Geschichten vom lieben Gott
Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig
H err Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr
Baum muß eines meiner Gespräche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein
Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt. Herr
Baum und ich, wir kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber bleibt der
Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so daß ein kleiner Vogel hätte
ausfliegen können, im Falle einer drunter gefangen gewesen wäre. Er lächelt
höflich und eröffnet unsere Bekanntschaft: »Sie reisen manchmal?« »O ja –,«
erwiderte ich, etwas zerstreut, »das kann wohl sein.« Nun fuhr er vertraulich
fort: »Ich glaube, wir sind die beiden einzigen hier, die in Italien waren.« »So –,«
ich bemühte mich etwas aufmerksamer zu sein –, »ja, dann ist es allerdings
dringend notwendig, daß wir miteinander reden.«
Herr Baum lachte. »Ja, Italien – das ist doch noch etwas. Ich erzähle immer
meinen Kindern – zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich blieb stehen: »Sie
erinnern sich noch Venedigs?« »Aber, ich bitte Sie,« stöhnte er, denn er war
etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, – »wie sollte ich nicht – wer das
einmal gesehen hat – diese Piazzetta – nicht wahr?« »Ja,« entgegnete ich, »ich
erinnere mich besonders gern der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen
Hingleitens am Rande von Vergangenheiten.« »Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm
ein. »Die Cà Doro,« – gab ich zurück. »Der Fischmarkt –« »Der Palazzo
Vendramin –« »Wo Richard Wagner« – fügte er rasch, als ein gebildeter
Deutscher hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, wissen Sie?« Er lächelte mit
Orientierung: »Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie nicht zu
vergessen, wo ein Tizian …«
So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung unterzogen, die etwas anstrengend
war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu entschädigen. Und begann ohne weiteres:
»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, an dem Fondaco de'
Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: ›Rechts!‹ so
sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar ›Dove?‹ Aber man besteht darauf,
nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen schmutzigen Kanäle aus,
handelt mit ihm, schimpft und geht durch gedrängte Gassen und schwarze
verqualmte Torgänge auf einen leeren freien Platz hinaus. Alles das einfach aus
dem Grunde, weil dort meine Geschichte handelt.« Herr Baum berührte mich
sanft am Arm: »Verzeihen Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen Augen
gingen etwas beängstigt hin und her.
Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie
nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah. Vielleicht
unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es kann auch etwas früher oder
später gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie solche gesehen haben
sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt, überall bricht etwas Warmes,
gleichsam Waldiges durch, und um die gedämpften Lichter darin drängen sich
horchende Schatten. Giorgione hat auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf
schwarzem Atlas gemalt, aber in der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte
Bilder, auf einen Grund von weißer Seide gesetzt, und der Name, mit dem man
spielte, den schöne Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren
auffingen, wenn er zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.
Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das
wirkliche Venedig an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken und der
blassen Lagunennächte, die wie keine anderen Nächte sonst den Ton von
heimlichen Romanzen tragen. – In dem Stück Venedig, von dem ich erzähle,
sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig darüber hin, als
ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man dort vernimmt, sind
wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein wallender Qualm über den
Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich viel scheues Gesindel dort herum,
unzählige Kinder haben ihre Heimat auf den Plätzen und in den engen kalten
Haustüren und spielen mit Scherben und Abfällen von buntem Glasfluß,
demselben, aus dem die Meister die ernsten Mosaiken von San Marco fügten.
Ein Adeliger kommt selten in das Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die
Judenmädchen zum Brunnen kommen, kann man manchmal eine Gestalt,
schwarz, im Mantel und mit Maske bemerken. Gewisse Leute wissen aus
Erfahrung, daß diese Gestalt einen Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand
will einmal im Mondlicht das Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet, dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn
des Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß, er
wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn es
einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech ein, dem
reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von den Söhnen
und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther, erwartet ihn, an den
greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen, dunklen Gemach, in welchem
vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt hängt sanft über den Gefäßen, wie
um ihre vollen, goldenen Flammen zu stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem
silbergestickten Kissen, dem greisen Juden zu Füßen und erzählt von Venedig,
wie von einem Märchen, das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er
erzählt von den Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres,
von fremden Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von der »Sensa« am
Himmelfahrtstage, von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter
Catharina Minelli. Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene
Ausdrücke für Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles
fremd; denn die Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch
der reiche Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er
als Goldschmied und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte wagen dürfen.
In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn alle wie
einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft, aber er hatte
auch immer wieder den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil über den Staat
hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer selbst waren von viel
zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere Völker, die Juden für den Handel
gebraucht hätten, sie quälten sie mit Abgaben, beraubten sie ihrer Güter und
beschränkten immer mehr das Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die sich
mitten in aller Not fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser
aufwärts, eines auf das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am
Meere lag, wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer,
und um den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen
Gebäude wie die Wände irgendeines Riesenturms.
Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte
seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag gemacht.
Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser, die sich in
zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, bewohnen. Man erfüllte ihm
diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin nicht mehr der
Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte Steine auf, daß der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So siedelte der Greis zwei- bis
dreimal im Jahre um und Esther, die ihn nicht verlassen wollte, immer mit ihm.
Schließlich waren sie so hoch, daß, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf
das flache Dach traten, in der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann,
von dessen Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es
war jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über
steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über die
Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen Hindernisse
beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr zu Besuch, und
Esther vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden, da sie mit ihm allein
gewesen war, so groß und lange angeschaut, daß ihr schien, er wäre damals tief
in ihre dunklen Augen gestürzt und gestorben, und jetzt begönne in ihr selbst
sein neues, ewiges Leben, an das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem
neuen Gefühl in ihrem jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte
das Meer. Aber so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den
Giebel des Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine
fernere Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,
Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.
Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon
schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine neue
Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder über den Platz
ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn und neigten sich über
seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat in vielen Dingen; denn er
war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe steigt, weil irgendeine Zeit sich
erfüllt hat. Und so schien es auch. Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein
Aufstand sei, der Adel sei in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen
des Ghetto fallen, und alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte
antwortete nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch
vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel seine neue
Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben bekam Esther ein
blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte, trug sie es auf den Armen
hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal den ganzen goldenen Himmel in
seine offenen Augen. Es war ein Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit.
Die Dinge dunkelten, fast ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich,
wie auf große Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann
über die goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie
verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner vom Ghetto aus je gesehen hatte –, ein stilles, silbernes Licht: das Meer. Und erst
jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt hatten, bemerkte sie am
Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er erhob sich mit ausgebreiteten
Armen und zwang seine matten Augen, in den Tag zu schauen, der sich langsam
entfaltete. Seine Arme blieben hoch, seine Stirne trug einen strahlenden
Gedanken; es war, als ob er opferte. Dann ließ er sich immer wieder
vornüberfallen und preßte den alten Kopf an die schlechten kantigen Steine. Das
Volk aber stand unten auf dem Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne
Gebärden und Worte erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu
dem einsam betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten
wie in den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue
in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs
und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den
Ewigen, in seiner Glorie?«
Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm
nicht gleich. »Das Meer wahrscheinlich,« – sagte er dann trocken, »es ist ja auch
ein Eindruck« – wodurch er sich besonders aufgeklärt und verständig erwies.
Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht enthalten,
ihm nachzurufen: »Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren Kindern zu
erzählen.« Er besann sich: »Den Kindern? Wissen Sie, da ist dieser junge
Adlige, dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und gar nicht schöner
Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das dürfte doch – für Kinder –«
»O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen, verehrter Herr, daß die Kinder von
Gott kommen! Wie sollten die Kinder zweifeln, daß Esther eines bekam, da sie
doch so nahe am Himmel wohnt!«
Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie
fragt, wie sie darüber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl erblickt
haben mag in seiner Verzückung, so sagen sie ohne nachzusinnen: »O, das Meer
auch.«