Die Innerste

Wilhelm Raabe · Kapitel 3 von 14

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Die Innerste

Erstes Kapitel.

 

Diese Geschichte handelt von einem Bach und zwei Mühlen und ist wahr. Es hat

sich alles so zugetragen, wie es erzählt werden wird: wer da meint, daß es anders

hätte zu Ende gehen können, der erzähle es anders.

Es waren drei Fräulein vor etwa hundertundzwanzig Jahren, und sie leben

heute noch und heißen die Leine, die Ihme und die Innerste. Sie sind im Laufe

der Zeiten reguliert worden; aber hübscher sind sie nicht dadurch geworden. Vor

hundertundzwanzig Jahren war ihnen allen dreien nicht zu trauen; doch die

Innerste war die schlimmste und ist es bis auf den jetzt vorhandenen Tag

geblieben. Wenn wo das alte Wort Gültigkeit hat, daß schlechter Umgang gute

Sitten verdirbt, so ist es in diesem Falle.

Man sagte wohl im Lande umher: „Die Leine ist falsch! Die Leine ist ein

böses Wasser! Die Leine ist tückisch!“ und es war ein gut Stück Verleumdung in

jeglichem landläufigen Diktum. Die Leine war nicht besser, als sie war; aber von

Natur aus war sie jedenfalls besser als ihr Ruf. Von Natur ein braves Wasser, ein

gutes Wasser, ein gutmütiges Wasser, wurde sie durch die Innerste verdorben.

Im Hildesheimschen Amt Rethen vereinigt sich die Innerste mit der Leine,

und nachher ist’s freilich zu Ende mit den guten Sitten der letzteren, und die

Stadt Hannover hat zweifelsohne mancherlei zu erzählen von ihrer üblen Laune

und Heimtücke.

Von der Ihme brauchen wir eigentlich nichts zu erzählen. Reißend und

sumpfig zugleich, voll von Wirbeln und Drehkuhlen, faulen Bäumen, Pfählen

und Klötzen, stinkend von den Flachsrotten der Anwohner und überall sehr

trübe, lassen wir sie laufen und sagen nur noch, daß auch ihre schlechten

Eigenschaften die arme Leine auf ihre Rechnung zu nehmen hat, nachdem sie,

die Ihme oder der Ricklinger Bach, vom lieblichen Deister heruntergekommen

ist, die freundlichen Dörfer Bredenbeck und Vörie und die Landwehrschenke im

Amt Kalenberg passiert und gleichfalls ihre Sehnsucht nach der Stadt Hannover

befriedigt hat. Wer mehr von dem Wasser wissen will, schlage nach in Grupens

hannöverschen Altertümern.

Jetzo wenden wir uns zur Innerste.

Von ihrem Ursprunge mitten im wilden Harzgebirge an bis zu ihrer Ausmündung im Amt Rethen verschlechtert sich ihr Charakter von Schritt zu

Schritt, und alle Glocken und alle Pfaffengesänge von Hildesheim treiben ihr die

bösen Teufel nicht wieder aus. Selten aber auch geriet ein unschuldig

hellblickend, klaräugig Bergwässerlein und Quellnixlein sofort bei seinem

Austritt aus dem dunklen Schoß der Erde in so schmutzige Hände und an solch

schwarz schweflicht Handwerk als diese arme hercynische Najade oder

Nymphe. Wahrlich, ihr sind niemals Öl, Wein, Milch und Blumen geopfert

worden! Wildemann nimmt sie beim Schopfe, Lauthenthal und Langelsheim mit

ihren Hütten und Pochwerken tun ihr alle erdenkliche Schmach an, und so ist es

kein Wunder, daß sie bei Ringelheim schon vollständig verderbt ist und bei

Himmelstür frech, boshaft und scheußlich in die Ebene hervorgeht, und daß trotz

allen Hildesheimschen Pfaffengesängen und Glockenklängen bei Sarstedt die

schlimmsten Gerüchte von ihr im Schwange sind. Es hilft ihr nichts, daß sie da

zur Leimoniade, zur Wiesennymphe wird: wild, heimtückisch und blutdürstig

bleibt sie. Mit dem Auswurfe des Harzes, dem verderblichen Puchsande

geschwängert, bleiben ihre Begierden unordentlich und wird sie von Zeit zu Zeit

von unheimlichen Gelüsten ergriffen, und dann schreit sie.

