Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
7. Capitel. Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. — Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. — Die oberen Zehntausend im 20. Jahrhundert. — Krisen und Kartelle. — Die letzte Actiengesellschaft. — Bellamy’s Prophezeiung. — Was Herr Eugen Richter gesäet hat.
7. Capitel.
Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. — Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. — Die oberen Zehntausend im 20. Jahrhundert. — Krisen und Kartelle. — Die letzte Actiengesellschaft. —
Bellamy’s Prophezeiung. — Was Herr Eugen Richter gesäet hat.
Die Lage der arbeitenden Classen begann nun eine unsagbar traurige zu werden.
Die Fabrikanten, durch keine Rücksicht mehr gebunden, erniedrigten die Löhne
weit unter das bisherige Niveau, erhöhten aber andererseits die Arbeitszeit bis
zur äußersten Grenze. In rücksichtslosester Weise nutzten sie vornehmlich die
Arbeitskraft der Frauen und Kinder aus; vom zartesten Alter angefangen,
wurden die Kinder in die Fabriken getrieben, die ihnen weder zum Spiele noch
zur Schule Zeit übrig ließen; die Wöchnerinnen, kaum daß sie entbunden hatten,
schleppten sich wieder zur Maschine heran. Während die Arbeitszeit der Frauen
und Kinder beständig anwuchs, lungerten große Schaaren arbeitsloser Männer
auf den Straßen umher, bereit, für den geringsten Entgelt jede beliebige Arbeit
zu übernehmen. Von einem eigenen Heerde, von einem Familienleben wußte der
Arbeiter nichts mehr; die jämmerlichen, schmutzstarrenden Löcher, in denen er
mit Weib und Kindern und „Schlafgängern“, wie die Häringe
zusammengepfercht, seine Nächte verbrachte, verdienten den Namen
menschlicher Wohnungen nicht. Seine Nahrung war gänzlich unzureichend,
einem menschlichen Körper die nöthigste Kraft, die er verausgabt, wieder zu
ersetzen; seine Kleidung bestand in Lumpen; er kannte nicht die Wohlthat eines
erfrischenden Bades, eines Spazierganges in Wald oder Feld, er wußte nichts von
Unterhaltung oder Zerstreuung, er bekam nie mehr ein Buch oder eine Zeitung
in die Hand; wenn er Arbeit hatte, so war er ein Sclave, bekam er keine, so
wurde er zum Vagabunden. Als die ersten Decennien des zwanzigsten
Jahrhunderts vollendet waren, war aller Orten eine Arbeitergeneration
herangewachsen, welche derjenigen vor dem großen Aufstande in keiner
Beziehung mehr glich. Der Arbeiter von 1890 war, der großen Mehrzahl nach,
intelligent, wißbegierig, belesen und in körperlicher Beziehung ziemlich gesund
und kräftig; im Jahre 1930 war die Arbeiterschaft im Großen und Ganzen bereits
sowohl körperlich als geistig tief gesunken. Die schwächlichen strapazirten
Frauen hatten noch schwächlichere, ungesunde Kinder zur Welt gebracht, die
beinahe ohne Pflege und ohne Unterricht aufwuchsen, schon frühzeitig bei
endloser einförmiger Arbeit in den Fabriken verblödeten und die Keime
unheilbarer Krankheiten einsogen.
Der Durchschnittsarbeiter von 1930 war ein schwaches, engbrüstiges,
schwindsüchtiges Individuum, das mit eingefallenen Wangen und schlotternden
Knieen zur Arbeit wankte und seine wenigen Freistunden in dumpfem,
apathischem Brüten verbrachte. Der Proletarier von 1970 aber, zu einer Zeit wo
der menschliche Erfindungsgeist die herrlichsten Triumphe gefeiert und
Wunderwerke der Technik vollendet hatte, der Proletarier von 1970 war ein
Geschöpf, das Mitleid und Entsetzen gleichzeitig einflößte. Einen entsetzlichen
Umfang hatte insbesondere die Prostitution angenommen. Die Löhne der
Arbeiterinnen waren so niedrig, daß sie, um leben zu können, direkt auf die
Prostitution angewiesen waren. Die Fabrikanten rechneten von vornherein
darauf, daß die Frauen und Töchter der Arbeiter den Ausfall in ihren Einnahmen
durch Verkauf ihres Körpers decken würden, aber die Schaaren dieser
Unglücklichen waren nur ein Bruchtheil des ungeheuren Heeres Jener, welche
sich gänzlich dem Schandgewerbe ergeben hatten. Zu Tausenden füllten diese
Geschöpfe die Straßen der Vorstädte, und auch die unerbittlichste Polizeistrenge
vermochte sie nicht ganz aus den eleganten Vierteln zu verdrängen.
