Stay
Kapitel 5
„Wieso habt ihr keinen Hausschlüssel?“
Dad sah von seiner Zeitung auf und blickte mich verwirrt an. „Haben wir.“
„Und wieso benutzt ihr ihn nicht?“
„Was willst du, Arizona?“ Er wirkte genervt. Genervt wegen zwei Fragen. Das nenn ich mal einen liebevollen Vater.
„Ihr lässt Selma die ganze Nacht aufbleiben, während ihr euren Spaß habt, nur damit sie euch dann die Tür aufmacht und ihr sie einen Scheißdreck beachtet?“ Meine Stimme blieb ruhig, aber im Inneren tobte ich.
„Achte auf deine Wortwahl.“ Meine Mutter stöckelte in das Zimmer und setzte sich auf ihren Stammplatz, weit weg von mir. Sie trug eine weiße, lockere Bluse, einen schwarzen Bleistiftrock und dunkle Lederpumps. Sie wäre schön, wäre sie nicht von innen aus hässlich.
Mit ihrer knochigen Hand nahm sie ihre Tasse Kaffee, trank einen Schluck und stellte sie mit einen leisen Klirren wieder auf die Untertasse. Das war ihr Frühstück. Sie aß so gut wie nichts den ganzen Tag, außer am Abend und selbst da viel zu wenig. Man könnte sagen, sie lebte von Luft und Liebe aber das wäre glatt gelogen.
„Ich verstehe dein Problem nicht.“, sagte sie.
Mein Vater war wieder in seine Zeitung vertieft.
„Ich habe kein Problem. Mir tut Selma einfach nur leid.“, antwortete ich karg und schaute sie starr an.
Im Gegensatz zu ihr, die mich keine drei Sekunden ansehen konnte ohne sofort woanders hinzusehen. „Das ist ihr Job, Arizona. Sie kann gerne gehen, wenn ihr etwas nicht passt.“
Ich wünschte das würden sie zu mir sagen. Ich würde sofort verschwinden. Aber ich wüsste nicht mal wohin ich gehen sollte.
„Ich wünsche mir für sie, dass sie das bald tut.“, sagte ich, stand auf und verließ das Zimmer.
Wenn ihr jetzt glaubt, dass meine Eltern das getroffen hat, dass sie sauer sind oder was weiß ich was, dann liegt ihr falsch. Ich hätte gar nicht mit dem Thema anfangen brauchen und sie würden sich genauso verhalten wie jetzt auch.
Mein Weg zur Schule war nicht weit und ich liebte ihn. Ich ging jeden Tag durch eine Alle, auf einem schmalem, sauberem Steinweg. Gleich daneben befand sich ein riesiger, grüner Park, der mich an Sommer erinnerte. Von den Bäumen hing das typische Louisianamoos. Sowohl für die Parks, als auch das Moos ist Savannah bekannt. Ich war froh, in diesem Südstaat aufgewachsen zu sein. Ich fand die vielen älteren und vor allem charakterstarken Bauten jedes Mal aufs Neue erstaunend schön, obwohl ich die Meisten schon tausende Mal gesehen hatte. Außerdem stand die berühmte Bank auf der Tom Hanks alias Forrest Gump Platz nahm in Savannah. Mittlerweile im Savannah History Museum, denn irgendwelche Idioten versuchten die ganze Zeit sie zu stehlen.
Ich ging ungefähr 15 Minuten bis zur Schule und immer alleine. Das brauchte ich, wenn ich den restlichen Tag von Menschen umgeben war, die ich zum größten Teil nicht leiden konnte. Ganz ehrlich, wer mag schon die Leute aus seiner Schule? Ich war zumindest froh, als ich aus dieser Psychiatrie raus war, auch wenn ich manche Lehrer vermisste.
Eleanor stand am Ende des Parks, eine Ecke entfernt lag die Schule. Sie stand oft da, und wartete auf mich. Manchmal aber auch nicht, meistens waren dass die Tage, dessen Nächte sie bei Jackson verbrachte. Dann kamen die beiden meistens zu spät. Tom hatte irgendwann mal gesagt, dass Jackson total auf Morgensex abfuhr, weshalb ich nun jedes Mal, wenn Elle nicht am Ende des Parks stand und auf ihr Handy blickte, eine Zigarette zwischen den rot geschminkten Lippen, an Morgensex denken musste. Danke, Tom.
Elle blickte von ihrem Handy auf und winkte mir zu.
Dieses Mädchen ist bis heute das einzige Mädchen, welches ich wirklich und wahrhaftig liebe. Nicht auf die Art wie ich Tom liebte, ihr wisst schon. Aber Elle war schon immer meine beste Freundin gewesen. Das hatte sich nicht geändert, als sie mir in der Grundschule eine Puppe geklaut hatte und das hatte sich auch nicht geändert, als Katie Elle vor allen anderen Schülern eine verpasst hatte. Ich nahm damals Elles Hand, brachte sie aus der Cafeteria und wischte ihre Tränen weg. Ich ging mit ihr zum Supermarkt und kaufte eine Packung Erbsen aus der Tiefkühlabteilung und hielt ihr das eiskalte Ding eine halbe Stunde auf ihre rote Wange, denn sie hörte nicht auf zu schluchzen. Sie hatte so ein schlechtes Gewissen. Sie wusste, dass irgendwann rauskommen würde, dass sie mit Jackson geschlafen hatte. Noch während er mit Katharina zusammen war.
Aber wisst ihr was? Ich habe keine einzige Sekunde gedacht, dass Elles Verhalten falsch war. Ich dachte nicht einmal an die Wörter, die andere Biester auf dem Schulgang zischten, wenn sie an ihr vorbeigingen.
Wenn ein Mensch an jemand anders einen Fehler findet, dann freut er sich, weil es nicht sein eigenes Problem ist. Aber kaum macht er selbst einen Fehler, erwartet er von allen Mitleid.
Ich verstehe, dass Katie verletzt war. Ich weiß, dass sie Jackson geliebt hat. Aber ich glaube, hätte sie davor anders gehandelt, hätte sie ihn anders behandelt…Dann wäre es auch anders gekommen.
Elle rauchte jeden Morgen eine Zigarette und das war’s. Den restlichen Tag rührt sie keine mehr an, dass findet sie „geschmacksverirrend“. Keine Ahnung wieso, aber besser eine am Morgen, als zwanzig über den Tag verteilt. Sie hat mir einmal erzählt, dass ihr Jacksons Atem genug Rauch abgibt.
„Arizona! Kannst du dich noch an Chucks Party erinnern?“, rief sie mir zu, als ich zehn Meter von ihr entfernt war.
„Ist ja nicht so, als wäre ich betrunken gewesen.“
„Das war doch dieses Mädchen aus einem Kurs von dir, dieser Streber, äh…“
„Stacey Keiler?“, half ich ihr auf die Sprünge. Ich kam bei ihr an und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Wir gingen nebeneinander in Richtung Schule weiter.
„Genau! Die Gute hat ja ´ne Stripshow auf dem Tisch hingelegt, und dreimal darfst du raten, wer sie flachgelegt hat.“
„Mr. Preston höchstpersönlich.“
„Richtig. Und weißt du was? Chuck hat es aufgenommen! Ihr Stöhnen war die ganze Nacht auf Facebook abzuhören.“, erzählte sie aufgebracht.
Ich verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Das ist echt widerlich. Chuck ist ein Arschloch.“
„Und wie. Die Arme traut sich heute bestimmt nicht in die Schule.“
Wie aufs Stichwort fuhr ein Mercedes in die Gasse ein, parkte vor einer Einfahrt und Chuck hüpfte aus dem Auto. Er trug eine Sonnenbrille, obwohl die Sonne nirgends zu sehen war, geschweige denn davon, dass es kalt war.
„Hey, ihr Wichser, gebt euch mal dieses scharfe Teil hier, besser als jede Schlampe an dieser Schule!“, brüllte er in Richtung Schule. Ich folgte seinem Blick und sah Tom, Jackson und Mason, ein netter Freund von den beiden, am Schulgelände lehnen.
Tom trug dieses graue, ausgewaschene Shirt mit leichtem V-Ausschnitt, was ich so sehr liebte, Jeans und eine schwarze Lederjacke. Eins musste man ihm lassen, er hatte guten Geschmack was Mode betraf. Wobei er immer der Meinung war, nackt sein wäre am Besten.
