Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band

Ludwig Tieck · Kapitel 7 von 7 · Teil 2/3

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Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band

Pietro von Abano oder Petrus Apone. Eine Zaubergeschichte. 1838.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

überlassen habe, wirklich werden sollte?

Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie

kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu

erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so

verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher seinen

Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem Krachen des

Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, fortgesetzt hatte. Sie

kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; wo nur Bäume oder

Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, um die Räuberhütte und

in ihr jene wundersame Erscheinung wieder anzutreffen, oder wenigstens, wenn

die Einwohner auch verschwunden seyn sollten, wie er wohl glauben mußte,

irgend eine Nachweisung zu erhalten. Der Podesta glaubte endlich, als man

schon einen großen Theil des Tages so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des

Jünglings habe nur in der Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen

gesehn. Das Glück, rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück

geboren.

In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen.

Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch hatte

man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. Nach

kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der Podesta ihm

mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen aufstieß, wurden

Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine bestimmte Nachricht

zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar zerstörten Platz, Asche und

Schutt lag umher, einige verkohlte Balken zeigten sich zwischen den Steinen:

Bäume, die nahe standen, waren verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder

zu erkennen. Hier, so meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder

und jener wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit

war in der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein

Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten zu

Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre eine Hütte hier

abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes geistliches Amt erwarte, der

Verwalter desselben aber nach Ravenna gereist, um eine alte Schuld

einzukassiren.

Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der

Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen

Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles nur an

sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des berühmten Apone sein

Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er zog in das Haus dieses großen

Mannes, welcher ihm schon seit lange gewogen war.

 

———

 

Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum tiefsinnigen

Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem verderblichen

Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?

Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll

Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, wie es

in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt verehrt, den die

Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater selber bald zu einer

geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, der Euch und jedermann

mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine Lehre mich tröstet, wie er

meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, wie in seinem Munde

Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und Bilder finden, die seine

Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die überirdischen Regionen führen,

Ihr würdet nicht so unbillig von ihm denken und sprechen. Lernt ihn näher

kennen, sucht seinen Umgang, kommt dem, der keinen zurück weiset, freundlich

entgegen, und Ihr werdet mit Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges

Urtheil über ihn widerrufen.

Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, vor

ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, wie sein

Meister, belügen kann.

Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine lächerliche und

auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der edle Pietro so beständig in

allen seinen Zimmern und Geschäften um sich dulden mag: aber sollen Höcker

und andre häßliche Abzeichen uns gegen einen Armen, den die Natur

vernachlässigt hat, grausam machen?

Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: bei

diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da kommt

das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist kenntlich genug, und

jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen ist, gehe ihm aus dem

Wege.

Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen

seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn etwa

selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen dürft? Mein

Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann gewesen, und der

denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. Was? Ihr kleiner,

untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die Nase vor Zorne fast immer

roth anläuft? Ihr mit Euren krummen Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten

in der kleinen Stirn, Ihr wollt von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das

Zwerglein doch kaum über die Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist

so schmalbeinig und schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf,

wenn der Wind einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor

dem Altar gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der

Hoffnung, er sei wirklich zugegen: — wie, ein solcher Knirps und geistlicher

Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch dienen,

unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen solchen

Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen doppelten

Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung bringe.

Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser Rede

entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen Gesellen seinen

Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht auch an zu moralisiren! das

leide ich einmal von keinem andern als meinem Herrn, denn der ist dazu in der

Welt, die Moral, die Philosophie und dergleichen zu doziren. Aber diese

Windfahne von Mönch da, die nur von Neid und Bosheit so knarrend herum

gedreht wird, weil er meint, ihm geschieht durch meinen herrlichen Meister ein

Abbruch an Autorität, Geld und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun,

wo ich mein ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem

jungen Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den

Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief; Prügel in

der Schule und den Esel bekam ich schon umgehängt, als sie Eurem erlauchten

Großvater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den Respect da, wo er

hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt.

Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit Dir.

