Inspiration, Zeit zu leben

Annika B. · Kapitel 10 von 10

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Inspiration, Zeit zu leben

Possum, sed nolo.

Jill

„Fahr doch selber, man!"

„Ich bin die ganze Zeit gefahren, also fahr jetzt!" Und so ging das schon geschlagene zehn Minuten. Jasper nahm seine Aussage im Auto sehr ernst und wollte Aaron den Schlüssel in die Hand drücken, der weigerte sich aber auch nur ein Schritt auf die Fahrerseite zuzugehen. „Leute! Ich hab versprochen um zehn zuhause zu sein, verdammt! Also wenn jetzt bitte einer die Güte besitzen würde und fahren würde? Ich möchte meinem Vater nicht erklären, warum ich zuspät komme und weder ihm noch meiner Mutter, würde ein guter Eindruck von euch im Gehirn bleiben, wenn ihr so weiter macht!", damit beendete ich meinen Satz und stemmte meine Hände in die Hüften.

Mein niederschmetternder Blick traf Aaron direkt in die Augen! „Also gut, gib mir die verdammten Schlüssel! Alls Beifahrerseite, ich fahre."

Gott sei es gedankt! Bewegung kehrt ein und ich würde nicht zuspät kommen! Vielleicht verzeiht Gott mir gerade, dass ich durch und durch Atheistin bin!

„Danke Aaron, d-a-n-k-e!"

Ich stieg hinten ein und setzte mich neben Jasper, der etwas genervt aussah.

„Alles okay bei dir?", fragte ich ihn leise und er nickte nur. Aaron fuhr zurück und genau pünktlich um 10 Uhr, kamen wir bei mir an.

„Ja, punkt zehn! Danke Aaron, mein Vater hätte mir sonst den Kopf abgerissen."

Er lächelte. „Kein Problem, J."

Zusammen gingen wir ins Haus und fanden, genau, nichts. Weder mein Bruder noch meine Mutter, geschweige denn mein Vater waren aufzufinden.

„HALLO?", rief ich durch die Bude.

„MOM? IVO? DAD? BIN ZUHAUSE! ICH WIEDERHOLE: B-I-N Z-U-H-A-U-S-E!"

Stille.

„Jill? Ich glaube es ist keiner da.", sagte nun Aaron. „ Echt, ne! Hätte ich jetzt nicht gedacht, Schlaumeier!" Ich war wütend. „Zimmer, jetzt!", brachte ich nur herraus und lief die Treppen hoch auf direktem Kurs zum Balkon. Ich holte meine Schachtel Kippen aus meiner Tasche und steckte mir eine an.

„Ich fass es nicht, ich fass es nicht, ich fass es nicht.", murmelte ich vor mich hin.

Da will ich einmal pünklich sein und dann sowas.

Ich inhalierte den Qualm.

„Alles okay?" Das war Jasper. Ich stieß ihn wieder aus. „Ja, ja." Nun zündete auch er sich eine Zigarette an. „Komm, was ist los Jill?", fragte er mich schon wieder. „Nichts Jasper, es ist nichts, man."

Ich schnippste die Kippe vom Balkon und wollte gerade wieder rein, als ich gegen das Geländer gedrückt wurde. „Jill, was ist los?" Er kam mir gefährlich nah. Ich wollte nicht das er mir so nahe kommt.

„Lass mich los!"

Er schnaubte. „Nein!"

Mein Herz raste. Vor Wut, vor Leidenschaft und, ich fasse es nicht, ich habe Herzklopfen!

„Jasper, bitte.", flehte ich. „Lass mich los." Sein heißer Atem umhüllte mein Gesicht. „Nein." Mein ganzer Körper bebte und die Haut auf die sein Atem traf kribbelte verdächtig. „Lass.", flüsterte ich. „Lass mich los." Es war nur ein Hauch von Stimme übrig.

Langsam kam er auf mich zu, seine Lippen sahen so voll und weich aus und dann trafen sie auf meine.

Ein heißer Schauer jagte mir über den Rücken und da wo er mich berührte, brannte es.

Dann ließ er von mir ab.

„Es, es tut mir-"

„Nein, hör nicht auf.", flüsterte ich.

Er nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Es fühlte sich an, als würde ich schweben.

