Stay

Anna Liana · Kapitel 1 von 9

PDF-Seiten

Stay

Kapitel 1

Deshalb saß ich damals auf einer dreckigen, 1-Meter hohen Mauer

und zündete mir eine Zigarette an. Ich zog genussvoll daran und sah

dem guten Stück beim Glühen zu. Einer meiner

Lieblingsbeschäftigungen. Ich atmete den Rauch aus, der dann vor

mir verblasste. Das einzige Geräusch, das ich wahrnahm, war ein

Vogel, der irgendwo über mir auf einem Baum saß und zwitscherte.

Ich saß im Schatten, doch der Wind wehte zurzeit etwas stärker,

sodass die Äste mich nicht immer beschützen konnten und kleine

Sonnenstrahlen auf mein Gesicht fielen. Genauso wie ich es wollte.

Genau so sollte es sein.

Aber kein Moment hält für immer. Und von Erinnerungen wollte ich nichts wissen.

Ich hörte ihn schon fünf Minuten bevor er vor mir stand. Eigentlich hörte ich das laute Geräusch, das sein Motorrad stets von sich gab, und nicht ihn. Aber er wohnte sozusagen schon auf diesem Ding, also war es egal, was man meinte. Ich schwöre, dass ich es unter jedem Motorrad auf der ganzen Welt auseinanderscheiden hätte können.

Ich drückte meine Zigarette auf der harten Mauer aus und ließ sie auf den Boden fallen. Ich wartete, das Brummen kam näher, bis es vor mir abstarb. Er nahm seinen Helm hinunter.

Ich hätte ihn gar nicht anschauen brauchen, sein Grinsen spürte ich trotzdem in jeder Zelle meines Körpers.

„Na?“

„Na?“

„Was machst du hier?“

Ich hob eine Augenbraue. Das fragte er immer noch jedes Mal, nachdem ich ein gefühltes halbes Leben meiner Freizeit hier verbrachte.

Er schmunzelte, weil er wusste, dass er keine Antwort kriegen würde. Mit dem Helm in der einen Hand kam er zu mir.

„Hey.“, murmelte er als zweite Begrüßung und küsste mich. Sein Atem roch nach Zigaretten und… und… nach was noch? Ich leckte kurz unauffällig meine Lippen.

Aber er lachte und fragte: „Was tust du da?“

„Nach was schmeckst du nur?“, fragte ich nachdenklich.

Schon komisch, was? Andere Mädchen wollen herausfinden, mit wem ihr Freund die Zeit ohne ihr verbracht hat. Ich wollte wissen, nach was er schmeckte.

„Zigaretten.“, antwortete er, und wie als wäre das der richtige Zeitpunkt, holte er aus der Hosentasche ein blaues Päckchen heraus. Er nahm sich eine Zigarette und das Feuerzeug aus der anderen Hosentasche. Während er sie anzündete, schloss er die Augen. Das machte er immer. Um den Genuss voll und ganz zu spüren, war seine Erklärung.

Er öffnete die dunkelbraunen Augen wieder und sah mich an. Er schien meine Gedanken zu lesen, denn nachdem er tief an der Zigarette gezogen hatte, nahm er sie raus und gab sie stattdessen zwischen meine Lippen. Eines der Dinge, die ich am Meisten an ihm liebte. Nicht das Zigaretten-Austauschen, (obwohl, das auch), das Gedanken lesen.

Ihn jemals anzulügen, wäre zwecklos gewesen. Er kannte mich zu gut.

Als ich zwei Züge nahm, gab ich sie ihm zurück. Er klemmte sie wieder zwischen seine Lippen und legte seine Hände auf jeweils einen Oberschenkel von mir. Er lehnte sein Gewicht gegen die Wand, sodass sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Wäre er noch etwas nahe, würde sich die Zigarette schmerzhaft in meine Haut bohren und eine Narbe hinterlassen. Er zog, die Augen natürlich geschlossen, die Wangen ein und als er sie wieder öffnete nahm ich ihm vorsichtig den kurzen Stängel aus dem Mund und ließ ihn auf den Boden fallen. Ich sah ihn wieder an. Er blies den Rauch aus, genau in mein Gesicht und ich öffnete den Mund und versuchte ihn einzusaugen, wie ein fast verlorenes Leben. Dann spürte ich seine Lippen auf meinen und seine warme Zunge fuhr in meinen Mund. Eine Weile ließ ich das zu. Aber ich konnte hier nicht ewig mit ihm rummachen. Ich weiß nicht wieso manche Menschen so geil auf sowas waren. Es war schön, aber mein Gott es war nicht die Welt.

