Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 1 von 19

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Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg

Der erste Brief

 

Meine Teure — ich will Ihnen keinen Nahmen geben, denn was sind die

Nahmen Freundinn Schwester, Geliebte, Braut, Gattin, oder ein Wort das einen

Complex von all denen Nahmen begriffe, gegen das unmittelbaare Gefühl, zu

dem — ich kann nicht weiter schreiben, Ihr Brief hat mich in einer wunderlichen

Stunde gepackt. Adieu, gleich den ersten Augenblick! —

Ich komme doch wieder — ich fühle Sie können ihn tragen diesen zerstückten,

stammelnden Ausdruck wenn das Bild des Unendlichen in uns wühlt. Und was

ist das als Liebe! — Musste er Menschen machen nach seinem Bild, ein

Geschlecht das ihm ähnlich sey, was müssen wir fühlen wenn wir Brüder finden,

unser Gleichniss, uns selbst verdoppelt.

Und so solls weg, so sollen Sie's haben dieses Blat, obiges schrieb ich wohl vor

acht Tagen, unmittelbaar auf den Empfang Ihres Briefs.

Haben Sie Geduld mit mir, bald sollen Sie Antwort haben. Hier indess meine

Silhouette, ich bitte um die Ihrige, aber nicht in's kleine, den grosen von der

Natur genommenen Riss bitt ich. Adieu ein herzlichstes Adieu. Fr[ank]furt d. 26.

Jan. 1775.

Goethe.

 

Der Brief ist wieder liegen blieben o haben Sie Geduld mit mir. Schreiben Sie

mir und in meinen Besten Stunden will ich an Sie dencken. Sie fragen ob ich

glücklich bin? Ja meine beste ich bins, und wenn ich's nicht bin, so wohnt

wenigstens all das tiefe Gefühl von Freud und Leid in mir. Nichts ausser mir

stört, schiert, hindert mich. Aber ich bin wie ein klein Kind weis Gott. Noch

einmal Adieu.