Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 7 von 14

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Die Innerste

Fünftes Kapitel.

 

Kerl,“ sagte der Korporal Jochen Brand, „nun sage mir mal, was das mit dir ist?

Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit meinem Arm ruhig

bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus, wie dir’s ums Herz ist; es

deucht mir, die Marschroute sei mir nur deshalb so vorgeschrieben worden, um

dir die Beichte zu hören, als ob ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als

ein Hildesheimscher Kanonikus.“

„O Jochen!“ seufzte der junge Müller.

„Als ein Hildesheimscher Kanonikus! Kerl, wenn es auf die Kanonen

ankommt, so hast du die auch oft genug singen hören im freien Felde und hinter

Wall und Schanze — schäme dich, die Ohren hinter der Front und gar in solch

einem Quartier wie dieses also hängen zu lassen. Und deine gesunden

Gliedmaßen hast du gleichfalls nach Hause mitgebracht, und freien sollst du das

properste Mädchen im Lande — Himmeldonner, Kamerad, setze mich an deinen

Platz und sieh dir dann das Gesichte an, was ich dann machen werde! Aber so

ist’s, das Gute auf Erden wird immer an die Unrechten weggeworfen; wenn nicht

dann und wann so ein Richtiger das Pläsier hätte, so einem unverdienten

Glückspilz in seiner Fortun’ beizuspringen und mit Trost aufzurichten, so wär’ es

gar nicht länger auszuhalten in der Welt. Das hätt’ kein Lutherscher und

päpstlicher Pfaff besser gesagt: also heraus damit, Bodenhagen, wo fehlt’s Ihm?

Wo kann der einarmige Invalide Jochen Brand aus Grund seinen Trosthebel

ansetzen?“

Der melancholische junge Müller sah nach der Mühle hin; dann von neuem

auf den Weg nach Groß-Förste, und dann faßte er den Kriegskameraden am

heilen linken Arm und fragte leise:

„Sieht Er’s mir wirklich auch nicht mehr an, daß sie mich hier rundherum auf

drei Meilen Weges den tollen Bodenhagen nannten, Korporal?“

„Ne!“ sprach der Korporal, ohne sich nur den kürzesten Augenblick auf die

Antwort zu besinnen.

„Dann will ich Ihm sagen, was schuld daran ist; das Wasser — da — das

schlechte schlimme Wasser ist schuld daran! Die Innerste ist’s! Kennt Er die

Innerste, Korporal Brand?“

Der Korporal machte seinen Arm so sacht als möglich von dem Griffe seines

Kameraden los.

„Ob ich die Innerste kenne?“ fragte er in der festen Überzeugung, daß sein

voreinstiger Zeltgenosse zu allem übrigen auch verrückt geworden sei.

„Die Innerste! das böse Wasser! die schlimme Innerste!“

„Kotz Blitz?“ schrie der andere. „Musketier Bodenhagen, treibe Er nicht

Seinen Spaß mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm

bei Minden liegt, so hab’ ich mich doch allmählich auf den linken einexerziert,

und ich weiß von Seinem Herrn Vater, daß ein spanisch Rohr immer noch seine

Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier aus dem Zaune? Rede

Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und auf ein Wort mit der

Jungfer Braut soll’s mir auch nicht ankommen.“

„Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,“ sagte Albrecht Bodenhagen. „Du

hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht gut, ohne

dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal gewesen bist, das

ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert hast als die anderen Kerle, mag

auch seine Richtigkeit haben —“

„Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man dich

unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat’s nicht viel besser

gehabt! Hab’ ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine Mutter ihr Kind?“

„Das weiß der liebe Himmel!“ ächzte der junge Müller. „Aber es mag sein,

wie’s will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir wahrhaftig nur

ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da ist doch zuletzt doch

einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige reden kannst, Bodenhagen.

Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber dein Kamerad war er doch! will Er

mich nun reden lassen oder nicht, Korporal Brand?“

Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen

Müller um den Nacken.

„Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht verlangen,

daß er Spaß verstehe, und so ist’s auch von dir nicht zu pretendieren. Sonst aber

weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen hochlöblichen Regiment nur der

Oberst ein Schnupptuch in der Tasche führte; das ganze übrige Korps, Offiziere,

Unteroffiziere, Trommler, Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams

Art: also daß ich ein Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe,

kannst du beim Satan nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen

Luft! wo steckt’s? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das

Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?“

„Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,“ flüsterte der Müller, „war ich

droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist’s mir nicht damit gewesen. In die lustige

weite Welt wollt’ ich, und so bin ich hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal.

Kennst du die Buschmühle zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen

Brand?“

Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen, verständnisvollen

Pfiff.

