Geschichten vom lieben Gott

Rainer Maria Rilke · Kapitel 4 von 14

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Geschichten vom lieben Gott

Wie der Verrat nach Russland Kam

 

I ch habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das ist ein blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am Fenster hat. Er

kann sehr jung aussehen, ja in seinem lauschenden Gesicht ist manchmal etwas

Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er altert, die Minuten gehen wie Jahre

über ihn, und plötzlich ist er ein Greis, dessen matte Augen das Leben fast schon

losgelassen haben. Wir kennen uns lang. Erst haben wir uns immer angesehen,

später lächelten wir unwillkürlich, ein Jahr lang grüßten wir einander, und seit

Gott weiß wann erzählen wir uns das eine und das andere, wahllos, wie es eben

passiert. »Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und sein Fenster war noch

offen in den reichen und stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange nicht

gesehen.«

»Guten Tag, Ewald –.« Ich trat an sein Fenster, wie ich immer zu tun pflegte,

im Vorübergehen. »Ich war verreist.« »Wo waren Sie?« fragte er mit

ungeduldigen Augen. »In Rußland.« »O so weit« – er lehnte sich zurück, und

dann: »Was ist das für ein Land, Rußland? Ein sehr großes, nicht wahr?« »Ja,«

sagte ich, »groß ist es und außerdem –« »Habe ich dumm gefragt?« lächelte

Ewald und wurde rot. »Nein, Ewald, im Gegenteil. Da Sie fragen: was ist das für

ein Land? wird mir verschiedenes klar. Zum Beispiel woran Rußland grenzt.«

»Im Osten?« warf mein Freund ein. Ich dachte nach: »Nein.« »Im Norden?«

forschte der Lahme. »Sehen Sie,« fiel mir ein, »das Ablesen von der Landkarte

hat die Leute verdorben. Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die vier

Weltgegenden bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch

aber kein Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten

an etwas stoßen.« »Hm –« überlegte mein Freund, »Sie haben recht. Woran

könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?« Plötzlich sah der Kranke wie

ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht an Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« »So« – nickte mein Freund ganz verständnisvoll. Erst dann

kamen ihm einzelne Zweifel: »Ist denn Gott ein Land?« »Ich glaube nicht,«

erwiderte ich, »aber in den primitiven Sprachen haben viele Dinge denselben

Namen. Es ist da wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt

auch Gott. Einfache Völker können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht

unterscheiden; beide sind groß und gütig, furchtbar und groß.«

»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am Fenster. »Und merkt man in

Rußland diese Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten. Der

Einfluß Gottes ist sehr mächtig. Wieviel man auch aus Europa bringen mag, die

Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald sie über die Grenze sind. Mitunter

kostbare Steine, aber eben nur für die Reichen, die sogenannten ›Gebildeten‹,

während von drüben aus dem anderen Reich das Brot kommt, wovon das Volk

lebt.« »Das hat das Volk wohl in Überfluß?« Ich zögerte: »Nein, das ist nicht der

Fall, die Einfuhr aus Gott ist durch gewisse Umstände erschwert –« Ich suchte

ihn von diesem Gedanken abzubringen. »Aber man hat vieles aus den

Gebräuchen jener breiten Nachbarschaft angenommen. Das ganze Zeremoniell

beispielsweise. Man spricht zu dem Zaren ähnlich wie zu Gott.« »So, man sagt

also nicht: Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.« »Und man kniet vor

beiden?« »Man wirft sich vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den Boden und

weint und sagt: ›Ich bin sündig, verzeih mir, Väterchen.‹ Die Deutschen, welche

das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige Sklaverei. Ich denke anders darüber.

Was soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn zu erklären: Ich habe Ehrfurcht.

Dazu genügt es auch, das Haupt zu entblößen, meint der Deutsche. Nun ja, der

Gruß, die Verbeugung, gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür,

Abkürzungen, die entstanden sind in den Ländern, wo nicht so viel Raum war,

daß jeder sich hätte niederlegen können auf der Erde. Aber Abkürzungen

gebraucht man bald mechanisch und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu

werden. Deshalb ist es gut, wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde

auszuschreiben, das ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.«

»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch niederknien –,« träumte der Lahme.

»Aber es kommt –« fuhr ich nach einer Pause fort – »in Rußland auch vieles

andere von Gott. Man hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm eingeführt, jedes

Kleid, jede Speise, jede Tugend und sogar jede Sünde muß erst von ihm

bewilligt werden, ehe sie in Gebrauch kommt.« Der Kranke sah mich fast

erschrocken an. »Es ist nur ein Märchen, auf welches ich mich berufe,« eilte ich

ihn zu beruhigen, »eine sogenannte Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will

Ihnen kurz den Inhalt erzählen. Der Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.« Ich lehnte mich ans Fenster, und der Gelähmte schloß die Augen, wie er gerne

tat, wenn irgendwo eine Geschichte begann.

