Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Der fünfzehnte Brief
Danck Gustgen dass du aus deiner Ruhe mir in die Unruhe des Lebens einen
Laut herüber gegeben hast.
Alles geben Götter die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz
Alle Freuden die unendlichen
Alle Schmerzen die unendlichen ganz.
So sang ich neulich als ich tief in einer herrlichen Mondnacht aus dem Flusse
stieg der vor meinem Garten durch die Wiesen fliest; und das bewahrheitet sich
täglich an mir. Ich muss das Glück für meine Liebste erkennen, dafür schiert sie
mich auch wieder wie ein geliebtes Weib. Den Todt meiner Schwester wirst du
wissen. Mir geht in allem alles erwünscht, und leide allein um andre. Leb wohl
grüse Henrietten! Ist das noch eine eurer Schwestern? oder Christels Frau? zwar
sie hat der Brüder Handschrifft! Wenn ich einmal wieder ans Schreiben komme,
will ich ia wol sehn ob ich dadrüber was sagen kan was sie will. Grüse die
Brüder und behaltet mich lieb.
Weimar d. 17. Jul. 77.
Goethe.