„Hui — die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch? Alle

Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich zurückfragen,

ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?“

Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause blickend,

und der Korporal fuhr fort:

„Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten genug,

als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen, als sich um ihr

Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im Felde; aber vor sechs

Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und Doris Radebrecker war ein

sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich aus dem Forst am Hübichenstein

und legten mir statt der Jägerbüchse des Königs in Preußen Kommißflinte auf,

sie hätten mich vielleicht noch bequemlicher in der Buschmühle gefunden.“

„Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb Jahren,

und damals war die Innerste, die Doris wollt’ ich sagen, so zwischen Neunzehn

und Zwanzig.“

„Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?“

murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein wenig

grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:

„Nur weiter, du Armsündergesichte!“

„Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich in den

Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was vorlöge. Aber

gelogen hab’ ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist, Korporal; unter dem

Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen geraten, Korporal Brand; aber

in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie ich in den Krieg gekommen bin,

davon weiß Doris Radebrecker in aller Welt am besten auszusagen.“

„Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen

und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,“ sprach der einarmige

Invalide mürrisch. „Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der

Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß

sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält zu

seinem eigenen Besten.“

„Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!“ flüsterte Albrecht

Bodenhagen angsthaft. „Bei unserer Kameradschaft in Not und Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt — und ich weiß es ja, daß du jetzo es nicht lassen

kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede nicht von mir. Da kommt die

Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin versprochen worden mit dem Lieschen

von Papenbergs Hofe, und zu Ostern ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der

Doris, ich läge bei Bergen vor der Stadt Frankfurt mit den anderen —

sechshundert in einer Grube! Sag ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu

Hameln auf Fort George Spießruten laufen sehen — sag ihr, ich sei verendet mit

einer zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr,

du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall —“

„Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; — o Kamerad,

wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden

Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an.

Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht gegen

den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem Flintenkolben zum

Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen, daß die Innerste dann

und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges für ihren Hunger verlange.

Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von Groß-Förste an, und jetzo will ich

Seinen jetzigen Schatz mit meinen Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und

Ihm dann meine letzte Meinung gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich

darauf; ehe ich hier aus meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine

Meinung sagen, grad als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber

hätte es denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe

Doris — Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu

vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben. Wie

wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen Fittich!

Mordieu, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund sitzen hätte, so

wär’s freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder hinterm Hamelnschen Wall

seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.“

In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen Erlen

und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die Verwandtschaft

suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die junge hübsche Braut,

das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand mit einem Male auf jenem

Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der heimkehrende verlorene Sohn

saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht bekamen. Sie stand lachend und hell

unter dem grauen Himmel vor dem schmutzig schleichenden Wasser und winkte:

„Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!“

„Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun

kann, Musketier Bodenhagen,“ sagte der Korporal, höflich den Hut vor der

lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein fröhlicher Schein

von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben Februartage; die

Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche Bildnis wieder, sie kroch

schlammig und heimtückisch hin, mürbe, schmutzige schwarze Eisstücke

treibend. Und plötzlich regte sich der Stamm, auf welchem die junge Braut

stand. Fort und fort hatte die Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen

ihren Spiegel, und sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf

noch vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem

hinab und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten

einen Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem

Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.

„Da hättest du mich beinahe aus der Innerste auffischen müssen! Weshalb

holtest du mich auch nicht herüber, Albrecht?“ rief die junge Braut schmollend.

„Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg!“ sagte der Korporal Brand,

und der junge Müller sagte:

„Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen

Ferdinand, Vater Papenberg. Er heißt Jochen Brand und ist aus der Bergstadt

Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol’ ich morgen mit dem Frühesten aufs

Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen in die Versuchung

führen. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen uns einen pläsierlichen Tag

machen.“

Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte die alte

Mühle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian legte ein

Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres Sohnes Geburt

nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.

Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrötiger grober Bauersmann

und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so fein und zutunlich

wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner Tonpfeife der Stuben-

und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es war ein jeglicher auf seinem

Schick, und weder unter den Vettern noch unter den Basen ging das Wort aus,

wenn auch der Witz dann und wann nicht allzu hell durch die Unterhaltung

glänzte.

Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darüber zu diskurrieren; der

alte Fritz und sämtliche Völkerschaften Europas sorgten dafür.

Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen

Brand, an seiner Stelle. Sie hörten ihm mit Erstaunen zu, und was er sagte, war

auch meistens höchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in welchem er nicht

mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hörte, so verwunderte man sich nur,

daß er heute hier in der Mühle an der Innerste am Tische sitze und nicht in einer der beiden großen Staatsmühlen zu Berlin oder Wien am Trichter oder

Beutelkasten; und daß ihn der französische König und seine Hauptstaatsdame,

die Madame Pompadour, nicht auch schon längst nach Versailles geholt hatten,

das war gleicherweise unbegreiflich.

Im Winkel hinter dem Ofen saß aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie sprachen

am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten, vernahmen, das ist auch

die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und so verschwand, als nun gar

noch die Dämmerung dazu kam, das Brautpaar in seinem Winkel fast vollständig

aus dem Gesichte der Verwandtschaft.

