Geschichten vom lieben Gott

Rainer Maria Rilke · Kapitel 13 von 14

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Geschichten vom lieben Gott

Eine Geschichte, dem Dunkel Erzählt

 

I ch wollte den Mantel umnehmen und zu meinem Freunde Ewald gehen. Aber ich hatte mich über einem Buche versäumt, einem alten Buche übrigens, und es

war Abend geworden, wie es in Rußland Frühling wird. Noch vor einem

Augenblick war die Stube bis in die fernsten Ecken klar, und nun taten alle

Dinge, als ob sie nie etwas anderes gekannt hätten als Dämmerung; überall

gingen große dunkle Blumen auf, und wie auf Libellenflügeln glitt Glanz um

ihre samtenen Kelche.

Der Lahme war gewiß nicht mehr am Fenster. Ich blieb also zu Haus. Was

hatte ich ihm doch erzählen wollen? Ich wußte es nicht mehr. Aber eine Weile

später fühlte ich, daß jemand diese verlorene Geschichte von mir verlangte,

irgendein einsamer Mensch vielleicht, der fern am Fenster seiner finstern Stube

stand, oder vielleicht dieses Dunkel selbst, das mich und ihn und die Dinge

umgab. So geschah es, daß ich dem Dunkel erzählte. Und es neigte sich immer

näher zu mir, so daß ich immer leiser sprechen konnte, ganz, wie es zu meiner

Geschichte paßt. Sie handelt übrigens in der Gegenwart und beginnt.

Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg Laßmann in seine enge

Heimat zurück. Er hatte nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur mehr

zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide verheiratet, wie es schien, gut

verheiratet; diese nach zwölf Jahren wiederzusehen, war der Grund seines

Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, während er im überfüllten Zuge nicht

schlafen konnte, wurde ihm klar, daß er eigentlich um seiner Kindheit willen

kam, und hoffte, in den alten Gassen irgend etwas wieder zu finden: ein Tor,

einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen Anlaß zu einer Freude oder zu einer

Traurigkeit, an welcher er sich wieder erkennen konnte. Man verliert sich ja so

im Leben. Und da fiel ihm verschiedenes ein: die kleine Wohnung in der

Heinrichsgasse mit den glänzenden Türklinken und den dunkelgestrichenen Dielen, die geschonten Möbel und seine Eltern, diese beiden abgenützten

Menschen, fast ehrfürchtig neben ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage

und die Sonntage, die wie ausgeräumte Säle waren, die seltenen Besuche, die

man lachend und in Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, der alte

Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, auf dem man nicht sitzen durfte, ein

Namenstag, ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein Puppentheater, ein

Leierkasten, eine Kindergesellschaft, und jemand ruft: ›Klara‹. Der Doktor wäre

fast eingeschlafen. Man steht in einer Station, Lichter laufen vorüber, und der

Hammer geht horchend durch die klingenden Räder. Und das ist wie: Klara,

Klara. Klara, überlegt der Doktor, jetzt ganz wach, wer war das doch? Und

gleich darauf fühlt er ein Gesicht, ein Kindergesicht mit blondem, glattem Haar.

Nicht daß er es schildern könnte, aber er hat die Empfindung von etwas Stillem,

Hilflosem, Ergebenem, von ein paar schmalen Kinderschultern, durch ein

verwaschenes Kleidchen noch mehr zusammengepreßt, und er dichtet dazu ein

Gesicht – aber da weiß er auch schon, er muß es nicht dichten. Es ist da – oder

vielmehr es war da – damals. So erinnert sich Doktor Laßmann an seine einzige

Gespielin Klara, nicht ohne Mühe. Bis zur Zeit, da er in eine Erziehungsanstalt

kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit ihr geteilt, was ihm begegnete, das

Wenige (oder das Viele?). Klara hatte keine Geschwister, und er hatte so gut wie

keine; denn seine älteren Schwestern kümmerten sich nicht um ihn. Aber seither

hat er niemanden je nach ihr gefragt. Wie war das doch möglich? Er lehnte sich

zurück. Sie war ein frommes Kind, erinnerte er sich noch, und dann fragte er

sich: Was mag aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ängstigte ihn der Gedanke,

sie könnte gestorben sein. Eine unermeßliche Bangigkeit überfiel ihn in dem

engen gedrängten Coupé; alles schien diese Annahme zu bestätigen: sie war ein

kränkliches Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut, sie weinte oft;

unzweifelhaft: sie ist tot. Der Doktor ertrug es nicht länger; er störte einzelne

Schlafende und schob sich zwischen ihnen durch in den Gang des Waggons.

