.“

„Aber dein Vater —“

„Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an der

Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf über —

da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein anderes zu

warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst, Lieschen, so

schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem nicht gegen die

Alte. Die Alte wäre imstande, unseren ganzen Hühnerhof den Bach

hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem Kuh- und

Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist wahrlich so in

der Welt: man braucht nur laut zu brüllen, um seinen Willen zu kriegen, und die

Innerste versteht das meisterlich.“

„Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,“ sagte

weinerlich die junge Frau.

„Die besten Stücke von dem allerschwärzesten Huhn sollst du am Sonntag

haben,“ sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Küche in die Stube,

wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster saß.

Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie näher an den Lehnstuhl

heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und geflüstert:

„O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und

Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schläft!“

Es war freilich ein friedliches Bild, und die Süßigkeit des Schlummers lag

wahrlich auf dem leicht zurückgelehnten alten guten Gesichte der Greisin. Das

große Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoße, und die Hornbrille lag

darauf, und die Mutter hatte die Hände darüber ineinander gelegt. Die Sonne

drang freundlich durch die grünen Blätter vor dem Fenster und umspielte diese

alten, harten, so lang so fleißigen Hände; die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt näher an den Sorgenstuhl —

„Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Pläsier macht, den ganzen

Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen,“ flüsterte der junge Herr und Meister

in der Mühle.

„Du bist doch ein guter Junge, Albrecht,“ sagte leise die junge Müllerin zu

ihrem Mann, und dann fügte sie noch leiser hinzu: „Wenn ihr das Buch von der

Schürze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; — ich nehme es ihr unter den

Händen sanft weg.“

Sie beugte sich zärtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie nieder auf

die Knie und faßte die Hände der Greisin mit einem lauten Schrei:

„Albrecht? Albrecht! — Albrecht!“ —

Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Geräusch und Lärm

in der Welt mehr auf. Kein Lärmen — Weinen und Lachen rundum weckte sie

mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste schrie, ob Friedrich,

Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen — einerlei! Die alte Frau

schlief — schlief ruhig weiter.