»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut

auferlegen und drohte ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht Gold nach

Moskau, in die weiße Stadt, schicken würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie

Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: ›Wir geben dir drei Rätselfragen auf.

Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen

Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns die drei Lösungen. Sobald

sie richtig sind, geben wir dir die zwölf Tonnen Goldes, die du von uns

verlangst.‹ Zuerst dachte der Zar Iwan Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn

die vielen Glocken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und

Räte vor sich, und jeden, der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er auf den

großen, roten Platz führen, wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten,

gebaut wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung verging ihm

die Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach dem Orient, zu

dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten. Er wußte auf keine der

drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war lang, und es war immer noch

die Möglichkeit, einem Weisen zu begegnen; denn damals waren viele Weise

unterwegs auf der Flucht, da alle Könige die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf

abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher

kam ihm nun allerdings nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen

alten bärtigen Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei

angelangt, den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzulegen. Da

war es nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder von der Kirche

herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet waren,

jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen Kaftan

mitzunehmen. Er mußte so beständig auf und nieder klettern, und es war gar

nicht abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle vielhundert Latten

an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb ungeduldig: ›Dummkopf,‹

schrie er (so nennt man in Rußland meistens die Bauern), ›du solltest dich

tüchtig beladen mit deinem Holz und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei

weitem einfacher.‹ Der Bauer, der gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand

über die Augen und antwortete: ›Das mußt du schon mir überlassen, Zar Iwan

Wassiljewitsch, jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon

hier vorüberreitest, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du am

weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen müssen.‹ Und er

schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. ›Was soll ich dir geben zum Lohne?‹

fragte er endlich. ›Nichts,‹ machte der Bauer, holte eine Latte und wollte auf die

Leiter steigen. ›Halt,‹ befahl der Zar, ›das geht nicht an, du mußt dir etwas

wünschen.‹ ›Nun, Väterchen, wenn du befiehlst, gib mir eine von den zwölf

Tonnen Goldes, welche du von den Fürsten im Orient erhalten wirst.‹ ›Gut –,‹

nickte der Zar. ›Ich gebe dir eine Tonne Goldes.‹ Dann ritt er eilends davon, um

die Lösungen nicht wieder zu vergessen.

Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen war aus dem

Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fünftorigen Kreml,

ein und schüttete eine Tonne nach der anderen auf die glänzenden Dielen des

Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold entstand, der einen großen

schwarzen Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte der Zar auch

die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder füllen, aber es tat ihm leid, so

viel Gold von dem herrlichen Haufen wieder fortnehmen zu müssen. In der

Nacht ging er in den Hof hinunter, schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu

drei Vierteilen voll war, kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold über den

Sand und schickte die Tonne mit dem nächsten Morgen durch einen Boten in die

Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als dieser

den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange nicht fertig

war, und rief: ›Du mußt nicht näher kommen, mein Freund, reise zurück samt

deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein knappes Viertel Gold enthält;

ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, bisher hat es keinen Verrat in Rußland

gegeben. Er aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken sollte, daß er sich auf

keinen Menschen verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrät,

und von Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Rußland viele

Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben. Ich

erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er aber hat

mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren Iwan

Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau sitzt mit seinem bösen

Gewissen und in einem goldenen Kleid.‹

Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und

seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten lagen

nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der Mann entsetzt

zurück nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und erzählte ihm ziemlich

unverständlich, was sich begeben hatte und daß der vermeintliche Bauer

niemand anderes gewesen sei als Gott selbst.«

»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte mein Freund leise, nachdem meine Geschichte verklungen war.

»Vielleicht –,« entgegnete ich, »aber, wissen Sie, das Volk ist –

abergläubisch – indessen, ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte der

Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht bald wieder eine Geschichte erzählen?«

»Gerne, – aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch einmal ans Fenster heran.

»Nämlich?« staunte Ewald. »Sie müssen alles gelegentlich den Kindern in der

Nachbarschaft weitererzählen,« bat ich. »O, die Kinder kommen jetzt so selten

zu mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie werden schon kommen. Offenbar haben Sie in

der letzten Zeit nicht Lust gehabt, ihnen etwas zu erzählen, und vielleicht auch

keinen Stoff, oder zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte

weiß, glauben Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich

herum, besonders unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.« Damit ging ich.

Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben Tage gehört.