Die Innerste
Fünftes Kapitel.
Kerl,“ sagte der Korporal Jochen Brand, „nun sage mir mal, was das mit dir ist?
Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit meinem Arm ruhig
bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus, wie dir’s ums Herz ist; es
deucht mir, die Marschroute sei mir nur deshalb so vorgeschrieben worden, um
dir die Beichte zu hören, als ob ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als
ein Hildesheimscher Kanonikus.“
„O Jochen!“ seufzte der junge Müller.
„Als ein Hildesheimscher Kanonikus! Kerl, wenn es auf die Kanonen
ankommt, so hast du die auch oft genug singen hören im freien Felde und hinter
Wall und Schanze — schäme dich, die Ohren hinter der Front und gar in solch
einem Quartier wie dieses also hängen zu lassen. Und deine gesunden
Gliedmaßen hast du gleichfalls nach Hause mitgebracht, und freien sollst du das
properste Mädchen im Lande — Himmeldonner, Kamerad, setze mich an deinen
Platz und sieh dir dann das Gesichte an, was ich dann machen werde! Aber so
ist’s, das Gute auf Erden wird immer an die Unrechten weggeworfen; wenn nicht
dann und wann so ein Richtiger das Pläsier hätte, so einem unverdienten
Glückspilz in seiner Fortun’ beizuspringen und mit Trost aufzurichten, so wär’ es
gar nicht länger auszuhalten in der Welt. Das hätt’ kein Lutherscher und
päpstlicher Pfaff besser gesagt: also heraus damit, Bodenhagen, wo fehlt’s Ihm?
Wo kann der einarmige Invalide Jochen Brand aus Grund seinen Trosthebel
ansetzen?“
Der melancholische junge Müller sah nach der Mühle hin; dann von neuem
auf den Weg nach Groß-Förste, und dann faßte er den Kriegskameraden am
heilen linken Arm und fragte leise:
„Sieht Er’s mir wirklich auch nicht mehr an, daß sie mich hier rundherum auf
drei Meilen Weges den tollen Bodenhagen nannten, Korporal?“
„Ne!“ sprach der Korporal, ohne sich nur den kürzesten Augenblick auf die
Antwort zu besinnen.
„Dann will ich Ihm sagen, was schuld daran ist; das Wasser — da — das
schlechte schlimme Wasser ist schuld daran! Die Innerste ist’s! Kennt Er die
Innerste, Korporal Brand?“
Der Korporal machte seinen Arm so sacht als möglich von dem Griffe seines
Kameraden los.
„Ob ich die Innerste kenne?“ fragte er in der festen Überzeugung, daß sein
voreinstiger Zeltgenosse zu allem übrigen auch verrückt geworden sei.
„Die Innerste! das böse Wasser! die schlimme Innerste!“
„Kotz Blitz?“ schrie der andere. „Musketier Bodenhagen, treibe Er nicht
Seinen Spaß mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm
bei Minden liegt, so hab’ ich mich doch allmählich auf den linken einexerziert,
und ich weiß von Seinem Herrn Vater, daß ein spanisch Rohr immer noch seine
Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier aus dem Zaune? Rede
Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und auf ein Wort mit der
Jungfer Braut soll’s mir auch nicht ankommen.“
„Nimm du endlich Vernunft an, Jochen,“ sagte Albrecht Bodenhagen. „Du
hast jetzt dein Vergnügen an mir lange genug gehabt und kannst recht gut, ohne
dir was zu vergeben, das Maul halten. Daß du mein Korporal gewesen bist, das
ist richtig; daß du mich nicht schlimmer traktiert hast als die anderen Kerle, mag
auch seine Richtigkeit haben —“
„Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man dich
unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Küstrin hat’s nicht viel besser
gehabt! Hab’ ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine Mutter ihr Kind?“
„Das weiß der liebe Himmel!“ ächzte der junge Müller. „Aber es mag sein,
wie’s will, als du mir heut morgen in die Stube rücktest, ist es mir wahrhaftig nur
ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da ist doch zuletzt doch
einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige reden kannst, Bodenhagen.
Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber dein Kamerad war er doch! will Er
mich nun reden lassen oder nicht, Korporal Brand?“
Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen
Müller um den Nacken.
„Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht verlangen,
daß er Spaß verstehe, und so ist’s auch von dir nicht zu pretendieren. Sonst aber
weißt du wohl noch, daß in unserem ganzen hochlöblichen Regiment nur der
Oberst ein Schnupptuch in der Tasche führte; das ganze übrige Korps, Offiziere,
Unteroffiziere, Trommler, Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams
Art: also daß ich ein Taschentuch der Rührung wegen an die Augen bringe,
kannst du beim Satan nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen
Luft! wo steckt’s? wo quält dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das
Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?“
„Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen,“ flüsterte der Müller, „war ich
droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat Fridericus über den Bach zugeschrien; aber Ernst ist’s mir nicht damit gewesen. In die lustige
weite Welt wollt’ ich, und so bin ich hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal.
Kennst du die Buschmühle zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen
Brand?“
Der Einarm trat einen Schritt zurück und tat einen langen, verständnisvollen
Pfiff.
„Hui — die Radebreckers Mühle! Da also liegen die Kroaten im Busch? Alle
Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da möchte ich wirklich zurückfragen,
ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmühle weiß?“
Der Müller nickte, über die Schulter scheu nach seines Vaters Hause blickend,
und der Korporal fuhr fort:
„Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten genug,
als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen, als sich um ihr
Mühlenwerk zu kümmern. Seit sechs Jahren stehe ich im Felde; aber vor sechs
Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und Doris Radebrecker war ein
sechzehnjährig Ding. Die Werber holten mich aus dem Forst am Hübichenstein
und legten mir statt der Jägerbüchse des Königs in Preußen Kommißflinte auf,
sie hätten mich vielleicht noch bequemlicher in der Buschmühle gefunden.“
„Mich faßte dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb Jahren,
und damals war die Innerste, die Doris wollt’ ich sagen, so zwischen Neunzehn
und Zwanzig.“
„Wem möchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?“
murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein wenig
grimmig, und rief, seinen leeren Ärmel schüttelnd:
„Nur weiter, du Armsündergesichte!“
„Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, daß ich in den
Krieg ziehe, da meinte ich für ganz gewiß, daß ich ihm was vorlöge. Aber
gelogen hab’ ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist, Korporal; unter dem
Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen geraten, Korporal Brand; aber
in der Buschmühle bin ich bekannt, und wie ich in den Krieg gekommen bin,
davon weiß Doris Radebrecker in aller Welt am besten auszusagen.“
„Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen
und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht,“ sprach der einarmige
Invalide mürrisch. „Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der
Sägemühle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der weiß
sein übrig Leben davon zu erzählen, wenn er nicht lieber den Mund hält zu
seinem eigenen Besten.“
„Laß sie nicht wissen, daß ich wieder zu Hause sitze!“ flüsterte Albrecht
Bodenhagen angsthaft. „Bei unserer Kameradschaft in Not und Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mußt — und ich weiß es ja, daß du jetzo es nicht lassen
kannst, und wenn der Strick drauf stünde, rede nicht von mir. Da kommt die
Verwandtschaft aus Groß-Förste; ich bin versprochen worden mit dem Lieschen
von Papenbergs Hofe, und zu Ostern ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der
Doris, ich läge bei Bergen vor der Stadt Frankfurt mit den anderen —
sechshundert in einer Grube! Sag ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu
Hameln auf Fort George Spießruten laufen sehen — sag ihr, ich sei verendet mit
einer zerbissenen Bleikugel zwischen den Zähnen unter den Haselruten. Sag ihr,
du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall —“
„Lüg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; — o Kamerad,
wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, daß sie dich hier den wilden
Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an.
Jetzo weiß ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affäre meine Pflicht gegen
den König von Preußen war, dich im Feuer stets mit dem Flintenkolben zum
Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen, daß die Innerste dann
und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges für ihren Hunger verlange.
Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von Groß-Förste an, und jetzo will ich
Seinen jetzigen Schatz mit meinen Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und
Ihm dann meine letzte Meinung gewißlich nicht vorenthalten. Verlaß Er sich
darauf; ehe ich hier aus meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine
Meinung sagen, grad als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber
hätte es denken können, daß beim ersten Ausrücken aus dem Spital die liebe
Doris — Doris Radebrecker wieder die erste sein würde, mir das Lachen zu
vertreiben und von vornherein den Spaß am ewigen Urlaub zu verderben. Wie
wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen Fittich!
