Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
8. Capitel. Berlin acht Tage vor dem großen Krach. — Feiernde Fabriken. — Der Hungertod. — Riesenbazare. — Mangel an Soldaten. — Ein Abendspaziergang im Jahre 1998. — Ein Besuch im Arbeiterviertel.
8. Capitel.
Berlin acht Tage vor dem großen Krach. — Feiernde Fabriken. — Der Hungertod. — Riesenbazare. —
Mangel an Soldaten. — Ein Abendspaziergang im Jahre 1998. — Ein Besuch im Arbeiterviertel.
Ich beginne nunmehr mit der Erzählung meiner eigenen Erlebnisse in der Zeit
des allgemeinen Zusammenbruchs.
Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach
Berlin. Ich befand mich in der glückseligsten Stimmung; ich hatte ja die Reise
unternommen, um meine Braut heimzuführen aus ihrem Elternhause in das
behagliche Nest, das ich ihr in Thüringen bereitet hatte. Dank der Protection
meines zukünftigen Schwiegervaters, welcher eine einflußreiche Stellung bei der
großen Actiengesellschaft bekleidete, war ich zum Verwalter der Thüringischen
Centralmagazine ernannt worden, ein Posten, der ebenso angenehm, als
einträglich war. So drückte ich mich also in die Kissen meines Coupésitzes und
überließ mich, während der Zug seinem Ziele entgegenbrauste, den
angenehmsten Träumen, eine Beschäftigung, der ich mich um so ungestörter
hingeben konnte, als ich anfänglich allein in meinem Coupé war. Auf einer
Zwischenstation, einem Städtchen, in welchem die Gesellschaft große
Teppichfabriken besaß, stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich
alsbald einen ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der
Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt
worden. Nachdem wir uns begrüßt und die üblichen Redensarten gewechselt
hatten, fiel mir plötzlich ein, daß ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut
noch einen Teppich von bestimmter Specialität beifügen könne, wie ihn die
erwähnten Fabriken in vorzüglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich frug also
meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Größe und war nicht
wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, daß in den Fabriken diese Gattung
von Teppichen nicht mehr hergestellt werde.
„Warum denn nicht mehr?“ frug ich, „ist vielleicht keine Nachfrage mehr
nach dieser Qualität?“
Mein Freund lächelte düster und erwiderte mit gepreßter Stimme: „Weil wir
überhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb vor drei
Tagen eingestellt.“
„Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschäft gehe bei Euch vorzüglich.
Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fünftausend Arbeiter beschäftigt?“
„Das ist richtig,“ sprach mein Gegenüber. „Die ganze Einwohnerschaft des
Städtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete für unsere
Gesellschaft; wir haben sie aber sämmtlich entlassen müssen, weil sich die
Fabrikation schon längst nicht mehr rentirte.“
„Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren
dauerhaft, elegant, preiswürdig —“
„Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht
einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr wenig
Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten können. Es müssen ja selbst
Fabrikationszweige eingeschränkt werden, welche nothwendigen Lebensbedarf
produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland im Stande wäre, für sich und die
Seinen Betten zu kaufen, so könnten wir vierzig Millionen Stück davon
fabriciren. Wie viel Arbeit gäbe das für unsere Möbelfabriken, für die
Leinenindustrie, für die Fabrikation von Matratzenstoffen; selbst die
Landwirthschaft würde profitiren, denn wo nähme man die Tausende von
Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber, daß heute Nacht im ganzen Reich
kein einziges Mitglied einer Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die
Leute liegen im besten Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten
aber in ihren Arbeitskleidern auf dem nackten Fußboden.“
„Was fangen denn nun diese fünftausend Menschen an, die Ihr entlassen
habt?“ frug ich weiter.
Der Andere zuckte mit den Achseln. „Das weiß ich nicht. Ein oder zwei
Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die
ihnen noch verblieben sind. Alles übrige Land, auf Meilen hinaus, gehört der
Gesellschaft, die es im Großen bearbeiten läßt und so schon Ueberfluß an
Arbeitern hat. Das große Heer der Arbeitslosen wird um einige Bataillone
zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann.“
Die Worte meines Freundes hatten bereits genügt, um meine gute Laune zu
verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig Mühe
gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine größere
Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht entgangen, daß
die wirthschaftlichen Zustände sehr viel zu wünschen übrig ließen; in dem
Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich jedoch seit mehr als
Jahresfrist befand, war ich noch weniger als früher geneigt, mich düsteren
Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so verlockend, so rosig vor mir, daß
ich stets mit Gewalt alle aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir
mein Glück um so weniger trüben lassen, als ich ja an den allgemeinen
Zuständen nichts ändern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der
finsteren Mächte nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen Abgrund vor mir geöffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin
anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich Elly
mit glückseligem Lächeln an meinen Arm hängte, verscheuchte ihr fröhliches
Geplauder die düsteren Bilder, von denen mein Inneres erfüllt war.
