Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
Vorwort.
as Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen
Zukunftsstaat im günstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften zu
Tage gefördert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nämlich den
Socialstaat mit den düstersten Farben auszumalen und auf diese Weise
Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen.
Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nämlichen Punkte
aus. Sie nehmen sämmtlich an, daß über kurz oder lang ein Moment eintreten
werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft ausgewirthschaftet haben und
von der socialistischen abgelöst werden wird. Der Unterschied ist nur der, daß
bei Bellamy das Experiment günstig, bei seinen Widersachern aber höchst
unglücklich ausfällt.
Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der
Ansicht zu leben, daß die capitalistische Gesellschaft eines Tages am Abschluß
ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur vorübergehend, um alsdann
neu verjüngt aus der Asche des Socialstaates emporzusteigen — und ihr Spiel
von Neuem zu beginnen; diesmal natürlich nicht mehr genirt von den praktisch
ad absurdum geführten Bestrebungen der Socialdemokratie. Die Letztere wird,
so hoffen sie, sich selbst vernichten und der ungestörten capitalistischen
Entwicklung werde nichts mehr im Wege stehen.
Was hindert uns aber anzunehmen, daß dieser von den Gegnern der
Socialdemokratie gewiß als sehr wünschenswerth angesehene Zustand einer
gänzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon früher eintrete, nicht
herbeigeführt durch die Socialdemokratie selbst, sondern durch die mit Erfolg
gekrönten Bestrebungen aller Jener, welche sie jetzt mit ihrer glühenden
Feindschaft beehren und sie lieber heute als morgen gänzlich vernichten
würden?
Nehmen wir einmal an, der Einfluß und die Beredsamkeit des Herrn Eugen
Richter sei wirklich so groß, daß vor dem Runzeln seiner Brauen die
Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es selbstverständlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner prophezeien, keine
Socialisten geben und was alsdann eintritt — das soll eben mein Buch schildern!
Vielleicht trägt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung beizubringen, die
sich mir schon längst aufgedrängt hat, daß nämlich diejenigen, welche, wie Herr
Eugen Richter, die Socialdemokratie bis aufs Messer bekämpft wissen möchten,
weitaus staatsgefährlicher, als die ungestümsten Socialisten und zum mindesten
ebenso culturfeindlich sind, als die schwärzesten Clerikalen.
Wenn die socialistische Bewegung, diese großartigste aller Culturströmungen,
seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestände, sie müßte geradezu von
Staats wegen geschaffen werden, um die Civilisation vor jenem Abgrunde zu
retten, auf den wir, wenn es nach Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen.
Die capitalistische Productionsweise ist früher oder später dem Untergange
geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, daß diese Umwälzung
sie nicht unvorbereitet treffe, daß das Volk erzogen werde für diesen Moment,
und Niemand kann dieses Erziehungswerk vollziehen, als die Socialdemokratie.
Wer sie daran hindert, ist entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher!
Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen
über dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, wie er
vorläufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein Ideal; nehme aber die
Möglichkeit an, daß er sich nach und nach auf rein socialistischen Grundlagen
zu einem solchen ausgestalten könne. Auf jeden Fall dürfte er besser und
vernunftgemäßer eingerichtet werden, als andere uns näher liegende
Staatengebilde.
Daß meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, wird
man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, daß es nur im Zustande der
Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Büchlein auch nur einen einzigen
Gegner der Socialdemokratie zum Nachdenken — mehr beanspruche ich nicht
— veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck erfüllt.
Obermais bei Meran, Neujahr 1893.
Arnold v. d. Passer.