Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 19 von 19

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Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg

Letzter Brief Goethes an Auguste Stolberg

 

Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen theuren

Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu

erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich

unentschlossen, was zu erwidern seyn möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen

bleiben, da von besondern Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist.

Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige

Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich

gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch

dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben.

Alles diesem Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige

jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.

Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und bey allem

irdischen Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es

auch gethan. Wirken wir also immerfort, so lang es Tag für uns ist; für andere

wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns

indessen ein helleres Licht erleuchten.

Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche

sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande ein so fröhliches Ansiedeln

bereitete, so wird drüben gewiß auch für beyde gesorgt seyn; vielleicht gelingt

alsdann, was uns bis jetzo abging, und angesichtlich kennen zu lernen und uns

desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.

 

Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein

ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Aeußerung hatte

ich schon früher Ihren edlen, wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt.

Nun aber, da ich von einer tödtlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre,

soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir

noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen

gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken,

wie ich nicht aufhöre, mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte,

was nachher sich trennte.

Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.

 

wahrhaft anhänglich

Weimar den 17. Apr. 1823.

Goethe.

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