Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 4 von 14

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Die Innerste

Zweites Kapitel.

 

Damals saß noch ein alter Müller mit seiner ebenso alten Müllerin in der Mühle

und der nachherige Herr war noch in der Fremde — fern und verschollen, wenn

er noch lebte. Die ihn genau gekannt hatten, erwarteten ihn gar nicht zurück; es

gab mehr als einen handfesten Galgen in der Welt, und mehr als ein würdiger,

ehrenfester Sarstedter Bürgersmann legte, wenn die Rede auf den Jungen aus der

Mühle, Albrecht Bodenhagen, kam, den Finger an die Nase und gab seine

Meinung dahin ab, daß niemand wissen könne, wo der sich im Winde drehe; daß

er sich aber im Winde drehe, das sei sicher.

Der brave Albrecht hatte es seinerzeit in der Stadt und der Umgegend, weit

über Groß-Förste hinaus, nicht danach gemacht, daß man sich nach ihm sehnte,

und die alten Eltern wußten nichts von dem einzigen Sohn. Seit dem Beginn des

Krieges hatten sie ihn nicht zu Gesicht gekriegt. Eines Morgens hatte er seine

Pelzmütze geschwenkt.

„Vivat Fridericus! Adjes, Herr Vater! Adjes, Frau Mutter! Aushalten tu ich’s

nicht länger zu Hause. Wär’ ich nicht zu gut gewesen, so hätt’s der Herr Vater

nicht zu schlimm mit mir gemacht. Adjes!“

Und dann war er mit einem Sprunge über die nächste Hecke weg gewesen,

und die Sarstedter Jungfern hatten mit den Eltern das Nachsehen nach dem

angenehmsten Junggesellen der Gegend gehabt. Nachher sind nur Gerüchte über

ihn und sein Verbleiben nach Hause gekommen, und es stand jedem frei,

dieselbigen zu glauben oder nicht.

Da hat mit ihm einer in einem berüchtigten Freibataillon Schulter an Schulter

gestanden; ein anderer hat mit ihm nach der Schlacht bei Leuthen vor

Schweidnitz gelegen, und wieder ein anderer hat ihn Spießruten laufen sehen im

Lager vor Olmütz. Ein Vierter jedoch, und der war, wie viele meinen wollten,

der einzige Glaubwürdige — Barthold Dörries aus Dielmissen behauptete,

Albrecht Bodenhagen habe freilich zuallererst sein Glück in dem preußischen

Freibataillon probiert, doch nicht lange. Nach Kollin sei er desertiert, und droben

im Harz zwischen Wildemann und Lautenthal, gleichfalls an der Innerste, sei

auch eine Mühle gelegen, und die Tochter daselbst, die wisse vielleicht am

meisten von dem Albrecht! Er — Barthold Dörries — habe auf der Wanderschaft daselbst das Handwerk angesprochen und eine Nacht allda

genächtiget, aber kein Teufel kriege ihn wieder unter das Dach, denn da könne

man zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang mehr erleben als in einem

ganzen Feldzug des Königs Fritz, zwischen dem ersten Aufbruch aus den

Winterquartieren und der letzten Schlacht vor dem ersten Schnee.

Dem Meister und der Meisterin sprach der gute Müllerknappe nicht hiervon,

denn der Alte hatte ihm beim ersten Wort das Maul verboten, wohl aber erzählte

er den Mühlgästen, die ihm ein offenes Ohr liehen, und das taten sie alle, wenn

die Rede auf den tollen Albrecht kam. Das ging denn wie der Laufer um das

Mühleneisen, und wenn nur der Bodenstein irgend feste lag, so gab’s ein

erklecklich fein Mehl.

Es war ein feiner Meisterssohn, dieser Barthold, und mit Grausen war er aus

dem wilden Harz hervorgekommen. Wie gesagt, verschwur er sich am Schlusse

jeder Rede jedesmal hoch und teuer, daß ihn nie wieder einer in die wüsten

Berge unter das wüste Volk da kriegen tun täte. Von der Waldmühle, ihren

Leuten und Gästen aber erzählte er, daß dem Hörer die Haare sich sträubten —

und da — da sollte dieser Albrecht Bodenhagen immer noch sitzen, und die

Müllerstochter, die rothaarige Doris Radebrecker, sollte sein Liebchen sein!

