Geschichten vom lieben Gott
Warum der Liebe Gott Will, Dass Es Arme Leute Gibt
WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE
GIBT
D ie vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, daß der Herr Lehrer mit sehr gekränktem Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich kann das begreifen. Es ist
immer schlimm für einen Lehrer, wenn die Kinder plötzlich etwas wissen, was er
ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer muß sozusagen das einzige Loch in der
Planke sein, durch welches man in den Obstgarten sieht; sind noch andere
Löcher da, so drängen sich die Kinder jeden Tag vor einem anderen und werden
bald des Ausblicks überhaupt müde. Ich hätte diesen Vergleich nicht hier
aufgezeichnet, denn nicht jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, ein
Loch zu sein; aber der Lehrer, von dem ich rede, mein Nachbar, hat den
Vergleich zuerst von mir vernommen und ihn sogar als äußerst treffend
bezeichnet. Und sollte auch jemand anderer Meinung sein, die Autorität meines
Nachbars ist mir maßgebend.
Er stand vor mir, rückte beständig an seiner Brille und sagte: »Ich weiß nicht,
wer den Kindern diese Geschichte erzählt hat, aber es ist jedenfalls unrecht, ihre
Phantasie mit solchen ungewöhnlichen Vorstellungen zu überladen und
anzuspannen. Es handelt sich um eine Art Märchen –.« »Ich habe es zufällig
erzählen hören,« unterbrach ich ihn. (Dabei log ich nicht, denn seit jenem Abend
ist es mir wirklich schon von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.)
»So,« machte der Lehrer; er fand das leicht erklärlich. »Nun, was sagen Sie
dazu?« Ich zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst finde ich es
unrecht, religiöse, besonders biblische Stoffe frei und eigenmächtig zu
gebrauchen. Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so ausgedrückt, daß es
besser nicht gesagt werden kann …« Ich wollte etwas bemerken, erinnerte mich
aber im letzten Augenblick, daß der Herr Lehrer »zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt nach der Grammatik und um der Gesundheit des Satzes willen ein
»dann« und vielleicht sogar ein »und endlich« folgen mußte, ehe ich mir
erlauben durfte, etwas anzufügen. So geschah es auch. Ich will, da der Herr
Lehrer diesen selben Satz, dessen tadelloser Bau jedem Kenner Freude bereiten
wird, auch anderen übermittelt hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen
dürften, hier nur noch das aufzeichnen, was hinter dem schönen, vorbereitenden
Worte: »Und endlich« wie das Finale einer Ouvertüre kam. »Und endlich … (die
sehr phantastische Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der Stoff gar
nicht einmal genügend durchdrungen und nach allen Seiten hin berücksichtigt zu
sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu schreiben –« »Sie vermissen etwas in
der bewußten Erzählung?« konnte ich mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen.
»Ja, ich vermisse manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt
gewissermaßen. Wenn ich zu Ihnen als Kollege sprechen darf –« Ich verstand
nicht, was er meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig, aber ich habe nie
eine Lehrtätigkeit …« Plötzlich fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er fuhr
etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist nicht anzunehmen, daß Gott
(wenn man schon auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen will), daß Gott,
also – sage ich – daß Gott keinen weiteren Versuch gemacht haben sollte, einen
Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine –« Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer
wieder versöhnen zu müssen. Ich verneigte mich ein wenig und begann: »Es ist
allgemein bekannt, daß Sie sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, nicht
ohne Gegenliebe zu finden) der sozialen Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer
lächelte. »Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich Ihnen im folgenden
mitzuteilen gedenke, Ihrem Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich ja auch an
Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung anknüpfen kann.« Er sah mich
erstaunt an: »Sollte Gott etwa …« »In der Tat,« bestätigte ich, »Gott ist eben
dabei, einen neuen Versuch zu machen.« »Wirklich?« fuhr mich der Lehrer an,
»ist das an maßgebender Stelle bekannt geworden?« »Darüber kann ich Ihnen
nichts Genaues sagen –« bedauerte ich – »ich bin nicht in Beziehung mit jenen
Kreisen, aber wenn Sie dennoch meine kleine Geschichte hören wollen?« »Sie
würden mir einen großen Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine Brille ab
und putzte sorgfältig die Gläser, während seine nackten Augen sich schämten.
Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in eine große Stadt. Als ihm von dem
vielen Durcheinander die Augen ermüdeten (dazu trugen die Netze mit den
elektrischen Drähten nicht wenig bei), beschloß er, seine Blicke auf ein einziges
hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken, weil dieses weit weniger
anstrengend war. Gleichzeitig erinnerte er sich seines alten Wunsches, einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und zu diesem Zwecke tauchten seine
Blicke ansteigend in die Fenster der einzelnen Stockwerke. Die Leute im ersten
Stockwerke (es war ein reicher Kaufmann mit Familie) waren fast nur Kleider.
