Geschichten vom lieben Gott
Der Fremde Mann
E in fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den großen, noch von den
kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Rußland oder dem Zaren Iwan, dem
Grausen, seinem fürchterlichen Vorfahren. Nicht vom Bürgermeister oder vom
Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt, nicht von den fernen Städten;
und auch der Wald mit den vielen Rehen, darin ich jeden Morgen mich verliere,
kommt in seinem Briefe nicht vor. Er erzählt mir auch nichts von seinem
Mütterchen oder von seinen Schwestern, die gewiß längst verheiratet sind.
Vielleicht ist auch sein Mütterchen tot; wie könnte es sonst sein, daß ich sie in
einem vierseitigen Briefe nirgends erwähnt finde! Er erweist mir ein viel, viel
größeres Vertrauen; er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir von seiner
Not.
Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. Ich zünde keine Lampe an,
helfe ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, weil das
gerade die Stunde ist, in welcher ich täglich meinen Tee trinke. Und bei so nahen
Besuchen muß man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns schon an den
Tisch setzen wollen, bemerke ich, daß mein Gast unruhig ist; sein Gesicht ist
voll Angst, und seine Hände zittern. »Richtig,« sage ich, »hier ist ein Brief für
Sie.« Und dann bin ich dabei, den Tee einzugießen. »Nehmen Sie Zucker und
vielleicht Zitrone? Ich habe in Rußland gelernt, den Tee mit Zitrone zu trinken.
Wollen Sie versuchen?« Dann zünde ich eine Lampe an und stelle sie in eine
entfernte Ecke, etwas hoch, so daß eigentlich Dämmerung bleibt im Zimmer, nur
eine etwas wärmere als früher, eine rötliche. Und da scheint auch das Gesicht
meines Gastes sicherer, wärmer und um vieles bekannter zu sein. Ich begrüße
ihn noch einmal mit den Worten: »Wissen Sie, ich habe Sie lange erwartet.« Und
ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erkläre ich ihm. »Ich weiß eine Geschichte, welche ich niemandem erzählen mag als Ihnen; fragen Sie mich nicht warum,
sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob der Tee genug süß ist und ob Sie die
Geschichte hören wollen.« Mein Gast mußte lächeln. Dann antwortete er
einfach: »Ja.« »Auf alles drei: Ja?« »Auf alles drei.«
Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Stühlen zurück, so daß unsere
Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute mich daran,
wie goldig der Tee glänzte, vergaß diese Freude langsam wieder und fragte
plötzlich: »Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?«
Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit
den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen Laubengängen
in einem Parke, über welchem leuchtend und breit Sommer und Sonne liegt.
Auch diese beginnen so, mit runder Dämmerung, dehnen sich in immer engerer
Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem jenseitigen Ausgang
in einen vielleicht noch viel helleren Tag. Während ich das erkannte, sagte er
zögernd und als ob er sich nur ungern seiner Stimme bediente: »Ja, ich erinnere
mich noch an Gott.« »Gut,« dankte ich ihm, »denn gerade von ihm handelt
meine Geschichte. Doch zuerst sagen Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit
Kindern?« »Es kommt wohl vor, so im Vorübergehen, wenigstens –« »Vielleicht
ist es Ihnen bekannt, daß Gott infolge eines häßlichen Ungehorsams seiner
Hände nicht weiß, wie der fertige Mensch eigentlich aussieht?« »Das habe ich
einmal irgendwo gehört, ich weiß indessen nicht von wem« – entgegnete mein
Gast, und ich sah unbestimmte Erinnerungen über seine Stirn jagen.
»Gleichviel,« störte ich ihn, »hören Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese
Ungewißheit. Denn seine Geduld ist wie seine Stärke groß. Einmal aber, als
dichte Wolken zwischen ihm und der Erde standen viele Tage lang, so daß er
kaum mehr wußte, ob er alles: Welt und Menschen und Zeit nicht nur geträumt
hatte, rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem Angesicht verbannt und
verborgen gewesen war in kleinen unwichtigen Werken. Sie eilte bereitwillig
herbei; denn sie glaubte, Gott wolle ihr endlich verzeihen. Als Gott sie so vor
sich sah in ihrer Schönheit, Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu
vergeben. Aber rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: ›Du gehst
hinunter auf die Erde. Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen siehst,
und stellst dich, nackt, auf einen Berg, so daß ich dich genau betrachten kann.
Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen Frau und sag ihr, aber ganz
leise: Ich möchte leben. Es wird zuerst ein kleines Dunkel um dich sein und
dann ein großes Dunkel, welches Kindheit heißt, und dann wirst du ein Mann
sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen Augenblick. Leb wohl.‹
Die Rechte nahm von der Linken Abschied, gab ihr viele freundliche
Namen, ja es wurde sogar behauptet, sie habe sich plötzlich vor ihr verneigt und
gesagt: ›Du, heiliger Geist.‹ Aber schon trat der heilige Paulus herzu, hieb dem
lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel fing sie auf und trug sie unter
seinem weiten Gewand davon. Gott aber hielt sich mit der Linken die Wunde zu,
damit sein Blut nicht über die Sterne ströme und von da in traurigen Tropfen
herunterfiele auf die Erde. Eine kurze Zeit später bemerkte Gott, der aufmerksam
alle Vorgänge unten betrachtete, daß die Menschen in den eisernen Kleidern sich
um einen Berg mehr zu schaffen machten als um alle anderen Berge. Und er
erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam nur ein Mensch
in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes Schwankendes
aufwärts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes linke Hand, die
vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit einem Mal verließ sie,
ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und irrte wie wahnsinnig zwischen
den Sternen umher und schrie: ›O, die arme rechte Hand, und ich kann ihr nicht
helfen.‹ Dabei zerrte sie an Gottes linkem Arm, an dessen äußerstem Ende sie
hing, und bemühte sich loszukommen. Die ganze Erde aber war rot vom Blute
Gottes, und man konnte nicht erkennen, was darunter geschah. Damals wäre
Gott fast gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er seine Rechte zurück; sie kam
blaß und bebend und legte sich an ihren Platz wie ein krankes Tier. Aber auch
die Linke, die doch schon manches wußte, da sie die rechte Hand Gottes damals
unten auf der Erde erkannt hatte, als diese in einem roten Mantel den Berg
erstieg, konnte von ihr nicht erfahren, was sich weiter auf diesem Berge begeben
hat. Es muß etwas sehr Schreckliches gewesen sein. Denn Gottes Rechte hat sich
noch nicht davon erholt, und sie leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger als
unter dem alten Zorne Gottes, der ja seinen Händen immer noch nicht verziehen
hat.« Meine Stimme ruhte ein wenig aus. Der Fremde hatte sein Gesicht mit den
Händen verhüllt. Lange blieb alles so. Dann sagte der fremde Mann mit einer
Stimme, die ich längst kannte: »Und warum haben Sie mir diese Geschichte
erzählt?«
»Wer hätte mich sonst verstanden? Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne
Amt, ohne irgendeine zeitliche Würde, fast ohne Namen. Es war dunkel, als Sie
eintraten, allein ich bemerkte in Ihren Zügen eine Ähnlichkeit –« Der fremde
Mann blickte fragend auf. »Ja,« erwiderte ich seinem stillen Blick, »ich denke
oft, vielleicht ist Gottes Hand wieder unterwegs …«
Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen so erzählt, daß sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese Geschichte lieb.