Geschichten vom lieben Gott

Rainer Maria Rilke · Kapitel 5 von 14

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Geschichten vom lieben Gott

Wie der Alte Timofei Singend Starb

 

W as für eine Freude ist es doch, einem lahmen Menschen zu erzählen. Die gesunden Leute sind so ungewiß; sie sehen die Dinge bald von der, bald von

jener Seite an, und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so gegangen ist, daß

sie zur Rechten waren, kann es geschehen, daß sie plötzlich von links antworten,

nur, weil es ihnen einfällt, daß das höflicher sei und von feinerer Bildung zeuge.

Beim Lahmen hat man das nicht zu befürchten. Seine Unbeweglichkeit macht

ihn den Dingen ähnlich, mit denen er auch wirklich viele herzliche Beziehungen

pflegt, macht ihn, sozusagen, zu einem den anderen sehr überlegenen Ding, zu

einem Ding, das nicht nur lauscht mit seiner Schweigsamkeit, sondern auch mit

seinen seltenen leisen Worten und mit seinen sanften, ehrfürchtigen Gefühlen.

Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald erzählen. Und ich war sehr froh,

als er mir von seinem täglichen Fenster aus zurief: »Ich muß Sie etwas fragen.«

Rasch trat ich zu ihm und begrüßte ihn. »Woher stammt die Geschichte, die

Sie mir neulich erzählt haben?« bat er endlich. »Aus einem Buch?« »Ja« –

entgegnete ich traurig, »die Gelehrten haben sie darin begraben, seit sie tot ist;

das ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren lebte sie, gewiß sehr sorglos,

auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche die Menschen jetzt gebrauchen, diese

schweren, nicht sangbaren Worte, waren ihr feind und nahmen ihr einen Mund

nach dem anderen weg, so daß sie zuletzt, nur sehr eingezogen und ärmlich, auf

ein paar trockenen Lippen, wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. Dort

verstarb sie auch, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und wurde, wie schon

erwähnt, mit allen Ehren in einem Buche bestattet, wo schon andere aus ihrem

Geschlechte lagen.« »Und sie war sehr alt, als sie starb?« fragte mein Freund, in

meinen Ton eingehend. »400 bis 500 Jahre,« berichtete ich der Wahrheit gemäß,

»verschiedene von ihren Verwandten haben noch ein ungleich höheres Alter

erreicht.« »Wie, ohne jemals in einem Buche zu ruhen?« staunte Ewald. Ich erklärte: »Soviel ich weiß, waren sie die ganze Zeit von Lippe zu Lippe

unterwegs.« »Und haben nie geschlafen?« »Doch, von dem Munde des Sängers

steigend, blieben sie wohl dann und wann in einem Herzen, darin es warm und

dunkel war.« »Waren denn die Menschen so still, daß Lieder schlafen konnten in

ihren Herzen?« Ewald schien mir recht ungläubig. »Es muß wohl so gewesen

sein. Man behauptet, sie sprachen weniger, tanzten langsam anwachsende Tänze,

die etwas Wiegendes hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, wie man es

heute trotz der allgemeinen hohen Kultur nicht selten vernehmen kann.«

Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, aber er unterdrückte es und

lächelte: »Ich frage und frage, – aber Sie haben vielleicht eine Geschichte vor?«

Er sah mich erwartungsvoll an.

»Eine Geschichte? Ich weiß nicht. Ich wollte nur sagen: diese Gesänge

waren das Erbgut in gewissen Familien. Man hatte es übernommen, und man

gab es weiter, nicht ganz unbenützt, mit den Spuren eines täglichen Gebrauchs,

aber doch unbeschädigt, wie etwa eine alte Bibel von Vätern zu Enkeln geht.

Der Enterbte unterschied sich von den in ihre Rechte eingesetzten Geschwistern

dadurch, daß er nicht singen konnte, oder er wußte wenigstens nur einen kleinen

Teil der Lieder seines Vaters und Großvaters und verlor mit den übrigen

Gesängen das große Stück Erleben, das alle diese Bylinen und Skaski dem Volke

bedeuten. So hatte z. B. Jegor Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters,

des alten Timofei, ein junges, schönes Weib geheiratet und war mit ihr nach

Kiew gegangen, in die heilige Stadt, bei welcher sich die Gräber der größten

Märtyrer der heiligen, rechtgläubigen Kirche versammelt haben. Der Vater

Timofei, der als der kundigste Sänger auf zehn Tagereisen im Umkreis galt,

verfluchte seinen Sohn und erzählte seinen Nachbarn, daß er oft überzeugt sei,

niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch verstummte er in Gram und

