Geschichten vom lieben Gott

Rainer Maria Rilke · Kapitel 3 von 14

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Geschichten vom lieben Gott

Warum der Liebe Gott Will, Dass Es Arme Leute Gibt

WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE

GIBT

 

D ie vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, daß der Herr Lehrer mit sehr gekränktem Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich kann das begreifen. Es ist

immer schlimm für einen Lehrer, wenn die Kinder plötzlich etwas wissen, was er

ihnen nicht erzählt hat. Der Lehrer muß sozusagen das einzige Loch in der

Planke sein, durch welches man in den Obstgarten sieht; sind noch andere

Löcher da, so drängen sich die Kinder jeden Tag vor einem anderen und werden

bald des Ausblicks überhaupt müde. Ich hätte diesen Vergleich nicht hier

aufgezeichnet, denn nicht jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, ein

Loch zu sein; aber der Lehrer, von dem ich rede, mein Nachbar, hat den

Vergleich zuerst von mir vernommen und ihn sogar als äußerst treffend

bezeichnet. Und sollte auch jemand anderer Meinung sein, die Autorität meines

Nachbars ist mir maßgebend.

Er stand vor mir, rückte beständig an seiner Brille und sagte: »Ich weiß nicht,

wer den Kindern diese Geschichte erzählt hat, aber es ist jedenfalls unrecht, ihre

Phantasie mit solchen ungewöhnlichen Vorstellungen zu überladen und

anzuspannen. Es handelt sich um eine Art Märchen –.« »Ich habe es zufällig

erzählen hören,« unterbrach ich ihn. (Dabei log ich nicht, denn seit jenem Abend

ist es mir wirklich schon von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.)

»So,« machte der Lehrer; er fand das leicht erklärlich. »Nun, was sagen Sie

dazu?« Ich zögerte, auch fuhr er sehr schnell fort: »Zunächst finde ich es

unrecht, religiöse, besonders biblische Stoffe frei und eigenmächtig zu

gebrauchen. Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so ausgedrückt, daß es

besser nicht gesagt werden kann …« Ich wollte etwas bemerken, erinnerte mich

aber im letzten Augenblick, daß der Herr Lehrer »zunächst« gebraucht hatte, daß also jetzt nach der Grammatik und um der Gesundheit des Satzes willen ein

»dann« und vielleicht sogar ein »und endlich« folgen mußte, ehe ich mir

erlauben durfte, etwas anzufügen. So geschah es auch. Ich will, da der Herr

Lehrer diesen selben Satz, dessen tadelloser Bau jedem Kenner Freude bereiten

wird, auch anderen übermittelt hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen

dürften, hier nur noch das aufzeichnen, was hinter dem schönen, vorbereitenden

Worte: »Und endlich« wie das Finale einer Ouvertüre kam. »Und endlich … (die

sehr phantastische Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der Stoff gar

nicht einmal genügend durchdrungen und nach allen Seiten hin berücksichtigt zu

sein. Wenn ich Zeit hätte, Geschichten zu schreiben –« »Sie vermissen etwas in

der bewußten Erzählung?« konnte ich mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen.

»Ja, ich vermisse manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt

gewissermaßen. Wenn ich zu Ihnen als Kollege sprechen darf –« Ich verstand

nicht, was er meinte, und sagte bescheiden: »Sie sind zu gütig, aber ich habe nie

eine Lehrtätigkeit …« Plötzlich fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er fuhr

etwas kühl fort: »Um nur eins zu nennen: es ist nicht anzunehmen, daß Gott

(wenn man schon auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen will), daß Gott,

also – sage ich – daß Gott keinen weiteren Versuch gemacht haben sollte, einen

Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine –« Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer

wieder versöhnen zu müssen. Ich verneigte mich ein wenig und begann: »Es ist

allgemein bekannt, daß Sie sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, nicht

ohne Gegenliebe zu finden) der sozialen Frage genähert haben.« Der Herr Lehrer

lächelte. »Nun, dann darf ich annehmen, daß, was ich Ihnen im folgenden

mitzuteilen gedenke, Ihrem Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich ja auch an

Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung anknüpfen kann.« Er sah mich

erstaunt an: »Sollte Gott etwa …« »In der Tat,« bestätigte ich, »Gott ist eben

dabei, einen neuen Versuch zu machen.« »Wirklich?« fuhr mich der Lehrer an,

»ist das an maßgebender Stelle bekannt geworden?« »Darüber kann ich Ihnen

nichts Genaues sagen –« bedauerte ich – »ich bin nicht in Beziehung mit jenen

Kreisen, aber wenn Sie dennoch meine kleine Geschichte hören wollen?« »Sie

würden mir einen großen Gefallen erweisen.« Der Lehrer nahm seine Brille ab

und putzte sorgfältig die Gläser, während seine nackten Augen sich schämten.

Ich begann: »Einmal sah der liebe Gott in eine große Stadt. Als ihm von dem

vielen Durcheinander die Augen ermüdeten (dazu trugen die Netze mit den

elektrischen Drähten nicht wenig bei), beschloß er, seine Blicke auf ein einziges

hohes Mietshaus für eine Weile zu beschränken, weil dieses weit weniger

anstrengend war. Gleichzeitig erinnerte er sich seines alten Wunsches, einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und zu diesem Zwecke tauchten seine

Blicke ansteigend in die Fenster der einzelnen Stockwerke. Die Leute im ersten

Stockwerke (es war ein reicher Kaufmann mit Familie) waren fast nur Kleider.