Er war meine Welt. Es reichte mir ihn anzusehen, ich musste nicht jede Sekunde seine Lippen spüren. Ich biss leicht auf seine Zunge. Er lachte leise und fuhr zurück.

„Wann werde ich dich nur endlich fürs Zungenküssen begeistern können?“

„Wenn du dich mal wieder rasieren würdest.“

„Pah! Du tust als würde ich aussehen wie Jesus.“

„Nah dran.“

„Sowas nennt man Drei-Tage-Bart.“

„Bist du sicher das es nur drei Tage sind?“

Er schmunzelte, trat zwei Schritte zurück und hob beide Hände. Dann drehte er sich um und ging zu seinem geliebten Motorrad. „Kommst du?“

Ich ging von der Mauer runter und zu ihm. Er gab mir seinen Helm und küsste mich nochmal. Schon wieder dieser seltsame Geschmack. Er setzte sich auf das laute Ding und ich mich hinter ihn. Ich schlang meine Arme um seinen harten Bauch und legte meinen Kopf sanft auf seinen Rücken. Dann stieß das Motorrad einen Schrei aus und er fuhr los.

*

„Die Verkaufszahlen haben sich stark verändert, seit deinem brillanten Angebot, Ed.“

„Im positiven oder negativen Sinne?“

„Positiv! Weitaus positiv!“

„Sehr gut. Sorgt dafür, dass es auch weiterhin so bleibt.“

„Selbstverständlich.“

Dieser Mann sah meinen Dad an wie einen König. Ich wartete nur mehr darauf, dass ihm vom vielen Starren die Sabber aus dem Mund lief.

„Darling? Wir warten auf das Dessert.“ Mein Vater setzte ein falsches Lächeln auf, in die Richtung meiner Mutter. Die machte sich nicht mal die Mühe, freundlich zu sein.

„Sag das dem Personal, Schatz.“ Sie betonte das Wort Schatz so sarkastisch, das der Mann unangenehm hin und her sah und nicht wusste was er tun sollte. Ich hätte ihn gerne ausgelacht.

„Selma? Selma!“, brüllte mein Vater.

Ich hörte hastiges Klappern von Stöckelschuhen und schon stand diese arme Frau, schwarze lange Haare, zu einem Dutt zusammengebunden, ein weißes Hemd und ein knielanger dunkelblauer Rock, in der Tür und wirkte etwas gestresst.

„Ja, Mister Clark, ich entschuldige mich vielmals, das Dessert wird in wenigen Minuten serviert.“, sagte sie schnell in einem lateinamerikanischen Akzent.

Selma war viel zu höflich und nett, für diesen schlecht bezahlten Job bei diesen unausstehlichen Arbeitgebern. Ich wusste nicht viel über ihr Privatleben, Mom hatte nur mal nebenbei erwähnt, dass ihre Kinder in ihrem Heimatland waren und sie sie vor weiß Gott wie vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Ich wartete seit sie bei uns eingestellt war, seit acht Jahren, auf den Moment in dem ihr der Kragen platzt, sie meine Eltern anschreit und ihnen ihre Meinung sagt und schließlich kündigt. Aber Selma scheint gute Nervenzellen zu besitzen, also wird sie mich leider enttäuschen müssen.

„Gut. Gehen Sie.“ Mein Vater würdigte sie keines Blickes und so stöckelte sie wieder hastig zurück in Richtung Küche.

Es folgte ein peinliches Schweigen. Bis es der unsympathische Mann, der wie ich mich zu erinnern versuchte, Mr. Taner hieß, mit einem mühsamen Lächeln, ansprach.

„Und du bist die reizende Tochter, wenn ich mich nicht irre?“

Wie dämlich diese Aussage schon klang. Wenn ich mich nicht irre? Wer sollte ich denn sonst sein? Vaters Geliebte? Sonst saß hier niemand am Essenstisch.

„Gut erkannt.“, antwortete ich deshalb etwas trocken.

Er merkte sofort dass ich nicht auf eine Unterhaltung mit ihm aus war, aber der Alte ließ nicht locker.

„Dein Name ist Arizona nicht wahr? Sehr schön, sehr schön. Warst du schon einmal in Arizona?“ Er sprach mit mir, wie mit einem Kleinkind.

„Ja.“

„Gefiel es dir?“

„Ja.“

„Jaja, mir auch. Schöne Landschaft, nicht wahr?“

„Mhm.“

Er schluckte. Ich glaube, jetzt hatte er es begriffen.

