Stay
Kapitel 4
Chuck Preston’s Eltern hatten eine Firma die sie zusammen mit irgendwelchen Europäern leiteten. Das war das einzige was ich wusste. Daraus konnte man schlussfolgern, dass sie nicht oft zuhause waren und dass das Chuck allen Grund gibt Partys zu schmeißen, wann und so oft er will.
Er wohnte in einem Haus, das ziemlich groß war, allerdings nicht annähernd so wie meines, aber darauf bin ich nicht stolz. Chuck beteuerte jedes Mal darauf nicht reich zu sein (das wäre ja das schrecklichste auf der Welt für ihn), seine Familie hatte einfach nur Glück bei dem Preis des Hauses. Naja, wie auch immer.
Elle kam zu mir nach Hause und wir machten uns zusammen fertig. Meine Eltern waren auf irgendeiner Benefiz-Veranstaltung, was mir sehr gelegen kam, so brauchte ich nicht irgendeine Ausrede erfinden. Ich wusste, dass meine Eltern mir die Ausreden nie abkauften, obwohl sie so taten. Ich verstehe nicht, warum sie das taten, aber es war gut für mich in dem Moment.
Doch manchmal wünsche ich mir, sie hätten das nicht getan. Manchmal wünsche ich mir, sie hätten mir das alles von Anfang an verboten.
„Was ziehst du an?“, fragte Elle mich, während ich mir einen Eyeliner-Strich zog. Wir saßen auf zwei Sesseln vor meiner Kommode, über der ein großer Spiegel hing. Kings of Leon dröhnte aus meinen Stereoboxen.
„Keine Ahnung, irgendwas Schlichtes. Du?“
„Wollen wir nicht mal sexy sein?“
Ich lachte laut auf. „Wofür?“
„Für unsere wundervollen Freunde!“, schmachtete sie und betonte das Wort ‚wundervoll‘.
„Mein Freund kennt mich schon, ich brauch mich nicht für ihn aufzutakeln.“, meinte ich.
„Ja, das weiß ich schon. Ich will Jackson nur nicht langweiligen.“, antworte sie und zog ihre Lippen mit einem roten Lippenstift nach. Es stand ihr wie immer wunderbar.
Sie gab den Stöpsel auf den Stift und machte in einem leisen Klicken zu, während sie mich durch den Spiegel betrachtete. Ihr Blick wirkte auf einmal ernster, irgendwie traurig.
Ich beendete kurzfristig mein Augenkunstwerk und sah sie an. „Was ist?“
„Hast du manchmal Angst ihn zu verlieren?“
Ich wusste, wen sie meinte. Und ich wusste auch meine Antwort. Ich war nur einfach etwas perplex über diese Frage. „Habt ihr gestritten?“
Sie schüttelte sofort den Kopf. „Nein! Nein, Gott sei Dank nicht.“ Sie blickte zu Boden.
Eine Weile blieb es still, bis auf die Musik im Hintergrund.
„Jeden Tag.“, flüsterte ich irgendwann.
„Ich auch.“, antwortete sie leise.
Damit war das Thema beendet. Denn weder ich noch sie wollten noch weiter darüber reden. Wir konnten auch nicht. Was gäbe es da auch zu reden? Wir hatten uns entschieden, eine Beziehung zu führen, so kompliziert sie auch sein würde, da dachten wir auch, wir konnten uns nicht darüber beschweren. Noch so eine Sache, wo ich wünschte, sie wäre anders abgelaufen.
Um Punkt 24 Uhr stand Jacksons Auto vor meiner Einfahrt. Wir gingen meistens erst so spät, weil wir wussten, dass es um diese Zeit am besten war. Wenn wir zu einer Party gingen, fuhren wir meistens mit seinem Auto mit und nicht mit Toms Motorrad. Erstens konnten wir so alle zusammen fahren und zweitens musste ich mir keine Gedanken über meine Kleiderauswahl machen.
Elle und ich eilten kichernd aus dem Haus. Selma war immer da, weshalb ich nie absperren brauchte. Sie tat immer so, als würde sie keinen von meinen nächtlichen Ausgängen mitkriegen, wofür ich ihr dankbar war.
Wir quetschten uns auf die Hintersitze, weil Jacksons Auto so flach war. Und unbequem.
Tom saß am Beifahrersitz, drehte sich zu mir und lächelte mich an. Gute Laune. Pluspunkt.
„Bereit für Party, meine hübschen Mädels?“, rief Jackson über die laute Musik, die aus seinem Radio dröhnte und trat aufs Gas.
10 Minuten später standen wir vor einem Haus, das, meiner Meinung nach, drohte einzustürzen. Ich könnte schwören, dass es vibrierte. Die laute Musik dröhnte aus allen Fenstern, aus denen man tanzende Schatten und kleine, bunte Lichtstrahlen sah. Mir taten Chucks Nachbarn echt leid, man hörte den Bass bis nach Kanada.
Tom nahm meine Hand und das warme Gefühl machte sich in meinem Körper breit. Obwohl ich ihn schon so oft berührt hatte, schon jede Zelle seines Körpers kannte, schien mir doch jede neue Berührung neu und noch schöner.
Am Rasen vor Chucks Haus standen ein paar Leute, mit Bierflaschen in der Hand oder einer Zigarette und unterhielten sich.
„Holmes!“, rief einer von ihnen, als wir am Weg nach vor zum Haus gingen.
„Hey, Mann.“ Tom begrüßte den Jungen mit seiner freien Hand. Ich kannte ihn nicht.
Dann gingen wir rein und ich spürte schon am Eingang, wie sich meine Kopfschmerzen bereit machten. Wir steuerten direkt auf die Küche zu, wir waren schon mal hier gewesen, deshalb kannten wir den Weg. Jackson und Elle gingen hinter uns.
Tom ließ meine Hand los und öffnete einen Schrank über der Spüle. Er schnappte sich eine Tequilaflasche und Jackson nach eine von Jack Daniels.
„Was wollt ihr?“, fragte Jackson.
„Zwei Tequila-Shots.“, antwortete Elle, statt mir. Ich lächelte ihr zu. Sie kannte mich.
Ich schluckte das Zeug mit einem Ruck meinen Hals hinunter. Es brannte leicht, aber es war ein angenehmes Brennen. Ich wollte gegen meine Kopfschmerzen ankämpfen und das war jedes Mal meine Taktik. Sie funktionierte zwar nicht immer, aber was soll’s. So hielt ich es in dieser Hütte wenigstens für eine Zeit aus. Gott, überall waren Menschen. Betrunken und zugeraucht und widerlich. Es war nicht so, dass ich noch nie betrunken war, aber es ist beschissen, wenn du es nicht bist und alle anderen schon.
Tom hatte schon drei Gläser intus, als ich mich wieder im zuwandte. Er war wie ein kleines Kind, du brauchtest ihm nur Sekunden nicht deine Aufmerksamkeit schenken und er stellte irgendwas an.
„Tu‘s!“, brüllte er Jackson an, der ein normales Glas, voll mir Wasser in der Hand hielt und es grinsend anstarrte. Nein warte, kein Wasser.
„Gott, Jackson, bitte nicht.“, murmelte Elle, aber zu spät.
Er kniff die Augen zusammen und schluckte bis das Glas leer war. Er schnitt eine Grimasse und schüttelte den Kopf. „Scheiße.“, fluchte er wieder und wieder.
„Vollidiot.“, hörte ich Elle sagen und lachte.
„Komm, sehen wir uns mal hier um.“ Ich nahm ihre Hand und führte sie von den Vollidioten weg. Wir zwängten uns durch die Menge durch, die gerade einem Mädchen in meinem Alter zujubelte, die oben ohne am Tisch tanzte. Ich kannte sie aus Chemie. Sie war eigentlich ein ziemlicher Streber und redete nicht viel. Und mit anderen Menschen hatte ich sie auch noch nie gesehen. Was der Alkohol aus Menschen machte überraschte mich immer wieder.
„Stacey Keiler, was ist nur aus dir geworden.“, sagte Elle, sah zu ihr und schüttelte den Kopf.
„Ein normaler Teenager heutzutage.“, antwortete ich.
Wir gingen die Treppen hinauf. Als wir in das erste Zimmer wollten, schmiss jemand ein Kissen nach uns. Zwei Gestalten lagen am Bett und taten weiß Gott was, ich war froh, dass es zu dunkel war, um es zu erkennen.
Erst das vierte Zimmer in langen Flur war frei und es stellte sich als Chucks Zimmer heraus. Eigentlich galt die Regel ‚Betreten verboten‘, aber was kümmerte uns das. Ich hatte Chuck noch nicht mal gesehen an diesem Abend.
Ich drehte das Licht auf und schloss die Tür ab. Ich hatte keine Lust auf ein sexgeiles, knutschendes Paar, das in das Zimmer stürmte.
„Sieh mal einer an, Chuck mag’s ordentlich.“, hörte ich Elle sagen und sie hatte Recht. Das Zimmer war schön und sauber, aufgeräumt und geputzt. Wahrscheinlich nicht von ihm selber, aber hey, wenigstens lässt er eine Putzfrau in sein Zimmer.
Ich ging zu seinem kleinen Bücherregal, aber es stellte sich heraus, dass Chuck ein Science-Fiction-Liebhaber war, was so ziemlich das Letzte war, was ich jemals lesen würde.
Daneben stand ein kleines Regal mit lauter Pornofilmen und Heften. Offensichtlich betraten seine Eltern das Zimmer nie oder es war Chuck egal. Ich vermutete das Zweite, Chuck war schon immer ein kleiner Perversling gewesen. Zwar stritt kein Typ heutzutage mehr seine Vorliebe für das Masturbieren ab, aber Chuck schrie es förmlich jeden Tag in die Welt hinaus.
Elle kreischte laut auf und lachte hysterisch. Ich drehte mich zu ihr um und sie sah auf Chucks Wand. Da hing ein Schild mit der Aufschrift ‚I LOVE VAGINAS‘. Ich schloss mich Elles Lachen an. Irgendwie hatte ich so etwas erwartet.
Wir verschwanden wieder aus seinem Zimmer und machten uns auf die Suche nach Tom und Jackson. Wir durchsuchten das ganze Haus, fanden sie aber nicht. Erst als ich aus der Glastür im hinteren Teil des Hauses blickte, sah ich die beiden. Sie standen mit dem Typen, der Tom vor dem Haus begrüßt hatte, auf der Terrasse und redeten.
Ich zeigte es Elle und wir gingen zu ihnen. Sie schauten uns etwas nervös an, als wir uns zu ihnen gesellten.
„Was ist los?“, fragte Elle, bevor ich es tun konnte.
Ich stellte mich neben Tom und fuhr mit der Hand langsam seinen Arm hinab und schloss meine Finger um seine. Er drückte sie leicht.
„Nichts, Babe.“, murmelte Jackson und starrte wieder den komischen Jungen an, der ihn und Tom fragend anblickte.
„Also nein?“, fragte er.
Tom schüttelte kaum merkbar den Kopf, aber natürlich fiel es mir auf. „Nein Mann. Wir gehen jetzt.“, sagte er leise und zog mich von ihm weg. Auch Jackson nahm Elle an der Hand und wir gingen wieder ins Haus. Ich konnte an Elles Blick sehen, dass sie genauso verwirrt war wie ich. Aber die Musik war viel zu laut und ich viel zu ängstlich, um Tom zu fragen was das sollte.
Tom steuerte die Eingangstür zu und im nächsten Moment saßen wir in Jacksons Auto. Ich dachte eigentlich, dass ich Tom überreden müsste, wieder nach Hause zu fahren, aber das war wohl nicht der Fall.
„Was war das?“, flüsterte Elle mir hastig zu, bevor Tom und Jackson einstiegen.