Gänzlich hoffnungslos war auch die Lage des Kleingewerbes, insoweit
überhaupt von einem solchen noch gesprochen werden konnte. Durch das rapide
Anwachsen der Großindustrie war schon früher das Kleingewerbe arg geschädigt
worden; seine Lage war aber damals noch glänzend zu nennen im Vergleiche mit
dem jetzigen Zustande. Eine andere Arbeit, als wenig lohnende Reparaturen, gab
es überhaupt nicht mehr für den kleinen „selbständigen“ Meister. Mitte des
zwanzigsten Jahrhunderts war z. B. ein Schustermeister, der die Anfertigung
eines Paares Stiefeln in Auftrag erhielt und diesen Auftrag auch auszuführen
verstand, oder ein Schneidermeister, der einen Anzug von A bis Z herzustellen
wußte, eine Seltenheit. Um 1970 waren die meisten Handwerksfertigkeiten
vollständig verloren gegangen; nur so weit, als es im Dienste der Großindustrie
und bei einer weitgehenden Arbeitstheilung nöthig war, hatten sich diese
Fertigkeiten erhalten. Es gab wohl Arbeiter, welche mit Hobelmaschinen
umzugehen wußten, und solche, welche mit Maschinenhülfe täglich ein paar
Hundert Stuhlbeine anzufertigen verstanden; es gab aber keine Tischler mehr,
welche ganz selbständig, nur mit dem Handwerkszeug des neunzehnten
Jahrhunderts ausgerüstet, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Schrank
anzufertigen fähig gewesen wären. Der Bildungsgrad der noch übrigen
Kleinmeister war der denkbar niedrigste. Ihre Lage war so hoffnungslos und der
Kampf um’s Dasein, den sie zu führen hatten, ein so harter, daß ihnen schon
längst jeder Trieb zur Weiterbildung, zur Vermehrung ihrer spärlichen
Kenntnisse abhanden gekommen war. Sie waren einfach nichts als Proletarier,
welche von den Abfällen der Großindustrie lebten, ohne Urtheilskraft, ohne Energie, ewig jammernd, ewig schimpfend, aber nicht im Stande, ihre klägliche
Situation auch nur um Haaresbreite zu verbessern. Was die Lage der
Landbevölkerung anbetrifft, so war dieselbe nicht viel besser. Schon in den
letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts war die Position der Bauern,
die ihre Selbständigkeit bewahrt hatten, eine sehr ungünstige. Die
Bewirthschaftung ihrer mit Hypotheken überbürdeten Güter wurde immer
schwieriger und immer weniger nutzbringend. Der Großgrundbesitz, der immer
mehr Land an sich riß, die Großindustrie, welche immer mehr Fabriken
errichtete und der Staat, welcher immer mehr Soldaten benöthigte, nahm ihnen
ihre eingeschulten Arbeitskräfte und gab ihnen dafür im besten Falle
ausgemergelte Fabrikarbeiter zurück, deren Körperkräfte durch langes Elend so
herabgekommen waren, daß sie zur Feldarbeit nichts mehr taugten. Der
Kleinbauer wurde mehr und mehr abhängig von dem Großgrundbesitzer, mit
