Stay

Anna Liana · Kapitel 2 von 9

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Stay

Kapitel 2

 

Ich lernte Thomas David Holmes mit 16 Jahren kennen. Genau

genommen war es mein letzter Tag als 15-Jährige, aber wie auch immer:

„Diese Muscheln schmecken wie Scheiße.“, flüsterte Elle.

Ich prustete los und ließ meine Gabel fallen. Es machte ein klirrendes Geräusch in dem großen, leisen Raum und die Gäste drehten sich nach uns um. Ich ignorierte es und lachte vor mich hin.

„Nein, mal im Ernst, wie sind wir auf die Idee gekommen, hier her zu gehen?“, fragte Elle und fing auch an zu kichern.

„Haltet die Klappe, wir sind vornehme, noble Damen, die in ein französisches Restaurant gegangen sind, weil sie es können.“, sagte Katie.

Aber es half nichts, denn es brachten Elle und mich nur noch mehr zum Lachen.

„Meine Damen, Verzeihung für die Unterbrechung, aber ich muss Sie leider bitten, etwas leiser zu sein, ein paar Gäste haben sich schon beschwert.“, sagte plötzlich ein Kellner mit französischem Akzent und braun gebrannter Haut zu uns.

„Oh, Verzeihung, Monsieur.“, murmelte Katie peinlich berührt.

Der durchaus gutaussehende Kellner ging wieder, und ich lachte erneut auf.

„Monsieur! Du hast nicht wirklich Monsieur zu ihm gesagt, Katie, hast du?!“

Elle verschluckte sich an ihrem Champagner und gackerte los. Es sah so witzig aus, dass mein lauter Lacher in dem großen Restaurant widerhallte.

„Könnten wir die Rechnung haben?“, rief Katie dem Kellner laut zu.

Sie sah so unbeholfen aus, dass Elle und ich einfach nicht anders konnten als weiter herum zu albern und uns wie Zwölf-Jährige zu benehmen.

Der Kellner brachte schnell die Rechnung und wollte dass wir verschwanden, er warf uns mehrere finstere Blicke zu.

„Ist schon okay, Süßer, wir sind gleich weg.“, meinte Elle schon leicht angeheitert.

Wir verließen das Restaurant. Wir trugen luftige Kleider und die frische Sommernachtsluft war angenehm kühl.

Bevor Katie ein Taxi rufen konnte, meinte ich: „Kommt, vertreten wir uns noch ein bisschen die Füße.“

Nach zwei Minuten zogen wir alle drei unsere hohen Schuhe aus, die höllisch brannten und uns Blasen brachten. Wir gingen die dunklen Straßen entlang, Arm in Arm und lachten über die verschiedensten Dinge. Langsam lockerte sich auch Katie auf und am Ende hüpfte sie in den Straßen herum und sang laut Lieder, die wohl nur sie zu kennen schien. Irgendwann kamen wir beim Park an, der gleich neben unserer Schule war. Die Schüler, uns mit eingeschlossen, verbrachte hier oft ihre Nachmittage. Hier verabredete man sich. Manche um Hausaufgaben zu machen, andere, das war die Mehrheit, um zu rauchen und zu trinken.

„Setzen wir uns auf unsere Bank.“, rief Katie und ging auf sie zu.

Unsere Bank war deshalb unsere, weil wir jeden Nachmittag da saßen. Das wusste jeder, weshalb sich nie jemand anderes dahin setzte.

Als wir es uns auf der Bank gemütlich gemacht hatten, holte Elle aus ihrer Chanel-Tasche eine Flasche Wodka heraus. Katie und ich machten große Augen und griffen gleichzeitig mit den Händen danach.

Elle zog es uns vor der Nase davon und rief: „Na, na, na, nicht so hastig mit den jungen Pferden!“

Unser Gelächter war wohl in der ganzen Stadt zu hören. Abwechselnd tranken wir ein paar Schlucke aus der Flasche und verzogen dabei jedes Mal das Gesicht. Eigentlich schmeckte mir das Zeug gar nicht. Aber es war Alkohol und ich war jung. Vollkommen in unsere verwirrenden, unsinnigen Gespräche und unser Gelächter vertieft, merkten wir gar nicht, dass wir beobachtet wurden.

„Wusste gar nicht, dass die reichen Mädchen auch saufen.“, hörte ich eine fremde Männerstimme.

Wir zuckten alle gleichzeitig zusammen und beinahe hätte ich die noch halbvolle Flasche fallen lassen. Ein paar Jungs aus unserer Schule standen vor uns, ich erkannte sie alle, jedoch fiel mir kein Name ein.

„Das sind wahrscheinlich die Schlimmsten.“, meinte einer. Sie lachten alle laut auf. Es waren vier, ziemlich große, starke Jungen und ich wusste, dass sie zu denen gehörten, mit denen wir niemals etwas zu tun haben würden. Ich hatte keine Angst vor ihnen, aber sie spielten ein paar Klassen unter uns.

