Die Innerste
Zehntes Kapitel.
Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell Sturm.
Dann muß man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die Tür
treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hören. Dann ist es auch
gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den Liedern, die die
Großmutter sang, und der Weisheit des Urgroßvaters. Und wenn noch gar der
Krieg von ferne donnert, dann läßt es sich gut zurücktreten von der Schwelle, die
Tür verriegeln und am Herde am warmen Ofen niedersitzen. Ängstlich, aber
auch heimelig und lieblich ist’s dann, beim Lampenschein liebe Gesichter —
junge und alte — um sich zu sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu
hören; — mit sonderbar heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen
Vergangenheit und Zukunft dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die
Augen soll man ja nicht schließen, wenn das fröhliche Gespräch zu einem
Flüstern herabsinkt; es ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme draußen; —
den Verständigsten, den Nüchternsten kann eine Angst überkommen, daß er die
guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er wieder
die Lider aufschlägt und umhersieht.
Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man
recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder
herbstlichen Herd niedersetzen und über seine Lust und sein Leid, seine Pläne,
Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmühle nun lachten
und jauchzten keine fröhlichen Kinder, erzählte nicht der brave Vetter Michel,
wie es ihm den Tag über ergangen war, kam nicht die Base und die Nachbarin
mit dem Spinnrad und saßen nicht Großvater und Großmutter von ihren Enkeln
umgeben. Der Ofen glühte, als es Abend geworden war, der Tisch war
zurechtgerückt und die Gäste vorhanden. Die Innerste saß an der einen Seite des
Ofens, der Einarm an der anderen, der Meister Radebrecker aber oben am Tisch.
Das alles in den richtigen Farben zu schildern, hätte einem kuriosen Maler zu
schaffen gegeben; und für ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht’s auch
ein seltsames Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinüber und herüber
geredet, geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es
gab zwar eine Bibel in der alten Sägemühle, aber sie war in einer Bodenkammer als Ersatz für einen fehlenden Fuß einem wackelnden Schrank untergeschoben.
Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstädte Grund, Lautenthal und
Wildemann, und also in die Buschmühle gar nicht.
Die großen Welthändel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und
vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die Wahrheit kam
jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.
Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise, der
den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige, welche ihr
Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die Innerste, hatte
kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhören und über alles mitlachen, und ihre
eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf die Goldwage! Ihre helle, klare
Stimme überklang oft das wüsteste Gelärm dieser nächtlichen Mühlgäste, und
als sich einmal zwei derselben über den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie
dazwischen und zwar auch mit einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum
Lachen brachte und den Meister Radebrecker zu einem abermaligen zärtlichen
Lob seiner Tochter.
Sie kamen aber nicht allein wegen der Küche und des Kellers des
Buschmüllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht bloß zu
bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rühmen. Es wurde auch verständig
geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flüsterte mit ihm,
oder führte ihn wohl gar vor die Stubentür, um dorten weiter mit ihm zu flüstern.
Sie hatten ihre Geschäfte; aber das beste wird’s sein, daß wir unsere Hand
davon lassen. Es ist über hundert Jahre her, seit sie da im Harz an der Innerste,
im wilden Walde so vergnüglich beisammensaßen. Verjährt! verjährt! Es ist über
das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge sind nachher ausgeführt, und
ist damit renommiert worden, und die alte, uralte Entschuldigung, daß der
schwache Mensch eben zusehen müsse, wie er sich durch die böse Welt bringe,
gilt auch heute noch.
Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdächtig aussah, als ob er
wohl aus einem Sakristeispinde herstammen könne, und dann war ein Stündlein
später von dem Förster vom Iberge die Rede, der im Frühjahr tot, mit einer
Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am Hübichenstein gefunden
worden war. Voll und leer ging der Kelch um den Tisch, und über den toten
Jägersmann lachte man, und einer meinte, mit dem Zwerg Hübich lasse sich
schlimm spaßen. Es war auch eine Geldsumme zwischen zwei der Gesellen zu
teilen, da gab’s neuen Hader, den der Meister Radebrecker schlichtete, indem er
die zwei Wildemannsgulden und acht Mariengroschen, um die es sich handelte,
für sich nahm als Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und
neues Getränke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu Lautenthal angestoßen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und
meinte, der möge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hübich sei
mächtig unter der Erde wie über der Erde.
Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage übergegangen, und da
hätte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts gern den
Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und Vagabunden des
Jahres 1760 reden hören.
Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister Radebrecker,
saß noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber auf der anderen
Schulter als der Buschmüller. Zwei Stunden von der Harzburg bei Wülperode im
Steinfelde ist der Klöpperkrug gelegen, und dem Wirt daselbst war am letzten
Sonntag der Knecht abhanden gekommen, aber seine zwei Kühe und seinen
mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen
gegeben um das Vieh und ein hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war
nicht gefunden worden, denn bis in die Buschmühle war man von Amts wegen
nicht gekommen.
Und vor dem Fenster der Buschmühle brauste der Wald und sauste der
Sturmwind; es ächzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbäume,
und der Knecht vom Klöpperkrug sagte:
„Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick müßte er
ansprechen und sich vermelden!“
„Wer?“ fragte Doris schrill über die ganze Länge des Tisches.
„Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher
Witterung jagt er am liebsten.“
Im Garten des Klöpperkruges liegt ja der wilde Jäger, der Ritter von
Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag
daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in der
Buschmühle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:
„Kamerad, den wilden Jäger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht in
den Lüften. Es stürmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen, Böhmen und
Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten reitet vor dem Zuge.
Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen Kürassieren, dem wird’s
übel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und all dem anderen
Gespensterplunder hört. Kotz Blitz, der König Fritze läßt reiten, und von den
hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich auch nichts Despektierliches
sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg muß ich selber ziehen sehen, ehe ich
glaube, daß der besser zu Pferde sitzt als ein Franzos.“
Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klöpperkruge aber
hat etwas von einer Großschnauze gemurmelt, und daß er wisse, was er wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt hat sich der
Sturm im Walde ärger denn je hören lassen, und es ist ein Heulen und sonstiger
Lärm geworden, daß jeder sich geduckt hat, als komme ihm schon das Dach
über den Kopf herunter, oder die schwarze Pferdelende durch den Schornstein,
um jedweden Spötter vom Stuhl und Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften
Hinhorchen aber nahm ein eisgrauer alter Sünder die Pfeife aus dem Munde und
sprach, zu dem Einarm gewendet:
„Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so sei Er
dankbar dafür; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu erleben sollte, so
sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich dazu mit beiden Händen an dem
Stuhl. Man hat Exempel, daß noch ganz andere Kerle als Er, Korporal Brand,
dem Herrn von Hackelberg Hohn gesprochen und nachgerufen haben, und es ist
ihnen jedesmal übel bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht
für den wilden Jäger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und
weist Euch, daß er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Roßbach. Ich rate Ihm
aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tür aus, wenn Er sein Horn über
dem Kopfe schallen hören wird.“
„Hoho!“ lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab jetzt
auch wieder ihr Wort dazu.
