Geschichten vom lieben Gott

Rainer Maria Rilke · Kapitel 7 von 14

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Geschichten vom lieben Gott

Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig

 

H err Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr

Baum muß eines meiner Gespräche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein

Wunder; ihm gehört das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt. Herr

Baum und ich, wir kennen uns längst vom Sehen. Neulich aber bleibt der

Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so daß ein kleiner Vogel hätte

ausfliegen können, im Falle einer drunter gefangen gewesen wäre. Er lächelt

höflich und eröffnet unsere Bekanntschaft: »Sie reisen manchmal?« »O ja –,«

erwiderte ich, etwas zerstreut, »das kann wohl sein.« Nun fuhr er vertraulich

fort: »Ich glaube, wir sind die beiden einzigen hier, die in Italien waren.« »So –,«

ich bemühte mich etwas aufmerksamer zu sein –, »ja, dann ist es allerdings

dringend notwendig, daß wir miteinander reden.«

Herr Baum lachte. »Ja, Italien – das ist doch noch etwas. Ich erzähle immer

meinen Kindern – zum Beispiel nehmen Sie Venedig!« Ich blieb stehen: »Sie

erinnern sich noch Venedigs?« »Aber, ich bitte Sie,« stöhnte er, denn er war

etwas zu dick, um sich mühelos zu entrüsten, – »wie sollte ich nicht – wer das

einmal gesehen hat – diese Piazzetta – nicht wahr?« »Ja,« entgegnete ich, »ich

erinnere mich besonders gern der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen

Hingleitens am Rande von Vergangenheiten.« »Der Palazzo Franchetti,« fiel ihm

ein. »Die Cà Doro,« – gab ich zurück. »Der Fischmarkt –« »Der Palazzo

Vendramin –« »Wo Richard Wagner« – fügte er rasch, als ein gebildeter

Deutscher hinzu. Ich nickte: »Den Ponte, wissen Sie?« Er lächelte mit

Orientierung: »Selbstverständlich, und das Museum, die Akademie nicht zu

vergessen, wo ein Tizian …«

So hat sich Herr Baum einer Art Prüfung unterzogen, die etwas anstrengend

war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu entschädigen. Und begann ohne weiteres:

»Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfährt, an dem Fondaco de'

Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: ›Rechts!‹ so

sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar ›Dove?‹ Aber man besteht darauf,

nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen schmutzigen Kanäle aus,

handelt mit ihm, schimpft und geht durch gedrängte Gassen und schwarze

verqualmte Torgänge auf einen leeren freien Platz hinaus. Alles das einfach aus

dem Grunde, weil dort meine Geschichte handelt.« Herr Baum berührte mich

sanft am Arm: »Verzeihen Sie, welche Geschichte?« Seine kleinen Augen

gingen etwas beängstigt hin und her.

Ich beruhigte ihn: »Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie

nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah. Vielleicht

unter dem Dogen Alvise Moncenigo IV., aber es kann auch etwas früher oder

später gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie solche gesehen haben

sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt, überall bricht etwas Warmes,

gleichsam Waldiges durch, und um die gedämpften Lichter darin drängen sich

horchende Schatten. Giorgione hat auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf

schwarzem Atlas gemalt, aber in der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte

Bilder, auf einen Grund von weißer Seide gesetzt, und der Name, mit dem man

spielte, den schöne Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren

auffingen, wenn er zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.

Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das

wirkliche Venedig an, die Stadt der Paläste, der Abenteuer, der Masken und der

blassen Lagunennächte, die wie keine anderen Nächte sonst den Ton von

heimlichen Romanzen tragen. – In dem Stück Venedig, von dem ich erzähle,

sind nur arme tägliche Geräusche, die Tage gehen gleichförmig darüber hin, als

ob es nur ein einziger wäre, und die Gesänge, die man dort vernimmt, sind

wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein wallender Qualm über den

Gassen lagern. Sobald es dämmert, treibt sich viel scheues Gesindel dort herum,

unzählige Kinder haben ihre Heimat auf den Plätzen und in den engen kalten

Haustüren und spielen mit Scherben und Abfällen von buntem Glasfluß,

demselben, aus dem die Meister die ernsten Mosaiken von San Marco fügten.

Ein Adeliger kommt selten in das Ghetto. Höchstens zur Zeit, wenn die

Judenmädchen zum Brunnen kommen, kann man manchmal eine Gestalt,

schwarz, im Mantel und mit Maske bemerken. Gewisse Leute wissen aus

Erfahrung, daß diese Gestalt einen Dolch in den Falten verborgen trägt. Jemand

will einmal im Mondlicht das Gesicht des Jünglings gesehen haben, und es wird seither behauptet, dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn

des Proveditore Nicolò Priuli und der schönen Catharina Minelli. Man weiß, er

wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn es

einsam wird, quer über den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech ein, dem

reichen Goldschmied, der viele Söhne und sieben Töchter und von den Söhnen

und Töchtern viele Enkel hat. Die jüngste Enkelin, Esther, erwartet ihn, an den

greisen Großvater geschmiegt, in einem niederen, dunklen Gemach, in welchem

vieles glänzt und glüht, und Seide und Samt hängt sanft über den Gefäßen, wie

um ihre vollen, goldenen Flammen zu stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem

silbergestickten Kissen, dem greisen Juden zu Füßen und erzählt von Venedig,

wie von einem Märchen, das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er

erzählt von den Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres,

von fremden Gästen, von Bildern und Bildsäulen, von der »Sensa« am

Himmelfahrtstage, von dem Karneval und von der Schönheit seiner Mutter

Catharina Minelli. Alles das ist für ihn von ähnlichem Sinn, verschiedene

Ausdrücke für Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhörern ist alles

fremd; denn die Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch

der reiche Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Großen Rates, obwohl er

als Goldschmied und weil er allgemeine Achtung genoß, es hätte wagen dürfen.