dem er schon deswegen nicht concurriren konnte, weil derselbe weit billiger
producirte, und seinen Boden weit ertragsfähiger zu machen verstand. Wenn der
Bauer nach Begleichung der Zinsen und Steuern noch so viel übrig behielt, daß
er nicht gerade mit den Seinigen Hunger zu leiden und daß er die nächste
Aussaat erübrigt hatte, so pries er sich schon glücklich. Die Fälle aber, in denen
Hof und Feld solcher Kleinbauern zwangsweise versteigert und zu niedrigsten
Preisen von den nächsten Großgrundbesitzern erworben wurden, mehrten sich
von Jahr zu Jahr. Die neuen Besitzer, welche meistentheils große Jagdfreunde
waren, brachen oft die verlassenen Höfe ab und schlugen den urbaren Grund zu
ihrem Jagdgebiete. Auf diese Weise verschwanden alljährlich nicht allein
Hunderte von Einzelgehöften, sondern hie und da auch ganze Dorfschaften, von
denen nicht einmal ein Mauerrest übrig blieb. Die früheren Besitzer, aller Mittel
entblößt, mußten sich entweder mit Weib und Kind dem Großgrundbesitzer als
Lohnarbeiter verdingen, oder in die nächste Fabrik wandern, und glücklich sein,
wenn sie dort Arbeit fanden. Aus den freien Bauern waren Fabriksproletarier
geworden. Viele Bauerngüter wurden auch von Speculanten angekauft, welche
dieselben parcellirten und kleinweise an den Mann brachten. Durch diesen
Prozeß wurde ein Heer von Kleinhäuslern geschaffen, deren Grundbesitz wieder
nicht im Stande war, sie zu ernähren. Wenn diese Leute unter Entbehrungen der
schlimmsten Art sich noch ein paar Jahre über Wasser erhielten, einmal kam
doch unfehlbar die Stunde, welche ihnen ihr Besitzthum entriß und sie zu den
Uebrigen in den Abgrund warf. Es wäre schwer zu entscheiden gewesen, wessen
Elend größer war: das der Lohnarbeiter in den Fabriken, oder das der Tagelöhner
auf den Gütern. Die Arbeitszeit der Letzteren war eine schier unbegrenzte: von
Sonnenauf- bis Untergang, d. h. im Sommer von 4 Uhr früh bis 9 Uhr Abends,
und wenn der oft Stunden lange Weg zum Arbeitsplatz und zurück mitgerechnet wird, so war eine Arbeitszeit von ½3 Uhr Morgens bis ½11 Uhr Nachts keine
Seltenheit. Die Wohnungen der Landarbeiter standen an Comfort und Sauberkeit
den Ställen der Gutsbesitzer weitaus nach; die Löhne waren gerade genügend,
um das Lebenslicht vor dem Erlöschen zu bewahren und die Kost bestand
demnach jahraus, jahrein aus Kartoffeln, Kraut und dünnem Cichoriencaffee.
Gleichwohl widerstand diese Classe von Lohnarbeitern der allgemeinen
Degeneration ziemlich lange, was wohl seinen Grund in dem täglichen
Aufenthalt in frischer, gesunder Luft haben mochte. In der zweiten Hälfte des
zwanzigsten Jahrhunderts waren aber auch die Landarbeiter körperlich und
geistig so tief gesunken, daß sie kaum mehr tiefer sinken konnten.