„Bitte lass diesen Moment nie enden.", brachte ich gerade noch herraus. „Das wird er-"

„JILL LIEBES BIST DU DA? WIR SIND ZUHAUSE!" Und das, ja das, war meine Mutter.

„Ja.", sagte ich mit zittriger Stimme, so, dass nur Jasper mich hören konnte und räusperte mich.

„Ja!", wiederholte ich und machte mich auf den Weg in die Küche, wo meine Mutter saß, allein.

„Hey Mom. Wo ist Dad?" Sie schaute mich wehleidig an. Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Mom? Was ist los?" Plötzlich stand sie auf und warf den Stuhl, auf dem sie saß, um. „Jill." Eine lange Pause. „Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll.", druckste sie herum.

„Mom?!" Jasper kam von oben und legte die Arme um mich. Langsam stiegen mir Tränen in die Augen, denn ich verstand worum es hier ging.

„Mom! Sag es! Ich will es hören!" Sie schaute mich verzweifelnd an und Jaspers griff verstärkte sich.

„Liebling, dein Vater, er, er, er ist tot." Damit beendete sie den Satz und ging aus der Küche.

In mir zog sich alles zusammen und es fühlte sich an, als könnte ich nicht mehr atmen.

Meine Beine gaben langsam nach und nur noch der feste Griff von Jasper konnte mich auf den Beinen halten. Meine Hände zitterten und ein milchiger Schleier bildete sich vor meinen Augen. Als ich gesagt habe, mein Leben wäre ein reiner Scherbenhaufen, hab ich gelogen.

Das was mir bis jetzt passiert ist, ist ein Witz dagegen! Jetzt ist es amtlich, mein Leben ist vorbei und wie lange ich das ganze hier noch durchhalte ist fraglich.

Ich habe ihn nun endgültig verloren.

„WIE?", rief ich durch das ganze Haus.

Heiße Tränen liefen mir über die Wangen und tausende kalte Schauer über den Rücken.

Meine Mutter kehrte in die Küche zurück und hinter ihr ein Junge, vielleicht gerade mal vier oder fünf Jahre älter, als ich. „Wer ist das und was hat er hier zu suchen?" Ich schaute ihn herablassend an und als mein Blick auf seinen traf, schaute er zu Boden.

„Das ist dein Bruder, Jill." Ich lachte.

„Das ist nicht mein Bruder, mein Bruder sitzt wahrscheinlich gerade in seinem Zimmer und hämmert, wie wild, auf allem was er finden kann, ein!"

Mitleid war auf ihrem Gesicht zu erkennen. „Liebling, das ist Tadeusz, dein Bruder."

Ich lachte wieder.

„Ich habe keinen Bruder der Tadeusz heißt, mein Bruder heißt IVO, IVO ist mein einziger Bruder und ich will auch keinen anderen!" Verzweiflung machte sich in mir breit.

„Ich habe keinen weiteren Bruder, kapiert! Ich habe Gäste wie du siehst, ich werde mich jetzt um sie und um meinen EINZIGEN Bruder kümmern und du, Tadeusz oder wie auch immer, raus, ich will dich nicht sehen, nicht jetzt und auch sonst nie wieder, verschwinde!"

Damit war das Gespräch beendet.

„Jasper bring mich bitte in Ivos Zimmer, wenn ich zusammen breche, dann da.", flehte ich.

Meine Beine zitterten und ich konnte kaum noch gehen ohne den Halt zu verlieren.

Wir gingen die Treppen hoch, bis ich an Ivos Zimmertür ankam. Bisher war ich noch nicht dort gewesen.

Ich klopfte an die Tür.

„Ivo, darf ich rein, bitte?", fragte ich ziemlich leise. Erst raschelte etwas, dann waren Schritte zu hören und dann würde die Tür aufgeschlossen.

„Ich lass euch beide mal lieber alleine und kümmere mich um Aaron und Alli.", meldete sich Jasper nun endlich auch mal zu Wort. Ich nickte nur und wartete darauf das die Tür geöffnet wurde. „Ivo." flüsterte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, als er durch die Tür kam.

„Es tut mir so leid!", schlurchzte er.

„Dir muss überhaupt nichts leid tun, sag sowas nicht!" Heiße Tränen liefen mir erneut die Wangen herunter und ich schlang sanft meine Arme um ihn.

