Geschichten vom lieben Gott
Wie der Verrat nach Russland Kam
I ch habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das ist ein blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am Fenster hat. Er
kann sehr jung aussehen, ja in seinem lauschenden Gesicht ist manchmal etwas
Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er altert, die Minuten gehen wie Jahre
über ihn, und plötzlich ist er ein Greis, dessen matte Augen das Leben fast schon
losgelassen haben. Wir kennen uns lang. Erst haben wir uns immer angesehen,
später lächelten wir unwillkürlich, ein Jahr lang grüßten wir einander, und seit
Gott weiß wann erzählen wir uns das eine und das andere, wahllos, wie es eben
passiert. »Guten Tag,« rief er, als ich vorüberkam, und sein Fenster war noch
offen in den reichen und stillen Herbst hinaus. »Ich habe Sie lange nicht
gesehen.«
»Guten Tag, Ewald –.« Ich trat an sein Fenster, wie ich immer zu tun pflegte,
im Vorübergehen. »Ich war verreist.« »Wo waren Sie?« fragte er mit
ungeduldigen Augen. »In Rußland.« »O so weit« – er lehnte sich zurück, und
dann: »Was ist das für ein Land, Rußland? Ein sehr großes, nicht wahr?« »Ja,«
sagte ich, »groß ist es und außerdem –« »Habe ich dumm gefragt?« lächelte
Ewald und wurde rot. »Nein, Ewald, im Gegenteil. Da Sie fragen: was ist das für
ein Land? wird mir verschiedenes klar. Zum Beispiel woran Rußland grenzt.«
»Im Osten?« warf mein Freund ein. Ich dachte nach: »Nein.« »Im Norden?«
forschte der Lahme. »Sehen Sie,« fiel mir ein, »das Ablesen von der Landkarte
hat die Leute verdorben. Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die vier
Weltgegenden bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch
aber kein Atlas. Es hat Berge und Abgründe. Es muß doch auch oben und unten
an etwas stoßen.« »Hm –« überlegte mein Freund, »Sie haben recht. Woran
könnte Rußland an diesen beiden Seiten grenzen?« Plötzlich sah der Kranke wie
ein Knabe aus. »Sie wissen es,« rief ich. »Vielleicht an Gott?« »Ja,« bestätigte ich, »an Gott.« »So« – nickte mein Freund ganz verständnisvoll. Erst dann
kamen ihm einzelne Zweifel: »Ist denn Gott ein Land?« »Ich glaube nicht,«
erwiderte ich, »aber in den primitiven Sprachen haben viele Dinge denselben
Namen. Es ist da wohl ein Reich, das heißt Gott, und der es beherrscht, heißt
auch Gott. Einfache Völker können ihr Land und ihren Kaiser oft nicht
unterscheiden; beide sind groß und gütig, furchtbar und groß.«
»Ich verstehe,« sagte langsam der Mann am Fenster. »Und merkt man in
Rußland diese Nachbarschaft?« »Man merkt sie bei allen Gelegenheiten. Der
Einfluß Gottes ist sehr mächtig. Wieviel man auch aus Europa bringen mag, die
Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald sie über die Grenze sind. Mitunter
kostbare Steine, aber eben nur für die Reichen, die sogenannten ›Gebildeten‹,
während von drüben aus dem anderen Reich das Brot kommt, wovon das Volk
lebt.« »Das hat das Volk wohl in Überfluß?« Ich zögerte: »Nein, das ist nicht der
Fall, die Einfuhr aus Gott ist durch gewisse Umstände erschwert –« Ich suchte
ihn von diesem Gedanken abzubringen. »Aber man hat vieles aus den
Gebräuchen jener breiten Nachbarschaft angenommen. Das ganze Zeremoniell
beispielsweise. Man spricht zu dem Zaren ähnlich wie zu Gott.« »So, man sagt
also nicht: Majestät?« »Nein, man nennt beide Väterchen.« »Und man kniet vor
beiden?« »Man wirft sich vor beiden nieder, fühlt mit der Stirn den Boden und
weint und sagt: ›Ich bin sündig, verzeih mir, Väterchen.‹ Die Deutschen, welche
das sehen, behaupten: eine ganz unwürdige Sklaverei. Ich denke anders darüber.
