Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 12 von 14

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Die Innerste

Zehntes Kapitel.

 

 

Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm.

Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür

treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch

gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die

Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der

Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die

Tür verriegeln und am Herde am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber

auch heimelig und lieblich ist’s dann, beim Lampenschein liebe Gesichter —

junge und alte — um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu

hören; — mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen

Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die

Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem

Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; —

den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die

guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder

die Lider aufschlägt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man

recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder

herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne,

Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten

und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel,

wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin

mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln

umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war

zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des

Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch.

Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu

schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht’s auch

ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber

geredet, geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es

gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben.

Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und

Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.

Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und

vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam

jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der

den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr

Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste, hatte

kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre

eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwage! Ihre helle, klare

Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und

als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie

dazwischen und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum

Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen

Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des

Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu

bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig

geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm,

oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.

Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird’s sein, daß wir unsere Hand

davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an der Innerste,

im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt! verjährt! Es ist über

das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge sind nachher ausgeführt, und

ist damit renommiert worden, und die alte, uralte Entschuldigung, daß der

schwache Mensch eben zusehen müsse, wie er sich durch die böse Welt bringe,

gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als ob er

wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein Stündlein

später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr tot, mit einer

Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am Hübichenstein gefunden

worden war. Voll und leer ging der Kelch um den Tisch, und über den toten

Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit dem Zwerg Hübich lasse sich

schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme zwischen zwei der Gesellen zu

teilen, da gab’s neuen Hader, den der Meister Radebrecker schlichtete, indem er

die zwei Wildemannsgulden und acht Mariengroschen, um die es sich handelte,

für sich nahm als Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und

neues Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und

meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei

mächtig unter der Erde wie über der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen, und da

hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts gern den

Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und Vagabunden des

Jahres 1760 reden hören.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister Radebrecker,

saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber auf der anderen

Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der Harzburg bei Wülperode im

Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und dem Wirt daselbst war am letzten

Sonntag der Knecht abhanden gekommen, aber seine zwei Kühe und seinen

mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen

gegeben um das Vieh und ein hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war

nicht gefunden worden, denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen

nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der

Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume,

und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:

„Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick müßte er

ansprechen und sich vermelden!“

„Wer?“ fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.

„Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher

Witterung jagt er am liebsten.“

Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von

Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag

daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in der

Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

„Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht in

den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen, Böhmen und

Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten reitet vor dem Zuge.

Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen Kürassieren, dem wird’s

übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und all dem anderen

Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze läßt reiten, und von den

hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich auch nichts Despektierliches

sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß ich selber ziehen sehen, ehe ich

glaube, daß der besser zu Pferde sitzt als ein Franzos.“

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber

hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der

Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger

Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach

über den Kopf herunter, oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein,

um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften

Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und

sprach, zu dem Einarm gewendet:

„Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er

dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so

sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem

Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand,

dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist

ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht

für den wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und

weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm

aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über

dem Kopfe schallen hören wird.“

„Hoho!“ lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt

auch wieder ihr Wort dazu.

„Jawohl, hoho, Kamerad!“ rief sie. „Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem

Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: hat

Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz

schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der

Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen,

was sich zuletzt mit ihm — den wilden Jäger meine ich — begeben hat.“

„Mit Pläsier,“ sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht lange

bitten und erzählte halb flüsternd:

„Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie

haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem

Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am

Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die

Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom

Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne,

und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie. Und er hat

sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht

pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen

lagen. Am Buchenberge hört er’s auch einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod,

ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor — er ist nicht bei Sinnen, denn

er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und

einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem

beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der

Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie

haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg —“

Der Erzähler brach ab und horchte — käsebleich.

„Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!“ lachte der Korporal noch; aber

dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und

Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut

klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie

Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum

Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der

Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat’s einen Schlag an die Tür,

und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die

Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch

im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe

Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.

„Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!“ rief jetzt über alle

anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie

womöglich noch gebieterischer: „De par le Roy — sa Majesté Louis Quinze,

de France et de Navarre!“ Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den

Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder Vernunft in die

Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach

Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei

Waffen — Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das

und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister

Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und

setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die

Hausfriedensbrecher hatten doch über bessere Waffen — Jägerbüchsen,

Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und

nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein —

einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der

Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen

Durchlaucht und großbritannischen Majestät Georg Rex trotz der fränkischen

Besatzung des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in

Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge;

den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man

wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im

gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und

Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die

kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu

ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar

verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche,

die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die

Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch

den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und

königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern

mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am

wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf

ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel

zusammenschnürt.