„Arizona ist nicht so gut im Reden.“, sagte Mom zu Mr. Taner, als wäre ich behindert. Und meine Anwesenheit schien ihr wohl auch unklar zu sein. Doch dann sah sie mich mit diesem versteinerten Blick an und sagte: „Siehe doch mal in die Küche, wie es um unser Dessert steht.“ Es war kein Vorschlag, es war eher ein Befehl. Mir sollte es recht sein. Ich stand auf und verschwand aus dem Raum, wo man die peinliche Anspannung förmlich riechen konnte.

Ich ging also in die Küche und da war Selma und ging unruhig hin und her. Ungefähr zehn Leute standen hinter einer Metall-Theke in der riesigen Küche und es sah so aus, als wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen. Es roch süßlich, nach Vanille und Honig, ein wunderbar angenehmer Duft.

Als ich noch klein war, wollte ich hier immer übernachten. Seit ich auf der Welt war, hatte es hier noch nie, noch nie, schlecht gerochen, kein einziges Mal. Doch meiner Mutter wäre es noch nicht mal in den Sinn gekommen, mich hier auf den Boden zu setzen.

Als Selma mich erblickte, schlug sie ihre Hand auf die Stirn. „Ach Gott, Arizona, sind deine Eltern schon sehr böse? Ich habe es nicht genau durchdacht, ich weiß, die Zeitplanung, aber der Freund deiner Eltern ist zu früh gekommen, das Personal war nicht vorbereitet, zu spät…“

„Selma, Selma, beruhigen Sie sich, alles ist okay. Meine Eltern sollen ruhig mal etwas warten können.“ Ich legte ihr meine Hand behutsam auf die Schulter, bis ich spürte dass sie wieder normal atmete. Dann standen auch schon vier Teller auf der Theke. Ich hätte sie alle essen können, so eine geringe Menge war es. Aber es sah köstlich aus.

„Vanille-Trüffel Eis mit Goldsplittern und einem Hauch Honig.“, sagte Selma und betrachte das Werk. Dann kamen zwei Frauen hinter der Theke hervor und nahmen jeweils zwei Teller.

„Oh, warte!“Ich nahm einen Teller von der Frau und lächelte ihr zu. Sie verstand und ging mit dem einen Teller in Richtung Esszimmer, der anderen Frau hinterher.

„Gut gemacht Selma. Sie sind viel zu gut, dass meine Eltern böse auf sie sein könnten.“ Das war glatt gelogen. Sie würden sie fertig machen. Aber sie war viel zu gut, um sie zu feuern und dafür war ich froh.

„Danke Arizona. Guten Appetit.“

Ich ging mit dem Teller in mein Zimmer. Während ich aß, las ich Patrick Süskinds Das Parfüm.

Irgendwann als der Teller schon längst leer war, und ich bei der Hälfte des Buches war, läutete mein Handy.

„Ja?“

„Spricht hier Mrs. Clark?“

Ich wusste, dass er es war. Seine Stimme war unersetzlich.

„Nein, tut mir leid, ich glaube sie haben sich verwählt.“, meinte ich.

Ich hörte sein leises Lachen. „Oh, naja, wie auch immer, wollen sie mich vielleicht trotzdem kennenlernen?“

„Sie klingen interessant. Wieso nicht?“

„Ich warte hier vor ihrer Tür auf Sie.“ Er legte auf. Er legte fast immer auf, ohne sich zu verabschieden, deshalb war ich es schon gewohnt.

Ich klappte das Buch zu, ohne ein Lesezeichen rein zugeben. Das so zu tun hatte ich mir nie abgewöhnen können und werde es auch nie tun, schon allein deshalb nicht, weil ich kein Lesezeichen besitze. Und ein Eselsohr zu machen und eine dieser schönen Seiten zu ruinieren, würde niemals für mich in Frage kommen.

Ich stand auf und sah in den Spiegel. Ich sah ganz okay aus. Also ging ich die Treppen hinunter zur Tür. Da ertönte schon die kalte Stimme meiner Mutter von weiß Gott wo.

„Wo willst du hin, junge Dame?“

„Raus.“

„Ach ja?“

„Jap.“

„Wohin, Arizona?“

„Zu Elle.“, log ich.

Bevor sie noch weitere Fragen stellen oder mir eine Uhrzeit nennen konnte, wann ich wieder zuhause sein musste, huschte ich schnell aus dem Haus. Fast wäre ich über ihn gestolpert. Er hockte auf einer Stufe, vor der Tür.

„Oh, schön sie kennenzulernen.“, sagte ich und stellte mich vor ihn. Er blickte auf und lächelte mich an. „Was hat sie zu mir geführt?“

„Ich habe Sie vermisst.“, antworte er und stand auf.

