Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
5. Capitel. Die Alpen in Sicht. — Eine Schlappe der Expedition. — Im deutschen Urwald. — Das Leben in der Pfahlbauhütte. — Kurt und Waltraut. — Die Memoiren des Urahnen.
5. Capitel.
Die Alpen in Sicht. — Eine Schlappe der Expedition. — Im deutschen Urwald. — Das Leben in der
Pfahlbauhütte. — Kurt und Waltraut. — Die Memoiren des Urahnen.
Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne die
blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel begrüßten;
schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der größte Theil ihrer
schwierigen Aufgabe gelöst. Jenseits dieser Berge begann ja die Zone eines
südlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche Mittelmeer, und weiter
hinaus grüßte die Heimath, das schöne, sonnige Afrika. Ehe man den Fuß der
Berge erreichte, waren indessen noch Hindernisse zu überwinden, welche von
Tag zu Tag an Zahl und Größe zunahmen. Mächtige pfadlose Urwälder dehnten
sich meilenweit vor der Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus
unübersehbaren Sümpfen, in denen man nur einzeln, Mann für Mann,
vorzudringen vermochte. Dazu kamen fast täglich die Angriffe kriegerischer
Eingeborener, denen gegenüber man fortgesetzt auf der Hut sein mußte. Es
waren kräftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven Waffen mit
großer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden Ungestüm
bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen anzuknüpfen,
entschieden abhold waren.
Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem,
sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit
angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen ergoß sich von den
mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Höhen auf die Expeditionstruppen,
die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder Zusammenhalt löste sich
auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut, so gut und so lange er konnte,
aber dieser Widerstand gegen einen fast unsichtbaren Feind war von Anfang an
ein hoffnungsloser. Als die Nacht hereinbrach, war es einem Theil der
Expedition gelungen, sich mit Zurücklassung des Gepäcks aus dem unseligen
Hohlwege zu retten; an zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden
sich erst im Laufe des nächsten Tages etwa dreißig Versprengte, meistentheils
verwundet, bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes,
von einem Keulenschlag getroffen, bewußtlos zusammengesunken, und als er,
mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu
sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm ein, daß vielleicht Feinde in der Nähe sein könnten und so schwieg er und kroch
vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhängenden Tannenästen
Schutz zu suchen. Mit der Morgendämmerung setzte er seinen Weg im Schatten
des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Kräfte erlaubten. Durch das
dichteste Unterholz, über vermoderte Baumstämme, durch Sumpf und Gestrüpp,
immer angstvoll spähend nach dem Feind, der unvermuthet jeden Augenblick
auftauchen konnte, so hastete er vorwärts, ohne recht zu wissen, wohin. Stunde
auf Stunde verrann; die Sonne mußte schon hoch am Himmel stehen, aber in die
Nacht des Urwaldes spielte nur hie und da schüchtern einer ihrer Strahlen an den
wettergrauen Stämmen herab. Mit dem letzten Reste seiner Kräfte erreichte Kurt
endlich gegen Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter
hervorrieselte und gänzlich erschöpft warf er sich neben ihr in’s Moos. Sein
Provianttäschchen war ihm glücklicherweise nicht abhanden gekommen, ein
Stückchen der stärkenden Conserven, welche es enthielt, genügte vollauf, seine
Kräfte neu zu beleben.
Nach längerer Rast erhob sich der Flüchtling wieder. Die Hoffnung, seine
Kameraden einzuholen, mußte er vorläufig aufgeben und auf’s Geradewohl
wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen.
Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in unabsehbare
Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen Behausungen war
weit und breit keine Spur zu entdecken; was hätten sie wohl auch anders bergen
können als Feinde? Der Flüchtling wandte sich dem Ufer entlang und suchte
sich, nicht ohne Mühe, seinen Weg zwischen Schilf und Urwald. Plötzlich
drangen seltsame liebliche Klänge an sein Ohr. Vom See herüber, aus dessen
Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte, tönte der Gesang einer hellen
Frauenstimme, als sei eine Nixe emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, längst
verschollenes Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die
Klänge über dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie
leise Ruderschläge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem grünen
Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches Mädchenantlitz, umflossen
von lichtblondem Haar, das lang und aufgelöst über die Schultern herabfiel. Wie
einen Geist starrte Kurt die holde Erscheinung an, die ihm so wundersam
bekannt und doch wieder so fremd vorkam, und bittend hob er die Hände; wenn
ihm Hülfe werden sollte in seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem
Wesen, das der Himmel selbst zu seiner Rettung in die Wildniß des deutschen
Urwaldes geschickt haben mochte.
Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht durch
die pfadlosen Wälder und als er beweglich bat, ihm Schutz und Obdach
gewähren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den großen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet waren, er wußte, daß er
verstanden und erhört worden. Mit ein paar Ruderschlägen trieb das Mädchen
ihr Fahrzeug dicht an’s Ufer und winkte ihm stumm mit den Augen einzusteigen.
Einige Minuten später schwammen sie draußen auf der Seefläche. Das Mädchen
stand im Rücktheil des Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und
Geschicklichkeit; unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet,
während Kurt die Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen
Gestalt. Der Oberkörper der Schifferin war knapp umschlossen von einem
Gewand aus feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die
Arme bis über die Ellbogen hinan frei ließ. Vom Gürtel bis über die Knie herab
fiel in Falten ein kurzes Kleid aus ähnlichem Stoffe; von seinem Saume bis zu
den Knöcheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen, war das
schön geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen seltsamen
Gegensatz zu den großen dunklen Augen, die von langen, ebenso dunklen
Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewußte Kraft
sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu
wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die
Dämmerung leise über den See zu legen, da hielt das Mädchen einen Moment
inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth
emporragte:
„Meines Vaters Hütte! — Hier bist Du sicher!“ —
Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Hütte des Pfahlbauers am Ammersee
und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in die Wald- und
Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die Beiden an der Hütte
landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten Mienen zwar, aber
schweigend empfangen und dem Flüchtling die Hand zum Willkommgruße
dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum geführt, ihn zum Sitzen
eingeladen und gutmüthig mit lächelndem Antlitz zugesehen, wie sein Gast über
den Imbiß herfiel, den das Töchterlein eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener
Stunde war Kurt kein Fremdling mehr in der Hütte, und ihm, der gewohnt war,
in der glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer
hoch entwickelten Cultur zu genießen, flogen in dieser Wildniß die Tage mit
einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Günther, eine hohe, kraftvolle
Gestalt, dem der schneeige Bart weit über die Brust herabfloß, nahm ihn fast
täglich mit hinaus auf die Jagd oder zum Fischfang; in den übrigen Stunden des
Tages gab es stets Arbeit in Hülle und Fülle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen Geplauder auf der Bank vor der Hüttenthür, wo
man weit hinaussehen konnte über die goldigschimmernde Fluth bis hinüber zu
der blauen Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flüchtling jene,
welche er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die
Hütte auf mächtigen Eichenpfählen an einer seichten Seestelle errichtet, war auf
allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt
hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen
mußte. Am Südrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein Stück
Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In wohlgefügter
Blockhütte standen daselbst zwei Kühe, das werthvollste Besitzthum des
Pfahlbauers und fast täglich gab es dort für Waltraut dies oder jenes zu schaffen,
wobei ihr die Hilfe Kurts nicht unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich
aber auch Waltraut, schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenüber zeigte, so
scheu und zurückhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreißen ließ,
einen wärmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den
Arm um ihre Hüfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten Willens, die ihm
erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich mit Macht, die immer
mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft niederzukämpfen.
Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnißvollen duftigen Schleier
aus Nebel und Sonnengold waren vorübergegangen; in der Nacht hatte sich ein
grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor sich her treibend,
über die blaugraue Fluth, daß sie in langgestreckten schweren Wogen aus der
nebligen Ferne gegen die Hütte heranzog. Drinnen aber in dem engen Bau war’s
gar behaglich, denn von den Resten der untergegangenen europäischen Cultur
hatte sich gerade noch genug in diesen Räumen erhalten, um das Leben in der
Unwirthlichkeit des Urwaldes erträglich zu machen. So saßen sie an einem der
Winterabende, während draußen der See schon allmählich zu erstarren begann,
gar traulich beisammen; Kurt erzählte seinen Freunden von den Wundern
Afrika’s und als er geendet, erinnerte er Vater Günther, daß ihm dieser unlängst
bei einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn über die Ursachen der großen
Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast
zweitausendjährige Cultur zerstört hatte, aufzuklären. Der Alte nickte mit ernster
Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und verließ
schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und legte ein
in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen modrigen
Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll brennender Neugier
schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschluß geben sollte über eine in Dunkel
gehüllte Geschichtsepoche.
„Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen hundert Jahren aus seiner Heimath in Thüringen an die Gestade dieses See’s flüchtete,“
sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, „es ist eine traurige Geschichte
voll Blut und Thränen, die Dir Aufschluß geben wird, wie ein großes blühendes
Reich durch den Unverstand der Menschen in eine Wildniß verwandelt wurde.
Wir haben das Buch aufbewahrt wie ein Heiligthum und kein menschliches
Auge, außer den unsrigen, hat noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen,
denn meine Augen taugen nicht mehr zu solchem Geschäft und Dir sind die
krausen Schriftzüge der Vorzeit nicht geläufig.“ Neue Kienspähne wurden in
Brand gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann.