Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Der zweite Brief
Wenn Sie sich, meine liebe, einen Goethe vorstellen können, der im galonirten
Rock, sonst von Kopf zu Fuse auch in leidlich konsistenter Galanterie,
umleuchtet vom unbedeutenden Prachtglanze der Wandleuchter und
Kronenleuchter, mitten unter allerley Leuten, von ein Paar schönen Augen am
Spieltische gehalten wird, der in abwechselnder Zerstreuung aus der
Gesellschafft, ins Conzert, und von da auf den Ball getrieben wird, und mit
allem Interesse des Leichtsinns, einer niedlichen Blondine den Hof macht; so
haben Sie den gegenwärtigen Fassnachts Goethe, der Ihnen neulich einige
dumpfe tiefe Gefühle vorstolperte, der nicht an Sie schreiben mag, der Sie auch
manchmal vergisst, weil er sich in Ihrer Gegenwart ganz unausstehlich fühlt.
Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem braunseidnen
Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarlufft schon den Frühling
ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in
sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend
in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze des Lebens in mancherley Dramas,
die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten
Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht,
weder rechts noch lincks fragt: was von dem gehalten werde was er machte?
weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem
Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und
spielend, entwickeln lassen will. Das ist der, dem Sie nicht aus dem Sinne
kommen, der auf einmal am frühen Morgen einen Beruf fühlt Ihnen zu
schreiben, dessen gröste Glückseligkeit ist mit den besten Menschen seiner Zeit
zu leben.
Hier also meine beste sehr mancherley von meinem Zustande, nun thun Sie
dessgleichen und unterhalten mich von dem Ihrigen, so werden wir näher
rücken, einander zu schauen glauben — denn das sag ich Ihnen voraus dass ich
Sie offt mit viel Kleinigkeit unterhalten werde, wie mirs in Sinn schiesst.
Noch eins was mich glücklich macht, sind die vielen edlen Menschen, die von
allerley Enden meines Vaterlands, zwar freylich unter viel unbedeutenden,
unerträglichen, in meine Gegend, zu mir kommen, manchmal vorübergehn, manchmal verweilen. Man weiss erst dass man ist wenn man sich in andern
wiederfindet.
Ob mir übrigens verrathen worden: wer und wo sie sind, thut nichts zur Sache,
wenn ich an Sie dencke fühl ich nichts als Gleichheit, Liebe, Nähe! Und so
bleiben Sie mir, wie ich gewiss auch durch alles Schweben und Schwirren, durch
unveränderlich bleibe. Recht wohl —! diese Kusshand — Leben Sie recht wohl.
Franckfurt. den 13. Febr. 1775.
Goethe.