Eine Viertelstunde später bog der Wagen, in dem wir saßen, in die taghell
beleuchtete Einfahrt eines jener palastähnlichen Gebäude ein, in denen die
höheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein Schwiegervater
zählte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment prallten die Pferde
zurück, wir erhielten einen starken Stoß, der Wagen neigte sich zur Seite. Die
Frauen schrieen angstvoll auf, mein Schwiegervater öffnete den Schlag und
sprang hinaus; ich folgte ihm und sah den Wagen umringt von einer Schaar
Menschen, deren Gesichter ich nie vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Haß
lag in diesen funkelnden Blicken.
Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen. Schutzleute
waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die Straße drängten und
das Gitter schlossen. Nun standen sie draußen, unverwandten Blickes durch die
Lücken der Eisenstäbe hereinstierend, mit entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern
und wirren Haaren.
Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Körper eines Weibes,
unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglückliche forttragen wollte, fiel
mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus Haut und Knochen
zu bestehen und glich dem Schädel einer Mumie. Ich wandte mich an einen der
Schutzleute: „Der Wagen hat sie getödtet?“ rief ich. „Nein, sie war schon vorher
todt,“ sprach der Mann gleichgültig, „sie ist verhungert!“
3. Februar. Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des gestrigen
Abends im Traume verfolgt. Müde und abgespannt erhob ich mich. Wie ein zum
Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der mich umgab. Beim
Frühstück nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit befragt, sagte ich
offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von gestern erschüttert habe. Mein
Schwiegervater zuckte die Achseln: „Das ist uns leider nichts Neues mehr,“
erwiderte er. „Das Elend wird immer größer, und kein Mensch weiß, wo das
hinaus will. Das Schlimmste steht uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer
Ingenieure eine neue Erfindung gemacht, welche wieder ungezählte Tausende
um ihr Brod bringt. Man hat jetzt in der Textilindustrie überhaupt keine Arbeiter
mehr nöthig. Ein Kind von zehn Jahren genügt für jede Fabrik und es hat nichts
weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu drücken. Das Uebrige
besorgen die Maschinen.“ „Und die Arbeiter?“ frug ich. Er schwieg und zuckte
noch einmal mit den Achseln.
Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei, ihn
auf einem Spaziergange zu begleiten. Er hätte mir kein willkommeneres
Anerbieten machen können. Eine Fluth schrecklicher Gedanken drohte wieder
über mich herzufallen; die Gestalten meines nächtlichen Traumes wurden wieder
lebendig, und mir war, als müsse ich in diesen Räumen ersticken. Elly hatte mich
besorgten Blickes gemustert. Im ersten unbelauschten Moment umschlangen
mich ihre Arme: „Oh Lieber, laß uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier
schreckliche Dinge vor, und kaum wage ich mehr, den Fuß auf die Straße zu
setzen, wo mich überall das gräßlichste Elend angrinst.“ Sie brach in Thränen
aus, und ich mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es
aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glück gefallen.
Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, daß mir
Dinge, welche mir längst bekannt waren, heute in einem ganz eigenthümlichen
Lichte erschienen. In früheren Jahren hatte sich, wie ich oft erzählen hörte, in
den Straßen, die wir durchwanderten, ein Schauladen am andern befunden, von
denen Jeder seinen besonderen Inhaber hatte. Jeder trieb sein Geschäft für sich
auf eigene Faust und hatte keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu
Grunde zu richten. Das hatte sich schon längst geändert. Die kleinen Geschäfte
waren seit Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die
unteren Stockwerke der Häuser ein, Colossalgeschäfte, welche sämmtlich von
unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles erhalten
konnte, was man zu haben wünschte, von der Stecknadel angefangen bis zum
Concertflügel. Vor diesen großartigen Betrieben, welche mit weit geringeren
Spesen und größerem Nutzen arbeiteten, hatten die kleinen Geschäftsleute die
Segel streichen müssen; was früher Vielen gehört hatte, befand sich jetzt im
Besitz einiger Weniger und zahllose zerstörte Existenzen bezeichneten den Weg
dieser „friedlich“ verlaufenen Umwälzung. Das Praktische der Einrichtung ließ
sich ja nicht leugnen, aber warum, frug ich mich, warum muß der Profit dieser
Riesengeschäfte nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug
besitzen, warum darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und
Elender Theil haben am Geschäft? Mir fiel ein, was ich von der längst
verschollenen Socialdemokratie gehört hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfüllt
von ein und demselben Gedanken im Stande wäre, an Stelle dieser Wenigen zu
treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in die
Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter müßten vergehen, ehe diese
zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben werden
könnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten.