In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn alle wie

einen Vater fühlten, manche Vergünstigung vom Rate verschafft, aber er hatte

auch immer wieder den Rückschlag erlebt. Sooft ein Unheil über den Staat

hereinbrach, rächte man sich an den Juden; die Venezianer selbst waren von viel

zu verwandtem Geiste, als daß sie, wie andere Völker, die Juden für den Handel

gebraucht hätten, sie quälten sie mit Abgaben, beraubten sie ihrer Güter und

beschränkten immer mehr das Gebiet des Ghetto, so daß die Familien, die sich

mitten in aller Not fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Häuser

aufwärts, eines auf das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am

Meere lag, wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer,

und um den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen

Gebäude wie die Wände irgendeines Riesenturms.

Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte

seinen Mitbürgern, Söhnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag gemacht.

Er wollte immer das jeweilig höchste dieser winzigen Häuser, die sich in

zahllosen Stockwerken übereinanderschoben, bewohnen. Man erfüllte ihm

diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin nicht mehr der

Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte Steine auf, daß der Wind die Wände gar nicht zu bemerken schien. So siedelte der Greis zwei- bis

dreimal im Jahre um und Esther, die ihn nicht verlassen wollte, immer mit ihm.

Schließlich waren sie so hoch, daß, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf

das flache Dach traten, in der Höhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann,

von dessen Gebräuchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es

war jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, über

steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorüber und über die

Überfälle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen Hindernisse

beschränkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr zu Besuch, und

Esther vermißte ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden, da sie mit ihm allein

gewesen war, so groß und lange angeschaut, daß ihr schien, er wäre damals tief

in ihre dunklen Augen gestürzt und gestorben, und jetzt begönne in ihr selbst

sein neues, ewiges Leben, an das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem

neuen Gefühl in ihrem jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte

das Meer. Aber so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den

Giebel des Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine

fernere Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,

Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.

Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon

schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine neue

Hütte, hoch über allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder über den Platz

ging, von Esther gestützt, da drängten sich viele um ihn und neigten sich über

seine tastenden Hände und baten ihn um seinen Rat in vielen Dingen; denn er

war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe steigt, weil irgendeine Zeit sich

erfüllt hat. Und so schien es auch. Die Männer erzählten ihm, daß in Venedig ein

Aufstand sei, der Adel sei in Gefahr, und über ein kurzes würden die Grenzen

des Ghetto fallen, und alle würden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte

antwortete nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles längst bekannt und noch

vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel seine neue

Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben bekam Esther ein

blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte, trug sie es auf den Armen

hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal den ganzen goldenen Himmel in

seine offenen Augen. Es war ein Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit.

Die Dinge dunkelten, fast ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter ließen sich,

wie auf große Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann

über die goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie

verschwanden, erblickte man von dieser höchsten Stelle, was noch keiner vom Ghetto aus je gesehen hatte –, ein stilles, silbernes Licht: das Meer. Und erst

jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewöhnt hatten, bemerkte sie am

Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er erhob sich mit ausgebreiteten

Armen und zwang seine matten Augen, in den Tag zu schauen, der sich langsam

entfaltete. Seine Arme blieben hoch, seine Stirne trug einen strahlenden

Gedanken; es war, als ob er opferte. Dann ließ er sich immer wieder

vornüberfallen und preßte den alten Kopf an die schlechten kantigen Steine. Das

Volk aber stand unten auf dem Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne

Gebärden und Worte erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu

dem einsam betenden Greise. Und das Volk sah den Ältesten und den Jüngsten

wie in den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue

in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs

und ließ ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den

Ewigen, in seiner Glorie?«

Herr Baum bemühte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm

nicht gleich. »Das Meer wahrscheinlich,« – sagte er dann trocken, »es ist ja auch

ein Eindruck« – wodurch er sich besonders aufgeklärt und verständig erwies.

Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht enthalten,

ihm nachzurufen: »Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren Kindern zu

erzählen.« Er besann sich: »Den Kindern? Wissen Sie, da ist dieser junge

Adlige, dieser Antonio, oder wie er heißt, ein ganz und gar nicht schöner

Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das dürfte doch – für Kinder –«

»O,« beruhigte ich ihn, »Sie haben vergessen, verehrter Herr, daß die Kinder von

Gott kommen! Wie sollten die Kinder zweifeln, daß Esther eines bekam, da sie

doch so nahe am Himmel wohnt!«

Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie

fragt, wie sie darüber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl erblickt

haben mag in seiner Verzückung, so sagen sie ohne nachzusinnen: »O, das Meer

auch.«