Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Der achte Brief
Ja lieb Gustgen gleich fang ich an d. 14. Sept. im Moment da ich ihren Brief
endige, sehen Sie wie hoch und klein, wie viel ich zu schreiben dencke. Heut bin
ich ruhig, da liegt zwar meist eine Schlang im Grase. Hören Sie, ich hab immer
eine Ahndung, sie werden mich retten, aus tiefer Noth, kanns auch kein Weiblich
Geschöpf als Sie. Dancke zuerst für Ihre lebendige Beschreibung alles was Sie
umgiebt, hätt ich nur iezt noch einen Schattenriss von Ihrer ganzen Figur! Könnt
ich kommen. Neulich reisst ich zu Ihnen! Durchzog in trauriger Gestalt
Deutschland, sah mich weder rechts noch lincks um, nach Coppenhagen, und
kam und trat in ihr Zimmer, und fiel mit Trähnen zu ihren Füssen, und rief
Gustgen bist dus! — Es war eine seelige Stunde, da mir das lebendig im Kopf
und Herzen war. Was Sie von Lili sagen ist ganz wahr. Unglücklicher Weise
macht der Abstand von mir das Band nur fester das mich an sie zaubert. Ich kann
ich darf Ihnen nicht alles sagen. Es geht mir zu nah ich mag keine Erinnerungen.
Engel! Ihr Brief hat mir wieder in die Ohren geklungen wie die Trompte dem
eingeschlafnen Krieger. Wolte Gott Ihre Augen würden mir Ubalds Schild, und
liessen mich tief mein unwürdiges Elend erkennen, und — Ja Gustgen wir
wollen das lassen — über des Menschen Herz lässt sich nichts sagen, als mit
dem Feuerblick des Moments. Nun soll ich zu Tische
Nach Tische. Dein Gut Wort würckte in mir, da sprachs auf einmal in mir, sollts
nicht übermäsiger Stolz seyn zu verlangen, dass dich ganz das Mädgen erkennte
und so erkennend liebte, erkenn ich sie vielleicht auch nicht, und da sie anders
ist wie ich, ist sie nicht vielleicht besser. — Gustgen! — Lass mein Schweigen
dir sagen, was keine Worte sagen können.
Gute Nacht Gustgen! Heut einen guten Nachmittag, der selten ist — mit Grosen,
das noch seltner ist — Ich konnte zwey Fürstinnen in Einem Zimmer lieb und
werth haben. Gute Nacht. Will dir so ein Tagbuch schreiben, ist das beste. Thu
mir's auch so ich hasse die Briefe und die Erörterungen und die Meynungen.
Gute Nacht! So! — ich sehe zurück, schon dreymal, ists doch als wenn ich
verliebt in dich wäre! und den Hut immer nähme und wieder niederlegte. Wie
wollt ich du könntest nur acht Tage mein Herz an deinem, meinen Blick in deinem fühlen. Bey Gott was hier vorgeht ist unaussprechlich fein und schnell
und nur dir vernehmbar.
Gute Nacht.
d. 15. Guten Morgen. Ich hab eine gute Nacht gehabt. Und bin iezt recht wie ein
Mädgen. Sie rathen nicht was mich beschäfftigt, eine Maske, auf kommenden
Dienstag wo wir Ball haben.
Nach Tisch! — Ich komme geschwind gelaufen, dir zu sagen was mir drüben in
der andern Stube durch den Kopf fuhr: Es hat mich doch kein Weiblich
Geschöpf so lieb wie Gustgen.
Und meine Masque wird eine altdeutsche Tracht, schwarz und Gelb, Pumphose,
Wämslein, Mantel und Federstuzhut. Ach wie danck ich Gott dass er mir diese
Puppe auf die paar Tage gegeben hat, wenns so lang währt.
halb viere. In Brunnen gefallen wie ichs ahndete. Meine Masque wird nicht
gemacht. Lili kommt nicht auf den Bal. Aber dürft ich, könnt ich alles sagen! —
Ich thats sie zu ehren weil ich deklarirt für sie bin, und eines Mädgens Herz pp.
— Also Gustgen! — Ich thats auch halb aus Truz, weil wir nicht sonderlich
stehn die acht Tage her. Und nun! — Sieh Gustgen! so kanns allein werden wenn
ich dir so von Moment zu Moment schreibe. — — halb 5. ich wollt ich könnt
mich dir darstellen wie ich bin, du solltest doch dein Wunder sehn. Gott! so in
dem ewigen Wechsel, immer eben derselbe.
d. 16ten. Heut Nacht necksten mich halb fatale Träume. Heut früh beym
Erwachen klangen sie nach. Doch wie ich die Sonne sah sprang ich mit beyden
Füssen aus dem Bette, lief in der Stube auf und ab, bat mein Herz so freundlich
freundlich, und mir wards leicht, und eine Zusicherung ward mir dass ich
gerettet werden, dass noch was aus mir werden sollte: Gutes muths denn
Gustgen. Wir wollen einander nicht auf's ewige Leben vertrösten! Hier noch
müssen wir glücklich seyn, hier noch muss ich Gustgen sehn, das einzige
Mädgen deren Herz ganz in meinem Busen schlägt. — Nach Mittage halb vier.
Offen und gut der Morgen, ich that was, Lili eine kleine Freude zu machen, hatte
Fremde. Trieb mich nach Tische spasend närrisch unter Bekannten und
Unbekannten herum. Gehe iezt nach Offenbach, um Lili heute Abend nicht in
der Comödie morgen nicht im Conzert zu sehen. Ich stecke das Blat ein und
schreibe draus fort.