„Ich dachte wir sind uns noch nie begegnet?“

„Irgendwie kommen sie mir bekannt vor.“ Er legte seine Hände auf meine Taille und zog mich näher zu sich um mich zu küssen. „Deshalb muss ich sie jetzt leider entführen.“, flüsterte er daraufhin in mein Ohr. Er nahm meine Hand und führte mich vom Haus weg zum Gartentor. Ich wusste genau dass wir beobachtet wurden. Und als ich auf dem Motorrad saß, kurz bevor er losfuhr, sah ich zum Fenster. Da stand meine Mutter und blickte uns finster an. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und hoffte, dass sie es ja bemerkte.

Im nächsten Moment waren wir weg. Es war zu lauter Gegenwind und Verkehr, um zu fragen, wo wir hinfuhren. Eigentlich war es uninteressant, ich wäre überall mit ihm hingefahren. Ich umklammerte seinen Bauch mit meinen Armen und ließ ihn nicht wieder los, bevor wir anhielten. Es war eine Seitengasse, die einer Alle ähnelte. Viele große Eichen und Birken auf jeder Seite der Straße. Ein Paar Autos standen schlafend am Rand. Eine Laterne beleuchtete die Gasse in der Dunkelheit. Mir war gar nicht aufgefallen, dass es finster war und die Nacht über uns fiel. Noch so eine mysteriöse Sache an ihm. Ich vergesse alles, wenn ich bei ihm bin. Alles was nichts mit ihm zu tun hat. Es scheint, als wäre alles verschwommen, unsichtbar für mich. Nur er, der haarscharf und unwirklich perfekt vor mir steht. Ich liebe ihn.

„Wo sind wir?“

Er antwortete nicht auf meine Frage. Er sperrte das Motorrad ab, nahm meine Hand in seine, in der anderen trug er den Helm, genauso wie ich. „Komm.“, sagte er und zog mich mit sich mit.

Wir gingen eine Weile, bis der Verkehr plötzlich lauter wurde und uns mehr Menschen entgegenkamen. Ich sah eine Frau, Mitte dreißig, die einen Kinderwagen mit einem schreienden Baby vor sich herschob. Mit einer Hand lenkte sie das riesige Ding, mit der anderen hielt sie ein weiteres kleines Kind, welches die ganze Zeit „Ich will aber nicht, Mama, ich will nicht!“ schrie. Sie trug dazu noch einen Rucksack, ich kannte ihn von vielen Müttern, man bekam ihn bei der Geburt des Kindes im Krankenhaus. Die Frau wirkte mehr als gestresst und sie tat mir leid. Ich fragte mich, ob ich auch einmal so enden würde. Es kam mir so vor, als würde diese Mutter ihre Kinder bereuen. Sie war nicht die Erste, die ich sah, die diesen Blick hatte. Ich wusste nicht, ob ich jemals Kinder haben wollte.

Ich sah ihn an, er ging einen Schritt vor mir, jedoch hielten wir noch immer Händchen.

Ob er wohl Kinder wollte? Er wäre ein wundervoller Vater, aber ich konnte es mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich wusste immer noch nicht wo wir waren. Die Straße war mir unbekannt.

„Sind wir bald da?“, fragte ich leise.

„Eine Sekunde.“

Ich zählte fünfundneunzig Sekunden, dann standen wir vor einem kleinen Gebäude. Bei der Eingangstür war ein Schild befestigt. „Hailer Art Museum“, las ich.

„Ein Museum?“, fragte ich etwas erstaunt.

„Ich habe davon in der Zeitung gelesen.“

„Du liest Zeitung?“, fragte ich noch etwas erstaunter.

Er schmunzelte. „Es ist eine Ausstellung über das Thema ‚Jugendliche‘. Es könnte ganz interessant sein, dachte ich.“ Er blickte starr geradeaus auf das Museum.

Eine Weile sah ich ihn nur an. „Wow. Thomas Holmes, sind sie etwa interessiert in Kunst?“

„War ich schon immer.“

„Und wieso hast du mir das nie gesagt?“

„Habe ich doch gerade.“

Wir gingen hinein und eine junge Dame lächelte uns freundlich an. „Guten Abend. Wollen sie sich die Ausstellung ansehen?“

„Ja bitte, zwei Karten.“

Sie reichte uns zwei Tickets und er bezahlte. Dann gingen wir durch eine Tür in einen riesigen Raum mit unzähligen Bildern. Die meisten hingen an den Wänden, doch ein paar standen auch in der Mitte des Raumes auf einem Gestell.