Er lehnte sich nach vorn und schaute zu Chuck. „Alter, wen interessiert das?“, schrie er zurück. Lachend wendete er seinen Blick wieder von ihm ab und entdeckte mich. Elle und ich hatten das Ganze mit langsamen Schritten beobachtet und waren schließlich bei der Schule angekommen. Ich ging auf Tom zu und als ich vor ihm stand legte er sanft seine Hände um meine Taille und küsste mich. Das tat so gut.
Je weniger Schokolade du bekommst, desto mehr lernst du jeden einzelnen Bissen wertzuschätzen.
„Gut geschlafen?“, fragte ich.
„Nicht wirklich. Du fehlst in meinem Bett.“
Ich spürte wie Wärme mein Herz umschloss. Ich versuchte mir, nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich über seine gute Laune freute. „Ich kenne dein Bett doch gar nicht.“
„Bald lernst du es kennen.“, sagte er. „Bis später.“ Er nahm seine Hände von meiner Hüfte und ging an mir vorbei in die Schule.
Ich war noch nie bei Tom zuhause gewesen. Er wollte das nicht. Jedes Mal, wenn ich ihn fragte, ob wir zu ihm gehen konnten, schüttelte er nur den Kopf und sagte: „Ein anderes Mal.“ Oft hatte ich den Gedanken, er hätte gar kein Zuhause. Aber das wäre komplett unlogisch, wo sollte er sonst seine Kleidung und das ganze Zeug herhaben? Bei Jackson wohnte er auch bestimmt nicht, das hatte mir Elle versichert.
Irgendwann hatte ich aufgehört ihn zu fragen und mich damit abgefunden. Es war ja eigentlich sowieso nicht wichtig, aber Tom machte aus allem etwas Geheimnisvolles, weshalb jedes Mal die Neugier in mir hochstieg.
Elle stand Hand in Hand mit Jackson bei den Stiegen und rief nach mir. „Arizona, kommst du?“
Ich ging hastig zu ihr.
„Arizona versinkt schon wieder in erotische Gedanken mit Mr. Holmes.“, meinte Jackson und grinste mich an.
„Halt‘ die Klappe, Jackson.“, sagten Elle und ich gleichzeitig und er lachte.
Wir betraten das Schulgebäude und im selben Moment klingelte es zur ersten Stunde.
„Was hast du jetzt?“, fragte Elle mich.
„Kreatives Schreiben. Und du?“
„Mathe. Jackson?“
„Freistunde.“, murmelte er in Elles Haar hinein.
„Schwachsinn. Geh jetzt in den Unterricht.“, sagte Elle und schob ihn von sich weg.
„Können wir nicht gemeinsam in Richtung Klo gehen?“ Er zwinkerte ihr zu.
„Oh Gott, ich bin auch noch hier, du Perversling!“, quiekte ich. „Bis dann!“ Ich verschwand schnell in Raum 179. Ich sah mich in dem vollen Raum um und entdeckte James ganz hinten, er war in ein Buch vertieft. Ich musste lächeln. Er war die männliche Version von mir.
„Wie heißt es?“, fragte ich, bei ihm angekommen und ließ mich in den Stuhl sinken.
Er blickte kurz auf. „Wer die Nachtigall stört.“
„Das steht auch noch auf meiner Liste.“
Miss Kings, eine ungefähr 30-jährige, nette Lehrerin mit braunen Locken, betrat das Zimmer und begrüßte uns alle mit einem leisen Murmeln. Sie zeigte stumm auf ihren Hals, was bedeute, ihr ging es nicht gut. Sie flüsterte: „Macht bitte leise die Aufgaben auf Seite 16.“
Ich sah zu James, dessen Buch mittlerweile auf dem Tisch ruhte. Er sah zu mir.
„Hast du ein Buch mit?“, fragten wir fast gleichzeitig und lachten. Miss Kings gab ein Krächzen von sich und starrte uns böse an.
„Ich hab meines im Spind.“, flüsterte ich ihm zu.
„Egal. Wie war Chucks Party?“, fragte er.
Da fiel mir ein, dass ich ihn gar nicht gesehen hatte. Hatte er nicht gesagt, er würde kommen?
„Hab’s mir anders überlegt.“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Oh. Naja, du hast nichts verpasst.“ Ich musste wieder an die komische Situation zwischen Tom, Jackson und diesem fremden Jungen denken, verdrängte sie aber wieder schnell.