Dort öffnete er ein Fenster und schaute hinaus in das Schwarz mit den tanzenden

Funken. Das beruhigte ihn. Und als er später in das Coupé zurückkehrte, schlief

er trotz der unbequemen Lage bald ein.

Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten Schwestern verlief nicht ohne

Verlegenheiten. Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit sie einander, trotz

ihrer engen Verwandtschaft, doch immer geblieben waren, und versuchten eine

Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. Indessen kamen sie bald

stillschweigend überein, zu dem höflichen Mittelton ihre Zuflucht zu nehmen,

den der gesellschaftliche Verkehr für alle Fälle geschaffen hat.

Er war bei der jüngeren Schwester, deren Mann in besonders günstigen

Verhältnissen war, Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und es war nach

dem vierten Gange des Diners, als der Doktor fragte: ›Sag mal, Sophie, was ist

denn aus Klara geworden?‹ ›Welcher Klara?‹ ›Ich kann mich ihres

Familiennamens nicht erinnern. Der kleinen, weißt du, der Nachbarstochter, mit

der ich als Kind gespielt habe?‹ ›Ach, Klara Söllner meinst du?‹ ›Söllner, richtig,

Söllner. Jetzt fällt mir erst ein: der alte Söllner, das war ja dieser gräßliche Alte –

– aber was ist mit Klara?‹ Die Schwester zögerte: ›Sie hat geheiratet – übrigens

lebt sie jetzt ganz zurückgezogen.‹ ›Ja,‹ machte der Herr Rat, und sein Messer

glitt kreischend über den Teller, ›ganz zurückgezogen.‹ ›Du kennst sie auch?‹

wandte sich der Doktor an seinen Schwager. ›Ja-a-a – so flüchtig; sie ist ja hier

ziemlich bekannt.‹ Die beiden Gatten wechselten einen Blick des

Einverständnisses. Der Doktor merkte, daß es ihnen aus irgendeinem Grunde

unangenehm war, über diese Angelegenheit zu reden, und fragte nicht weiter.

Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies der Herr Rat, als die Hausfrau

die Herren beim schwarzen Kaffee zurückgelassen hatte. ›Diese Klara,‹ fragte er

mit listigem Lächeln und betrachtete die Asche, die von seiner Zigarre in den

silbernen Becher fiel, ›sie soll doch ein stilles und überdies häßliches Kind

gewesen sein?‹ Der Doktor schwieg. Der Herr Rat rückte vertraulich näher: ›Das

war eine Geschichte! – Hast du nie davon gehört?‹ ›Aber ich habe ja mit

niemandem gesprochen.‹ ›Was, gesprochen,‹ lächelte der Rat fein, ›man hat es ja

in den Zeitungen lesen können.‹ ›Was?‹ fragte der Doktor nervös.

›Also, sie ist ihm durchgegangen‹ – hinter einer Wolke Rauches her schickte

der Fabrikant diesen überraschenden Satz und wartete in unendlichem Behagen

die Wirkung desselben ab. Aber diese schien ihm nicht zu gefallen. Er nahm eine

geschäftliche Miene an, setzte sich gerade und begann in anderem berichtenden

Ton, gleichsam gekränkt. ›Hm. Man hatte sie verheiratet an den Baurat Lehr. Du

wirst ihn nicht mehr gekannt haben. Kein alter Mann, in meinem Alter. Reich,

durchaus anständig, weißt du, durchaus anständig. Sie hatte keinen Groschen

und war obendrein nicht schön, ohne Erziehung usw. Aber der Baurat wünschte

ja auch keine große Dame, eine bescheidene Hausfrau. Aber die Klara – sie

wurde überall in der Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr allgemein

Wohlwollen entgegen, – wirklich – man benahm sich – also sie hätte sich eine

Position schaffen können mit Leichtigkeit, weißt du – aber die Klara, eines

Tages – kaum zwei Jahre nach der Hochzeit: fort ist sie. Kannst du dir denken:

fort. Wohin? Nach Italien. Eine kleine Vergnügungsreise, natürlich nicht allein.