Nicht nur, daß alle Teile ihres Körpers mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die
äußeren Umrisse dieser Kleidung zeigten an vielen Stellen eine solche Form, daß
man sah, es konnte kein Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock war es
nicht viel besser. Die Leute, welche drei Treppen wohnten, hatten zwar schon
bedeutend weniger an, waren aber so schmutzig, daß der liebe Gott nur graue
Furchen erkannte und in seiner Güte schon bereit war, zu befehlen, sie möchten
fruchtbar werden. Endlich unter dem Dach, in einem schrägen Kämmerchen,
fand der liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, der sich damit
beschäftigte, Lehm zu kneten. ›Oho, woher hast du das?‹ rief er ihn an. Der
Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde und brummte: ›Der Teufel
weiß woher. Ich wollte, ich wär Schuster geworden. Da sitzt man und plagt
sich …‹ Und was der liebe Gott auch fragen mochte, der Mann war schlechter
Laune und gab keine Antwort mehr. – Bis er eines Tages einen großen Brief vom
Bürgermeister dieser Stadt bekam. Da erzählte er dem lieben Gott, ungefragt,
alles. Er hatte so lange keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte er eine
Statue für den Stadtpark machen, und sie sollte heißen: die Wahrheit. Der
Künstler arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten Atelier, und dem lieben
Gott kamen verschiedene alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er seinen
Händen nicht immer noch böse gewesen wäre, er hätte wohl auch wieder
irgendwas begonnen. – Als aber der Tag kam, da die Bildsäule, welche die
Wahrheit hieß, hinausgetragen werden sollte, auf ihren Platz in den Garten, wo
auch Gott sie hätte sehen können in ihrer Vollendung, da entstand ein großer
Skandal, denn eine Kommission von Stadtvätern, Lehrern und anderen
einflußreichen Persönlichkeiten hatte verlangt, die Figur müsse erst teilweise
bekleidet werden, ehe das Publikum sie zu Gesicht bekäme. Der liebe Gott
verstand nicht, weshalb, so laut fluchte der Künstler. Stadtväter, Lehrer und die
anderen haben ihn in diese Sünde gebracht, und der liebe Gott wird gewiß an
denen – aber Sie husten ja fürchterlich!« »Es geht schon vorüber –« sagte mein
Lehrer mit vollkommen klarer Stimme. »Nun, ich habe nur noch ein weniges zu
berichten. Der liebe Gott ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und wollte
seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie man eine Angelrute aus dem Wasser
zieht, mit einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas angebissen hat. In
diesem Falle hing wirklich etwas daran. Ein ganz kleines Häuschen mit
mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig anhatten, denn sie waren sehr arm. ›Das also ist es –,‹ dachte der liebe Gott, ›arm müssen die Menschen sein.
Diese hier sind, glaub ich, schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, daß
sie nicht einmal ein Hemd zum Anziehen haben.‹ So nahm sich der liebe Gott
vor.«
Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, um anzudeuten, daß ich am
Ende sei. Der Herr Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese Geschichte
ebensowenig abgeschlossen und gerundet wie die vorhergehende. »Ja« –
entschuldigte ich mich – »da müßte eben ein Dichter kommen, der zu dieser
Geschichte irgendeinen phantastischen Schluß erfindet, denn tatsächlich hat sie
noch kein Ende.« »Wieso?« machte der Herr Lehrer und schaute mich gespannt
an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte ich, »wie vergeßlich Sie sind! Sie sind
doch selbst im Vorstand des hiesigen Armenvereins …« »Ja, seit etwa zehn
Jahren bin ich das und –?« »Das ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern den
lieben Gott die längste Zeit, sein Ziel zu erreichen. Sie kleiden die Leute –«
»Aber ich bitte Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist einfach
Nächstenliebe. Das ist doch Gott im höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon
ist man maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte ich arglos. »Natürlich ist
man das. Ich habe gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des
Armenvereins manches Lobende zu hören bekommen. Vertraulich gesagt, man
will auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit in dieser Weise – – – Sie
verstehen?« Der Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich wünsche Ihnen das
Beste,« entgegnete ich. Wir reichten uns die Hände, und der Herr Lehrer ging
mit so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß ich überzeugt bin: er ist zu spät in
die Schule gekommen.
Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser Geschichte (soweit sie für Kinder
paßt) den Kindern doch bekannt geworden. Sollte der Herr Lehrer sie zu Ende
gedichtet haben?