„Was wollt ihr?“, fragte Elle.

„Naja, wir wollen viel. Aber ein Schluck Wodka wäre ein toller Anfang.“ Die Worte kamen von dem Jungen, der als Erster gesprochen hatte, er schien den obersten Rang in der Truppe zu haben, denn er stand wenige Zentimeter vor den anderen. Und doch schien er es vollkommen gelassen zu meinen, er wirkte nicht böse oder gar aufdringlich auf mich, im Gegenteil, komischerweise freundlich. Ich hielt ihm die Flasche entgegen.

„Arizona!“, zischte Katie neben mir, doch ich ignorierte sie.

Der Junge kam näher und ich konnte ihm in sein Gesicht sehen. Er kam mir sehr bekannt vor und sein Name lag mir auf der Zungenspitze. Er wollte die Flasche schon nehmen, da zog ich sie noch einmal zurück. „Sag mir zuerst wie du heißt.“

„Jackson Bones.“, antworte statt ihm Katie neben mir mit einem bissigen Unterton.

Sie blickte ihn an und als er sie sah, verzog sich sein Mund zu einem hämischen Grinsen.

„Oh, meine wunderschöne Katharina. Wie geht es dir?“

„Bestens, und dir?“

„Warte mal, woher kennt ihr euch?“, fragte Elle verwirrt, bevor ich es tun konnte.

„Lange Geschichte.“, meinte Katie ohne ihren Blick von ihm abzuwenden.

„Eigentlich ist sie gar nicht so lange, oder doch?“ Jackson schmunzelte.

„Halte die Klappe, Jackson und träume weiter von der Vergangenheit.“

Elle und ich starrten sie nach wie vor an und warteten auf eine Antwort.

Jackson wendete seinen Blick von Katie ab und sah zu uns. „Wir hatten mal was miteinander.“

„IHR?“ Elle und ich kreischten beide gleichzeitig auf.

Katie verzog neben uns das Gesicht. „Ein einziges Mal, mein Gott.“

Das hätten wir nicht von Katie erwartet.

Katharina Elizabeth Walton war schon immer die Bissigste von uns drei gewesen. Sie war das typische Ebenbild, wie man sich ein reiches Schulmädchen vorstellte. Zickig, ernst, arrogant und eingebildet. Und doch kannten nur wenige sie wirklich, so wie ich oder Elle. Katie ist eine der verletzlichsten Personen, die ich je kennenlernen durfte.

„Ein einziges Mal zählt!“, sagte ich und grinste Jackson an.

Der fand das Ganze höchst amüsierend, doch nützte die Situation um mir die Flasche aus der Hand zu reißen und sich einen Schluck zu gönnen.

„Hey!“, maulte ich empört auf, doch er lachte nur und drehte sich um.

„Kommt her, die beißen nicht.“, rief er den anderen zu und die kamen näher.

„Das sind Tom, Chuck und Mason.“, sagte Jackson und zeigte bei jedem Namen den er nannte, jeweils zu einem von den drei.

Sie lächelten uns freundlich an und ich begutachtete sie. Der erste, Tom, gefiel mir am Besten. Er war groß, muskulös und hatte braun-gebrannte Haut, so wie der französische Kellner. Seine kurzen, aufgestellten Haare waren in der Dunkelheit schwarz, doch ich konnte sie mir braun besser vorstellen. Er blickte mich mit seinen dunkeln, großen Augen, die von unzähligen Wimpern umrandeten waren an und seine vollen Lippen umspielten ein leichtes Lächeln.

„Ich bin Katharina, aber das wisst ihr ja schon. Das sind Eleanor und Arizona.“, hörte ich Katie sagen, aber ich wendete meinen Blick nicht von dem schönen Jungen ab.

„Aber mich nennt man Elle und sie Katie. Arizona besteht darauf einfach Arizona genannt zu werden, sie kann Zoe nicht ausstehen.“, meinte Elle amüsiert und blickte zu mir. Ich war nach wie vor von Tom fasziniert, der zum ersten Mal redete.

„Wieso magst du Zoe nicht?“, fragte er mich.

Ich brauchte eine Sekunde um mich auf die Frage und nicht auf sein Gesicht zu konzentrieren. „Ich weiß nicht so recht… Es hat nichts mit meinem richtigen Namen gemeinsam, vom Z mal abgesehen. Außerdem muss ich bei Zoe immer an eine Kuh denken.“

Tom lachte. Es erleichterte mich, denn zum einen Teil fand er mich lustig, und zum anderen hatte er ein wunderschönes Lachen. Das war wichtig für mich.

„Dort drüben ist ein Pavillon, da haben wir alle Platz. Kommt ihr mit?“, fragte Jackson.