Wir haben sie schon im ganzen letzten Jahr nicht eingeladen gehabt, – als ob wir geahnt hätten! Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, ein Mann –‹

›Und Klara?‹ unterbrach ihn der Doktor und erhob sich. ›Ach so – ja, na die

Strafe des Himmels hat sie erreicht. Also der Betreffende – man sagt ein

Künstler, weißt du – ein leichter Vogel, natürlich nur so – Also wie sie aus

Italien zurück waren, in München: adieu und ward nicht mehr gesehen. Jetzt sitzt

sie mit ihrem Kind!‹

Doktor Laßmann ging erregt auf und nieder: ›In München?‹ ›Ja, in

München,‹ antwortete der Rat und erhob sich gleichfalls. ›Es soll ihr übrigens

recht elend gehen –‹ ›Was heißt elend –?‹ ›Nun,‹ der Rat betrachtete seine

Zigarre, ›pekuniär und dann überhaupt – Gott – so eine Existenz – – –‹ Plötzlich

legte er seine gepflegte Hand dem Schwager auf die Schulter, seine Stimme

gluckste vor Vergnügen: ›Weißt du, übrigens erzählte man sich, sie lebe von –‹

Der Doktor drehte sich kurz um und ging aus der Tür. Der Herr Rat, dem die

Hand von der Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte zehn Minuten, um

sich von seinem Staunen zu erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein und

sagte ärgerlich: ›Ich hab es immer gesagt, dein Bruder ist ein Sonderling.‹ Und

diese, die eben eingenickt war, gähnte träge: ›Ach Gott ja.‹

Vierzehn Tage später reiste der Doktor ab. Er wußte mit einemmal, daß er

seine Kindheit anderswo suchen müsse. In München fand er im Adreßbuch:

Klara Söllner, Schwabing, Straße und Nummer. Er meldete sich an und fuhr

hinaus. Eine schlanke Frau begrüßte ihn in einer Stube voll Licht und Güte.

›Georg, und Sie erinnern sich meiner?‹

Der Doktor staunte. Endlich sagte er: ›Also das sind Sie, Klara,‹ sie hielt ihr

stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte sie ihm Zeit geben, sie

zu erkennen. Das dauerte lange. Schließlich schien der Doktor etwas gefunden

zu haben, was ihm bewies, daß seine alte Spielgefährtin wirklich vor ihm stünde.

Er suchte noch einmal ihre Hand und drückte sie; dann ließ er sie langsam los

und schaute in der Stube umher. Diese schien nichts Überflüssiges zu enthalten.

Am Fenster ein Schreibtisch mit Schriften und Büchern, an welchem Klara eben

mußte gesessen haben. Der Stuhl war noch zurückgeschoben. ›Sie haben

geschrieben?‹ … und der Doktor fühlte, wie dumm diese Frage war. Aber Klara

antwortete unbefangen: ›Ja, ich übersetze.‹ ›Für den Druck?‹ ›Ja,‹ sagte Klara

einfach, ›für einen Verlag.‹ Georg bemerkte an den Wänden einige italienische

Photographien. Darunter das »Konzert« des Giorgione. ›Sie lieben das?‹ Er trat

nahe an das Bild heran. ›Und Sie?‹ ›Ich habe das Original nie gesehen; es ist in

Florenz, nicht wahr?‹ ›Im Pitti. Sie müssen hinreisen.‹ ›Zu diesem Zweck?‹ ›Zu

diesem Zweck.‹ Eine freie und einfache Heiterkeit war über ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.

›Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?‹ ›Ich bin traurig,‹

zögerte er. ›Ich habe gedacht – aber Sie sind ja gar nicht elend –‹ fuhr es

plötzlich heraus. Klara lächelte: ›Sie haben meine Geschichte gehört?‹ ›Ja, das

heißt –‹ ›O,‹ unterbrach ihn Klara schnell, als sie merkte, daß seine Stirn sich

verdunkelte, ›es ist nicht die Schuld der Menschen, daß sie anders davon reden.

Die Dinge, die wir erleben, lassen sich oft nicht ausdrücken, und wer sie

dennoch erzählt, muß notwendig Fehler begehen –.‹ Pause. Und der Doktor:

›Was hat Sie so gütig gemacht?‹ ›Alles,‹ sagte sie leise und warm. ›Aber warum

sagen Sie: gütig?‹ ›Weil – weil Sie eigentlich hätten hart werden müssen. Sie

waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden später entweder

hart oder –‹ ›Oder sie sterben – wollen Sie sagen. Nun, ich bin auch gestorben.

O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum letztenmal gesehen habe, zu

Haus, bis –‹ Sie langte etwas vom Tische her: ›Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist

etwas geschmeichelt. Sein Gesicht ist nicht so klar, aber – lieber, einfacher. Ich

werde Ihnen dann gleich unser Kind zeigen, es schläft jetzt nebenan. Es ist ein

Bub. Heißt Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.‹

›Und Sie sind ganz allein?‹ fragte der Doktor zerstreut, immer noch über

dem Bilde.

›Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzählen, wie das

kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn nie

gehört haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt, mit seinen

Plänen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat ihn seit einem Jahr:

du mußt reisen. Ich fühlte, wie sehr ihm das not tat. Einmal sagte er scherzend:

›Mich oder ein Kind?‹ ›Ein Kind,‹ sagte ich, und dann reiste er.‹

›Und wann wird er zurückkehren?‹

›Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.‹ Der Doktor

wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: ›Und da es ein schwerer Name ist,

wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei Jahre.‹

›Seltsam,‹ sagte der Doktor. ›Was, Georg?‹ ›Wie gut Sie das Leben

verstehen. Wie groß Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre Kindheit

hingetan? – wir waren doch beide so – so hilflose Kinder. Das läßt sich doch

nicht ändern oder ungeschehen machen.‹ ›Sie meinen also, wir hätten an unserer

Kindheit leiden müssen, von Rechts wegen?‹ ›Ja, gerade das meine ich. An

diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir so schwache, so ungewisse

Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir haben unsere Erstlinge hineingelegt,

allen Anfang, alles Vertrauen, die Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und plötzlich wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer,

und wir wissen nicht einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob

jemand sein ganzes Geld zusammensuchte, sich dafür eine Feder kaufte und sie

auf den Hut steckte, hui: der nächste Wind wird sie mitnehmen. Natürlich

kommt er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts übrig, als

nachzudenken, wann sie wohl könnte davongeflogen sein.‹

›Sie denken daran, Georg?‹

›Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter

meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehört habe zu beten. Das andere gehört

nicht mir.‹

›Und wie kommt es dann, daß Sie sich an mich erinnert haben?‹

›Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich

glaubte, ich könnte in Ihnen wiederfinden, – was ich in mir nicht finden kann.

Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas hängt – eine

Aufklärung –‹ Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten, unruhigen Hände.

Frau Klara dachte nach: ›Ich erinnere mich an so weniges aus meiner

Kindheit, als wären tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich so

daran mahnen, fällt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns, unerwartet;

Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns war alles hell. Mein

Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen entfernten reichen

Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte kommen aus, aus – ich weiß

nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns wartete man schon seit zwei Stunden

auf ihn. Die Türen waren offen, die Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit

zu Zeit und glättete eine Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster.