Offenbach! Abends sieben. In einem Kreise von Menschen die mich recht lieb
haben, offt mit mir leiden! Es ist nun so! ich sizze wieder an dem
Schreibtischgen von dem ich Ihnen schrieb eh ich in die Schweiz ging. Lieb
Gustgen — da ist ein iunges Paar in der Stube das erst seit acht Tagen
verheurathet ist! eine iunge Frau liegt auf dem Bette die der angenehmsten
Hoffnung eines lieben Kindes entgegen schmerzet. Ade für heute. Es ist Nacht
und der Mayn blinckt noch aus den duncklen Ufern.
Offenbach. Sonntag d. 17ten Nachts zehen. — Ist der Tag leidlich u. stumpf
herumgegangen, da ich aufstund war mirs gut, ich machte eine Scene an meinem
Faust. Vergängelte ein paar Stunden. Verliebelte ein paar mit einem Mädgen
davon dir die Brüder erzählen mögen, das ein seltsames Geschöpf ist. Ass in
einer Gesellschafft ein Duzzend guter Jungens, so grad wie sie Gott erschaffen
hat. Fuhr auf dem Wasser selbst auf und nieder, ich hab die Grille selbst fahren
zu lernen. Spielte ein Paar Stunden Pharao und verträumte ein Paar mit guten
Menschen. Und nun sizz ich dir gute Nacht zu sagen. Mir wars in all dem wie
einer Ratte die Gift gefressen hat, sie läuft in alle Löcher, schlurpft alle
Feuchtigkeit, verschlingt alles Essbaare das ihr in Weeg kommt und ihr innerstes
glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer. Heut vor acht Tagen war Lili
hier. Und in dieser Stunde war ich in der grausamst feyerlichst süsesten Lage
meines ganzen Lebens |: mögt ich sagen :| O Gustgen warum kann ich nichts
davon sagen! Warum! Wie ich durch die glühendsten Trähnen der Liebe, Mond
und Welt schaute und mich alles seelenvoll umgab. Und in der Ferne die
Waldhorn, und der Hochzeit Gäste laute Freuden. Gustgen auch seit dem Wetter
bin ich — nicht ruhig aber still — was bey mir still heisst und fürchte nur wieder
ein Gewitter das sich immer in den harmlosesten Tagen zusammenzieht, und —
Gute Nacht Engel. Einzigstes Einzigstes Mädgen — und ich kenne ihrer Viele
— — —
Montag d. 18. Mein Schiffgen steht bereit, ich werds gleich hinunter lencken.
Ein herrlicher Morgen, der Nebel ist gefallen alles frisch und herrlich umher! —
Und ich wieder in die Stadt, wieder ans Sieb der Danaiden! Ade! — Ich hab
einen offnen frischen Morgen! O Gustgen! Wird mein Herz endlich einmal in
ergreifendem wahren Genuss und Leiden, die Seeligkeit die Menschen gegönnt
ward, empfinden, und nicht immer auf den Wogen der Einbildungskrafft und
überspannten Sinnlichkeit, Himmel auf und Höllen ab getrieben werden. Beste
ich bitte dich schreib mir auch so ein Tagbuch. Das ist das einzige was die ewige
Ferne bezwingt. — — — — —
Montag Nacht halb zwölf. Franckf. an meinem Tisch. komme noch dir gute
Nacht zu sagen. Hab getrieben und geschwärmt biss iezt. Morgen gehts noch
ärger. O Liebste. Was ist das Leben des Menschen. Und doch wieder die vielen
Guten die sich zu mir sammeln! — das viele Liebe das mich umgiebt — — — Lili heut nach Tisch gesehn — in der Comödie gesehn. Hab kein Wort mit ihr zu
reden gehabt — auch nichts geredt! — Wär ich das los. O Gustgen — und doch
zittr' ich vor dem Augenblick da sie mir gleichgültig, ich hofnungslos werden
könnte. — Aber ich bleib meinem Herzen treu, und lass es gehn — Es wird —
Dienstag sieben Morgens. — Im Schwarm! Gustgen! ich lasse mich treiben, und
halte nur das Steuer, dass ich nicht strande. Doch bin ich gestrandet ich kann von
dem Mädgen nicht ab — heut früh regt sich s wieder zu ihrem Vortheil in
meinem Herzen. — Eine grose schwere Lecktion! — Ich geh doch auf den Ball
einem süsen Geschöpfe zu lieb, aber nur im leichten Domino, wenn ich noch
einen kriege. Lili geht nicht.
Nach Tische halb vier. Geht das immer so fort, zwischen kleinen Geschäfften
durch immer Müssiggang getrieben, nach Dominos und Lappen waare. Hab ich
doch mancherley noch zu sagen. Adieu. ich bin ein Armer verirrter verlohrner —
— Nachts Achte, aus der Commödie und nun die Toilette zum Ball! O Gustgen
wenn ich das Blat zurücksehe! Welch ein Leben. Soll ich fortfahren? oder mit
diesem auf ewig endigen. Und doch Liebste, wenn ich wieder so fühle dass
mitten in all dem Nichts, sich doch wieder so viel Häute von meinem Herzen
lösen, so die convulsiven Spannungen meiner kleinen närrischen Composition
nachlassen, mein Blick heitrer über Welt, mein Umgang mit den Menschen
sichrer, fester, weiter wird, und doch mein innerstes immer ewig allein der
heiligen Liebe gewiedmet bleibt, die nach und nach das Fremde durch den Geist
der reinheit der sie selbst ist ausstöst und so endlich lauter werden wird wie
gesponnen Gold. — Da lass ich's denn so gehn — Betrüge mich vielleicht selbst.
— Und dancke Gott. Gute Nacht. Addio. — Amen: 1775.