Wir besorgten einige Einkäufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung
Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorüber. Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgültigen Blicken gemustert;
heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging mir der finstere
Ernst nicht, welcher auf den Zügen der übrigens gut genährten und strammen
Männer lag.
„Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden“, sagte ich zu meinem
Begleiter.
„Nein, man thut alles Mögliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu
erhalten,“ erwiderte er, „aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger; die
Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der
Tauglichen nimmt geradezu reißend ab.“
„Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im Stande,
Waffen zu tragen.“ Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir sonst fremd war.
Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des
Straßenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, füllte die
Gehsteige und strömte bei den Flügelthüren der Bazare aus und ein. Equipagen,
Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhörlicher Folge auf dem
Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen deutete die schreckliche
Catastrophe an, die wir einige Tage später erleben sollten.
Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in
Gesellschaft Elly’s. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten entzückende
Luftschlösser und ließen es an den kleinen verstohlenen Zärtlichkeiten nicht
fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen Abend erinnerte ich mich,
daß ich versprochen hatte, einen Bekannten aufzusuchen, der nur wenige
Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich bat deshalb meine Braut um ein
Stündchen Urlaub und war nicht wenig erstaunt, als Elly bei meinen Worten die
Farbe wechselte und mich flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. „Benutze
wenigstens Vaters Wagen, wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag
aufschieben kannst,“ bat sie. „Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als
zehn Minuten Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu
lassen“, entgegnete ich. „Oh, doch, doch,“ rief sie aufgeregt, „geh’ nicht auf die
Straße um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen oft schreckliche
Dinge da draußen.“
Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeußerungen die
Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straßenleben werfen, das ihr
solchen Schrecken einflößte.
Einige Minuten später eilte ich durch die taghell erleuchteten Straßen der mir
wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick war mir
indessen aufgefallen, daß das Publikum sich jetzt aus ganz anderen Elementen
zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl der Schutzleute hatte beträchtlich zugenommen und hie und da traf mein Auge auf eine jener
unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende bemerkt hatte. Die
Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast ausschließlich aus jenen,
nicht mehr zweideutigen Elementen zusammengesetzt, die eine
Eigenthümlichkeit moderner Großstädte bilden. Das Alles fand ich indessen
nicht allzu verwunderlich, hatte mir’s auch kaum anders vorgestellt und lächelnd
über Elly’s Angst, deren Beweggrund mir schlecht verhüllte Eifersucht schien,
setzte ich meinen Weg fort. Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein
halbes Stündchen mit ihm. Seltsam schien mir jedoch, daß mein Freund, sonst
die Höflichkeit selbst, in förmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukürzen
trachtete und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wäre besser, wenn ich
meine Braut nicht länger allein lasse. Etwas ärgerlich ging ich endlich.
Die Straßen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie und
da huschte ein Schatten an den Häusern entlang. Eine matt beleuchtete
Seitengasse passirend, sah ich plötzlich zwei Gestalten, in weite Mäntel gehüllt,
vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der Laterne eine ältere Frau mit
abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und ein junges, kaum dem Kindesalter
entwachsenes Mädchen, das seine großen Augen nur einmal scheu zu mir
emporhob, um sie sogleich wieder zu senken.
„Erst siebzehn Jahre, Herr,“ flüsterte die Alte. „Wollt Ihr sie haben? Für ein
Stück Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hübsch sie ist!“
Das Weib schlug den Mantel zurück, der die Gestalt des Kindes verhüllte; ein
blühender, nackter Mädchenleib drängte sich mir entgegen, schmiegte sich an
mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte:
„Ein kleines Stück Brot nur; ich habe so Hunger, Herr!“
Zitternd, betäubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich zurück
und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die kleinen zitternden
Hände, dann, — ich schäme mich nicht, es einzugestehen — ergriff ich die
Flucht.
Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib
kniete vor mir mit flehend erhobenen Händen und wieder gellte die furchtbare
Klage in mein Ohr: „Ich sterbe vor Hunger, Herr!“ Verzweiflungsvoll wühlte ich
in meinen Taschen, es war nichts mehr darin. Da drängte es sich von rechts und
links an mich heran, weiche Arme legten sich um meinen Hals und aufgelöstes
Frauenhaar streifte mein Gesicht. Ich fühlte meine Hände festgehalten; als ich
sie losmachen und die Gestalten, die mich umgaben, zurückdrängen wollte, da
sah ich hier und dort eine Hülle zu Boden gleiten und meine Finger berührten die
weichen Formen der entblößten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr mächtig,
riß ich mich los und stürmte davon.