Mordieu, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund sitzen hätte, so
wär’s freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder hinterm Hamelnschen Wall
seine fünf Fuß tief unterm Erdboden zu liegen.“
In diesem Moment hörte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen Erlen
und Weiden im Gebüsch ein hell und lustig Mädchenlachen. Die Verwandtschaft
suchte sedate ihren Weg über den Mühlensteg; doch die junge hübsche Braut,
das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand mit einem Male auf jenem
Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der heimkehrende verlorene Sohn
saß, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht bekamen. Sie stand lachend und hell
unter dem grauen Himmel vor dem schmutzig schleichenden Wasser und winkte:
„Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol über, hol über!“
„Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun
kann, Musketier Bodenhagen,“ sagte der Korporal, höflich den Hut vor der
lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mädchen, und es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein fröhlicher Schein
von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trüben Februartage; die
Innerste aber spiegelte nicht das hübsche, zierliche Bildnis wieder, sie kroch
schlammig und heimtückisch hin, mürbe, schmutzige schwarze Eisstücke
treibend. Und plötzlich regte sich der Stamm, auf welchem die junge Braut
stand. Fort und fort hatte die Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen
ihren Spiegel, und sie verschlang ihn jetzt, daß nur der allerletzte Wurzelstumpf
noch vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mädchen von diesem
hinab und stand auf festem Boden; auch die beiden Männer am Zaun hatten
einen Angstruf ausgestoßen und eilten rasch durch den Garten nach dem
Mühlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.
„Da hättest du mich beinahe aus der Innerste auffischen müssen! Weshalb
holtest du mich auch nicht herüber, Albrecht?“ rief die junge Braut schmollend.
„Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg!“ sagte der Korporal Brand,
und der junge Müller sagte:
„Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen
Ferdinand, Vater Papenberg. Er heißt Jochen Brand und ist aus der Bergstadt
Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol’ ich morgen mit dem Frühesten aufs
Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen in die Versuchung
führen. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen uns einen pläsierlichen Tag
machen.“
Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte die alte
Mühle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian legte ein
Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres Sohnes Geburt
nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.
Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrötiger grober Bauersmann
und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so fein und zutunlich
wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner Tonpfeife der Stuben-
und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es war ein jeglicher auf seinem
Schick, und weder unter den Vettern noch unter den Basen ging das Wort aus,
wenn auch der Witz dann und wann nicht allzu hell durch die Unterhaltung
glänzte.
Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darüber zu diskurrieren; der
alte Fritz und sämtliche Völkerschaften Europas sorgten dafür.
Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen
Brand, an seiner Stelle. Sie hörten ihm mit Erstaunen zu, und was er sagte, war
auch meistens höchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in welchem er nicht
mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hörte, so verwunderte man sich nur,
daß er heute hier in der Mühle an der Innerste am Tische sitze und nicht in einer der beiden großen Staatsmühlen zu Berlin oder Wien am Trichter oder
Beutelkasten; und daß ihn der französische König und seine Hauptstaatsdame,
die Madame Pompadour, nicht auch schon längst nach Versailles geholt hatten,
das war gleicherweise unbegreiflich.
Im Winkel hinter dem Ofen saß aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie sprachen
am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten, vernahmen, das ist auch
die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und so verschwand, als nun gar
noch die Dämmerung dazu kam, das Brautpaar in seinem Winkel fast vollständig
aus dem Gesichte der Verwandtschaft.
Weidlich aß und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging
stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe angezündet
auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, daß man den Docht mit dem an
dem Kettchen hängenden Drahthaken soweit als möglich hervorzog; sie gab
wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen Tabaksdampf her, aber die
Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte wenig bedeuten. Doch aber hatte das
rote Pünktchen in dem Nebel eine andere Wirkung: das Gespräch kam von Krieg
und Kriegsnot auf das, was dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als
wie Kometen, Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewölk, greuliche
Veränderungen an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wußte und
solches erlebt hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor
dem Angang des ersten und des zweiten schlesischen. Wußte doch sogar ein
Altvater noch von den Wundern zu erzählen, die sich zur Zeit des vorigen
französischen Königs im spanischen Sukzessionskriege und vor der Schlacht bei
Belgrad ereignet hatten.
Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher für sein eigen Leben
und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage gesehen
und gehört hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:
„Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser
Mühle gesessen, um davon nachsagen zu können.“
Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als horche
jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die Innerste lauter
als sonst durch die Nacht.
Die Mienen des alten Müllers hatten sich mit einem Male wieder verfinstert.
„Wenn es Ihm recht ist, Gevatter,“ sagte er, „so lasse Er das auf sich beruhen.
Ich bin im Frieden mit meinem Mühlwasser und will darin bleiben. Wir sind
manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste und ich, und es
verdrießt mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken will.“
„Nun, nun, Gevatter Bodenhagen,“ sagte ein anderer, „manchen Possen hat sie
dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen und Äckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab’ ich sie freilich nicht hören, und
unter den hannoverschen Herrschaften, die im Sommer zu uns am Sonntage aufs
Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer, ein Hofrat und grausam gelehrter
Professor aus Göttingen gewesen, der hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn
—“
Ein Faustschlag des alten Müllers auf den Tisch und ein zorniger Blick auf
den Redner schlossen dem letzteren den Mund.
„Wer die Innerste nicht hat schreien hören, der soll Gott danken!“ sprach der
Meister Bodenhagen. „Und jetzt ist’s zu Ende mit dem Geschwätz darüber,“
fügte er hinzu.
Es war aber noch nicht zu Ende; dafür war der Korporal Jochen Brand als
vielerfahrener Gast in der Mühle an diesem Abend vorhanden.
„Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch
verschworen, daß man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen könne, daß er
nie wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man müsse einen kupfernen Kessel auf
den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber hinein in den Born
schütten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat habe vor alten Zeiten ein
reicher Graf so einmal einen großen Fluß zum Absterben gebracht, weil sein
Töchterlein hineingefallen und vertrunken sei. Wem also die Innerste nicht
gefällt, der mag morgen mit mir an ihr hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im
Harz und das Mittel probieren. Dem Müller hier wär’ freilich trotz allem wenig
damit gedient, wenn ihm plötzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in
der Ecke, Kamerad, da müßte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans
Spinnrad setzen, wenn dir so zwischen heut und morgen das Mühlrad stecken
bliebe. Nicht wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien,
so viel sie will?“
Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.
„O ja!“ rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang
dazwischen, und der junge Müller sagte mürrisch:
„Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers.
Laß es laufen, wie es will! Hier den Krug bring’ ich dir, Jochen; tu Bescheid und
sag uns einen feinen Spruch dazu.“
„Das ist das Richtige!“ rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und der
Korporal ließ sich nicht lange nötigen. Er erhob sich, legte seinen leeren Ärmel
auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weißen Tulipane auf blauem
Grunde in der heilen Linken.
„So tu’ ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen anwesenden
hochlöblichen Kumpanei:
Vivat, der König Fritze soll leben
Und die Jungfer Liese auch daneben;
Und flöss’ die Innerste voll rotem Wein,
Sollt’ sie nach mir nicht lange schrein.
Was aber ein gut Wasser ist,
Sich immerdar bergab ergießt,
Und bis dieser Bach zurücke wird gehn,
Soll immer hier das Rad sich drehn.
Nun höret mich an, ihr lieben Leute,
Prinz Ferdinand soll leben heute;
Und wird die Braut erst Frau genannt,
Rückt ein zur Taufe Jochen Brand!“
Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte, konnte er
selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht weiter.
Der alte Müller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand,
behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt sich
mit beiden Händen am Tische und tat einen Ruck an demselben, daß die Krüge
und Gläser auf ihm erklirrten und übereinander fielen. Er stand auf den Füßen,
aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum kreischten auf, und die alte
Müllerin faßte zitternd den Arm ihres Mannes:
„Jesus Christus, Bodenhagen?!“
„Still!“ flüsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, während welcher
man nichts hörte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des am Ofen
schlafenden Hundes und das Rauschen des Mühlwassers draußen, sagte er
feierlich mit einem gewissen ängstlichen Grimm in der Stimme:
„Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen
Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf
Euren Göttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehört?!“