Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 11 von 14

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Die Innerste

Neuntes Kapitel.

 

Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der wilde Harz. Er ist

seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert

worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur — Wald und Wasser

betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so

haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter

geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.

Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste

aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Lautenthal

führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser

schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der

Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit

gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels

hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der

Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brot

gesucht.

Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales

gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer

ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen.

Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von

Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht

reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters

Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.

Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und

Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und

Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt

durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte

Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht.

Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im

wilden Walde — vor der Bluttat und nach derselbigen — ein Lied von Blut und

Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen

und Rad — seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine

Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz

zurück.

’s ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste, oberhalb

Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt.

Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er

trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um

ein Beträchtliches schäbiger geworden; — sie scheinen in der Bergstadt Grund

sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der

Menage muß es auch nicht weit hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der

Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel

sind die munterste Farbe an ihm.

Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den

alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur

noch einen der Messingknöpfe mit dem F. R. — Fridericus Rex —

aufzuweisen hat — der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf

der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.

Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und

stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei

mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich

durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten

sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in

seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung

würdig ist.

Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen

Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als

die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den

entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn’s sich so verhielt, so

war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast

fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches

Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit

dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte

niemand wissen, aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und

Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt

trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein

Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen,

obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die

anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden,

wunderten sie sich gar noch.

Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im

Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem

zahnlosen Munde und kicherte:

„He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer

nicht lassen; — da ist Er ja wieder! — Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen

allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen.

Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist

immer noch, wie’s in dem Buche steht: ‚Wohl dem, der Freude an seinen

Kindern erlebt.‘“

Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß

jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen

Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie das

folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann auch nach

der Richtung.

„Guten Tag, Vater Radebrecker,“ sagte der Einarm, militärisch grüßend.

„Guten Tag, mein Söhnchen,“ entgegnete der alte Meister. „Der Herr segne

deinen Eingang und — Ausgang.“

„Hm,“ meinte der Soldat, „kann Er’s denn gar nicht lassen, Er alter Sünder?

Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen, der immer noch

geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn je. Will Er denn absolut

Pastor in der Hölle werden und von einer glühenden Kanzel den armen

verlorenen Seelen Geduld predigen, Radebrecker?“

„Hm, — jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden

gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem Menschen

zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.“

„Man sollt’s doch nicht für möglich halten!“ brummte der Invalide mit einem

Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit einem

gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das Gespräch auf

etwas anderes.

Er sagte mit einigem Zögern:

„Da Er’s doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach’ ich’s kurz:

der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär’s auch nur, um mich von ihr

malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom Profossen. Wie

geht’s der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?“

„Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche Stimme. Es

ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den Wald hineinsingen

zu hören.“

Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber

legte die Hand hinters Ohr.

„Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer

schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?“

„Ich sage auch, daß die Innerste — die Doris eine feine Stimme hat und sie

weit hinausschickt!“ schrie der Korporal Jochen Brand. „Ich bin nicht der erste,

der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und den sie hergesungen hat

nach dieser verdammten, gottverfluchten Räuberhöhle. Und an Boten für ihre

Wege fehlt’s ihr auch nicht; wenn nur der Botenlohn danach wäre!“

„Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal, daß

Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am Tische hat für

jedermann, von dem man zu Hause — nichts wissen will, und wenn er noch so

glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist das köstlichste Ding auf

Erden und ein gut Gewissen —“

„Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und

verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt in der

Stube?“

„Wie’s Täubchen im Neste; — und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn

gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh’ Er nur hinein; ich habe noch hier

draußen zu schaffen und komme nach.“

„Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister

Radebrecker!“ seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und stiefelte

mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der Alte schlich

sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte vergnüglich in sich

hinein.

Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:

„ Bon jour, mademoiselle!“

„He?“ fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.

„Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein’ ich. Wir haben manchen

Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und was

den Damens sonst gefällt.“

„Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,“ sagte die Jungfer

Radebrecker. „Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit vom

Ofen locken kann, so hab’ ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad. Bringt Er

mir sonst was mit, so komm’ Er herein, Jochen, sonst aber bleibe Er draußen.“

Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube vor. Die

Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und Fels sahen herein.

Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres Holzschemels sich legend und

aß mit einem blutigen Messer in der Hand ein Stück Brot. Das Messer hatte sie

aus der Küche mitgebracht, und wenn die kurfürstlich hannöverschen Förster

nachgesucht hätten, so würden sie auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote Lebenstropfen an der Klinge hingen.

„Sakerment,“ murmelte der Invalide, „am besten paßte sie doch zwischen

Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der Schulter

und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen im Notfalle

unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns eingibt, daß wir ihr

immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?“

Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit

einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.

„Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen? Aber

— ganz wie es Ihm beliebt.“

Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz, warf

seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:

„Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl kennen

mögen.“

„Weshalb?“

„Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan und

die alte und die junge Hexe. So ist’s, Jungfer Radebrecker, nehme Sie es mir

nicht vor ungut.“

Das Mädchen lachte wiederum, — ganz und gar nicht beleidigt:

„Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der

Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird

schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer

die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein

Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?“

Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast

grimmig ins Gesicht und antwortete:

„Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh’ ich doch nicht wieder

für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest

auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf

gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem

andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris,

wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du

wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er

ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist’s

nicht aus eigenem Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden.

Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die

Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es

verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die

Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen; — sie haben Vater und

Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege

halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst an den Tisch gesetzt, und du —

sitzest hier oben wie eine wilde Königin — keine zahme hat’s mehr nach ihrem

Wunsche.“

„So?!“ sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand,

mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

„Ja! so! — Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei gewesen, als

der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das

Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden

hat —“

„So?!“

„Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon

nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und letzten Mal, Jungfer

Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo

es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit

ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich

eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank

ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn

ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh

gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten

Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie

ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr

nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste

sich nimmt, wenn’s hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen

und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und

die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und

habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem

Feld liegt mein rechter Arm, und — so spreche ich heute in der Buschmühle. Ich

weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie

auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert

sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut

und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die

Österreicher, der Tottleben und der Lascy; — wer sich da als ein ehrlicher braver

Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich

überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.“

Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen

Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin- und

hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den

Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm

ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

„Er ist ein guter Kamerad, Jochen,“ sagte sie, „und Er hat ein gutes Wort

gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen?

Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das

Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast’s eben noch selber gesagt. Hier in

der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie

ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin,

so kann ich’s nicht ändern —“

„Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,“ brummte der Korporal, „du

weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst.

Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da

unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!“

Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz

war.

„Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem

armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen

spielte, hab’ ich’s. Was weißt du von mir und ihm? — Er hat mehr gekriegt als

ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben,

guten Weibe machen können! und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller

von Sarstedt, und ihr — ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!“

Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen

Erstaunen — mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die

Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des

Buschmüllers.