Nicht nur, daß alle Teile ihres Körpers mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die

äußeren Umrisse dieser Kleidung zeigten an vielen Stellen eine solche Form, daß

man sah, es konnte kein Körper mehr darunter sein. Im zweiten Stock war es

nicht viel besser. Die Leute, welche drei Treppen wohnten, hatten zwar schon

bedeutend weniger an, waren aber so schmutzig, daß der liebe Gott nur graue

Furchen erkannte und in seiner Güte schon bereit war, zu befehlen, sie möchten

fruchtbar werden. Endlich unter dem Dach, in einem schrägen Kämmerchen,

fand der liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, der sich damit

beschäftigte, Lehm zu kneten. ›Oho, woher hast du das?‹ rief er ihn an. Der

Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde und brummte: ›Der Teufel

weiß woher. Ich wollte, ich wär Schuster geworden. Da sitzt man und plagt

sich …‹ Und was der liebe Gott auch fragen mochte, der Mann war schlechter

Laune und gab keine Antwort mehr. – Bis er eines Tages einen großen Brief vom

Bürgermeister dieser Stadt bekam. Da erzählte er dem lieben Gott, ungefragt,

alles. Er hatte so lange keinen Auftrag bekommen. Jetzt, plötzlich, sollte er eine

Statue für den Stadtpark machen, und sie sollte heißen: die Wahrheit. Der

Künstler arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten Atelier, und dem lieben

Gott kamen verschiedene alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er seinen

Händen nicht immer noch böse gewesen wäre, er hätte wohl auch wieder

irgendwas begonnen. – Als aber der Tag kam, da die Bildsäule, welche die

Wahrheit hieß, hinausgetragen werden sollte, auf ihren Platz in den Garten, wo

auch Gott sie hätte sehen können in ihrer Vollendung, da entstand ein großer

Skandal, denn eine Kommission von Stadtvätern, Lehrern und anderen

einflußreichen Persönlichkeiten hatte verlangt, die Figur müsse erst teilweise

bekleidet werden, ehe das Publikum sie zu Gesicht bekäme. Der liebe Gott

verstand nicht, weshalb, so laut fluchte der Künstler. Stadtväter, Lehrer und die

anderen haben ihn in diese Sünde gebracht, und der liebe Gott wird gewiß an

denen – aber Sie husten ja fürchterlich!« »Es geht schon vorüber –« sagte mein

Lehrer mit vollkommen klarer Stimme. »Nun, ich habe nur noch ein weniges zu

berichten. Der liebe Gott ließ das Mietshaus und den Stadtpark los und wollte

seinen Blick schon ganz zurückziehen, wie man eine Angelrute aus dem Wasser

zieht, mit einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas angebissen hat. In

diesem Falle hing wirklich etwas daran. Ein ganz kleines Häuschen mit

mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig anhatten, denn sie waren sehr arm. ›Das also ist es –,‹ dachte der liebe Gott, ›arm müssen die Menschen sein.

Diese hier sind, glaub ich, schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, daß

sie nicht einmal ein Hemd zum Anziehen haben.‹ So nahm sich der liebe Gott

vor.«

Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, um anzudeuten, daß ich am

Ende sei. Der Herr Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese Geschichte

ebensowenig abgeschlossen und gerundet wie die vorhergehende. »Ja« –

entschuldigte ich mich – »da müßte eben ein Dichter kommen, der zu dieser

Geschichte irgendeinen phantastischen Schluß erfindet, denn tatsächlich hat sie

noch kein Ende.« »Wieso?« machte der Herr Lehrer und schaute mich gespannt

an. »Aber, lieber Herr Lehrer,« erinnerte ich, »wie vergeßlich Sie sind! Sie sind

doch selbst im Vorstand des hiesigen Armenvereins …« »Ja, seit etwa zehn

Jahren bin ich das und –?« »Das ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern den

lieben Gott die längste Zeit, sein Ziel zu erreichen. Sie kleiden die Leute –«

»Aber ich bitte Sie,« sagte der Lehrer bescheiden, »das ist einfach

Nächstenliebe. Das ist doch Gott im höchsten Grade wohlgefällig.« »Ach, davon

ist man maßgebenden Orts wohl überzeugt?« fragte ich arglos. »Natürlich ist

man das. Ich habe gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des

Armenvereins manches Lobende zu hören bekommen. Vertraulich gesagt, man

will auch bei der nächsten Beförderung meine Tätigkeit in dieser Weise – – – Sie

verstehen?« Der Herr Lehrer errötete schamhaft. »Ich wünsche Ihnen das

Beste,« entgegnete ich. Wir reichten uns die Hände, und der Herr Lehrer ging

mit so stolzen, gemessenen Schritten fort, daß ich überzeugt bin: er ist zu spät in

die Schule gekommen.

Wie ich später vernahm, ist ein Teil dieser Geschichte (soweit sie für Kinder

paßt) den Kindern doch bekannt geworden. Sollte der Herr Lehrer sie zu Ende

gedichtet haben?