Traurigkeit. Und er wies alle die jungen Leute zurück, die sich in seine Hütte

drängten, um die Erben der vielen Gesänge zu werden, welche in dem Alten

eingeschlossen waren, wie in einer verstaubten Geige. ›Vater, du unser

Väterchen, gib uns nur eines oder das andere Lied. Siehst du, wir wollen es in

die Dörfer tragen, und du sollst es hören aus allen Höfen, sobald der Abend

kommt und das Vieh in den Ställen ruhig geworden ist.‹ Der Alte, der beständig

auf dem Ofen saß, schüttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hörte nicht mehr gut,

und da er nicht wußte, ob nicht einer von den Burschen, die jetzt fortwährend

sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, machte er mit seinem weißen

Kopf zitternd: Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann noch eine Weile

– im Schlaf. Er hätte den Burschen gerne ihren Willen getan; es war ihm selber leid, daß sein stummer, verstorbener Staub über diesen Liedern liegen sollte,

vielleicht schon ganz bald. Aber hätte er versucht, einen von ihnen etwas zu

lehren, gewiß hätte er sich dabei seines Jegoruschka erinnern müssen und dann –

wer weiß – was dann geschehen wäre. Denn nur, weil er überhaupt schwieg,

hatte ihn niemand weinen sehen. Hinter jedem Wort stand es ihm, das

Schluchzen, und er mußte immer sehr schnell und vorsichtig den Mund

schließen, sonst wäre es einmal doch mitgekommen.

Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn Jegor von ganz früh an einzelne

Lieder gelehrt, und als fünfzehnjähriger Knabe wußte dieser schon mehr und

richtiger zu singen als alle erwachsenen Burschen im Dorfe und in der

Nachbarschaft. Gleichwohl pflegte der Alte meistens am Feiertag, wenn er etwas

trunken war, dem Burschen zu sagen: ›Jegoruschka, mein Täubchen, ich habe

dich schon viele Lieder singen gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden von

Heiligen, fast für jeden Tag eine. Aber ich bin, wie du weißt, der Kundigste im

ganzen Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen alle Lieder von ganz

Rußland und auch noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch sehr jung, und

deshalb habe ich dir die schönsten Bylinen, darin die Worte wie Ikone sind und

gar nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen Worten, noch nicht erzählt, und

du hast noch nicht gelernt, jene Weisen zu singen, die noch keiner, er mochte ein

Kosak sein oder ein Bauer, hat anhören können, ohne zu weinen.‹ Dieses

wiederholte Timofei seinem Sohne an jedem Sonntag und an allen vielen

Feiertagen des russischen Jahres, also ziemlich oft. Bis dieser nach einem

heftigen Auftritt mit dem Alten, zugleich mit der schönen Ustjënka, der Tochter

eines armen Bauern, verschwunden war.

Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte Timofei, zur selben Zeit, als

einer jener vielen Pilgerzüge, die aus allen Teilen des weiten Reiches beständig

nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. Da trat Ossip, der Nachbar, bei dem

Kranken ein: ›Ich gehe mit den Pilgern, Timofei Iwanitsch, erlaube mir, dich

noch einmal zu umarmen.‹ Ossip war nicht befreundet mit dem Alten, aber nun,

da er diese weite Reise begann, fand er es für notwendig, von ihm wie von

einem Vater Abschied zu nehmen. ›Ich habe dich manchmal gekränkt,‹

schluchzte er, ›verzeih mir, mein Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da

kann man nichts dafür, wie du weißt. Nun, ich will für dich beten und eine Kerze

anstecken für dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Väterchen, vielleicht wirst

du wieder gesund, wenn Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. Ja, ja, das

ist lange her, seit du gesungen hast. Was waren das für Lieder. Das von Djuk

Stepanowitsch zum Beispiel, glaubst du, ich habe das vergessen? Wie dumm du bist! Ich weiß es noch ganz genau. Freilich, so wie du, – du hast es eben

gekonnt, das muß man sagen. Gott hat dir das gegeben, einem anderen gibt er

etwas anderes. Mir zum Beispiel –‹

Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich ächzend um und machte eine

Bewegung, als ob er etwas sagen wollte. Es war, als hörte man ganz leise den

Namen Jegors. Vielleicht wollte er ihm eine Nachricht schicken. Aber als der

Nachbar, von der Türe her, fragte: ›Sagst du etwas, Timofei Iwanitsch?‹ lag er

schon wieder ganz ruhig da und schüttelte nur leise seinen weißen Kopf.

Trotzdem, weiß Gott wie es geschah, kaum ein Jahr, nachdem Ossip

fortgegangen war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurück. Der Alte erkannte ihn

nicht gleich, denn es war dunkel in der Hütte, und die greisen Augen nahmen nur

ungern eine neue fremde Gestalt auf. Aber als Timofei die Stimme des Fremden

gehört hatte, erschrak er und sprang vom Ofen herab auf seine alten,

schwankenden Beine. Jegor fing ihn auf, und sie hielten sich in den Armen.