Was soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn zu erklären: Ich habe Ehrfurcht.
Dazu genügt es auch, das Haupt zu entblößen, meint der Deutsche. Nun ja, der
Gruß, die Verbeugung, gewissermaßen sind auch sie Ausdrücke dafür,
Abkürzungen, die entstanden sind in den Ländern, wo nicht so viel Raum war,
daß jeder sich hätte niederlegen können auf der Erde. Aber Abkürzungen
gebraucht man bald mechanisch und ohne sich ihres Sinnes mehr bewußt zu
werden. Deshalb ist es gut, wo noch Raum und Zeit dafür ist, die Gebärde
auszuschreiben, das ganze schöne und wichtige Wort: Ehrfurcht.«
»Ja, wenn ich könnte, würde ich auch niederknien –,« träumte der Lahme.
»Aber es kommt –« fuhr ich nach einer Pause fort – »in Rußland auch vieles
andere von Gott. Man hat das Gefühl, jedes Neue wird von ihm eingeführt, jedes
Kleid, jede Speise, jede Tugend und sogar jede Sünde muß erst von ihm
bewilligt werden, ehe sie in Gebrauch kommt.« Der Kranke sah mich fast
erschrocken an. »Es ist nur ein Märchen, auf welches ich mich berufe,« eilte ich
ihn zu beruhigen, »eine sogenannte Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will
Ihnen kurz den Inhalt erzählen. Der Titel ist: Wie der Verrat nach Rußland kam.« Ich lehnte mich ans Fenster, und der Gelähmte schloß die Augen, wie er gerne
tat, wenn irgendwo eine Geschichte begann.
»Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Fürsten Tribut
auferlegen und drohte ihnen mit einem großen Krieg, falls sie nicht Gold nach
Moskau, in die weiße Stadt, schicken würden. Die Fürsten sagten, nachdem sie
Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: ›Wir geben dir drei Rätselfragen auf.
Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den Orient, zu dem weißen
Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns die drei Lösungen. Sobald
sie richtig sind, geben wir dir die zwölf Tonnen Goldes, die du von uns
verlangst.‹ Zuerst dachte der Zar Iwan Wassiljewitsch nach, aber es störten ihn
die vielen Glocken seiner weißen Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und
Räte vor sich, und jeden, der die Frage nicht beantworten konnte, ließ er auf den
großen, roten Platz führen, wo gerade die Kirche für Wassilij, den Nackten,
gebaut wurde, und einfach köpfen. Bei einer solchen Beschäftigung verging ihm
die Zeit so rasch, daß er sich plötzlich auf der Reise fand nach dem Orient, zu
dem weißen Stein, bei welchem die Fürsten warteten. Er wußte auf keine der
drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war lang, und es war immer noch
die Möglichkeit, einem Weisen zu begegnen; denn damals waren viele Weise
unterwegs auf der Flucht, da alle Könige die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf
abschneiden zu lassen, wenn sie ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher
kam ihm nun allerdings nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen
alten bärtigen Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei
angelangt, den Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darüberzulegen. Da
war es nun recht verwunderlich, daß der alte Bauer immer wieder von der Kirche
herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet waren,
jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen Kaftan
mitzunehmen. Er mußte so beständig auf und nieder klettern, und es war gar
nicht abzusehen, daß er auf diese Weise überhaupt jemals alle vielhundert Latten
an ihren Ort bringen würde. Der Zar wurde deshalb ungeduldig: ›Dummkopf,‹
schrie er (so nennt man in Rußland meistens die Bauern), ›du solltest dich
tüchtig beladen mit deinem Holz und dann auf die Kirche kriechen, das wäre bei
weitem einfacher.‹ Der Bauer, der gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand
über die Augen und antwortete: ›Das mußt du schon mir überlassen, Zar Iwan
Wassiljewitsch, jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon
hier vorüberreitest, will ich dir die Lösung der drei Rätsel sagen, welche du am
weißen Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen müssen.‹ Und er
schärfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. ›Was soll ich dir geben zum Lohne?‹
fragte er endlich. ›Nichts,‹ machte der Bauer, holte eine Latte und wollte auf die
Leiter steigen. ›Halt,‹ befahl der Zar, ›das geht nicht an, du mußt dir etwas
wünschen.‹ ›Nun, Väterchen, wenn du befiehlst, gib mir eine von den zwölf
Tonnen Goldes, welche du von den Fürsten im Orient erhalten wirst.‹ ›Gut –,‹
nickte der Zar. ›Ich gebe dir eine Tonne Goldes.‹ Dann ritt er eilends davon, um
die Lösungen nicht wieder zu vergessen.
Später, als der Zar mit den zwölf Tonnen zurückgekommen war aus dem
Orient, schloß er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fünftorigen Kreml,
ein und schüttete eine Tonne nach der anderen auf die glänzenden Dielen des
Saales aus, so daß ein wahrer Berg aus Gold entstand, der einen großen
schwarzen Schatten über den Boden warf. In Vergeßlichkeit hatte der Zar auch
die zwölfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder füllen, aber es tat ihm leid, so
viel Gold von dem herrlichen Haufen wieder fortnehmen zu müssen. In der
Nacht ging er in den Hof hinunter, schöpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu
drei Vierteilen voll war, kehrte leise in seinen Palast zurück, legte Gold über den
Sand und schickte die Tonne mit dem nächsten Morgen durch einen Boten in die
Gegend des weiten Rußland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als dieser
den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange nicht fertig
war, und rief: ›Du mußt nicht näher kommen, mein Freund, reise zurück samt
deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein knappes Viertel Gold enthält;
ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn, bisher hat es keinen Verrat in Rußland
gegeben. Er aber ist selbst daran schuld, wenn er bemerken sollte, daß er sich auf
keinen Menschen verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrät,
und von Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Rußland viele
Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben. Ich
erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er aber hat
mich getäuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren Iwan
Wassiljewitsch, der in seiner weißen Stadt Moskau sitzt mit seinem bösen
Gewissen und in einem goldenen Kleid.‹
Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und
seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten lagen
nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der Mann entsetzt
zurück nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und erzählte ihm ziemlich
unverständlich, was sich begeben hatte und daß der vermeintliche Bauer
niemand anderes gewesen sei als Gott selbst.«
»Ob er wohl recht gehabt hat damit?« meinte mein Freund leise, nachdem meine Geschichte verklungen war.
»Vielleicht –,« entgegnete ich, »aber, wissen Sie, das Volk ist –
abergläubisch – indessen, ich muß jetzt gehen, Ewald.« »Schade,« sagte der
Lahme aufrichtig. »Wollen Sie mir nicht bald wieder eine Geschichte erzählen?«
»Gerne, – aber unter einer Bedingung.« Ich trat noch einmal ans Fenster heran.
»Nämlich?« staunte Ewald. »Sie müssen alles gelegentlich den Kindern in der
Nachbarschaft weitererzählen,« bat ich. »O, die Kinder kommen jetzt so selten
zu mir.« Ich vertröstete ihn: »Sie werden schon kommen. Offenbar haben Sie in
der letzten Zeit nicht Lust gehabt, ihnen etwas zu erzählen, und vielleicht auch
keinen Stoff, oder zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte
weiß, glauben Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich
herum, besonders unter den Kindern!« »Auf Wiedersehen.« Damit ging ich.
Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben Tage gehört.