Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Der erste Brief
Meine Teure — ich will Ihnen keinen Nahmen geben, denn was sind die
Nahmen Freundinn Schwester, Geliebte, Braut, Gattin, oder ein Wort das einen
Complex von all denen Nahmen begriffe, gegen das unmittelbaare Gefühl, zu
dem — ich kann nicht weiter schreiben, Ihr Brief hat mich in einer wunderlichen
Stunde gepackt. Adieu, gleich den ersten Augenblick! —
Ich komme doch wieder — ich fühle Sie können ihn tragen diesen zerstückten,
stammelnden Ausdruck wenn das Bild des Unendlichen in uns wühlt. Und was
ist das als Liebe! — Musste er Menschen machen nach seinem Bild, ein
Geschlecht das ihm ähnlich sey, was müssen wir fühlen wenn wir Brüder finden,
unser Gleichniss, uns selbst verdoppelt.
Und so solls weg, so sollen Sie's haben dieses Blat, obiges schrieb ich wohl vor
acht Tagen, unmittelbaar auf den Empfang Ihres Briefs.
Haben Sie Geduld mit mir, bald sollen Sie Antwort haben. Hier indess meine
Silhouette, ich bitte um die Ihrige, aber nicht in's kleine, den grosen von der
Natur genommenen Riss bitt ich. Adieu ein herzlichstes Adieu. Fr[ank]furt d. 26.
Jan. 1775.
Goethe.
Der Brief ist wieder liegen blieben o haben Sie Geduld mit mir. Schreiben Sie
mir und in meinen Besten Stunden will ich an Sie dencken. Sie fragen ob ich
glücklich bin? Ja meine beste ich bins, und wenn ich's nicht bin, so wohnt
wenigstens all das tiefe Gefühl von Freud und Leid in mir. Nichts ausser mir
stört, schiert, hindert mich. Aber ich bin wie ein klein Kind weis Gott. Noch
einmal Adieu.