„Das ist freilich ein Ort für den bösen Jungen!“ murmelten die Leute aus dem

Mühlenbann zwischen Sarstedt und Groß-Förste und sahen mit melancholischem

Kopfschütteln auf den alten Vater und die alte Mutter Bodenhagen, und die

Gerüchte wurden immer schlimmer.

Nun stand einmal im Juli des Jahres 1759 der alte Müller Bodenhagen an

seinen Gartenzaun gelehnt und sah verdrossen auf die leise an demselben

hinfließende Innerste, und schien die Blasen zu zählen, die vom Grunde des

Flüßchens emporstiegen, zerplatzten und anderen Platz machten. Es sollen aber

diese Luftblasen von dem Atem der Wassergeister in der Tiefe herrühren, und

was viele Leute auf Hörensagen hier weiter sprechen, das wußte der alte

Christian Bodenhagen ganz genau. Er sprach aber nicht gern davon und zog

meistens ein finsteres Gesicht und verlor sich hinter dem Dampf seiner

schwarzen Tonpfeife, wenn die Rede darauf kam. Er kannte sein Mühlwasser

genau und wußte, daß nicht mit ihm zu spaßen war.

Die Morgensonne schien, die Lerchen sangen in der blauen Luft, auf den

Wiesen lag das Heu in Haufen, und der leichte Wind trug den Duft her; doch die

Wassergeister schienen schwere und heftige Atemnot zu haben. Die Blasen

perlten in Stößen auf, und der Meister Bodenhagen zog seinen Atem gleichfalls

bedrückt aus der Tiefe der Brust herauf und stieß ihn in Seufzern von sich. Sein

altes Weib hatte ihm wieder mal des verlorenen Sohnes wegen von Mitternacht

an den doch schon so kümmerlichen Schlaf ganz verscheucht und dann sich natürlich an ein gesundes Schnarchen gegeben und ihn wachen lassen.

„Und kann ich denn dafür?“ murmelte er jetzo. „Liegt es nicht seit der

Schwedenzeit auf dem Dach und dem Rade? Ich habe nicht gezählt, wie viele

Räder die Innerste dreht, vom Ursprung an bis zum Eingang in die Leine; aber

daß sie auf dieses seit vielen hundert Jahren trotz aller guten Nahrung einen

besonderen Groll hat, das weiß ich, und mein Vater und mein Großvater haben

ihn auch verspüren müssen. Sie sagen, seit der Schlacht bei Lutter am

Barenberge, allwo der General Tilly und der König von Dänemark aneinander

waren, hat sich alles geheime Volk in Wasser, Wald und Luft hier in der Gegend

mit dem Menschen überworfen. Gott soll mich behüten, darauf nachzusagen,

aber die Bodenhagen-Mühle weiß das Ihrige davon. Vor der Bataille soll dieses

alles nicht gewesen sein. Zwerg, Nix und Waldspuk hat wohl auch sein Wesen

getrieben, aber mit Gutmütigkeit und im Spaß. Nachher erst sind sie giftig

geworden — sie mögen wohl ihre Gründe gehabt haben — und begnügen sich

nicht mehr mit dem bloßen lustigen Schabernack; sondern —“

Er brach ab und sah sich scheu um und legte die Hand auf den Mund. Beinahe

hätte er von dem Herzeleid gesprochen, was insbesondere die Innerste ihm und

seinen Vorfahren in der Mühle angetan haben sollte; allein er besann sich noch

zur rechten Zeit und schwieg. Es ist gewissen Mächten gegenüber stets sicherer,

zu schweigen, als sich zu beklagen; aber recht hatte der alte Meister doch in

betreff der Charakterveränderung des geheimnisvollen Volkes seit dem

Dreißigjährigen Kriege.

Schon lange ging man nicht mehr mit einem bloßen Grusel oder gar einem

behaglichen Lächeln zu Bett, wenn man am Winterabend hinter dem warmen

Ofen ein neues Histörchen von ihm vernommen hatte. Seit der Schlacht bei

Lutter am Barenberge, wo die Liguisten den Dänenkönig klopften und sein Heer

ausreuteten, und gar seit der Schwedenzeit hatte sich das gründlich zum

Schlimmen und Bösen geändert. Mit der Menschennatur verwandelte sich in

jener greulichen Zeit auch der Sinn der Geister in allen Elementen. Wo sie

schalkhaft gewesen waren, wurden sie nun boshaft. Ihr spaßig Lachen wurde zu

hämischem Grinsen, und wie der Mensch fanden auch die Geister nunmehr ihre

Lust an der Grausamkeit, dem Elend, dem Verderben. Es war die Axt an alles

harmlose Behagen gelegt worden, und die Leine und die Ihme sahen viel zu

viele niedergeschlagene Wälder und verbrannte Wohnstätten der Menschen an

ihrem Wege, um bleiben zu können, was und wie sie waren. Was aber die

Innerste anbetraf, so gab ein Müller Bodenhagen die Überlieferung, daß ihr nicht

zu trauen sei, weiter an den andern. Es ging kaum ein Jahr vorbei, ohne daß man

sie schreien hörte — kein Auftauen des Winterschnees, ohne daß sie das Land

weit und breit überflutete. Die Leute in der Mühle jedoch hielten das Schreien für das Schlimmere und Unheimlichere.

Gegenüber dem Mühlengarten zog sich am andern Ufer ein ziemlich dichtes,

ineinander geflochtenes und gewirrtes Erlen- und Weidengebüsch hin, und

gerade dem Orte gegenüber, allwo der alte Meister Bodenhagen an seinem

Zaune lehnte, hatten die Wirbel das Erdreich unter einem knorrigen Stamme

weggespült, der Baum hatte sich gesenkt, lag mit dem Gezweig im Wasser und

streckte sein verworren Wurzelwerk in die Luft: die Nixen spielten auch den

Baum- und Buschnymphen ihre Streiche, wo sie es konnten.

„Guten Morgen, Herr Vater!“ sprach es plötzlich von dort herüber, und der

Alte, von den Wasserperlen der Innerste mit einem heftigen Schrecken in die

Höhe sehend, hielt sich mit beiden Händen am Zaune.

„Schmeckt Ihm sein Pfeifchen wie sonsten? Es soll mich freuen,“ erscholl es

wieder, und die Pfeife wäre fast dem Munde des Müllers Bodenhagen entglitten.

Er griff aber doch noch danach, wie der Held der Pfeffelschen Ballade, und legte

die zitternde linke Hand über die Augen — traute ihnen noch immer nicht und

starrte wortlos über sein Mühlenwasser nach dem Weidenstamm hin.

Da saß auf dem klumpigen Wurzelwerk, das in der Tat einen recht

bequemlichen Sitz bildete, ein Mensch, der sich immer noch nicht wie ein

Phantom in dem flimmernden Sonnenschein auflösete oder in das Wasser, aus

dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurücksank. Ein Mensch, ein

richtiger Mensch, aber nicht gar erfreulich anzuschauen! Er trug einen

zerlumpten blauen Rock mit schmierigen roten Aufschlägen, Kragen und Futter;

er trug gelblich-schmutzige Kniehosen und zerfetzte Gamaschen; und den

dreieckigen alten Soldatenhut trug er schräg über das eine Auge gedrückt, über

dem andern eine Binde. Wie der greise, weiße, reinliche alte Müller hielt er auch

eine Tonpfeife zwischen den Zähnen, und jetzo legte er militärisch grüßend die

Hand an den Hut und rief von neuem über die Innerste:

„Ich wünsche dem Herrn Vater den allerschönsten guten Morgen und

rekommandiere mich fürs geschlachtete fette Kalb. Ich bin’s, Herr Vater, und

frage an, ob Er und die Frau Mutter was dagegen einzuwenden haben, daß ich

über den Steg laufe und den lieben Eltern mit Tränen in die Arme renne?“

Der Alte stieß ein Gestöhne aus; aber zu antworten vermochte er noch nicht.

„Nun, wie ist’s?“ fragte der Blaurock von jenseits her. „Soll es heißen:

Pardon, Grenadier; oder gebt Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen

zerschlagenen Kopf bringe ich mit, ich komme aus dem Westfalenland, und es

ist uns als wie den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand herzlich schlecht

ergangen. Sage Er Quartier, Herr Vater — ich bringe zu allem übrigen ein

gebessert Gemüte und weiß nun aus der Erfahrung, daß es zu Hause bei der Frau

Mutter am besten ist. Mache Er ein Ende, Vater, und lasse Er mich wieder ein; es ist mein blutiger Ernst, und ich habe beides satt, den Krieg wie das Wandern!“

„Ist Er es? Oh!“ ächzte der Alte; aber er antwortete den Fragen von dem

anderen Ufer der Innerste auch jetzt noch nichts. Er ließ den Zaun los und drehte

sich um und wackelte dem Hause zu durch den engen Gartenweg, beide Hände

mit ausgespreizten Fingern vor sich hinstreckend, als müsse er seinen Weg durch

eine dicke Finsternis tasten. Aus dem Garten trat er in die Küche, wo seine graue

Frau am Herde wirtschaftete, und er setzte sich stumm auf die Bank neben dem

Herde, und die Müllerin ließ erschreckt ihren Topf und Löffel und schrie:

„Jesus Christus, Vater, was ist? was ist los? was ist geschehen?“

„Ja, Vater, Vater, Vater!“ murmelte der Müller Bodenhagen; und drüben auf

dem Weidenstamme hob der zerlumpte Kriegsmann den Dreiecker vom wirren

Haarwulst, ließ ihn wieder fallen und sagte zwischen den Zähnen:

„Kotz Kreuz und tausend Schwadronen, hab’ ich nun eine Antwort oder nicht?

Da geht der Dampf aus dem Schornstein, und ich meine, den gebratenen Speck

bis hierher zu riechen. Hu, Speck und Eier, und gestern ist auch der Tag

gewesen, allwo wir frisch backen! Der Teufel, im Lager zu Pirna konnte kein

Sachs mehr Wehmut ausstehen, als ich anjetzt auf dieser hohlen Weide! Nun hält

er Kriegsrat drinnen mit der Alten. O, Albrecht Bodenhagen, wie bist du

heruntergekommen seit der Bataille bei Bergen!“

Er starrte auch in das Wasser nach den aufsteigenden Blasen und Perlen, und

mit einem Male setzte er finsteren Auges die Zähne fester auf die Lippen, daß

ihm das Pfeifenrohr zerbrach, und murmelte:

„Und da ist die Innerste wieder! Wie wär’s, wenn ich noch einige

Tagemärsche dran aufwärts rückte und den Speck in der Pfanne an einem

anderen Ort in die Naslöcher zöge? O, heulen möchte man, daß man so wenig

geschickt ist für den Krieg und das Wandern. Sie würden alle lachen, wenn sie

das wüßten!“

In diesem Augenblick ließ sich ein Weibergeschrei aus der Mühle vernehmen,

und der Mensch auf der Weide stotterte:

„Die Alte! das war die Alte! jetzt weiß die Alte, wie weit es am Tage ist!“

Und es war so. Die Alte war’s, und die Alte wußte, wie weit es am Tage war.

Sie kam durch den Garten, so hastig, als es ihr ihre fünfundsechzig Jahre

erlauben wollten, sie streckte auch die Arme weit vor sich hin, doch durch eine

Finsternis brauchte sie sich nicht zu tasten.

„Mein Sohn! mein Kind!“ kreischte sie; und drüben hatte der Soldat den

preußischen Infanteristenhut abgenommen und hielt ihn in den Händen, und der

Pfeifenstummel war ihm entglitten und in die Innerste gefallen.

„Frau Mutter, wenn Sie Gnade für Recht ergehen lassen will, und wenn der

Herr Vater damit zufrieden ist, so komme ich über den Mühlensteg. Ich hab’ es satt in der weiten Welt, und den Krieg um Schlesien sollen sie unter sich allein

ausmachen, und den Colignon, den Werber, den soll der blutige Teufel holen.

Frau Mutter, will Sie mir heute wieder mit einen Teller auf den Tisch setzen?