Timofei weinte. Der junge Mensch fragte in einem fort: ›Bist du schon lange

krank, Vater?‹ Als sich der Alte ein wenig beruhigt hatte, kroch er auf seinen

Ofen zurück und erkundigte sich in einem anderen strengen Ton: ›Und dein

Weib?‹ Pause. Jegor spuckte aus: ›Ich hab sie fortgejagt, weißt du, mit dem

Kind.‹ Er schwieg eine Weile. ›Da kommt einmal der Ossip zu mir; ›Ossip

Nikiphorowitsch?‹ sag ich. ›Ja,‹ antwortet er, ›ich bins. Dein Vater ist krank,

Jegor. Er kann nicht mehr singen. Es ist jetzt ganz still im Dorfe, als ob es keine

Seele mehr hätte, unser Dorf. Nichts klopft, nichts rührt sich, es weint niemand

mehr, und auch zum Lachen ist kein rechter Grund.‹ Ich denke nach. Was ist da

zu machen? Ich rufe also mein Weib. ›Ustjënka‹ – sag ich –, ›ich muß nach

Hause, es singt sonst keiner mehr dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.‹

›Gut,‹ sagt Ustjënka. ›Aber ich kann dich nicht mitnehmen‹ – so erklär ich ihr,

›der Vater, weißt du, will dich nicht. Und auch zurückkommen werd ich

wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich erst einmal wieder dort bin und singe.‹

Ustjënka versteht mich: ›Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt viele Pilger hier, da gibt

es viel Almosen. Gott wird schon helfen, Jegor.‹ Und so geh ich also fort. Und

nun, Vater, sag mir alle deine Lieder.‹

Es verbreitete sich das Gerücht, daß Jegor zurückgekehrt sei und daß der alte

Timofei wieder singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so heftig durch das

Dorf, daß niemand von den Vorübergehenden mit Sicherheit ermitteln konnte, ob

in Timofeis Hause wirklich gesungen werde oder nicht. Und die Tür wurde

keinem Pochenden geöffnet. Die beiden wollten allein sein. Jegor saß am Rande

des Ofens, auf welchem der Vater lag, und kam mit dem Ohr bisweilen dem Munde des Alten entgegen; denn dieser sang in der Tat. Seine alte Stimme trug,

etwas gebückt und zitternd, alle die schönsten Lieder zu Jegor hin, und dieser

wiegte manchmal den Kopf oder bewegte die herabhängenden Beine, ganz, als

ob er schon selber sänge. Das ging so viele Tage lang fort. Timofei fand immer

noch ein schöneres Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte er den Sohn,

und indem er mit den welken, zuckenden Händen ungewisse Bewegungen

machte, sang er ein kleines Lied und noch eines und noch eines – bis der träge

Morgen sich zu rühren begann. Bald nach dem schönsten starb er. Er hatte sich

in den letzten Tagen oft arg beklagt, daß er noch eine Unmenge Lieder in sich

trüge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem Sohne mitzuteilen. Er lag da mit

gefurchter Stirne, in angestrengtem, ängstlichem Nachdenken, und seine Lippen

zitterten vor Erwartung. Von Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte eine Weile

den Kopf, bewegte den Mund, und endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber

jetzt sang er meistens immer dieselben Strophen von Djuk Stepanowitsch, die er

besonders liebte, und sein Sohn mußte erstaunt sein und tun, als vernähme er sie

zum erstenmal, um ihn nicht zu erzürnen.

Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, blieb das Haus, welches Jegor

jetzt allein bewohnte, noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, im ersten Frühjahr,

trat Jegor Timofejewitsch, der jetzt einen ziemlich langen Bart hatte, aus seiner

Tür, begann im Dorfe hin und her zu gehen und zu singen. Später kam er auch in

die benachbarten Dörfer, und die Bauern erzählten sich schon, daß Jegor ein

mindestens ebenso kundiger Sänger geworden sei wie sein Vater Timofei; denn

er wußte eine große Anzahl ernster und heldenhafter Gesänge und alle jene

Weisen, die keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, anhören konnte,

ohne zu weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und traurigen Ton gehabt

haben, wie man ihn noch von keinem Sänger vernommen hat. Und dieser Ton

fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim vor, wodurch er besonders

rührend wirkte. So habe ich wenigstens erzählen hören.«

»Diesen Ton hat er also nicht von seinem Vater gelernt?« sagte mein Freund

Ewald nach einer Weile. »Nein,« erwiderte ich, »man weiß nicht, woher der ihm

kam.« Als ich vom Fenster schon fortgetreten war, machte der Lahme noch eine

Bewegung und rief mir nach: »Er hat vielleicht an sein Weib und sein Kind

gedacht. Übrigens, hat er sie nie kommen lassen, da ja sein Vater nun tot war?«

»Nein, ich glaube nicht. Wenigstens ist er später allein gestorben.«