Die Innerste
Neuntes Kapitel.
Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der wilde Harz. Er ist
seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die Innerste reguliert
worden sind. Was wir erzählen, gilt, sofern es die Natur — Wald und Wasser
betrifft, nur von der Mitte des 18. Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so
haben die sich weniger verändert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter
geworden sind und anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.
Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste
aufwärts bis in das Revier der drei Bergstädte Grund, Wildemann und Lautenthal
führt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt, wie der Leser
schon weiß, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers Mühle an der
Innerste; vordem, als die Räder sich noch drehten, eine Sägemühle mit
gefräßigen Zähnen; aber die Räder stehen seit Jahren still, und der vom Fels
hinter der Mühle sich abstürzende Bach findet allhier keine Arbeit mehr. Der
Buschmüller hat dieses Geschäft längst aufgegeben und sich ein ander Brot
gesucht.
Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des Tales
gedrückt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in ihrer
ganzen Wildheit sehen wollte, der mußte sie hier in der Wildnis aufsuchen.
Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Hüttenwerken von
Wildemann; daß es über mehr als drei Steine läuft, hilft ihm nichts, es wird nicht
reiner dadurch, und wütend springt es vom Stein hinter dem Hause des Meisters
Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten, trümmerhaften Rade.
Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mühle, und Stimme und
Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und
Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und zischt
durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stämme; aber das alte
Harzschützenlied aus den Kriegen des vorigen Säkulums übertönt er doch nicht.
Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshöhle am Feuer in der Winternacht, im
wilden Walde — vor der Bluttat und nach derselbigen — ein Lied von Blut und
Feuer, vom schnellen, tückischen Überfall aus dem Busch, ein Lied von Galgen
und Rad — seltsam zu hören aus einem Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine
Männerstimme den Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gesätz
zurück.
’s ist der Kriegskamerad des neuen Müllers da unten an der Innerste, oberhalb
Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den Wald kommt.
Er trägt noch immer den militärischen Dreimaster schräg aufs Ohr gedrückt, er
trägt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug; aber Hut und Rock sind um
ein Beträchtliches schäbiger geworden; — sie scheinen in der Bergstadt Grund
sich nicht viel aus dem tapferen Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der
Menage muß es auch nicht weit hergewesen sein. Wohlgefüttert sieht der
Korporal nicht aus, und die schmutzig-roten Aufschläge an Kragen und Ärmel
sind die munterste Farbe an ihm.
Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu den
alten Fechterkunststücken; es scheint ihn wenig zu kümmern, daß die Jacke nur
noch einen der Messingknöpfe mit dem F. R. — Fridericus Rex —
aufzuweisen hat — der Knopf genügt immer noch, den leeren rechten Ärmel auf
der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.
Er kam den Berghang herunter aus der Dämmerung des Waldes hervor und
stieß einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mühle unter sich sah. Drei
mächtige Hunde mit Stachelhalsbändern heulten die Antwort und stürzten sich
durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber erkannten, begrüßten
sie ihn freundschaftlich, und das nämliche tat der Herr des Hauses, der jetzt in
seine Tür getreten war und unzweifelhaft einer etwas genaueren Beschreibung
würdig ist.
Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen
Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht einst als
die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war und den
entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoßen hatte. Aber wenn’s sich so verhielt, so
war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte es zu einer Höhe von fast
fünf Fuß gebracht. Für ein bescheiden Gemüte war ein ganz menschenähnliches
Individuum aus der Mandragora geworden. Ob die rauhhaarige Pudelmütze mit
dem grauen, zotteligen Köpfchen des Alten geboren worden war, konnte
niemand wissen, aber niemand erinnerte sich auch, ihn je bei Sommer und
Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe erblickt zu haben. Seitwärts geneigt
trug er das Köpfchen auf der einen Schulter und als Gegengewicht ein
Buckelchen auf der anderen. Sein Gehör war so scharf wie seine Augen,
obgleich manche Leute seltsamerweise meinten, das eine sei so schwach wie die
anderen; wenn sie dann des Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden,
wunderten sie sich gar noch.
Als der Einarm unter den letzten Bäumen hervortrat und über die Steine im
Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine Tonpfeife aus dem
zahnlosen Munde und kicherte:
„He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch immer
nicht lassen; — da ist Er ja wieder! — Es ist ein Prachtmädchen! Sie tut es ihnen
allen an, und wie sie sich auch wehren mögen, sie können nicht davon lassen.
Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem guten Kinde gesegnet, und es ist
immer noch, wie’s in dem Buche steht: ‚Wohl dem, der Freude an seinen
Kindern erlebt.‘“
Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, daß
jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen
Schreckenssprung hätte tun müssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie das
folgende Gespräch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann auch nach
der Richtung.
„Guten Tag, Vater Radebrecker,“ sagte der Einarm, militärisch grüßend.
„Guten Tag, mein Söhnchen,“ entgegnete der alte Meister. „Der Herr segne
deinen Eingang und — Ausgang.“
„Hm,“ meinte der Soldat, „kann Er’s denn gar nicht lassen, Er alter Sünder?
Weiß Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem großen Ofen, der immer noch
geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn je. Will Er denn absolut
Pastor in der Hölle werden und von einer glühenden Kanzel den armen
verlorenen Seelen Geduld predigen, Radebrecker?“
„Hm, — jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden
gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem Menschen
zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.“
„Man sollt’s doch nicht für möglich halten!“ brummte der Invalide mit einem
Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit einem
gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das Gespräch auf
etwas anderes.
Er sagte mit einigem Zögern:
„Da Er’s doch schon weiß und darüber sein Pläsier hat, so mach’ ich’s kurz:
der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wär’s auch nur, um mich von ihr
malträtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Sünder vom Profossen. Wie
geht’s der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?“
„Hört Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche Stimme. Es
ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den Wald hineinsingen
zu hören.“
Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zähnen; der greise Alraun aber
legte die Hand hinters Ohr.
„Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzenssöhnchen? Es wird immer
schlimmer mit meinem Gehör von Tag zu Tage?“
„Ich sage auch, daß die Innerste — die Doris eine feine Stimme hat und sie
weit hinausschickt!“ schrie der Korporal Jochen Brand. „Ich bin nicht der erste,
der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und den sie hergesungen hat
nach dieser verdammten, gottverfluchten Räuberhöhle. Und an Boten für ihre
Wege fehlt’s ihr auch nicht; wenn nur der Botenlohn danach wäre!“
„Ei, ei, mein Söhnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal, daß
Er zu dem Buschmüller spricht, der ein Dach und einen Platz am Tische hat für
jedermann, von dem man zu Hause — nichts wissen will, und wenn er noch so
glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist das köstlichste Ding auf
Erden und ein gut Gewissen —“
„Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich weiß alles und
verlange auch von Ihm keine Brühe an den Braten. Also die Innerste sitzt in der
Stube?“
„Wie’s Täubchen im Neste; — und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn
gleich in Grund über die Schulter ansieht. Geh’ Er nur hinein; ich habe noch hier
draußen zu schaffen und komme nach.“
„Der Zwergenkönig vom Hübichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister
Radebrecker!“ seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und stiefelte
mit gehobenen Knien wie ein Storch über die Hausschwelle. Der Alte schlich
sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte vergnüglich in sich
hinein.
Auf der Schwelle der Stubentür nahm der Korporal den Hut ab:
„ Bon jour, mademoiselle!“
„He?“ fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.
„Guten Tag, allerschönste Mademoisell, mein’ ich. Wir haben manchen
Franzmann draußen unter uns, und von denen lernt man die Höflichkeit und was
den Damens sonst gefällt.“
„Mir gefallen Seine französischen Brocken gar nicht,“ sagte die Jungfer
Radebrecker. „Wenn Er Seine Hündinnen da draußen vor den Bergen damit vom
Ofen locken kann, so hab’ ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad. Bringt Er
mir sonst was mit, so komm’ Er herein, Jochen, sonst aber bleibe Er draußen.“
Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube vor. Die
Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und Fels sahen herein.
Die rothaarige Jungfer saß faul an die Lehne ihres Holzschemels sich legend und
aß mit einem blutigen Messer in der Hand ein Stück Brot. Das Messer hatte sie
aus der Küche mitgebracht, und wenn die kurfürstlich hannöverschen Förster
nachgesucht hätten, so würden sie auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote Lebenstropfen an der Klinge hingen.
„Sakerment,“ murmelte der Invalide, „am besten paßte sie doch zwischen
Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der Schulter
und einer Blendlaterne in der Hand. Sie würde frisch aufräumen im Notfalle
unter den Blessierten. Wenn ich nur wüßte, was sie uns eingibt, daß wir ihr
immer von neuem so gutwillig ihre Säcke tragen?“
Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weißen Zähne und wies mit
einem Messer auf einen Schemel ihr gegenüber am Fenster.
„Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen? Aber
— ganz wie es Ihm beliebt.“
Schwerfällig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz, warf
seinen Hut auf den Tisch und sagte mürrisch grollend:
„Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter hätte ich auch wohl kennen
mögen.“
„Weshalb?“
„Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen hätte; den alten Satan und
die alte und die junge Hexe. So ist’s, Jungfer Radebrecker, nehme Sie es mir
nicht vor ungut.“
Das Mädchen lachte wiederum, — ganz und gar nicht beleidigt:
„Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der
Meister Hämmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoßen hat. Es wird
schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hübsch warm beisammen ist. Wer
die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt zuletzt in ein
Bündel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmühle, Jochen?“
Da beugte sich der Einarm näher zu dem Mädchen und sah ihr ernst, fast
grimmig ins Gesicht und antwortete:
„Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh’ ich doch nicht wieder
für dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust trügest, so ließest
auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch einem armen Tropf
gegenüber, der, wenn er dich gekränket hat, dazu gekommen ist, wie zu allem
andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter Mann davon zu wissen. Doris,
wäre er ein richtiger Kerl, so möchtest du deinen Groll büßen, so wild du
wolltest, und sein jung Weib müßte seine Schuld mit auf sich nehmen. Aber er
ist ein Tropf, ein Schwachherz, und wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist’s
nicht aus eigenem Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden.
Ich bin wieder in der Sarstedter Mühle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die
Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du es
verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie wie die
Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu suchen. Was du zu sehen nötig hattest, hast du im Sommer selber gesehen; — sie haben Vater und
Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem Meister Tischler einer Wiege
halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst an den Tisch gesetzt, und du —
sitzest hier oben wie eine wilde Königin — keine zahme hat’s mehr nach ihrem
Wunsche.“
„So?!“ sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal Brand,
mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:
„Ja! so! — Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei gewesen, als
der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in der Buschmühle das
Handwerk grüßen wollte; aber aus eigener Experienz weiß ich, was er gefunden
hat —“
„So?!“
„Ja, und weil ich das weiß, und obendrein auch noch, daß ihn der Colignon
nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und letzten Mal, Jungfer
Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und führe Sie nicht Krieg, wo
es nicht vonnöten ist. Ich komme auch aus dem Kriege und weiß, was es damit
ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter als ein groß Kind, und wollte Sie sich
eine Haselrute da aus dem Busch an der Innerste holen und ihn über die Bank
ziehen, so wollte ich mich Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn
ja selber mehr als einmal unter dem Prinzen Ferdinand über ein Bund Stroh
gelegt. Weil aber sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten
Kräften besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie
ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das kommt Ihr
nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der Bach, die Innerste
sich nimmt, wenn’s hier in den Bergen sich allerlei hat gefallen lassen müssen
und nun hervorbricht und den armen Bauern im Hildesheimschen die Äcker und
die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal in einem Freibataillon gewesen und
habe manches mitgemacht, was gen Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem
Feld liegt mein rechter Arm, und — so spreche ich heute in der Buschmühle. Ich
weiß wohl, daß wir nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie
auf einer Potsdamer Parade vor Seiner Majestät. Aber der König Fritz kümmert
sich heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch Blut
und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die Russen und die
Österreicher, der Tottleben und der Lascy; — wer sich da als ein ehrlicher braver
Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet in der Welt, der hat Ehre davon. Ich
überlegte es mir doch noch einmal in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.“
Die Tochter des Buschmüllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen
Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wüsten Stube hin- und
hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie dicht an den
Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die Schulter und nahm
ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.
„Er ist ein guter Kamerad, Jochen,“ sagte sie, „und Er hat ein gutes Wort
gesprochen; aber was weiß Er denn von mir und vom Albrecht Bodenhagen?
Meinen Vater kennst du, und meine Mutter hättest du kennen mögen, um das
Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast’s eben noch selber gesagt. Hier in
der Buschmühle bin ich geboren und auferzogen worden, und jetzt bin ich, wie
ich bin, und wenn ich wie das wilde Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin,
so kann ich’s nicht ändern —“
„Dann laß deine Tollheit an uns aus, Doris,“ brummte der Korporal, „du
weißt, daß wir zu Dutzenden über jeden Stock springen, den du uns vorhältst.
Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber das Kindervolk da
unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel ungeschoren lassen!“
Da stieß die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz
war.
„Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem
armen Tropf, dem Weichmaul, dem blöden Schäfer, der den tollen Bodenhagen
spielte, hab’ ich’s. Was weißt du von mir und ihm? — Er hat mehr gekriegt als
ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da hätte er mich wohl zu einem lieben,
guten Weibe machen können! und jetzo soll er die Rechnung zahlen, der Müller
von Sarstedt, und ihr — ihr sollt mich nicht umsonst die Innerste nennen!“
Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen
Erstaunen — mit offenem Munde an; aber draußen bellten von neuem die
Hunde, und allerlei Stimmen ließen sich vernehmen. Es kamen allerlei Gäste des
Buschmüllers.