Den Geruch Ihres Specks, Frau Mutter, halte ein anderer aus, ohne zu

schluchzen wie ein Kind: ich heule Ihr geradeweg was vor, wenn der Herr Vater

mich nicht über den Steg am Mühlenschütt kommen läßt und mich weiter

schickt zum Träberfressen und Schweinehüten oder zum General Freytag.“

Der Vater Bodenhagen zeigte sich nicht wieder vor dem Hause; aber Mutter

und Sohn begegneten einander auf dem Mühlensteige, und zwischen ihnen

beiden war alles in Richtigkeit, und als ob nie etwas vorgefallen sei, was dem

schlimmen Jungen, dem Albrecht, einen häuslichen Verdruß bei seiner Heimkehr

aus dem Felde und von der Wanderschaft hätte einbringen können. Als sie

jedoch Hand in Hand und die Alte in Tränen in die Stube traten, da saß der Alte

am Tisch, drehte der Tür den Rücken zu und hatte die Faust auf die Tischplatte

gelegt. Er wandte sich nicht um bei ihrem Eintritt.

„Mit Permission, Herr Vater —“

„Er Halunk!“ murrte der Alte. „Wenn Er es wirklich ist, so sage Er mir, wer

ihn gerufen hat? Hat sich der Herr wirklich nicht in der Tür geirrt?“

Die alte Frau legte ihrem Ehemanne die Hand auf die Schulter:

„Ich habe ihn gerufen in meinen bangen Nächten; er muß es mitten unter dem

Volk gehört haben.“

„Der Vagabonde — der Landläufer!“

„Und er ist zurückgekommen mit schleppendem Fittich und hat sich nicht in

der Tür geirrt. Sieh dich um, Bodenhagen, sieh ihn an, Vater. Hab’ ich ihn mit

meinen Tränen hergeweint, so hast du in deinem Ärger nach ihm geschnarrt.

Sieh dich um, Alter.“

Und der Müller Christian Bodenhagen sah sich um nach seinem lieben

Söhnchen und zwar trotz seinem Alter mit den munterst funkelnden Augen.

„Das ist das Wort! In meinem Ärgernis hab’ ich nach dem Strolchen, dem

schwachmütigen Lumpen auch gerufen und es kaum erwarten können, daß es so

käme, wie es heute endlich gekommen ist! Ho, wirklich, er ist’s, und ganz so,

wie ich ihn mir im Traum und Wachen phantasiert habe, der Haas im

Marderpelz! Alte, Alte, wenn ich den Schlingel nicht zu genau kennte, so würde

er mir wahrhaftig nicht über die Innerste gekommen sein. Das ist der Milchtopf

auf dem Feuer — er kocht über und es stinkt. Du rückst ihn ab von der Glut, und

er gibt sich fein zur Ruhe. O, du jammerhafter Wischlappen, was hattest du im

Felde beim König Fritz und dem Prinzen Ferdinand zu suchen? Du Großmaul,

haben sie dir nach Verdienst den Buckel zerbläut und dich heulend zu Vater und

Mutter heimgeschickt? Ich habe es so gewußt, mein Sohn, verlaß dich drauf. Du bist mir nicht als etwas ganz Neues drüben am Wasser aufgegangen; und weil

dem so ist — deshalb — sei gesegnet dein Eingang!“

Er hatte sein spanisch Sonntagsrohr neben der alten knochigen harten Hand

auf dem Tische liegen, und jetzo war er aufgesprungen, und es erhub sich ein

Tanz, beinahe noch lustiger und wilder, als er am kommenden ersten August bei

Minden zwischen dem Herzog von Braunschweig und dem französischen

Marschall Contades aufgeführt werden sollte. Die Mutter Bodenhagen flüchtete

sich schreiend in eine Ecke; das Haus- und Mühlengesinde lief entsetzt zu Hauf

— der Meister Christian schlug brav zu und kümmerte sich nicht, wohin er traf.

Den wilden Albrecht aber mußte die Schlacht bei Bergen und der darauf

folgende Hunger wahrlich tief heruntergebracht haben. Er wehrte sich kaum

anders als durch ein ununterbrochen Ausweichen rund um den Tisch herum.

Sie wußten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und bandlosesten

Zeit des Siebenjährigen Krieges, immer noch in der richtigen Art und Weise mit

den verlausenen Herren Söhnen umzugehen, die Herren Väter. Sie hatten es

gelernt von Seiner königlichen Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm dem

Ersten, und waren imstande, Seine Majestät König Fritz den Zweiten als

glorreiches Exemplum hinzustellen und sich des weiteren und breiteren darüber

zu ergehen, daß der das hispanische Rohr selber fühlen müsse, welcher es einmal

selber führen und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den

französischen König Louis, fühlen lassen wolle.