Meint’s, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das schon?

Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat er von Paris

erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen und Euch vorher noch

einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt.

In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und

Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit sich oft

freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der kleinen

Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze meint. Scheint

er doch über sich selbst und alle Creatur zu spotten.

Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich über seine

Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner Einbildung alle

übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von den neuen Ehren, die

unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt sind?

Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch der

Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird den

neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen Mann

immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.

Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage

Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in der

Thür mit grinsender Freundlichkeit.

 

———

 

In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling verließ, so

ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner Bücherstube nicht traf,

durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis in das innerste, welches er noch

niemals betreten hatte. Bei einer dämmernden Lampe saß hier Pietro und

verwunderte sich nicht wenig, den Florentiner eintreten zu sehn, der über die

Gerippe, seltsamen Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises

erstaunt war. Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier

nicht erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch oben

in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des Papstes,

unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und die neue Würde,

die seine Gnade und väterliche Güte mir mittheilt, demüthig und dankbar vom

Prälaten dort anzunehmen.

Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten

Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte endlich, über

alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nöthig sind; wenn Ihr einmal meine

Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich Euch in Zukunft alles

erklären können, was Euch jetzt vielleicht unbegreiflich erscheint.

Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio’s

Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der Jüngling sah in

ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war, aber in dieser Rosengluth

stand an der Thür ein bleiches Gespenst, welches winkte und lächelte. Mit

Blitzesschnelle wendete der Alte sich um, warf donnernd die Thür in das Schloß,

und verriegelte sie mit einem goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf

er sich dann in einen Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne

rannen. Als er sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio

herbei und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger

Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, das

Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will ich in mein

tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer Schüler, mein Erbe

werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem einsamen Zimmer und

rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine heiligen Kräfte zu Deinem

Beistande auf.

Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht

und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, denn ihm

schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte ein verhaltener

Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem plötzlichen Erlöschen schnell

einen stärkern Glanz ausstrahlten.

Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht

Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im Wettstreit

begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der Meister rief jetzt

laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. Antonio vernahm einen lauten

Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. Weinend und heulend kam

Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß über die ungeheure Nase hinab.

Kann er nicht selbst seine Thüren verschließen, krächzte die Mißgeburt, der

Allerweltsweise und Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die

Schuld tragen. Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf,

und laßt mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat

noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie er ist,

und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! Der Pylades will

wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest zusammenfangen muß.

Antonio verließ wie betäubt den Saal.

 

———

 

Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um ganz

ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im entferntesten

und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn er von hier die schönen und

fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und dem Laufe des Stromes mit den

Blicken folgte, so dachte er um so inniger seiner entschwundenen Geliebten. Er

hatte ihr Bild von den Eltern bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie

als Kind gespielt hatte; vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren

rührenden Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel

war von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der

schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten

Ueberrest seines irdischen Glückes.

Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, mit

welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano

vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die Stadt

verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich seinen

Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die frühgeraubte

Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um so inniger, daß

Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in seine Seele gerufen hatte.

Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und sich selbst mit den Fieber-

Phantasien jener Nacht getäuscht.

Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz

allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht war

ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild vor Augen,

das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten Empfindungen zurück

rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm erstorben sei, Gebilde, die er

nicht festhalten konnte, bewegten sich in ewig umschwingenden Kreisen vor

seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm fürchterlich, daß er an seinem

verehrten Lehrer irre wurde, daß er unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen

ahndete, das seit jenem Blick ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um

ihm allen Lebensmuth zu rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu

überliefern.

Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte und

regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf einen alten

Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig sicher zu stellen, riß

die Kette, an welcher er das Bildniß seiner Geliebten trug, und das Gemälde

rollte nach der Wand zu, und hinter den eichenen alten Brettern hinab. Der

Unglückliche wird auch von Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um

sein geliebtes Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch

forschte, war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles,

das Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu

verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm wurde mit jedem

Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die er im Vorzimmer fand, und

arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, den Schrein zu rücken, und

endlich, nach vielem Heben, Stemmen und hundert vergeblichen Bemühungen

geschah ein Riß mit lautem Krachen, als wenn eine eiserne Klammer oder Kette

gesprungen wäre. Jetzt wich allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es

endlich, sich zwischen dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein

geliebtes Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer

war. Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete sich,

und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu schieben, um

diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, daß der Besitzer des

Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler Sorgfalt, und wie es schien,

seit so langer Zeit verdeckt war, selber nicht kenne. Als er sich mehr Raum

verschafft hatte, sah er, daß hinter der Thür eine enge gewundene Stiege sich

hinabsenkte. Er stieg einige Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn.

Er schritt weiter und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer

hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, denn

die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf und nieder

tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, und sogleich öffnete

sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm entgegen. Noch ehe er in die

Oeffnung hineintrat, untersuchte er die Thür und fand, daß eine Feder, die der

Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt

behutsam in das Gemach. Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit

Purpurdecken von schwerer Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von

glänzendem Scharlach mit Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man

hörte das Getöse der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten.

Mit beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam

und endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem

Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um zu

spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge zurück

— und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, aber süß

schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der Busen hob sich

sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen angeflogen, die, zart

geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich bewegt wurden. Das Haar

war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln Locken auf den Schultern.

Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne Spange. Lange stand Antonio im

Anschauen versenkt, endlich, wie von einer übernatürlichen Gewalt getrieben,

faßte er die weiße, schöne Hand, und wollte die Schläferin gewaltsam

emporziehen. Diese stieß einen klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so

schien es, entflogen, das Netz des Schlummers, welches das wundersame

Bildniß umschlossen hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im

leisen Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und

wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte sich wie

ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem Erwachen

entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten Aermel zurück

fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände falteten sich und sanken

dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und der glänzende Nacken richtete

sich frei auf, doch waren die Augen immer noch geschlossen, die Locken fielen

schwarz in das Gesicht hinein, doch strichen die feinen langen Finger sie zurück;

ganz aufrecht sitzend kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß

einen schweren Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen

und glänzend.

Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das Haupt

und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette befestigt war, richtete

sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt in der purpurnen Umhüllung hoch

aufgerichtet die große schlanke Gestalt, sie schritt dann sicher und fest vom

Lager herunter, ging auf Antonio, der zurück gewichen war, einige Schritte zu,

und mit einem kindischen Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich

plötzlich über ein neues Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die

Schulter, lächelte ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!

Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten

Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu ihren

Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war derselbe Ton,

den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem sich sein ganzes Herz

umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die sein überschwellendes

Gefühl erstickte.

Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in die

strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in einen starren

Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. Antonio konnte den

Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit den Händen sein Gesicht

und schrie: bist Du ein Gespenst?

Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme nieder,

so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender Stimme: Nein, sieh

mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht. Reich’ mir die Schaale dort.

Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte es ihr

zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in langsamen Zügen.

Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu thun, um Hülfe von Dir zu

erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe zu verhelfen, nach welcher

sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.

Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen.

Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode erweckt.

Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel verehrte, ist

ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses Lebens. Er liebt mich,

wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm zurück, als ihn mein

erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich athme, ich kann ganz, wenn

ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es mir der Böse verheißen, wenn ich

mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn er, in geheimer Verborgenheit, mein

Gatte werden darf. — O Antonio, wie schwer wird mir jedes Wort, jeder

Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an meiner Sehnsucht zum Tode. Das war

fürchterlich, als mein Geist, schon in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer

Anschauungen, aus dem stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein

Leib war mir schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie

der befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich.

Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb’ ich? Wie muß ich Dich

wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben zurückkehren?

Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?

Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe wurde

vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es wieder suchen,

der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe Sehnsucht nicht, die

Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und wünsche. Noch inniger, wie

ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie meine Lippen am Osterfeste nach

der heiligen Hostie schmachteten, ist mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich

freier und inniger in Gott. Dann bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb’

ich, sonst war ich gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein

Räthsel. Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein

hinein schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in

meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre Freude

und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf mir los

von der Kette.

Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio.

Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte eine

Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! wenn ich eine

Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der Herr im Sakrament

erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde ich in diesem seligen

Augenblicke vor Entzücken sterben.

Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den

Gerichten und der Inquisition zu überliefern?

Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchsten Angst: Du kennst ihn

nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit sich in den

Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es gelingen, wenn er sicher ist.

Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du mußt ihn ganz sicher machen, alles

verschweigen.

Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen

Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie trank

noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager führen.

Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. — Sie bestieg das

Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das Crucifix, das sie mit

geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem Liebenden die Hand, und

winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer hinstreckte. Antonio

betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die unsichtbare Thür wieder

einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu seinem Gemache wieder hinan,

stellte den Schrank an seine vorige Stelle, und brach in heiße Thränen aus, als

ihn der Gesang der Nachtigall mit seinen schwellenden Klagetönen

bewillkommte. Auch er sehnte sich nach dem Tode, und wünschte nur vorher

diejenige, die noch vor wenigen Wochen seine irdische Braut gewesen war, von

ihrem wundersamen schrecklichen Zustande zu erlösen.

 

———

 

Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, hatte

Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes gelenkt. Es war ihm

ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, begegnete, denn er war nicht

gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch konnte er dem Gespielen nicht mehr

ausweichen, und so ergab er sich in stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst

erfreulich und tröstend gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und

erwiederte nur sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von

Alfonso’s ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er

endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid Ihr nicht

mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und ihm den Preis

zu geben, den er verdient?

Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand zu

versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich Euch

beleidigt habe. — Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber wenn Ihr mich

irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so unterlaßt heut das Lobpreisen Eures

vergötterten Pietro. Sprechen wir von andern Gegenständen.

Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den

schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger Mensch,

denn die Weisheit, das seh’ ich nun wohl ein, ist Euch ein zu erhabenes Gut.

Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch wieder nach den

Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur bei diesen so lange, bis

Euch die Milchzähne ausgefallen sind.

Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar nicht,

was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.

Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie ein

Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser Universität so

hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der Euch sein innigstes

Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig

verleugnet?

Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, daß

ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, so würdet

Ihr mich wieder nicht verstehn.

Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime

Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte Erdensohn

Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das halbe und Viertel-

Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist demüthiger, als Ihr, seine

schwächliche Copie.

Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten Erbitterung aus.

Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, beim Himmel und

bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn muß, versichere, daß es

in ganz Italien, in Europa, keinen so argen Bösewicht, keinen so verruchten

Heuchler giebt als diesen —

Wen? schrie Alfonso.

Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen?

Nichts, rief jener wüthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß Ihr und

jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste Schurke sei,

der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn Ihr nicht eine eben so

verächtliche Memme, als ein niederträchtiger Verleumder heißen wollt.

Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell,

und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! zurief.

Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann Blut aus dem

Arm Antonio’s. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte trennen wollen, eilte

nun herbei, er verband die Wunden und stillte das Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nähe schon gesehen hatte, die den ermatteten

Alfonso nach der Stadt führen sollten. Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio

noch einmal zu ihm, und raunte ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so

kommt von der Ursache unsers Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier

Tagen sprechen wir uns wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung

seid, bin ich zu jeder Genugthuung erbötig.

Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die

Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den jungen

Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt hatten, ging

Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, fing dieser an,

wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle überliefern? Ich sehe,

daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das Schwert wohl der Redner, der

andre bekehren darf? — Antonio war ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche

entdecken sollte, doch verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit,

welche er erlebt hatte, und bedung sich nur die Erlaubniß aus, bei dem nahe

bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in der

Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen

Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling mit

dieser Erlaubniß bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die Kirche

einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Thor den Eingang

vielleicht versagen würde.