Eine Minute später saßen wir im Kreis in dem kleinen, weiß gestrichenen Holzpavillon in der Mitte des Parks. Die Farbe blätterte bereits überall herunter, aber ich mochte sowas. Wenn man sah, dass etwas schon seine besten Jahre hinter sich hatte. Das zeigte Sympathie, selbst wenn es sich nur um Holz handelte. Ich hoffte, sie würden es nie renovieren. Oder zumindest solange nicht, bis ich von hier weggezogen war.

„Was machen Mädchen wie ihr um diese Zeit noch draußen?“, fragte Chuck.

„Was meinst du mit Mädchen wie wir?“, wollte Elle wissen.

„Naja ihr kommt nicht gerade aus ärmlichen Verhältnissen. Will euer Daddy nicht, dass ihr spätestens um 9 im Bett liegt?“ Er grinste uns an und seine Freunde lachten.

„Mein Gott, immer diese Klischees.“ Ich seufzte. „Keines davon stimmt auch nur annähernd.“

Es war nicht so,dass ich nicht glücklich darüber war, jeden Tag mein Essen serviert zu bekommen, welches dann auch noch köstlich schmeckte. Es war nicht so, dass ich es nicht genoss, wenn alles blitzblank sauber war und jemand den Kamin angezündet hatte und ich es den ganzen Winter gemütlich warm hatte. Mir war nie kalt in diesem Haus gewesen.

Aber es gibt so viel Besseres im Leben als Geld. Eigentlich ist alles besser als dieses Scheiß Papier, das unsere Welt zu regieren scheint. Ich brauchte diese große Menge nicht, was sollte ich damit anfangen? Und meinen Eltern ging das nicht anders, auch wenn sie es nie zugegeben hätten. Sie hatten keine Ahnung was sie mit dem vielen Geld machen sollten, deshalb warfen sie es zum Fenster raus und kauften Dinge, die sie nie wollten oder brauchten, anstatt es zu spenden.

Wir verbrachten fast die ganze Nacht zu siebt in dem Pavillon und hatten eine Menge Spaß. Es trafen zwei verschiedene Welten aufeinander und das gefiel mir. Irgendwann, gegen drei Uhr in der Früh, waren wir aber dann schon ziemlich müde und verabschiedeten uns von ihnen.

„Wie kommt ihr nachhause?“, fragte Jackson.

„Zu Fuß, es ist nicht weit.“, antwortete Katie.

„Wohnt ihr weit voneinander entfernt?“

„Ich wohne in die Richtung, Elle und Katie in diese.“ Ich zeigte in zwei verschiedene.

„Würde es dir was ausmachen, dich zu begleiten Katharina?“

„Ja.“

Jackson lachte amüsiert und ging trotzdem mit ihr mit.

„Ich bringe dich nach Hause, ok?“, flüsterte Tom mir zu und ich nickte lächelnd.

„Bis Morgen, Arizona.“

„Bis Morgen.“

Elle und Katie verschwanden mit den Typen in der Nacht und jetzt standen nur noch Tom und ich in dem Park.

„Dann machen wir uns mal auf den Weg.“, meinte ich und drehte mich um.

„Ist es weit?“, fragte er.

„Ja, zehn Kilometer.“

Tom lachte auf. „Ich glaube dir kein Wort.“

Während wir durch die Nacht spazierten, unterhielten wir uns.

„Wie kommt es, dass wir uns in der Schule noch nie begegnet sind?“, fragte ich ihn.

„Ich glaube, dass sind wir. Aber wir waren zu beschäftigt, um uns wahr zu nehmen.“

„Das tut mir leid.“, murmelte ich.

„Mir erst.“

Ich biss mir auf die Lippe um nicht laut los zu jubeln. „Wie alt bist du Tom?“

„17. Und du?“

„Wie spät ist es?“

„3:15 Uhr, wieso?“

„Dann bin ich 16.“

„Warte… hast du heute Geburtstag?“ Er blieb stehen und sah mich erstaunt an.

Ich lachte leise. „Jap.“

„Oh Gott, ich habe jetzt gar nichts für dich.“

„Du wusstest bis vor zehn Sekunden gar nicht, dass ich Geburtstag habe, also kein Problem.“

„Happy Birthday, Arizona.“, er lächelte mich an.

Und da war es. Dieser perfekte Moment, der perfekte Augenblick für das Einzige, an was wir beide dachten, seit wir uns gesehen hatten.

„Küss mich.“, flüsterte ich.

*

Es schien mir so perfekt. Der Kuss, der Ort, er. Ja, vor allem er. Noch immer.

Aber wenn ich daran denke, beginnt meine Brust zu schmerzen. Es kommt mir so vor, als wäre dieser Augenblick ewig her, schon beinahe vergessen. Ich glaube, er hatte ihn vergessen.