„Es wird alles wieder gut, Jill!", sagte er nun nach einer Weile. „Ich verspreche dir, es wird alles wieder gut!", wiederholte er. Ich bemerkte, dass er versuchte seine Bruderrolle aufrecht zuhalten. Er wollte nicht, dass er der schwache Bruder war, der nicht fähig war, für seine kleine Schwester da zu sein. Er baute seine undurchdringliche Fassade wieder auf und verbannte das Schwache in ihm, wieder dahin, wo es immer war. Ich selbst wusste nicht, was ich tun oder wie ich mich verhalten sollte, geschweige denn, wie ich mit der ganzen Situation umgehen und damit fertig werden sollte, wenn selbst die immer so starke Fassade von meinem immer so starken Bruder, langsam anfing zu bröckeln.

„Das weiß ich Ivo, ich hab ja dich.", was das einzige, was ich sagen konnte.

Ich gab ihm einen Kuss und ging zurück in mein Zimmer, denn er kam am besten allein damit klar, immer.

Als ich die Tür auf machte, saßen die Drei auf meiner Couch. „Es tut mir wirklich leid, ich hätte euch nicht so lange warten lassen sollen."

„Dir hat gar nichts leid zu tun!", sagte Jasper. „Genau!", warf Aaron ein.

„Ich glaube auch es ist besser, wenn wir gehen. Die Beiden können bei mir übernachten", meinte Alli.

„Auf keinen Fall!", protestierte ich.

„Ich möchte jetzt nicht allein sein." Alli stand auf und nahm mich in den Arm.

„Wir sind für dich da.", sagte sie.

„Egal was noch passiert, du kannst dich auf uns verlassen.", steuerte Aaron bei.

„Jill, können wir vielleicht einmal kurz reden?", wollte Jasper wissen. „Lass uns auf den Balkon gehen.", sagte ich und setzte mich in Bewegung.

Wir liefen den Flur entlang und ich stieß die noch offene Balkontür auf.

„Also?", wollte ich wissen.

Er lehnte sich gegen das Geländer und zog seine Kippenschachtel aus seiner Hosentasche, sagte aber kein Wort. Ich schloss die Tür und lehnte mich ebenfalls gegen das Geländer.

„Jasper?", fragte ich.

„Du wolltest reden, also rede.", bat ich ihn und stieß meinen Ellenbogen in seine Hüfte.

Er starrte die Schachtel, die er immer noch in der Hand hielt, an und öffnete seinen Mund, nur um ihn gleich wieder zu schließen. „Ich weiß nicht genau, was ich eigentlich sagen will.", sagte er nun endlich.

Flehend schaute ich ihn an, in der Hoffnung, er würde nun endlich sagen, was ihm auf dem Herzen lag, aber es war hoffnungslos. Seufzent glitt ich das Geländer hinunter.

„Jetzt mal ehrlich.", sagte ich und schaute nach oben, um ihm in die Augen zu sehen.

„Wenn du überhaupt nicht reden willst, warum hast du mich dann gefragt?"

Meine Hände verstaute ich in meinen Hosentaschen und lehnte meinen Kopf zurück.

„Nun gut.", fing er an, zögerte aber etwas. „Ich will wissen, was du von dem ganzen hälst.", sagte er. Ich hielt kurz inne, stockte etwas.

„Was genau meinst du damit?", stieß ich nach einer Weile aus. Er lächelte ein wenig, zog nun endlich eine Zigarette aus der Schachtel und hielt sie mir vors Gesicht. „Möchtest du?", fragte er. Ich nahm die Zigarette und steckte sie mir in den Mund.

Kramend suchte ich in meinen Taschen nach einem Feuerzeug, bis Jasper mir seines hin hielt und mir Feuer gab. „Danke, aber das war keine Antwort auf meine Frage.", endgegnete ich, während mir der Qualm aus dem Mund kam. „Das weiß ich, aber man soll trotzdem höflich bleiben, nicht?" Lächelnd zog ich an meiner Kippe.

„Wie wäre es denn jetzt mit einer Antwort?" „Ich meine, dass mit uns, halt was vorhin passiert ist.", murmelte er leise aber verständlich.