Niemand wagte sich zu setzen, um keinen Stuhl zu verrücken. Da Sie gerade

kamen, warteten Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tür. Und je später es

wurde, einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar, er

könnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht haben

würde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens näher kam. Wir fürchteten

nicht, er könnte überhaupt nicht erscheinen; wir wußten bestimmt: er kommt,

aber wir wollten ihm Zeit lassen, groß und mächtig zu werden.‹

Plötzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: ›Das also wissen wir

beide, daß er nicht kam –. Ich habe es auch nicht vergessen gehabt.‹ ›Nein,‹ –

bestätigte Klara, ›er kam nicht –.‹ Und nach einer Pause: ›Aber es war doch

schön!‹ ›Was?‹ ›Nun so – das Warten, die vielen Lampen, – die Stille – das

Feiertägliche.‹

Etwas rührte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich für einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurückkam, sagte sie: ›Wir können dann

hineingehen. Er ist jetzt wach und lächelt. – Aber was wollten Sie eben sagen?‹

›Ich habe mir eben überlegt, was Ihnen könnte geholfen haben zu – zu sich

selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch nicht leicht

gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?‹ ›Was sollte das sein,

Georg?‹ Klara setzte sich neben ihn.

›Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor drei

Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes Kind. Und

jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders sind, als ich

erwartete – trotzdem, ich möchte fast sagen, nur noch desto sicherer, empfinde

ich, was Sie geführt hat, mitten durch alle Gefahren, war Ihre – Ihre

Frömmigkeit.‹

›Was nennen Sie Frömmigkeit?‹

›Nun, Ihr Verhältnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.‹

Frau Klara schloß die Augen: ›Liebe zu Gott? Lassen Sie mich nachdenken.‹

Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre Gedanken langsam

auszusprechen, so wie sie ihr kamen: ›Als Kind – hab ich da Gott geliebt? Ich

glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal – es hätte mir wie eine wahnsinnige

Überhebung – das ist nicht das richtige Wort – wie die größte Sünde geschienen,

zu denken: Er ist. Als ob ich ihn damit gezwungen hätte, in mir, in diesem

schwachen Kind, mit den lächerlich langen Armen, zu sein, in unserer armen

Wohnung, in der alles unecht und lügnerisch war, von den Bronze-Wandtellern

aus Papiermaché bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen.

Und später –‹ Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Händen,

und ihre Augen schlossen sich fester, als fürchteten sie, durch die Lider etwas

Furchtbares zu sehen – ›ich hätte ihn ja hinausdrängen müssen aus mir, wenn er

in mir gewohnt hätte damals. Aber ich wußte nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz

vergessen. Ich hatte alles vergessen. – Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in

meinem Leben sah, hörte, fühlte, erkannte und zugleich danken lernte für alles

das, da dachte ich wieder an ihn. Überall waren Spuren von ihm. In allen Bildern

fand ich Reste von seinem Lächeln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme,

und an den Statuen erkannte ich Abdrücke seiner Hände.‹

›Und da fanden Sie ihn?‹

Klara schaute den Doktor mit großen, glücklichen Augen an: ›Ich fühlte, daß

er war, irgendwann einmal war … warum hätte ich mehr empfinden sollen? Das

war ja schon Überfluß.‹

Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stück Feld und die kleine, alte Schwabinger Kirche, darüber Himmel, nicht mehr ganz ohne Abend.

Plötzlich fragte Doktor Laßmann, ohne sich umzuwenden: ›Und jetzt?‹ Als

keine Antwort kam, kehrte er leise zurück.

›Jetzt –,‹ zögerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die Augen voll

zu ihm auf: ›jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.‹

Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute so

ins Unbestimmte.

›Woran denken Sie, Georg?‹

›Ich denke, daß das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf

den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, daß er kommen wird – Und ich komme

zufällig dazu –.‹

Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. ›Nun, diesmal

wollen wirs aber auch abwarten.‹ Sie sagte das so froh und einfach, daß der

Doktor lächeln mußte. So führte sie ihn in das andere Zimmer, zu ihrem Kind. –

In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen dürfen. Indessen, die

Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem Dunkel erzählt, sonst

niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem Dunkel, laufen ihm davon,

und müssen sie einmal drinnen bleiben, so pressen sie die Augen zusammen und

halten sich die Ohren zu. Aber auch für sie wird einmal die Zeit kommen, da sie

das Dunkel liebhaben. Sie werden von ihm meine Geschichte empfangen, und

dann werden sie sie auch besser verstehen.