Wir fingen auf der linken Seite an und machten eine Runde. Die Gemälde waren alle sehr interessant. Auf jedem war eine andere Art Jugendlicher zu sehen. Der Streber, der Punker, die Zicke, der Verschlossene, die Traurige, die Depressive, der Sport-Fanatiker, der Kiffer.

Als wir bei einem Bild ankamen, wo uns ein Junge mit einer Zigarette im Mund böse anfunkelte, erinnerte mich das stark an ihn.

„Da bist ja du.“, sagte ich zu ihm, aber er verzog keine Miene.

„So siehst du mich?“

„Du lächelst nicht sehr viel.“, meinte ich.

„Oft habe ich keinen Grund dazu.“, antwortete er karg.

„Wie wäre es mit mir?“

„Als Grund?“

„Ja.“

Da lächelte er.

Als nächstes kam ein Bild von einem jungen Mädchen in einem scheußlich grün-rosa kariertem Polo-Hemd mit dazu passendem Rock und Ballerinas. Ganz offensichtlich gehörte sie zur reichen Gesellschaft, man sah es an ihrer prunkvollen Umgebung und – meiner Meinung nach – auch an ihrem Blick.

„Und das wärst du.“, sagte er. Ich war heilfroh über das ‚wärst‘.

„Wieso bin ich es nicht?“

„Weil du mich hast.“

„Wir sind wohl beide gut füreinander.“, fiel mir lächelnd auf.

Er zog mich zu sich. „Sieht ganz danach aus.“

Wir küssten uns.

Nach dem wir uns alle Bilder mit reichlich Diskussionen und Bemerkungen angesehen hatten, verließen wir das Museum wieder.

„Kaffee?“, schlug er in exakt der Sekunde vor, wo ich Lust auf das beste Getränk der Welt bekam.

Wir setzten uns in das kleine Cafe gegenüber dem Museum und ein Mädchen in meinem Alter mit wunderschönem, langen blondem Haar brachte mir die Tasse nur eine Minute nach meiner Bestellung.

„Und du willst wirklich nichts?“, fragte sie ihn, ganz offensichtlich interessiert an ihm, aber schüttelte nur den Kopf und wendete den Blick nicht von mir ab. Die Blonde ging wieder.

Ich schloss meine Hände um die Tasse und wärmte mich etwas. Der Winter hatte sich erst vor kurzem verabschiedet und es war noch immer nicht richtig warm in Savannah.

„Wie hat dir die Ausstellung gefallen?“

„Gut. Sehr interessant verschiedene Menschen in ihren Rollen zu betrachten. Und doch glaube ich, hatten viele etwas Gemeinsam.“

„Wie meinst du das?“, hakte er nach.

„Naja. Glaubst du nicht, dass das Mädchen mit dem Marco Polo Hemd nicht genau derselben Beschäftigung nachgehen könnte, wie der Typ mit der Marihuana-Kette um den Hals?“

„Klar. Aber das sieht niemand. Niemand verurteilt sie. Den Kiffer allerdings verurteilt jeder.“

„Ich habe nie gesagt, dass ich ihn verurteile.“, entgegnete ich.

„Tust du es?“ Er hob eine Augenbraue. Mist.

Ich schwieg eine Weile. „Klar.“

„Eben.“ Er lächelte, als hätte er soeben einen Wettkampf gewonnen.

Wenn es um Diskussionen ging, gewann er sowieso fast immer.

„Ich finde man sollte Menschen nicht nach ihren Vorlieben verurteilen.“, meinte er.

„Also bist du für die Legalisierung von Marihuana?“

Er schmunzelte. „Ich meine im Allgemeinen.“

„Nimmst du es?“, fragte ich leise, hoffte er würde es nicht hören.

„Was?“

„Nimmst du Drogen?“

„Nein.“

„Schwörst du?“

„Arizona.“ Er sah mich nicht an.

„Es ist nur eine Frage.“

Er schwieg. Dann holte er sein Handy aus der Hosentasche und tippte an dem blöden Ding herum.

Als ich ausgetrunken hatte, schlenderten wir zurück zur Seitengasse, wo noch immer das Motorrad ruhte.

„Ich fahre dich nach Hause.“, sagte er.

Zehn Minuten später verabschiedete ich mich von ihm mit einem leichten Kuss auf der Wange. Er machte keinen Anstand seinen Kopf zu drehen um meine Lippen mit seinen zu berühren.

Ich schloss die Haustür auf, knallte sie wieder zu und lief die Treppen hinauf in mein Zimmer, ignorierte wie Mom nach mir rief.

Lügen. Er schmeckte nach Lügen.