„Ich hab nur gehört, dass Stacey Keiler auf den Gastgeber reingefallen ist?“
„Ja, das hab ich auch erfahren.“
„Ich kann den Typen echt nicht ausstehen.“, murmelte er.
„Das war echt scheiße von Chuck, du hast Recht.“, stimmte ich ihm zu.
Wir unterhielten uns noch über James Buch und als es läutete gingen wir gemeinsam den Flur entlang.
„Hey, wir haben doch bis nächste Woche eine Rezension von der Geschichte über dieses junge Mädchen, oder?“, fragte er.
Ich erinnerte mich. „Ja, wieso?“
„Naja, ich dachte wir könnten vielleicht gemeinsam darüber reden? Die Geschichte durchgehen und so… Also nur wenn du willst, vielleicht hast du auch keine Zeit, aber ich dachte, es wäre eine gute Idee und…“
Ich lachte und unterbrach ihn. „Schon okay, James. Ja, sehr gerne. Komm doch einfach morgen nachmittags bei mir vorbei.“
Er blieb stehen, weil seine nächste Stunde in der Klasse hinter ihm war. „Okay.“, er lächelte mich an.
„Okay.“, sagte auch ich und sah in seine schönen, grünen Augen, die sich perfekt an seinen Nachnamen angepasst hatten.
„Hey Babe.“, hörte ich plötzlich eine Stimme sagen und schon schloss sich Toms Hand um meine. Die andere steckte in seiner Hosentasche und so stand er neben mir und schaute James ernst an. „Green.“
James nickte Tom zu und verschwand dann in der Klasse.
Ich sah zu Tom, der mich bereits anfunkelte. „Ich kann diesen Green nicht leiden.“
„James. Sein Name ist James. Und er ist vollkommen ok.“
„Ist mir egal wie er heißt, er braucht dich nicht so anzuhimmeln.“, knurrte er.
„Er hat mich nicht… Wie auch immer. Wir haben jetzt Englisch, oder?“, versuchte ich vom Thema abzulenken. Ich zog ihn mit mir zu meinem Spind und holte mein Englischbuch.
Ein Schritt vom Klassenzimmer entfernt, ließ Tom meine Hand los und ein kleines Stück Enttäuschung machte sich wieder in meinem Körper breit. Wie ich es hasste. Meine Stimmung war nur von ihm abhängig.
Miss Mayer stand bereit am Lehrerpult und bat mich die Tür zu schließen.
„Ich werde euch jetzt eure Aufsätze zurückzugeben, die ich letzte Woche eingesammelt habe. Ich war größten Teils zufrieden, ein paar müssen sich dringend verbessern! Eine Person hat mich allerdings sehr überrascht. Im positiven Sinne.“
Tom. Ich beobachtete jeden Schritt von Miss Mayer, wie sie jeden einzelnen Zettel einem Schüler zurückgab. Sie gab auch mir einen und lächelte. Sie war wie immer zufrieden mit mir.
Erst als sie die letzten zwei Zettel in der Hand hielt ging sie zu Tom. Der sah gelangweilt aus dem Fenster und bemerkte Miss Mayer erst als sie sich vor seinem Tisch räusperte. Das veränderte seinen Ausdruck allerdings nicht, er schaute sie nur mienenlos an.
„Thomas, könntest du bitte nach der Stunde noch hier bleiben? Ich möchte über deinen Aufsatz reden.“
Er nickte nur. Sie legte ihm den Aufsatz auf den Tisch, ging wieder zu ihrem Pult und begann mit dem Unterricht.
Tom machte sich nicht einmal die Mühe das Feedback von Miss Mayer auf dem Aufsatz, was sie jedem Schüler gab, zu lesen. Er ließ die Zettel liegen und starrte weiter aus dem Fenster.
Dieser Junge machte mich manchmal unglaublich wütend.
Als es zur Pause läutete, versuchte ich mir extra viel Zeit zu lassen, meine Sachen einzupacken. Es nützte nichts, Miss Mayer wartete solange bis auch ich die Klasse verließ.
Als Tom 5 Minuten später herauskam, wirkte er nicht verändert. Eher genervter.
„Was wollte sie von dir?“, fragte ich, obwohl ich es wusste.
„Nichts Wichtiges. Bis später.“ Und weg war er.
Wenn Tom über etwas Bestimmtes nicht reden wollte, war es unnötig es auch nur zu versuchen. Ich musste es für eine Zeit darauf beruhen lassen.