Der Erzähler hörte sie schreien, der junge Müller Albrecht Bodenhagen

gleichfalls. Nun aber wollen wir von der einen Mühle reden und nachher von der

andern.

Zwischen Groß-Förste und Sarstedt war die eine Mühle gelegen, heute ist sie

nicht mehr vorhanden. Die Gebäude sind längst niedergebrochen, der Garten ist

wieder zur Wiese geworden; wo die junge Müllerin unter dem Flieder saß und

spann, wächst manneshohes Schilf. Die Innerste ärgert sich hier nicht mehr an

dem lustigen Rade, das sich sonst an dieser Stelle drehte; sie hat sich über ganz

andere Dinge zu erbosen; der harzische Bergmann quält sie nicht allein mehr; es

ist manche nichtswürdige Fabrik an ihrem Laufe entstanden seit dem Jahre 1760,

und von Rechts wegen müßte sie heute da heulen, wo sie sonst nur schrie.

Im Jahre 1760 drehte sich das Rad, klapperte das Werk und war alles im

Gange, wie das Säkulum selber. Es war eine muntere Zeit. Eine vollständige

Tressenbesetzung für eine Mannsperson kostete, wenn man sie billig kaufte, ihre

sechsundsiebzig Reichstaler; aber kaum der dritte Teil der meisten Städte war

bewohnt, und zwei Teile bestanden aus wüsten Stellen und leeren Häusern. Zwar

führte jedermann seinen Haushalt wie die Patriarchen im Alten Testamente, ein

jeglicher zwischen seinen eigenen vier Pfählen mit eigenem Acker, Garten und

Vieh; aber es war denn auch danach. Nur einige Mal in der Woche kochte man

und fraß sich durch die schwere Zeit an Brei, Hülsenfrüchten und gemeinen

Kohlarten. Wer sich recht gütlich tun konnte, hielt sich zum Neide der Nachbarn

an das eingeschlachtete, entweder geräucherte oder gepökelte Fleisch, wer aber ganz und gar sardanapalisch schlampampen wollte und nach frischem Fleische

lechzte, der hatte sich mit einem gleichen Schwelger zum Ankauf eines Stück

Viehs zu einigen. Auf gut Glück schlachtete kein Metzger.

Das war die gute alte Zeit, wo niemand von dem andern etwas nötig hatte, die

gute alte Zeit des Siebenjährigen Krieges, wo man, wenn die Einquartierung es

litt, sich früh zu Bett legte und spät wieder aufstand, und wo man bei festlichen

Gelagen Honigkuchen in eine Schale Branntwein brockte und je nach der

politischen Meinung entweder den König Fritz oder die Kaiserin-Königin hoch

leben ließ in dem olympischen Göttertranke; immer selbstverständlich dabei

vorausgesetzt, daß die Einquartierung nicht hinderlich dabei in den Weg trat und

den bürgerlichen Nektar in die eigene ausgepichte Kriegsgurgel hinüberfließen

ließ.

So war es in Hannover, so war’s in Göttingen und in Hildesheim, und so war’s

auch in Sarstedt an der Innerste. Trotz allem eine wunderlich real-

geheimnisvolle Zeit voll seltsamer Schwingen und Flüge! Wer da etwa glauben

möchte, daß heutzutage hinter den Stirnen und unter den Schädeln mehr in den

Menschenköpfen vorgehe als damals, der irrt sich bedeutend. Ja wahrlich, jeder

gegenwärtige Augenblick ist stets ein novus homo, ein Emporkömmling; und

die Vergangenheit, selbst mit dem Zopf und der Beutelperücke und im Reifrock

auf den hohen Stöckelschuhen, erscheint merkwürdig als der vornehme Herr und

die erlauchte gnädige Dame. Sie tun aber meistens so, als lachten sie darüber, die

Leute des Tages, und beweisen gerade durch ihr Lachen nur die niedrigere

Beschaffenheit ihres Standes. Wer wahrhaft vornehm ist, hat immer Respekt, wo

er hingehört, der Pöbel nicht.

Die Franzosen waren im Lande, und der Herzog Ferdinand lag gegen sie zu

Felde. Bei Bergen war er von Broglio zurückgedrängt worden, und bei Minden

sollte er über Contades siegen. Zwischen den beiden Schlachten, also im Jahre

1759, und gerade in der schönsten Sommerzeit hebt unsere Historie an.