 

———

 

Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und

Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste

christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen Würde

zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, der vom

Adel, dem Rath und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in anscheinender

Frömmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel, der Stolz der

Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thür des Tempels wich das

Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem Gefeierten Platz zu machen, der

in der Tracht des Prälaten, mit der goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart

und lockigen Haupthaar einem Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in

seinem majestätischen Anstande zu vergleichen war.

In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz

zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der

Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. Theodor,

der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und Alt, Vornehm

und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung des Herrn würdig zu

begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und sich nach den Tagen der

strengen Fasten, nach den betrübenden Vorstellungen der Leiden und des

Schmerzes an dem Gefühl des wieder erwachten Lebens zu trösten.

Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit

Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er stellte diese auf die

Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf sich dann betend am Altare

nieder. Die Verschleierte stand starr und hoch da, und man sah unter der

Verhüllung die brennend schwarzen Augen. Pietro erhob sich vom Sessel, und

sank bleich und zitternd in denselben zurück. Die Musik der Messe strömte und

wogte in volleren Accorden, jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren

Schleiern, das Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die

gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch die

Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch dort stehn

zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen Augen nicht vom

Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige Pietro schien in eine

Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten Zügen nach für todt halten

können, wenn sich sein Leben nicht im heftigen Zittern verrathen hätte. Nun

wendete sich der Priester, und erhob die geweihte Hostie, Trompeten

verkündigten die erneute Gegenwart des Herrn, und mit einem Jubelton, mit

hochentzücktem Antlitz, die Arme weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah!

rief, daß die Kirche wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen,

und lag todt, starr und bewegungslos zu Pietro’s Füßen hingestürzt. Das Volk lief

hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck

sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden wollten den

ehrwürdigen Greis, der so tief erschüttert schien, trösten und unterstützen, als

Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, und die furchtbarste Anklage,

die schrecklichste Erzählung begann, die höllische Kunst, die verworfene Magie

des zagenden Sünders aufdeckte, von sich und Crescentia und ihrem

schaudervollen Wiederfinden sprach, so daß Zorn, Wuth, Verwünschung,

Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes Meer, um den Geängsteten tobte und ihn

zu vernichten, im Wahnsinn des Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von

Schergen und Fesseln, die Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub,

mit geballten Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen

schien. Er trat zu Crescentia’s Leichnam, der lächelnd wie das Bild einer

Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann brüllend und mit

funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen ergriff das Volk, man

machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So kam Pietro auf die freie

Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit Geschrei, Verfluchung und

Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der in Eil dahin rannte, indem sein

Talar ihm weit nachflog, und die goldne Kette schallend auf Brust und Schultern

schlug. Das Gesindel grub die Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es

ihn nicht einholen konnte, und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die

Zähne klappend vor Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.

Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth trat

fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes entgegen.

Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt den

Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die Straße geführt

und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen und Schreien ward ihm

keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden Getümmel nichts anders

als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins Verhör! schrie endlich der Zwerg,

da wird meine Unschuld offenbar werden! Die herbeigerufenen Schergen

ergriffen ihn, und führten ihn nach dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach.

Hier hinein! rief der Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner.

Er wollte sich losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her,

der faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn fest

zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. Indem sie

ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder zerrten, fuhren alle

plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein Kleidungsstück, Aermel, Mütze

oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst war nirgend zu sehn. Entflohen

konnte er nicht seyn, er schien verschwunden, doch keiner begriff wie.

Als man Apone’s Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden todt

und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die magischen

Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde den Flammen

übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als Verfluchung des

Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der Gottheit verehrt

hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem Trugbild wendeten, war nun

um so größer.

 

———

 

Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde der

Leichnam Pietro’s still in der Nacht, außerhalb des geweihten Kirchhofes,

beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und schlossen sich dem

frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit Feierlichkeit und einer

andächtigen Rede, den Leichnam der schönen Crescentia in die ihr bestimmte

Gruft legen ließ. Antonio konnte nun nicht länger in Padua bleiben, er wollte

seine Vaterstadt wieder besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich

dann vielleicht in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den

Entschluß, nach Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und

Ablaß von Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles,

sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge von

Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.

Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine einsame

Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner Schwermuth desto

ungestörter nachhängen zu können, theils um die Schwärme zu vermeiden, die

sich auf dem großen Wege drängten, und in den Nachtlagern beschwerlich

fielen.

So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thäler des

Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich zeigen.

Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde das Glöcklein

eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und gelangte, als die

Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die kleine Hütte, zu

welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in das Buschwerk hinein

führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in tiefster Andacht vor einem

Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den Jüngling, der ihn freundlich

begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm im Felsen, der durch eine Thür von

der Einsiedelei getrennt war, ein Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen

Früchten, Wasser und etwas Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich

am Gespräche des Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen

Feldzug mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling

begab sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch

hereintrat, der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.

Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe auf.

Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich empor, und

es blieb ihm über das Gezänk und den Wortwechsel kein Zweifel übrig. Auch

die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob er nicht träume. Er

näherte sich der Thüre und entdeckte eine Spalte, durch welche er in den vordern

Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, als er Pietro Abano gewahr wurde, den

er für gestorben halten mußte, der mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut

sprach und sich in heftigen Geberden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze

des kleinen Beresynth. Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender

Stimme, der Euch unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt

Ihr hier in Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die

Grube gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? — Schweig, rief die

große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie wollen nicht

einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in keiner Sünde befangen.

— So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure Geister, mit Euren eigenen

huldreichen Händen todt, so wird ihm seine Tugend und Sündenlosigkeit nicht

viel helfen, und ich müßte ein elender Diener seyn, wenn ich Euch in so

löblicher That nicht beistehen sollte. — So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich führe das Beil, jetzt schläft er fest. — Sie

näherten sich der Thür, doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern muthig

entgegen zu treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine

Bildsäule, mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche

Einsiedler auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete

murmelten. Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mühsam vom Boden

erhob. Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert?

fragte der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio

zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum erschreckt und

geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so verstört waren seine

Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths krähende Stimme, und Pietro

sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn Du siehst, er ist bewaffnet und

gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht von neuem überlassen. — Wir müssen

ihn überwältigen! schrie der Kleine, da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja

auf alle Weise verloren! Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das

Volk ist auch dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.

Durch die zerrissene Thür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte wieder

mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, im Gebete

flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten ergriff er sie in seine

Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten sich verzweifelnd, bald war es

Pietro, bald der Eremit, bald das Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis.

Unter Geschrei, Toben, Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus

der Zelle zu werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel,

Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang und

Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein fernes

Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief endlich

Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein, und als ihn der

kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten Spitze einer schmalen

Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und glaubte, hinter sich ein

Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit Lebensgefahr gelang es ihm, von der

schroffen Höhe hinab zu klimmen, indem er die Kleider zerriß und Antlitz und

Hand und Fuß verwundete. Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein

Mensch war zu errufen, keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit

umher zu entdecken. Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und

Erschöpfung aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte

erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern getroffen hatte,

wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am folgenden Tage konnte er,

etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach Florenz wieder fortsetzen.

———

 

Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein

väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, welchen

Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so treulos

geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder Traum erwiesen

hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in dem großen

väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den wohlbekannten

Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht lebhaft zu

vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in sein Verhängniß

verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so wunderbar wie seine Braut

erschienen und wieder verschwunden war. Hätte er nur irgend eine Hoffnung

fassen können, so wäre es ihm möglich gewesen, sich mit dem Leben wieder

auszusöhnen. Endlich ging ihm der Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner

Seele auf, nach Rom zu wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den

Gnaden der Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und

Heiligthümer zu besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge

der unzähligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu

zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch, den

alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem Leidenden, der

ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem Bekümmerten wohl

auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen und Erwartungen

machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit in Rom an.

Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre Macht, ihre

Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht vorgestellt. Hier

war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder Bekannten aufzufinden, wenn

man seine Wohnung nicht schon genau bezeichnen konnte. Und doch begegnete

ihm dieser wunderbare Zufall, daß er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er

das Kapitol hinaufsteigen wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der

Podesta nahm ihn sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die

trauernde Mutter begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro’s, von der

Wiederbelebung Crescentia’s und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom

erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, entstellt,

mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der oftmaligen

Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die Eltern hörten

mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio’s Munde, so furchtbar das

Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, ergriff, die mit Abscheu den alten

scheinheiligen Magier verwünschte, von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu

glauben schien, daß er den Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem

wahnsinnigen Frevel erwecken zu können.

Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und stadt-

und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, die doch

vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu verwickeln. Mag es

sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin ich wenigstens dahin

entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu entziehen. Durch meine

Beschützer hier werde ich es möglich machen, meine Besitzungen Klöstern oder

frommen Stiftungen zu übertragen, und mein Lebensüberdruß bewegt mich

vielleicht, selbst als Mönch oder Klausner mein Leben zu enden.

Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich

wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder

aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine

unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht genannt

hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam überein, daß wir die

Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu früh, nicht übereilt aus

Verzweiflung aufgeben sollen.

Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und

Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als der Tod,

und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom Himmel

erflehen.

Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes

verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige nicht mit

Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht vertraut, und ihr

Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet haben?

Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es

gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren

kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des Lebens

geraubt habt.

Wie meint Ihr das? fragte Antonio.

Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und

Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen Nacht

begegnet seyn sollte —

Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein

Schwert.

Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer Lüge

bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie Eure

Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne meine

Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut heimzuführen gedachtet, Eure

Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure Vernunft geschwächt ist? In der

einsamen Nacht, im Gewitter, in aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die

Gestorbene wieder zu sehen, daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren

unglücklichen Vater, an Eure früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene

Gebilde, und setzten sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur

jener Hütte? Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen

getödteten Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren

Tochter, an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das

kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun verwundern,

wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß Ihr im Gebirge den

gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht erkannt habt, daß jenes fast

lächerliche Gaukelspiel mit Euch vorgenommen sei, das Ihr uns eben so

bestimmt erzählt habt? Nein, junger Freund, Gram und Schmerz haben Euren

gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der

Wirklichkeit sind.

Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr ihn

der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften erschüttert hatte, so

war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu deutlich bewußt, um sie auf

diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er fühlte einen neuen Trieb zur

Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun zu können, daß die Geschichte jener

Nacht kein Traumbild, daß jene zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und

darum war es sein lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den

trauernden Eltern zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu

können. In dieser Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die

Stadt, allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen

Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von den

Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, als er

ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas öffnete, jene

häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen Mädchens, die

ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre Nähe zu kommen, und

es schien ihm schon zu gelingen, als ein entgegenströmender Zug von Pilgern

ihn wieder völlig von jener Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen

unmöglich machte. Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des

Tempels des heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu

können, fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und

eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So

finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich zu finden

hoffte?

Wie meinst Du das? fragte Antonio.

Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, hier

vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der

ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.

Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, seitdem

er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, der

Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals gehaßt, weil

er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch verdammliche Mittel und

Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit ich aber, fuhr er fort, die

Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio gemacht habe, erscheint mir dies

Wissen in einem gar höheren und verklärteren Lichte.

Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit in

Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir leuchtet

nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst der Vernunft zu

erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es geringfügige Künste sind, die

nur Scherz und Gelächter veranlassen können; alles Höhere aber, welches nicht

auf leere Täuschung hinausgeht, allerdings nur durch böse und verdammliche

Kräfte aufzuregen ist?

Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um unsere

Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle Geheimnisse zu

fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken habe, so werden alle

Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja kindlich, wie er ist, leuchtet

uns aus jedem seiner Blicke das schönste Vertrauen entgegen.

Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.

Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen

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