Neunzig Procent der Bevölkerung befand sich um das Jahr 1970 in einem
Zustande, der auf das Krasseste abstach von dem Leben, das die übrigen zehn
Procent führten. Dieser Rest oder vielmehr diese dünne Schicht, welche auf der
Oberfläche des allgemeinen Elends schwamm, setzte sich zum überwiegenden
Theile aus Großindustriellen und Großgrundbesitzern zusammen. Hierzu kamen
die Vertreter des Großhandels, der hohen Finanz, welche indessen meistens auch
zu den beiden erstgenannten Classen zählten, das Heer der Beamten und
Officiere, einige wenige auserlesene Künstler, Gelehrte, Schriftsteller und
Techniker und endlich eine an Zahl und Bedeutung arg zusammengeschmolzene
und noch immer rapid abnehmende „wohlhabende“ Bürgerschaft. Die
Geschichte der „oberen Zehntausend“, vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts
an, zeigt ebenso einen Degenerirungsproceß, wie die Geschichte des
unglücklichen Proletariats in jener Zeit. Während namenloses Elend den an Zahl
größten Theil der Bevölkerung zu Boden drückte, erlag der andere Theil an der
Last des Reichthums, der sich auf seinen Schultern angehäuft hatte. Er verlor
dabei alles, was seine Vorfahren einst auszeichnete: Mannesmuth,
Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und nicht zum mindesten die
Ehrlichkeit. Schon im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts war der
Byzantinismus auf eine geradezu schwindelnde Höhe gestiegen. Der Spucknapf
eines Hoflakeien war ein Gegenstand der Verehrung geworden. Die Presse
brachte spaltenlange Berichte, wenn das Schoßhündchen der Frau
Obersthofmeisterin sich erkältet hatte, aber sie ignorirte es gänzlich, wenn
Schaaren von Arbeiterkindern am Hungertyphus dahinsiechten. Im engsten
Zusammenhange mit diesen Erbärmlichkeiten stand ein auf allen Gebieten sich
vordrängendes, widerwärtiges Streberthum, das in der Wahl seiner Mittel nichts
weniger als wählerisch war und wenn es nicht anders ging, auch auf dem Wege
der Denunciation oder in sonst verächtlicher Weise vorwärts zu kommen
trachtete.
Kunst und Literatur kannten keine andere Aufgabe mehr, als die Verherrlichung und Verewigung aller jener Vorfälle, welche sich in der
Atmosphäre eines Fürstenhofes abspielten. Die Gegenwart eines gekrönten
Hauptes bei irgend einer öffentlichen Feierlichkeit war genügend, um diesen
Moment zum Gegenstande unzähliger Darstellungen durch Feder, Pinsel und
Meißel zu machen. Die Journalisten wurden nicht müde, das betreffende
Ereigniß bis in’s allerkleinste Détail zu schildern. Die Dichter besangen es in
begeisterten Hymnen, die Maler opferten Leinwandstücke von der Größe eines
Fregattensegels und unzählige Kilo Farbe, um den erhebenden Moment der
Nachwelt zu überliefern und den Bildhauern war kein Marmorblock zu diesem
Zwecke groß und rein genug.
Von den Leiden des Volkes wußte aber die Kunst nichts; sie verschmähte es,
in die Tiefen des menschlichen Lebens hinabzusteigen und betrachtete es
lediglich als ihre Aufgabe, diejenigen zu glorificiren, die sie am besten
bezahlten.
Der Luxus hatte eine exorbitante Höhe erreicht. Die, welche sich zur
„Gesellschaft“ zählten, hatten kein Verständniß mehr für den Begriff: „Arbeit“.
Die Leitung der Fabriken überließen sie ihren Direktoren und Ingenieuren, den
Betrieb auf den Gütern ihren Verwaltern und Förstern; sie selbst hatten kein Ziel
und keinen Zweck mehr, als das Geld zu vergeuden, was dort verdient wurde.
Die Einrichtung der Paläste, die Marställe, die Maitressen, die Gastmähler und
allerhand Feste verschlangen Unsummen. Für ein einziges Frühstück gab man
mehr aus, als zehn Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang zum Leben brauchten.
Diese colossalen Summen kamen aber nicht der breiten Masse des Volkes,
sondern stets nur wenigen Großunternehmern zu Gute, welche ihrerseits
ebenfalls Reichthum auf Reichthum häuften, während die eigentlichen Erzeuger
aller Producte im Elend verkamen. Baar jeder idealen Regung, war die
besitzende Klasse vom krassesten Materialismus durchtränkt; das Geld war ihr
Gott, der Genuß ihr einziger Lebenszweck, Kunst und Wissenschaft von ihnen
zu käuflichen Dirnen degradirt worden. Dem Gewinne jagte Alles mit rastloser
Gier nach; unablässig die Augen auf das blinkende Ziel gerichtet, kümmerte man
sich wenig um die Existenzen, welche man auf diesem Wege zertrat, war man
nichts weniger als wählerisch in der Auswahl der Mittel, welche zum Besitz
führen sollten. Was Geld einbrachte, war in den Augen dieser Classe moralisch,
was nichts einbrachte, einfach Narrheit. Das ganze Leben war zu einem tollen
Wirbeltanze um das goldene Kalb geworden; wer dabei zu Falle kam, nun, der
fiel eben; die Uebrigen rasten weiter und würdigten ihn nicht einmal eines
Blickes mehr. Um sich zu bereichern, scheute man auch vor ungeheuerlichen
Verbrechen nicht zurück, die nur selten eine Sühne vor dem Richter fanden; mit
dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen betrog man sich gegenseitig um Millionen, trieb man einander zum Selbstmord, zum Wahnsinn.
Aber diese glänzende, innerlich angefaulte Welt war von Zeit zu Zeit, und
zwar in immer kürzeren Zwischenräumen, furchtbaren Erschütterungen
ausgesetzt, welche stets ungezählte Existenzen vom Gipfel des Reichthums in’s
tiefste Elend schleuderten. Niemand wußte, ob ihm nicht eine der nächsten,
schnell aufeinander folgenden Handelskrisen das nämliche Schicksal bereiten
werde.
Die fortwährend steigende Concurrenz zwang unaufhörlich zu
Verbesserungen an den Maschinen, zu Vereinfachungen der
Productionsprocesse, zur Vermehrung der Arbeitsstunden und Verringerung der
Löhne. Die unausbleibliche Folge war Ueberproduction, Sinken der Preise,
Geschäftsstockung, Krise, auf welche dann eine leichte Erholung eintrat, der
aber allsogleich eine neuerliche Krise auf dem Fuße folgte. Das Schlimmste war
aber, daß, während die Production beständig anwuchs, die Consumtion
fortwährend im Sinken begriffen war. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß der
bei Weitem größere Theil der Bevölkerung am Hungertuche nagen mußte, und
daß seine Kaufkraft beinahe gleich Null war. Die Production arbeitete
hauptsächlich für den Export, aber da sich überall in allen Culturstaaten
dieselben Zustände eingestellt hatten, so wurde die Concurrenz im Handel nach
überseeischen Märkten immer schärfer und fühlbarer. Nachdem sich in Afrika
eine blühende Industrie zu entwickeln begann, welche für die Bedürfnisse dieses
Welttheiles bald in ausreichender Weise zu sorgen im Stande war, verengte sich
das Exportgebiet von Jahr zu Jahr immer mehr, während sich die
Culturbedürfnisse der exotischen Völkerschaften nicht in gleicher Weise
steigerten.
Um der sinkenden Tendenz der Preise entgegenzutreten, hatten sich schon im
neunzehnten Jahrhundert einzelne Großindustrielle, Actiengesellschaften &c.
zusammengethan, und Verabredungen getroffen, welche jeden dieser
Producenten verpflichteten, nicht unter einem bestimmten Preise zu verkaufen
oder seine Waaren so lange zurückzuhalten, bis eine Preissteigerung von
bestimmter Höhe eingetreten sein werde. Diese Cartells nahmen im zwanzigsten
Jahrhundert derart überhand, daß es bald keinen einzigen Verbrauchsartikel mehr
gab, dessen Preis nicht in der angedeuteten Weise in die Höhe geschraubt
werden konnte. Vorbedingung war, daß man zuerst die außer Cartell stehenden
Concurrenten zu Grunde richtete oder aufkaufte und auf diese Weise concentrirte
sich die gesammte Production in immer weniger Händen, nahm der Reichthum
dieser Wenigen immer collossalere Dimensionen an. Im letzten Viertel des
zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland nur noch eine einzige Riesen-
Actiengesellschaft, welche alles producirte, was überhaupt zu produciren möglich war, und Theilnehmer dieses gigantischen Unternehmens waren
lediglich zwölf Großkapitalisten, vielfache Milliardäre, in deren Besitz sich der
gesammte Nationalreichthum concentrirte.
Hundert Jahre früher hatte ein geistvoller, weitblickender Mann, der
Amerikaner Bellamy, diesen Gang der Entwicklung vorausgesehen und
prophezeit, daß, sobald dieser Moment eingetreten sei, die Umwandlung des
capitalistischen in den socialen Staat ohne weiteren Widerstand auf friedlichem
Wege und sozusagen ganz von selbst sich vollziehen werde. Diese
Prophezeiung, auf einer richtigen Erkenntniß der wirthschaftlichen Kräfte
beruhend, wäre auch sicherlich in Erfüllung gegangen und ihre Realisirung hätte
für die Welt den Beginn einer glänzenden Epoche in der Culturgeschichte der
Menschheit bedeutet — wenn die große Masse des Volkes vorbereitet gewesen
wäre für diese Umwälzung der Gesellschaftsordnung, für diesen plötzlichen
Uebergang vom tiefsten Schatten zum glänzendsten Lichte.
Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sich die Sünden der letzten hundert
Jahre in furchtbarster Weise rächen sollten, wo die Saat, welche am Ende des
neunzehnten Jahrhunderts Eugen Richter gesäet hatte, erst ihre entsetzlichen
Früchte zur Reife brachte. Im Laufe der letzten hundert Jahre war nichts, rein
gar nichts geschehen, um das Volk für den großen Augenblick, der seiner harrte,
vorzubereiten.
Bis zum Staatsstreich des Jahres 1900 hatte die Socialdemokratie sich dieser
letzterwähnten Aufgabe unterzogen. Aus dumpfer Erstarrung und kläglicher
Unwissenheit hatte sie das arbeitende Volk unter unsäglichen Mühen, Gefahren
und Hindernissen, zur Selbständigkeit, zum Selbstbewußtsein, zur Bildung
heranzuziehen sich bemüht. Und ihre Bemühungen waren auf dem besten Wege,
von Erfolg begleitet zu sein. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der
Arbeiter von einem heißen Drange nach Bildung und Wissen erfüllt; in weiter
Ferne sah er eine glänzende Idealgestalt vor sich herziehen, die seinen Weg
erleuchtete und die Socialdemokratie war es, die seine Schritte auf diesem Wege
leitete, die ihm, so oft er es vergaß, immer und immer wieder die Mittel
einprägte, welche ihn auf demselben vorwärts bringen konnten.
Aber die Socialdemokratie that noch mehr: sie wurde auch zur Erzieherin der
anderen Classen. Indem sie die träge Masse des Proletariates aufrüttelte,
organisirte und zielbewußt machte, zwang sie die Besitzenden, ihre
Aufmerksamkeit Dingen von höchster Wichtigkeit zuzuwenden, welche bis
dahin in unverantwortlicher Weise vernachlässigt worden waren.
Eine ganze Welt von neuen Fragen, Ideen, Gesichtspunkten machte sie
plötzlich lebendig. Es half nichts, daß man sich anfänglich davon abwendete,
daß man sich die Augen zuhielt, daß man sich taub stellte. Die Sprache der Thatsachen war eine zu eindringliche; man war genöthigt, der Sache wohl oder
übel seine Aufmerksamkeit zu schenken, sich auf Discussionen einzulassen,
seine Lethargie abzuschütteln, um dem Gegner Stand halten zu können. So
brachte die Socialdemokratie neues, frisch pulsirendes Leben in die alternde
Gesellschaft, sie streute mit vollen Händen einen unerschöpflichen Stoff zur
Anregung auf allen Gebieten aus; Dichter, Schriftsteller und Künstler schöpften
aus dem nie versiegenden Quell einer neuen Ideenwelt, und selbst die rostig
werdende Staatsmaschine sah neues Oel auf ihre knarrenden Achsen träufeln
und ging daran, Institutionen zu schaffen, die man ein Vierteljahrhundert früher
als phantastisch bezeichnet haben würde.
Dieser frische Quell versiegte mit einem Male, als man die Socialdemokratie
mit eiserner Faust für immerdar vernichtet, ausgerottet hatte.
Als der große Moment, den Bellamy prophezeit hatte, thatsächlich eintrat,
fand er an Stelle einer politisch reifen, mit dem Rüstzeug moderner Bildung
ausgestatteten und physisch tüchtigen Arbeiterschaft eine verthierte Masse, die
kein anderes Ziel kannte, als endlich einmal Rache zu nehmen für die
schmähliche Unterdrückung, deren Opfer sie seit hundert Jahren geworden war.