Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Arnold von der Passer · Kapitel 3 von 12

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Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

1. Capitel. Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. — Die Bewässerung der Sahara. — Der Freilandstaat in Gefahr. — Verlassene Colonien. — Eine Volksabstimmung. — Das verödete Weltmeer. — Ein Riesencanal. — Die Flotte des Freilandstaates.

1. Capitel.

Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. — Die Bewässerung der Sahara. — Der Freilandstaat in

Gefahr. — Verlassene Colonien. — Eine Volksabstimmung. — Das verödete Weltmeer. — Ein Riesencanal.

— Die Flotte des Freilandstaates.

 

ie große Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der

Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. März 2398 bis auf

das letzte Plätzchen gefüllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig

gewölbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt

von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer

Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom

bläulich-weißen elektrischen Lichtes auf die unzählbare, festlich gekleidete

Menge, welche den Klängen eines fünfhundertköpfigen Sängerchores lauschte.

Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die imposante Tonfülle

plötzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann schloß sich brausend und

rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel an, und in mächtigen Accorden

endete das Musikstück, gefolgt vom Beifallssturm der tief ergriffenen Menge.

Nach einer Pause, während welcher die allgemeine Erregung wieder

erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Präsident der

wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen

berühmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des

Orchesterraumes errichtete Rednerbühne und seine kraftvolle Stimme drang in

wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes. Er

besprach zunächst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten Stätten des

Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500 Jahren, am 17. März

1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen Männer, welche von Europa

herübergefahren waren, um im Herzen Afrika’s den Freilandstaat zu gründen,

den Boden des dunklen Welttheiles betreten. Ihnen ist es zu verdanken, daß

Afrika jenen Namen schon seit Jahrhunderten nicht mehr verdient, daß es

vielmehr allen Anspruch erheben kann, der „glückliche“ Welttheil genannt zu

werden. Und nun schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten fünfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter

Schwierigkeiten und Hindernissen aller Art gegründete Gemeinwesen, Dank den

richtigen und humanen Grundsätzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr

und mehr sich entwickelte und aufblühte, wie seine Grenzen sich ausdehnten,

und wie es endlich so weit kam, den ganzen großen Continent von der Küste des

Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und Millionen friedlicher,

gesitteter Menschen zu umschließen.

Schon seit Jahrhunderten waren die großen Wildnisse des Innern erschlossen

und die Negerbevölkerung hatte sich so culturfähig gezeigt, daß aus ihrer Mitte

seither eine große Zahl vortrefflicher Künstler und Gelehrter hervorgegangen

waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener Zeiten lebten nur noch wie

halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung der jetzigen Generation. An den

großen Seen, wo früher blutige Schlachten zwischen den sich befehdenden

Stämmen geliefert worden waren, breitete sich eine Kette anmuthiger

Ortschaften aus und als Perle unter ihnen die prächtige, glanzvolle Hauptstadt

Thomasville, dem großen Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore,

zu Ehren so genannt. Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig

in ihrem Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwälder am

Aruwimi, welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog.

Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung

bewässert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden Palmenhainen

geschmückt, die sich in den kühlen Fluthen der Canäle spiegelten, von denen das

Land allenthalben durchzogen wurde. Viele hunderte blühender Städte und

Dörfer lagen jetzt dort, wo einst der Samum mit den Gebeinen verschmachteter

Karawanen sein Spiel getrieben hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon

längst in einen Riesenpark verwandelt, von Straßen und Eisenbahnen

durchzogen und nicht mehr von Canibalen und Zwergen, sondern von

schöngebauten, hochcultivirten Menschen bewohnt. Fast ungestört hatte sich

dieses großartige Culturwerk im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam,

dann schnell und immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20.

Jahrhunderts, schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht

durch die Schaaren der Eingeborenen oder der räuberischen Araber, sondern

durch große bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet

worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze

der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen.

Damals kam es zwischen der Küste und den großen Seen zum

Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen

glänzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, die

Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern Afrika’s zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen gegen die Küsten

vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die Freilandbürger, daß diese

Küsten in ihrer ganzen Ausdehnung fast menschenleer waren. Die einst mit so

großen Opfern gegründeten und unterhaltenen europäischen Colonien waren aus

unerfindlichen Ursachen verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an

jenen Punkten, wo die europäische Cultur einst den festesten Fuß gefaßt hatte,

wie in Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in

den Ruinen verfallener Städte ein kümmerliches entartetes Geschlecht, das noch

einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europäische Abkunft sich

nicht gänzlich verwischt hatte.

Als man diese überraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden

war, daß, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des

Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen laut,

den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen.

Von den Küsten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein ganzes

Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung gerichtet und

keinerlei Versuch gemacht, mit außerafrikanischen Völkern in Verkehr zu treten.

Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch einige Beziehungen zur alten

Heimath unterhalten, so war auch dieses lose Band im Laufe der Zeit gänzlich

gelöst worden. Seit mehr als 200 Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde

von Europa und seinen Zuständen ins Innere des afrikanischen Continentes

gedrungen, und so war es leicht begreiflich, daß jetzt das Verlangen sich regte,

das Versäumte nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande

herzustellen. Eine Flotte sollte gebaut und ausgerüstet werden mit der

Bestimmung, die Haupthandelsplätze der anderen Welttheile, namentlich

Europa’s, aufzusuchen und über die Zustände dortselbst genau Bericht zu

erstatten.

Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates sehr

energisch und zwar aus schwerwiegenden Gründen. Noch waren die Kräfte des

jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, daß dasselbe gegen jede

Einwirkung von außen her als gefeit angesehen werden konnte. Noch war die

Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles concentrirt; an den Küsten

existirten nur vorgeschobene Posten, welche für den Fall, daß von Europa aus

wiederum feindselige Absichten zur Durchführung gelangt wären, der

Vernichtung fast mit Sicherheit ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte,

oder nur dürftig bevölkerte Länderstrecken zwischen dem Innern und der Küste

und große, die Thatkraft und den Fleiß der Bevölkerung auf Generationen hinaus

in Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewältigen. Ihre Hauptaufgabe

erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen Rückfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der capitalistischen Productionsweise

unter allen Umständen unmöglich zu machen und sie fürchtete vielleicht nicht

mit Unrecht, daß die Eröffnung von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im

Stande sei, in dieser Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwören,

denen auf alle Fälle vorläufig aus dem Wege gegangen werden müsse, und zwar

umsomehr, als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner

bedurften, selbst zu produciren befähigt war. Mit dieser vielleicht etwas

engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung — zum ersten Male seit

ihrem Bestande — in Widerspruch mit einem großen Theile der Bevölkerung,

aber die Gründe, welche sie leiteten, wurden dennoch von der Mehrheit als

einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die Expedition nach Europa

bis zum Jahre 2398, dem fünfhundertjährigen Jubiläum von Freiland, zu

verschieben, fand bei der allgemeinen Volksabstimmung die Majorität für sich.

Man war entschlossen, keine von Europa aus etwa angeknüpften Beziehungen

zurückzuweisen, aber ebenso entschlossen, von sich selbst aus derartige

Beziehungen vor dem genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die

Anhänger der Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, daß von Europa oder

anderen Welttheilen aus früher oder später ein Versuch gemacht werden möge,

mit dem immer schöner aufblühenden afrikanischen Staate in Verkehr zu treten,

so hatten sie sich gänzlich getäuscht. Seltsamerweise unterblieb ein solcher

Annäherungsversuch und von allen Küsten Afrika’s kam jahraus, jahrein die

Meldung, daß das weite Weltmeer öde und verlassen daliege, daß auch am

fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu entdecken sei. Inzwischen ging

die Cultivirung Afrika’s mit Riesenschritten vorwärts, und als die ersten 500

Jahre seit der Gründung des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der

einst so unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein

Paradies, geschmückt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und

bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen.

Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff

genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit

dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, für die größten

Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum Congo angelegt,

der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Länge vom Meere bis zum Einfluß des

Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des großen Canals bildete, regulirt

und canalisirt und als die Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen

neuester Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war

der Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den letzten

Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so schloß Professor

Bellmann seine Rede, werde der Präsident des Freilandstaates unter großen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel eigenhändig einschlagen und die Flotte

sodann augenblicklich ihre Reise nach den europäischen Küsten antreten.

„Ausgerüstet mit dem Besten, was die vereinte Arbeit der Freilandbürger

geschaffen, wird sie, begleitet von unseren Segenswünschen, hinausfahren bis zu

dem Gestade des alten, für uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den

Bewohnern desselben die Kunde überbringen, daß hier in Afrika die

Nachkommen jener vor fünf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mächtiges

blühendes Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Früchte seines

Fleißes voll und ganz genießen kann, in dem man nur aus den Ueberlieferungen

einer fünfhundertjährigen Vergangenheit noch weiß, daß die Menschheit einst in

Reiche und Arme geschieden war, und daß es Zeiten gab, in denen der Mensch

seinen Nebenmenschen verhungern ließ, während er selbst in Ueberfluß

schwelgte.“

„Diese Zeiten sind, für unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei und

mit berechtigtem Stolze können wir hinweisen auf die Früchte unserer

segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits des

Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen, so möge

unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren Zukunft, auf daß

nicht bloß dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund des Glückes theilhaftig

werde, das wir schon längst genießen.“

So schloß Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede.