Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Der vierte Brief
Mir ist's wieder eine Zeit her für Wohl u. Weh, dass ich nicht weis ob ich auf der
Welt bin, und da ist mir's doch als wär ich im Himmel. Dies liebe Schwester den
19. Merz Nachts um eilfe. Gute Nacht!
Den 23. Abends bald sieben. Ich komme von meiner Mutter herauf, noch einige
Worte dir o du liebe. Heut nach Tisch kam dein Brief, eben da ich beym Braten
gemurrt hatte, dass so lang keiner kam. Ich dancke dir tausendmal. um 2 Uhr
musst ich zu einem verdrüslichen Geschäfft, da ging ich unter allerley Leuten
herum und dacht an dich und schrieb mit Bleystifft beigehendes Zettelgen. So
recht! Tritt u. Schritt muss ich wissen von meinen lieben, denn ich bilde mir ein
dass euch von mir das all auch so werth ist; also dancke dancke für die
Schildrung dein und deines Lebens, wie wahr, wie voraus von mir gefühlt! — O
könnt ich auch! — — Behalt mich lieb —
Jetzt bitt ich noch um die Silhouetten all deiner lieben, deines Ehlers der mir
verzeihen soll dass ich ihm nicht schreibe, ich habe warrlich nimmer nichts zu
sagen, nur ihr Mädgen kriegt mich doch wieder dran. Dann die Schattenrisse
deiner Brüder von denen ich auch Briefe habe, meiner Brüder, und deiner
innigen Freundin. NB. alle wie sie auf der Wand gezeichnet worden ohn
ausgeschnitten.
Jetzt gute Nacht und weg mit dem Fieber! — doch wenn du leidest, schreib mir
— ich will alles theilen — o dann lass mich auch nicht stecken edle Seele zur
Zeit der Trübsaal, die kommen könnte, wo ich dich flöhe und alle Lieben!
Verfolge mich ich bitte dich, verfolge mich mit deinen Briefen dann, und rette
mich von mir selbst.
Auf beyliegendem Blättgen ist abgeschrieben das Bleystifft Zettelgen wovon ich
vorhin sprach. Liebe! liebe! und so leb wohl. d. 25. Merz 1775.
Nicht doch du musst das Original haben! — Was wär' ein Kuss in Copia! —