„Ich denke, dass ich eigentlich schon gesagt habe, wie ich dazu stehe.", entgegnete ich mit einem Lächeln auf den Lippen und stand langsam auf.

„Du meintest das, was du vorhin gesagt hast, also ernst?", fragte er mich ungläubig und zog an seiner Zigarette. Ich stämmte fraglich eine meiner Hände in die Hüfte und zog ebenfalls an meiner Kippe.

„Wieso sollte ich denn nicht ernst gemeint haben, was ich gesagt habe?", begann ich.

„Ich sollte mich eigentlich wundern."

Er schaute mich verwirrt an und schnippste seine Zigarette vom Balkon.

Ich tat es ihm nach und drehte mich um, da ich das Gefühl hatte, von seiner Seite aus würde nichts mehr kommen, aber er packte mich am Handgelenk und drehte mich zu sich. „Achja?", fragte er belustigt und zog mich näher zu sich heran. Mein Atem wurde wieder einen Tick schneller und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer.

„Ja.", meinte ich.

„Alli hat mir erzählt, wie du so drauf bist, da ist es nicht gerade üblich das man sich so schnell fragt, was der Andere davon hält.", versuchte ich ihm klar zu machen und drehte mich wieder zur Tür um zu den Anderen zu gehen.

Wieder packte er mein Handgelenk und zog mich zurück. „Außerdem halten Beziehungen die so schnell angefangen haben nie wirklich lange.", bemerkte ich, was eher an mich gerichtet war, als an ihn und ging, fest entschlossen mich nicht noch einmal aufhalten zulassen, vom Balkon.

Gerade als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnen wollte, kam Alli mir entgegen und zog mich die Treppen runter. „Und was wollte er?", fragte sie mich aufgeregt und setzte sich auf einen der Küchenhocker.

„Nichts besonderes.", log ich munter und nahm zwei Johgurte aus dem Kühlschrank um Alli einen davon zu geben. Ich nahm noch zwei Löffel und warf ihr einen davon zu. „Nichts besonderes?", fragte sie misstrauisch und stocherte in ihrem Johgurt rum.

„Ja, nichts besonderes. Er wollte mich nur ein wenig aufmuntern und hat mit mir über Dies und Das geredet, nichts besonderes eben.", erklärte ich schmatzend und schob mir einen weiteren Löffel in den Mund.

„Aber er ist wirklich nett!", redete ich schnell weiter, um ihr die Möglichkeit zu nehmen, weiter zu fragen. „Ja, er scheint dich wirklich zu mögen, grenzt schon an ein Wunder.", kicherte sie und aß nun doch etwas.

Das mit dem Wunder, kam mir ja ziemlich bekannt vor. Ich war also nicht die Einzige, die so darüber dachte.

Glücklich darüber, ihr nicht doch erzählen zu müssen was vorgefallen war, warf ich den leeren Becher in den Mülleimer und stellte mich an die Theke.

Ich gehe jetzt lieber nicht zurück ins Zimmer.,dachte ich mir und setzte ich zu Alli, die immer noch mit ihrem Johgurt beschäftigt war.

„Und was lief so bei dir und Aaron?", fragte ich nach einer Weile um die Stille zu brechen.

„Oh, er ist ja so süß!", fing sie an pausenlos los zu plappern. Nach einer gefühlten Stunde voller "Aw's" und "Er ist so süß und toll und schön's", gab ich es auf ihr noch weiter zuzuhören. „Wir sollten wieder zu den Jungs gehen.", sagte ich widerwillig, stand auf und stecke meine Hände in die Hosentaschen. „Können wir vorher noch eine rauchen gehen?", fragte sie mich als wir gerade die Treppen hoch gingen. „Klar.", kam es erlöst von mir. So konnte ich wenigstens noch ein paar Minuten hinauszögern, was gleich passieren würde.

Ich stieß wie schon so oft heute, die Balkontür auf und lehnte mich mit Alli gegen das Geländer.

Sie holte ihre Schachtel hervor und reichte mir eine. „Danke.", sagte ich knapp, kramte nach meinem Feuer und zündete die Zigarette an.

„Und du bist dir sicher, dass da nicht doch etwas besonderes vorgefallen ist?", fragte sie mich noch misstrauischer als vorher. Sollte ich ihr sagen, was passiert war?

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Annika B.

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