Weidlich aß und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging

stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe angezündet

auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, daß man den Docht mit dem an

dem Kettchen hängenden Drahthaken soweit als möglich hervorzog; sie gab

wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen Tabaksdampf her, aber die

Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte wenig bedeuten. Doch aber hatte das

rote Pünktchen in dem Nebel eine andere Wirkung: das Gespräch kam von Krieg

und Kriegsnot auf das, was dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als

wie Kometen, Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewölk, greuliche

Veränderungen an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wußte und

solches erlebt hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor

dem Angang des ersten und des zweiten schlesischen. Wußte doch sogar ein

Altvater noch von den Wundern zu erzählen, die sich zur Zeit des vorigen

französischen Königs im spanischen Sukzessionskriege und vor der Schlacht bei

Belgrad ereignet hatten.

Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher für sein eigen Leben

und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage gesehen

und gehört hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:

„Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser

Mühle gesessen, um davon nachsagen zu können.“

Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als horche

jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die Innerste lauter

als sonst durch die Nacht.

Die Mienen des alten Müllers hatten sich mit einem Male wieder verfinstert.

„Wenn es Ihm recht ist, Gevatter,“ sagte er, „so lasse Er das auf sich beruhen.

Ich bin im Frieden mit meinem Mühlwasser und will darin bleiben. Wir sind

manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste und ich, und es

verdrießt mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken will.“

„Nun, nun, Gevatter Bodenhagen,“ sagte ein anderer, „manchen Possen hat sie

dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen und Äckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab’ ich sie freilich nicht hören, und

unter den hannoverschen Herrschaften, die im Sommer zu uns am Sonntage aufs

Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer, ein Hofrat und grausam gelehrter

Professor aus Göttingen gewesen, der hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn

—“

Ein Faustschlag des alten Müllers auf den Tisch und ein zorniger Blick auf

den Redner schlossen dem letzteren den Mund.

„Wer die Innerste nicht hat schreien hören, der soll Gott danken!“ sprach der

Meister Bodenhagen. „Und jetzt ist’s zu Ende mit dem Geschwätz darüber,“

fügte er hinzu.

Es war aber noch nicht zu Ende; dafür war der Korporal Jochen Brand als

vielerfahrener Gast in der Mühle an diesem Abend vorhanden.

„Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch

verschworen, daß man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen könne, daß er

nie wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man müsse einen kupfernen Kessel auf

den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber hinein in den Born

schütten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat habe vor alten Zeiten ein

reicher Graf so einmal einen großen Fluß zum Absterben gebracht, weil sein

Töchterlein hineingefallen und vertrunken sei. Wem also die Innerste nicht

gefällt, der mag morgen mit mir an ihr hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im

Harz und das Mittel probieren. Dem Müller hier wär’ freilich trotz allem wenig

damit gedient, wenn ihm plötzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in

der Ecke, Kamerad, da müßte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans

Spinnrad setzen, wenn dir so zwischen heut und morgen das Mühlrad stecken

bliebe. Nicht wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien,

so viel sie will?“

Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.

„O ja!“ rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang

dazwischen, und der junge Müller sagte mürrisch:

„Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers.

Laß es laufen, wie es will! Hier den Krug bring’ ich dir, Jochen; tu Bescheid und

sag uns einen feinen Spruch dazu.“

„Das ist das Richtige!“ rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und der

Korporal ließ sich nicht lange nötigen. Er erhob sich, legte seinen leeren Ärmel

auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weißen Tulipane auf blauem

Grunde in der heilen Linken.

„So tu’ ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen anwesenden

hochlöblichen Kumpanei:

 

Vivat, der König Fritze soll leben

Und die Jungfer Liese auch daneben;

Und flöss’ die Innerste voll rotem Wein,

Sollt’ sie nach mir nicht lange schrein.

Was aber ein gut Wasser ist,

Sich immerdar bergab ergießt,

Und bis dieser Bach zurücke wird gehn,

Soll immer hier das Rad sich drehn.

Nun höret mich an, ihr lieben Leute,

Prinz Ferdinand soll leben heute;

Und wird die Braut erst Frau genannt,

Rückt ein zur Taufe Jochen Brand!“

 

Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte, konnte er

selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht weiter.

Der alte Müller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand,

behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt sich

mit beiden Händen am Tische und tat einen Ruck an demselben, daß die Krüge

und Gläser auf ihm erklirrten und übereinander fielen. Er stand auf den Füßen,

aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum kreischten auf, und die alte

Müllerin faßte zitternd den Arm ihres Mannes:

„Jesus Christus, Bodenhagen?!“

„Still!“ flüsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, während welcher

man nichts hörte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des am Ofen

schlafenden Hundes und das Rauschen des Mühlwassers draußen, sagte er

feierlich mit einem gewissen ängstlichen Grimm in der Stimme:

„Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen

Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf

Euren Göttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehört?!“