„Jawohl, hoho, Kamerad!“ rief sie. „Ich rate Ihm auch, sich zu hüten vor dem
Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein Exempel: hat
Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drüben im Lande vor dem Harz
schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg nicht sein Jagdhorn in der
Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da aus Wülperode mit Ruhe verzählen,
was sich zuletzt mit ihm — den wilden Jäger meine ich — begeben hat.“
„Mit Pläsier,“ sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber ließ nicht lange
bitten und erzählte halb flüsternd:
„Einer von den Herzogen von Anhalt Jägerei hat ihn zuletzt verspürt. Sie
haben ein groß Treiben gehalten mit den Wernigerödeschen, und nach dem
Treiben haben sie, die Bernburger und die Gräflichen, die Nacht durch am
Hartenberg in einer Köte gelegen, die vornehmen Herren in der Köte, die
Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger vom
Adel, hat ein hübsch Mädchen gewußt auf einem Försterhofe, den ich kenne,
und ich nicht allein in dieser höflichen hochlöblichen Kompagnie. Und er hat
sich schon bei Abenddämmerung weggeschlichen und ist nach Mitternacht
pfeifend durch den Wald zurückgekommen, der Köte zu, allwo die anderen
lagen. Am Buchenberge hört er’s auch einmal von ferne: Hoho, hoho, wod, wod,
ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor — er ist nicht bei Sinnen, denn
er hat sich in seinem Vergnügen lustig gemacht über den wilden Jäger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn gefunden mit zerbrochenem Arm und
einer Schlagwunde auf der Stirn, und das ist anzusehen gewesen wie von einem
beschlagenen Pferdefuß. Er ist heute noch nicht wieder bei Verstand, und der
Hund, den er bei sich gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie
haben ihn erschießen müssen; denn der Hackelberg —“
Der Erzähler brach ab und horchte — käsebleich.
„Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff!“ lachte der Korporal noch; aber
dann horchte auch er mit allen übrigen starr und atemlos in das Gebrause und
Gesause draußen vor Radebreckers Mühle. Durch das Tosen der Windsbraut
klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es kam wie
Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines Waldhorns, das zum
Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal den jachen Schrecken der
Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da tat’s einen Schlag an die Tür,
und dann wurde mit einem Kolben ein Fenster eingestoßen, daß die
Glasscherben splitternd zwischen die Gesellschaft fuhren. Die Öllampe erlosch
im Windzug, doch von draußen fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe
Stimmen ließen sich nebst den Hunden um die Mühle hören.
„Im Namen Seiner Majestät, König Georg des Zweiten!“ rief jetzt über alle
anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie
womöglich noch gebieterischer: „De par le Roy — sa Majesté Louis Quinze,
de France et de Navarre!“ Die Haustür zersplitterte gleichfalls unter den
Büchsenkolben der Einlaß Begehrenden, und es kam wieder Vernunft in die
Kumpanei!
Sie fuhren mit den scheußlichsten Flüchen durcheinander und suchten nach
Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen allerlei
Waffen — Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein, doch alles das
und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten. Der gute Meister
Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und laut zu weinen und
setzte den Mut seiner liebsten Gäste dadurch unter Wasser. Die Störenfriede, die
Hausfriedensbrecher hatten doch über bessere Waffen — Jägerbüchsen,
Hirschfänger und Musketen mit aufgepflanzten Bajonetten zu verfügen, und
nach einem kurzen Geraufe, halb im Dunkel und halb im Laternenschein —
einem Tumult, in welchem auch ein weniges Blut floß, war alles in der
Buschmühle geordnet nach Wunsche Seiner kurfürstlich hannöverischen
Durchlaucht und großbritannischen Majestät Georg Rex trotz der fränkischen
Besatzung des Landes.
Sie fingen sie alle, und eine Stunde später war alles bereit zum Abmarsch in
Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein ungebunden im Zuge;
den übrigen waren sämtlich die Hände mit tüchtigen Stricken auf dem Rücken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal Jochen Brand hatte man
wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk gelegt, und er marschierte im
gleichen Schritte höchst verwundert hinter dem französischen Korporal und
Leutnant, die das Füsilier-Detachement kommandierten, welches sich die
kurfürstlichen Forstmeister und Amtmänner von Wildemann und Lautenthal zu
ihrer nächtlichen Expedition als Beihülfe vom Kommandanten von Goslar
verschrieben hatten. Er machte nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche,
die fremden Kameraden zu der Überzeugung zu bringen, daß er besser sei als die
Gesellschaft, in der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch
den stürmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfürstlichen und
königlichen Jägern, Justizleuten und den fremdländischen Kriegsmännern
mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am
wenigsten in das Ding zu finden wußte und seinen Tränen den freiesten Lauf
ließ. Leider hatte man aber ihm auch die Hände am festesten auf dem Buckel
zusammenschnürt.