Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Arnold von der Passer · Kapitel 2 von 12

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Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Vorwort.

 

as Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen

Zukunftsstaat im günstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften zu

Tage gefördert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nämlich den

Socialstaat mit den düstersten Farben auszumalen und auf diese Weise

Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen.

Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nämlichen Punkte

aus. Sie nehmen sämmtlich an, daß über kurz oder lang ein Moment eintreten

werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft ausgewirthschaftet haben und

von der socialistischen abgelöst werden wird. Der Unterschied ist nur der, daß

bei Bellamy das Experiment günstig, bei seinen Widersachern aber höchst

unglücklich ausfällt.

Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der

Ansicht zu leben, daß die capitalistische Gesellschaft eines Tages am Abschluß

ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur vorübergehend, um alsdann

neu verjüngt aus der Asche des Socialstaates emporzusteigen — und ihr Spiel

von Neuem zu beginnen; diesmal natürlich nicht mehr genirt von den praktisch

ad absurdum geführten Bestrebungen der Socialdemokratie. Die Letztere wird,

so hoffen sie, sich selbst vernichten und der ungestörten capitalistischen

Entwicklung werde nichts mehr im Wege stehen.

Was hindert uns aber anzunehmen, daß dieser von den Gegnern der

Socialdemokratie gewiß als sehr wünschenswerth angesehene Zustand einer

gänzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon früher eintrete, nicht

herbeigeführt durch die Socialdemokratie selbst, sondern durch die mit Erfolg

gekrönten Bestrebungen aller Jener, welche sie jetzt mit ihrer glühenden

Feindschaft beehren und sie lieber heute als morgen gänzlich vernichten

würden?

Nehmen wir einmal an, der Einfluß und die Beredsamkeit des Herrn Eugen

Richter sei wirklich so groß, daß vor dem Runzeln seiner Brauen die

Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es selbstverständlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner prophezeien, keine

Socialisten geben und was alsdann eintritt — das soll eben mein Buch schildern!

Vielleicht trägt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung beizubringen, die

sich mir schon längst aufgedrängt hat, daß nämlich diejenigen, welche, wie Herr

Eugen Richter, die Socialdemokratie bis aufs Messer bekämpft wissen möchten,

weitaus staatsgefährlicher, als die ungestümsten Socialisten und zum mindesten

ebenso culturfeindlich sind, als die schwärzesten Clerikalen.

Wenn die socialistische Bewegung, diese großartigste aller Culturströmungen,

seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestände, sie müßte geradezu von

Staats wegen geschaffen werden, um die Civilisation vor jenem Abgrunde zu

retten, auf den wir, wenn es nach Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen.

Die capitalistische Productionsweise ist früher oder später dem Untergange

geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, daß diese Umwälzung

sie nicht unvorbereitet treffe, daß das Volk erzogen werde für diesen Moment,

und Niemand kann dieses Erziehungswerk vollziehen, als die Socialdemokratie.

Wer sie daran hindert, ist entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher!

Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen

über dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, wie er

vorläufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein Ideal; nehme aber die

Möglichkeit an, daß er sich nach und nach auf rein socialistischen Grundlagen

zu einem solchen ausgestalten könne. Auf jeden Fall dürfte er besser und

vernunftgemäßer eingerichtet werden, als andere uns näher liegende

Staatengebilde.

Daß meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, wird

man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, daß es nur im Zustande der

Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Büchlein auch nur einen einzigen

Gegner der Socialdemokratie zum Nachdenken — mehr beanspruche ich nicht

— veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck erfüllt.

 

Obermais bei Meran, Neujahr 1893.

 

Arnold v. d. Passer.