Ich zuckte mit den Schultern und biss mir nachdenklich auf die Lippe. Ich hatte eine Ahnung was das war.
Jackson fuhr los. Ich räusperte mich irgendwann, aber es blieb still. Die ganze Fahrt über, bis zu meinem Haus. Ich stieg aus, Tom auch und ich verabschiedete mich und bedankte mich für die Fahrt.
„Ich begleite sie noch zur Tür.“, sagte Tom, dabei tat er das immer, Jackson wusste das.
Wir gingen wortlos den kleinen Weg bis zu meiner Eingangstür. Als wir davor standen, nahm er meine Hände in seine und küsste mich. Er schmeckte nach Tequila, Bier und Zigaretten. Interessante Mischung, aber es gab mir unheimlich Lust auf eine Kippe.
„Gute Nacht Arizona.“, hauchte er mir ins Ohr.
Ich wollte ihn fragen, was der Typ bei der Party sollte, aber ich war zu schwach. „Gute Nacht, Tom.“, flüsterte ich deshalb nur. Er ging wieder und ich klopfte an die Tür.
Nach einer Weile öffnete Selma mit einem etwas verschlafendem Blick.
„Tut mir leid, Selma, ich habe meinen Schlüssel vergessen.“, sagte ich mit schlechtem Gewissen und betrat das Haus.
„Das macht nichts, Arizona. Ich dachte, es wären deine Eltern, das wäre peinlich gewesen. Ich bin unabsichtlich eingeschlafen.“
Ich wollte schon in mein Zimmer gehen, da blieb ich stehen und sah sie an. „Wie meinen Sie das?“
„Es ist gut, dass du mich geweckt hast, ich muss auf sie warten.“
„Sie warten jedes Mal, bis meine Eltern nach Hause kommen?“, fragte ich entgeistert.
„Ja.“
„Nur um diesen Monstern die Türe zu öffnen?!“
„Arizona.“ Ihre Stimme klang sanft. Ich weiß nicht, wie diese Frau das aushielt.
„Als wäre es schlimm, den Hausschlüssel mitzunehmen, wie jeder andere normale Mensch.“, zischte ich. Ich wusste, dass meine Eltern immer erst spät nach Hause kamen und dann von Selma zu verlangen, ihnen die Türe zu öffnen, war das Letzte. Nur wenige Stunden später sollte das Frühstück dann auf dem Tisch stehen, und es war selbstverständlich für sie, dass Selma da wieder putzmunter war.
„Es tut mir sehr leid, Selma. Wirklich. Sowas haben Sie nicht verdient.“
Sie lächelte nur schwach und nickte.
Ich ging in mein Zimmer und kochte vor Wut. Hass stieg in mir auf. Ich konnte nicht fassen, was für Eltern ich hatte. Ich riss die Nachtschublade neben meinem Bett auf und holte das Zigarettenpäckchen heraus. Damit ging ich auf meinen Balkon, von dem aus ich auf die Straße schauen konnte. Mein Zimmer plus den Balkon mit der Aussicht war das Einzige, wirklich das Einzige, wofür ich meinen Eltern dankbar war.
Ich zündete den Sargnagel an, sowie Jackson ihn immer nannte. Das Wort gefiel mir.
Ich hatte nie mit dem Rauchen begonnen, weil es „in“ war oder „cool“, wie ungefähr 80% der Menschheit. Mir gefiel das Gefühl etwas Böses zu tun. Zu wissen, dass ich früher sterbe, wisst ihr. Es klingt bescheuert, aber so war das damals für mich. Das Leben war sowieso scheißkurz, da machten Zigaretten es wenigstens genießbar.
Es war regelrecht meine Leidenschaft, Dinge zu tun die schlecht für mich waren und zu dieser Zeit war das noch nicht mal schlimm, das war noch gar nichts, das Rauchen.
Das Problem war, dass Tom dieselbe Wirkung für mich hatte, wie eine Zigarette.
Thomas war ein Sargnagel.