Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
2. Capitel. Europäische Reliquien. — An der Elbemündung. — Im Hafen von Hamburg. — Ruinenstadt und Todtenschiffe. — Eine Begegnung mit Eingeborenen.
2. Capitel.
Europäische Reliquien. — An der Elbemündung. — Im Hafen von Hamburg. — Ruinenstadt und
Todtenschiffe. — Eine Begegnung mit Eingeborenen.
Ohne an irgend einem Punkte der europäischen Küsten zu landen, war die
afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in die
Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frühlingsnacht, angesichts
der deutschen Küste, ihrem ersten Ziele, der Elbemündung, zu, um im Hafen von
Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf der weiten
Wasserfläche, über der ein leichter nebliger Dunst wallte, kein Laut war weit und
breit hörbar als das leise Gurgeln und Klatschen der Wellen am Kiel und das
dumpfe, gleichförmige Dröhnen der mächtigen Schiffsmaschinen. In weiter
Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich der schwarze dünne Streifen der
norddeutschen Küste hin, aber vergebens spähte der Blick nach einem
freundlichen Lichtscheine; dunkel und glanzlos lag das Land, soweit die Augen
es erfaßten.
An der Brüstung eines der majestätisch dahingleitenden Schiffe lehnten zwei
junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln Streifen in
der Ferne hinüberlugend.
„Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das
scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein!“ brummte der Eine, eine
hochgewachsene schlanke Gestalt.
„Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefaßt, oder die
Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hühnern in’s Bett“, erwiderte sein
Kamerad, „Deine Verwandten, Kurt, liegen gewiß auch längst in den Federn!“
— „Kannst Recht haben, Willy, wenn sie überhaupt existiren“, sprach wieder der
Erste, „bin auch verdammt neugierig, was sie für Augen machen werden, wenn
der Vetter aus Afrika daherkommt!“
„’S ist mir nur nicht recht klar“, meinte Willy, „wie Du ihre Spur finden willst
in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen!“
„Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie haben
sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die Gründer unseres
Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein Urahne meines Vaters
hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv angelegt, in welchem er alle
Erinnerungsstücke seiner Familie, sowie seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals einen Schatz an werthvollen interessanten
Handschriften, Portraits und Andenken aller Art umfaßte, brachte er mit nach
Afrika und es ist seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe
zu erhalten und nach Möglichkeit zu vermehren. ’S war für mich auch stets ein
Hauptvergnügen, in diesen Schätzen zu wühlen. Wie ich nun aus einem
Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus Thüringen.
Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um mit dem ersten
Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so kannst Du mich
begleiten.“ „Einverstanden, alter Junge“, rief Willy, „und wenn Du in Thüringen
ein hübsches Bäschen findest, so überläßt Du sie mir, das bedinge ich mir aus.“
Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Stoß das Schiff in allen seinen
Theilen erzittern ließ. Die Freunde eilten der Commandobrücke zu, von wo aus
die Stimme des Capitäns in den Maschinenraum hinabgellte: „Halt! Rückwärts!
Langsam!“ — „Was ist los, Capitän?“ rief Willy hinauf. — „Wir sind
aufgefahren“, tönte es zurück, „es muß eine Untiefe im Fahrwasser sein,
verdammt, daß man uns keinen Lootsen schickt!“ Inzwischen war das Zeichen
zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben und eiligst untersucht worden,
ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden gelitten. Alles fand sich im besten
Stand, aber der Commandant der Flotte war doch der Ansicht, daß es rathsamer
sei, auf dem Platz bis zum Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das
unsichere Fahrwasser genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich indeß, daß
in unmittelbarer Nähe der Elbemündung, an einer sicherlich viel befahrenen
Route, kein einziges Warnungssignal diese gefährliche Stelle bezeichnete. Der
Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammenstoß mit anderen Schiffen zu
verhüten, ließ man das electrische Licht nach allen Seiten weithin über die See
spielen, aber die Sorge war unnütz, das weite Meer war wie ausgestorben und
nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die Blicke reichten. Also wurden
die Anker ausgeworfen, die in geringer Tiefe Grund fanden und der Morgen
abgewartet.
Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser
nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebniß war kein besonders
erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinabließ, fand man in der
Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber genügendes Fahrwasser für die
Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel mehr: die
Elbemündung, einst die Einfahrtsstraße unzähliger Schiffe jeder Größe, war total
versandet und nur noch mit Booten zu befahren. Kopfschüttelnd hatte der
Commandant diese Meldung vernommen und dann die Capitäne der übrigen
Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das Ergebniß der Berathung war
endlich, daß zwölf wohlbemannte Boote, mit Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden, um die Räthsel, welche sich hier
darboten, womöglich zu lösen. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß die
beiden Freunde Willy und Kurt sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja
dem Ersteren war sogar die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle über die
kleine Flotille betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller
Stille trafen die zur Einschiffung bestimmten Männer ihre Vorbereitungen. Alle
waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten sollten, gar
mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefühls nicht erwehren.
Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in
Bewegung. In jedem der zwölf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es
waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfünfzig vortrefflich
bewaffnete und geschulte, kräftige Männer bei der Expedition, eine Macht, mit
der man gegebenen Falles auch ernsten Eventualitäten schon mit einiger
Zuversicht in’s Auge sehen konnte. Signalapparate von äußerst sinnreicher
Construction, deren jedes Boot mit sich führte, ermöglichten es außerdem, sich
mit der vor der Barre ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite
Distanzen zu verständigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut
der Flotille, während zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von
einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark, einherfuhr.
Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr kräftige
Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer großen Geschwindigkeit
fähig. Da man sich jedoch hier in einem gänzlich unbekannten Fahrwasser
befand — die mitgebrachten Karten erwiesen sich als veraltet — und noch nicht
wußte, auf welche Hindernisse man vielleicht stoßen werde, so hatte Willy den
Befehl ertheilt, mit mäßiger Geschwindigkeit vorwärts zu fahren. Anfangs bot
sich den Blicken nichts Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit
Buschwerk bewachsen, dehnten sich zu beiden Seiten des mächtig
dahinfluthenden Stromes aus; je weiter man aber kam, desto deutlicher drängte
sich Allen die Gewißheit auf, daß hier im Laufe der letzten Jahrhunderte
furchtbare Veränderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte
hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Küste genähert, daß er ein reich
bevölkertes, mit blühenden Städten und Dörfern bedecktes Land finden werde,
gesegnet mit allen Errungenschaften einer zweitausendjährigen Cultur und
namentlich von Hamburg, der großen und reichen Handelsstadt, hatten sich alle
diese, aus dem Innern Afrika’s stammenden Männer die glänzendsten
Vorstellungen gemacht. Aber nichts von dem fand sich hier verwirklicht. Das
ganze Land schien eine einzige trostlose Einöde, eine menschenleere Wüste zu
sein. Auf den niederen Hügeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte
wildes Gestrüpp, das hier und da einzelne rauchgeschwärzte Reste uralter Ruinen mit tausend Ranken umklammerte und überwucherte. Nirgends ein
menschliches Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flüchtiger
Möven schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man
diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten zufolge, der
Hafen befinden sollte, der große berühmte Hamburger Hafen, der Stapelplatz
unermeßlicher Schätze aller Welttheile. Was sich den Blicken hier darbot, war
ein Bild grauenhafter Verwüstung und Verwilderung. Das weite Hafenbassin war
mit einer grünen filzigen Masse bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit
Mühe vorwärts bewegten. Wo der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige,
pestilenzialische Dünste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden
gewesen, war nichts zu sehen, als die Wracks einiger großer Dampfer
alterthümlicher Bauart, welche, dick mit Rost und Moder überzogen, an den
verfallenen Quais lagen. Längs dieser Quais mußten vor Zeiten ganze Reihen
prächtiger Paläste gestanden sein; davon legten noch die imposanten Ruinen
Zeugniß ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen.
„Das habe ich mir anders vorgestellt“, flüsterte Willy seinem Freunde zu,
„ob’s wohl in Thüringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut?“ — Die
Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise versammelt, und
Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fünfzig Mann wurden an der
Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote zurückgelassen. Die
übrigen formirten vier Abtheilungen von je fünfzig Mann und drangen nach
verschiedenen Richtungen in die Straßen der Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in
Bewegung setzten, kam eine kleine Abtheilung, welche der Commandant zur
Untersuchung der alten Schiffe entsendet hatte, zurück. Die Leute zeigten
auffallend verstörte Mienen und ihr Führer meldete, daß sich ihnen im Innern
eines Wracks ein furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten,
manche davon noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lägen auf
Verdeck und in den Cajüten, und der Anblick dieser mit grünem Schimmel halb
überzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, daß er einen Menschen
um den Verstand bringen könne. Vor vielen Jahren müsse dort ein Kampf auf
Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die Schiffsmannschaft vermuthlich
bis auf den letzten Mann ihr Ende gefunden.
Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen
Truppe, welche der Commandant selbst führte, befand sich natürlich auch Kurt.
Man wählte zunächst eine ziemlich breite, in südwestlicher Richtung sich
hinziehende Straße, deren halb oder ganz verfallene Gebäude noch die Spuren
einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden dieser Straße war einst mit Asphalt
oder einer ähnlichen Masse gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost
und Hitze unzählige tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit
Gestrüpp, Disteln und Schlingpflanzen überwuchert und das Vorwärtskommen
ziemlich beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen
in gewissen Abständen eiserne Laternensäulen sich erhoben, der Straße zur
Zierde gereicht. Von diesen Bäumen hatten sich einzelne inmitten der
allgemeinen Zerstörung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen hatten
einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf weite
Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis, emporgehoben; die
eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben mit Waldrebe und wildem
Hopfen dicht umsponnen. Obwohl überall eine unheimliche Stille herrschte und
nirgends die Spur eines menschlichen Wesens zu erblicken war, so schien
Vorsicht doch geboten, da man nicht wissen konnte, ob dieses Trümmermeer in
Wahrheit unbewohnt sei und falls es Bewohner barg, so — Kurt an der Seite
seines Freundes dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als
eine vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer auf sie
zukam:
„Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich gesehen,“
rief der Führer athemlos. Sofort ließ Willy das Signal „Halt!“ gebieten und drang
dann selbst an der Spitze der Hälfte seiner Mannschaft in die bezeichnete Gasse
vor.
Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade
versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen Engpaß
zwischen verfallenen, hochaufragenden Häusern. Das Licht der
Nachmittagssonne berührte nur die obersten Ränder der von Alter und Wetter
geschwärzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz zu drohen
schienen. „Dort hinten standen sie,“ begann der Patrouillenführer, „ich habe sie
deutlich gesehen, obwohl es nur ein Moment war.“
„Wie sahen sie aus?“ forschte Willy, indem er vergeblich mit vorgehaltener
Hand die Dämmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes herrschte, mit den
Blicken zu durchdringen suchte.
„Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehüllt, mit wirren
Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten.“
„Also vorwärts,“ commandirte Willy, „wir müssen das Geheimniß
ergründen!“