Einige Minuten später erreichte ich die Straße, in der Elly’s Haus lag. Hier
hatte sich die Scenerie indessen sehr verändert. Das elegante Publikum war
gänzlich verschwunden; die ganze Straße, Kopf an Kopf, mit verwilderten
Erscheinungen, Männern und Weibern erfüllt, die Schaufenster der Bazare
sämmtlich geschlossen. Noch tief erschüttert von dem eben Erlebten, fühlte ich,
wie es mir heiß zu den Augen hinanschoß, als ich diese hohlwangigen, bleichen
Gesichter mit all ihrem stummen Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-
Pickets postirt; Schutzmänner zu Fuß und zu Pferd patrouillirten beständig
Straße auf, Straße ab, aber ich hatte das Gefühl, als wenn die unzählbare Masse
der Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedürfe, um sich auf
diese Wächter der Ordnung zu stürzen und sie mit ihrer Wucht zu erdrücken. So
gut es gehen wollte, drängte ich mich durch. Schweißtriefend, ohne Hut, mit
beschmutzten und zerrissenen Kleidern, bleich vor Entsetzen und Aufregung,
langte ich endlich bei Elly wieder an.
5. Februar. Am folgenden Tage fühlte ich mich durch die Erlebnisse, die ich
soeben geschildert, so angegriffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, das
Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen Tag bei Elly, die sich große Mühe
gab, die unangenehmen Eindrücke zu verwischen, welche mir der verflossene
Abend hinterlassen hatte.
Heute früh, als ich leidlich beruhigt, zum Frühstück kam, fand ich Elly in
Thränen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei meinem
Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die herzzerreißende
Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne Elly’s sich befand. Es
war das alte Lied: der Mann seit Monaten arbeitslos, die Frau krank, von Allem
entblößt, mit ihrem kleinen Kinde dem Hungertode nahe.
Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglücklichen Familie
Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches Veto ein.
„Wir werden das selbst besorgen“, sagte er zu mir gewendet, „in jene
Quartiere darf Deine Braut keinen Fuß setzen. Elly soll Kleider und
Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du aber
gehst mit dieser Karte zur nächsten Polizeiwache und bittest um ausreichende
Bedeckung.“
„Um Bedeckung — —?“ frug ich erstaunt.
„Selbstverständlich“, erwiderte er etwas ungeduldig, „in jenen Stadttheil
begiebt man sich nur unter Polizeischutz.“
Eine halbe Stunde später setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im
Wagen uns gegenüber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem
Kutscher ein bis an die Zähne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei andere Polizisten trabten hoch zu Roß auf beiden Seiten des Wagens. Wir selbst waren
mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerüstet verließen wir das
elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor, welche den grellsten
Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die doppelte Postenkette eines
Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den Zugang zu diesem Quartiere
absperrte. Je weiter wir fuhren, desto unheimlicher wurde unsere Umgebung. In
den von hohen rußgeschwärzten Häusern eingefaßten Straßen schien eine ewige
Dämmerung zu herrschen. Unbeschreibbare Dünste erfüllten die dicke
nebelfeuchte Luft; überall, wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die
unzweideutigen Spuren tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit
entgegen. Die Gassen waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an
den mit Papier verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus
tief liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengäßchen hielten
wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von schmutzigen,
dunklen Höfen, Gängen und Stiegen durchgefunden hatten an den Ort unserer
Bestimmung. Was wir da fanden — kaum vermag ich es zu schildern. Der Brief,
den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs gewesen sein, denn unsere
Hülfe kam zu spät. Am Fensterkreuz des vollständig kahlen, eisig kalten
Gemachs hing die zu einem Skelett abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit
einigen Lumpen bekleideten Mannes. Der Unglückliche hatte schon vor
mehreren Tagen seinem Leben ein Ende gemacht; der Körper war bereits in
Fäulniß übergegangen. Niemand hatte sich die Mühe genommen, ihn
abzuschneiden, und für seine Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das
Gräßlichste! In einem Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen.
Sie hatte uns zuerst völlig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr
näherte, schrie sie auf und breitete die Hände über ein irdenes Gefäß, das neben
ihr stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. „Geht hinaus! Ihr weckt mir
mein Kind auf!“ kreischte sie. Dann lachte sie wieder: „Wollt ihr’s anschauen,
wie süß es schläft?“ Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem Gefäß.
Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die Wahnsinnige zog
ein Stück davon heraus und schlug gierig die Zähne hinein: „Mich hungert!“ Das
war das Letzte, was ich hörte, die Sinne schwanden mir! Als ich wieder zur
Besinnung kam, saß ich im Wagen, der im tollen Lauf über das Pflaster flog. Ein
furchtbares Geheul umtobte ihn, Schüsse krachten, ein Steinhagel prasselte
gegen Fenster und Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater saß an meiner
Seite, todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenüber, von den
Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lächelndem Gesicht und glanzlosen
Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der entsetzlichen Mahlzeit. So
erreichten wir die Postenkette des Militärs, das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine tosende Brandung, schlug dumpfes
Schreien und Heulen an mein Ohr.