Stay
Kapitel 9
Er schlief friedlich und leise in meinem Bett. Es war so still im ganzen Haus, dass ich seinen Atem hören konnte. Ich saß im
Schneidersitz neben ihm, ein Buch in meinem Schoß. Doch jedes
Mal, wenn ich ‚The Great Gatsby‘ wieder in die Hand nahm und
lesen wollte, sah ich sein Gesicht im Hintergrund und meine Hände hörten von selbst auf das Buch zu umklammern. Mein Gehirn fühlte
sich von seinem Anblick an wie benebelt und ich konnte nicht
aufhören ihn anzustarren. Ich hatte irgendwo mal gehört, dass man schlafende Menschen nicht zu lange anschauen sollte, weil sie das
beim Schlafen störte. Wahrscheinlich kompletter Schwachsinn, aber
ich hoffte trotzdem, er wachte nicht auf.
Er war wunderschön. Seine geschlossenen Augen waren von zahlreichen dichten Wimpern umrandet, die einen kleinen Schatten auf seine Wangenknochen warfen. Seine Haut war makellos. Seine Lippen waren dünn, aber nicht zu dünn, perfekt beim Küssen. Wenn er mich küsste, verschmolzen seine weichen Lippen mit meinen. Das gefiel mir. Dieses Küssen war hundertmal besser, als sich die Zunge in den Hals zu stecken.
Wie konnte ein Mensch so schön sein? Das absurde war, dass ich diesen Gedanken nie verlor. Egal in welcher Situation wir uns befanden, egal wie er sich verhielt, egal wie er mich behandelte, er war und ist noch immer der schönste Mensch der Welt für mich.
Er war im Park gewesen. Ich hatte das Handy nicht aus der Hand gelegt, hatte nicht aufgehört zu versuchen ihn zu beruhigen, egal wie zittrig meine Stimme klang, bevor ich ihn nicht sah. Er saß am Boden im Pavillon und sah komplett fertig aus. Seine Stimme bebte und er faselte wirres Zeug, als würde er gleich losheulen, aber das würde er niemals vor mir tun, nicht einmal in diesem Zustand. Jackson war auch da, er hockte neben ihm und lachte wie ein Irrer. Ich entdeckte zwei Vodkaflaschen, eine lag am Rand und war leer, und eine war zerbrochen. Es stank nach Gras. Ich wusste das, weil es auf jeder Homeparty, auf der ich bis jetzt war, genau so roch.
Ich rief Elle an und sie holte Jackson ab. Sie hatte geschwollene Augen und versuchte Jackson eine halbe Stunde zu überreden, mit ihr mitzugehen, bis er schließlich einwilligte. Sie brachte ihn zu ihm nach Hause und schrieb mir eine SMS, dass er schlief. Sie hatte Glück, sie wusste wo er wohnte.
Wir brauchten über eine Stunde vom Park bis zu mir. Normalerweise braucht man 15 Minuten, wenn man schnell geht nur 10.
Ich zerrte ihn am Arm, aber er blieb immer wieder stehen, setzte sich auf die Straße oder wollte ‚eine Pause machen‘. Er hörte nicht auf zu reden, ununterbrochen kam Scheiße aus seinem Mund, die ich nicht identifizieren konnte.
„Wo gehen wir hin? Arizona?! ARIZONA!“ Er schrie, dann klang er wieder verzweifelt und schluchzte.
„Zu mir. Aber du musst leise sein, bitte, Tom.“ Ich sagte ihm den ganzen Nachhauseweg, er müsste leise sein, aber er schien es nicht ganz zu kapieren.
Erst vor meiner Haustür, als ich sagte, wenn er nicht still sein würde, müsste er draußen schlafen, hielt er endlich den Mund. An seinen Armen konnte ich die Gänsehaut sehen, er fror, beteuerte aber immer wieder, ihm sei unglaublich heiß.
Ich schaffte es ihn die Treppe rauf in mein Zimmer zu befördern. Ich legte ihn in mein Bett und er zog sich sein T-Shirt aus. Ich konnte nicht anders, ich musste seinen muskulösen Oberkörper anstarren. Seit wann trainierte er so viel?
Als ich sah, dass er mein Starren bemerkte, drehte ich mich schnell um und ging vom Bett weg.
„Wo gehst du hin?“
„Ins Bad.“
„Kommst du wieder?“, er klang wie ein verlorenes Kind.
„Ja. Natürlich.“
„Bitte verlasse mich nicht.“
Ich konnte nicht antworten, mein Hals war trocken und ich spürte, wie ich meine Beherrschung verlor. Ich hastete aus dem Zimmer, ein Wunder, dass ich nicht hinfiel, und hielt mir den Mund zu. Tränen kullerten über meine Wange, ich wischte sie mit meinem Ärmel weg, aber es kamen immer mehr. Ich biss mir in die Lippe, um nicht so laut zu schluchzen. Sofort schmeckte ich den metallischen Geschmack von Blut. Wenn mich meine Mutter jetzt so sehen würde, ich würde mich in Grund und Boden schämen.
Ich schlich in die Küche und holte eine Flasche Wasser. Am Rückweg begegnete ich Selma. Sie sah verschlafen aus, wickelte ihren Bademantel eng um ihren Körper und blickte mich besorgt an. „Es ist jemand hier, oder?“
„Ja.“
„Okay. Wenn du etwas brauchst, klopf einfach an meine Tür. Ist alles in Ordnung mit dir?“
Ich nickte nur und sah zu Boden. Sie wünschte mir eine Gute Nacht, behielt aber ihren besorgten Blick, als sie wieder in ihr Zimmer ging.
Ich tapste wieder die Stiegen rauf in mein Zimmer und Toms Augen waren bereits geschlossen. Ich stellte die Flasche aufs Nachtkästchen und nahm das Buch.
Irgendwann sank ich neben ihn in mein Bett und legte meine Hand behutsam auf seine Brust. Ich schloss meine Augen und versuchte zu schlafen, aber es fiel mir schwer. Mein Herz pochte so laut und ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen.
Er schien mich diesen Abend vielleicht mehr zu brauchen als ich ihn.
Aber das blieb nicht lange so.
Natürlich wachte ich am nächsten Tag in einem leeren Bett auf. Er war weg. Ich konnte die Scham noch riechen, die er spürte, als er aufwachte, und hinterließ, als er daraufhin bestimmt sofort ging.
Ich machte mir keine Mühe ihn anzurufen. Ich hätte jetzt darüber nachdenken können, ob ich froh war, dass er gegangen war, oder mit ihm hätte reden sollen. Ob wir zu dem Entschluss gekommen wären, dass wir uns besser trennen sollten, oder ob ihm endlich bewusst geworden wäre, dass es so nicht weiter gehen könnte.
Ich hätte über so viel nachdenken können. Den ganzen Tag und die ganze darauffolgende Nacht. Aber ich wollte nicht, ich hatte genug vom Denken, mein Kopf war schwer und pochte vor Schmerzen. Ich verließ das Bett nur, um mir ein Aspirin zu holen, dann kroch ich wieder unter die Decke und schlief weiter. Gott sei Dank war Samstag.
Als ich wieder aufwachte war es schon nach Mittag. Mühsam schaffte ich es aufzustehen und tapste ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Dann zog ich mir einen Pulli über, weil mir kalt war. Ich ging runter ins Wohnzimmer und hockte mich vor den Fernseher. Ich schaute mir 4 Stunden lang den größten Schwachsinn an, aber es lenkte komischerweise von meinen Kopfschmerzen ab.
„Wieso lungerst du den ganzen Tag hier herum? Hast du keine Hausaufgaben?“
Meine Eltern sind wie eine Erkältung. Immer dann anwesend, wenn man sie am wenigstens braucht.
Meine Mutter setzte sich auf den Couchsessel neben der Couch, auf der ich lag und starrte auf den Bildschirm, als hätte sie so etwas noch nie gesehen.
„Nein. Was machst du hier?“
Sie wendete ihren Blick zu mir und sah mich an, als wäre ich geistesbehindert. „Ich wohne hier.“
Ich verdrehte die Augen. „Aber du bist nie da.“
„Das stimmt nicht. Unterstelle mir nicht Dinge, die du nicht beweisen kannst. Ich bin oft hier, nur in anderen Räumen als du, und die Villa ist groß.“
Villa. Sie sagt bestimmt jedem, dass sie in einer Villa wohnt. „Mein Name ist Meredith Clark. Ich habe Geld, Macht und wohne in einer Villa. Was ist mit Ihnen? Geld? Macht? Eine Villa? Nein? Dann kann ich meine Zeit leider nicht weiter mit Ihnen vergeuden.“
„Wieso starrst du mich so an? Habe ich etwas im Gesicht?“
Ich wandte meinen Blick von ihr ab. „Wo ist Dad?“
„In Malibu. Geschäftliches.“
Ich schämte mich ehrlich gesagt für den Gedanken, aber ich fragte mich, ob mein Vater meine Mutter betrog.
„Er will seinen Firmensitz vergrößern.“, sagte Mom, als hätte sie meinen Gedanken gehört. „Ich denke, er wird übermorgen zurück sein.“
„Okay.“
Peinliche Stille. Mom sah auf den Bildschirm, aber ich wusste, dass sie sich rein gar nicht fürs Fernsehen interessierte. Als ich noch klein war, durfte ich vielleicht zwei Stunden in der Woche fernsehen, Mom prägte mir immer ein, dass nur dumme Kinder fernsahen.
Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie mit dummen Kindern, diejenigen meinte, die nicht wohlhabend waren.
„Was ist eigentlich mit diesem Jungen?“
„Mit welchem?“
„James Green. Ist das dein Freund?“
„Nein.“
Sie kannte die Antwort schon vorher und versuchte ihre Enttäuschung zu verbergen. „Er war sehr höflich, etwas nervös vielleicht. Ein netter Junge.“
Ein netter Junge.
„Ich liebe ihn aber nicht.“ Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, bereute ich sie schon.
Mom schien ebenso verdutzt wie ich über diese Aussage und schwieg eine Weile. Ich biss mir auf die Zunge.
„Du musst ihn ja auch nicht lieben.“, meinte sie dann, ihre Stimme war etwas heiser, aber sie versuchte wieder einen kühlen Unterton zu bekommen. „Ich weiß, dass du jemand anders hast. Und ich will nicht, dass dieser junge Mann noch einmal hier schläft. Ich kenne ihn nicht.“
Woher wusste sie von letzter Nacht? Selma hatte bestimmt nichts verraten.
„Natürlich kennst du ihn nicht. Es interessiert dich auch nicht.“
„Sehr wohl interessieren mich deine Liebschaften! Es ist schließlich mein Haus, in welches du sie hineinschleppst!“
Noch während sie das sagte, stand ich auf, drehte den Bildschirm ab und schmiss die Fernbedienung auf den Tisch. „Meine Liebschaften? Da sieht man ja wie oft du hier bist, anscheinend hältst du deine Tochter für eine Hure, die jeden Tag jemand anders in ihrem 3000 $ Bett vögelt. Leider muss ich dich enttäuschen, der einzige Junge, der bis jetzt hier geschlafen hat, ist Tom, mein Freund, den du wegen deinem vollen Terminplaner, oh nein pardon, deinem Desinteresse noch nicht kennenlernen konntest! Und jetzt entschuldige mich, ich habe zu tun.“
Ich hätte zu gern ihren Gesichtsausdruck gesehen, aber ich stampfte schon aus dem Zimmer und rannte die Treppen hinauf. In 15 Minuten war ich geduscht, angezogen und geschminkt. Ich nahm mein Handy und rief ihn an. Es klingelte und kurz bevor ich dachte, er würde nicht abheben, tat er es. „Ja?“
„Wo bist du?“
„Wieso?“
„Kannst du mir auch mal eine Antwort geben?!“ Ich war erstaunt über meine schroffe Art. Er anscheinend auch, denn er sagte kurz nichts.
„Ich steh in 5 Minuten vor deiner Haustür.“
Ich legte auf. Sah mich nochmal im Spiegel an. Und dann beschloss ich, in diesen 5 Minuten das Beste aus mir herauszuholen.
Ich zog mir meine Leggings und meinen Pulli wieder aus. Ich kramte im Schrank nach meiner engsten Jeans, die hellblaue, die bis über meinen Nabel ging. Ich zog diese mit einem Crop-Top an, dass nur über meine Brust ging, sodass man einen schmalen Teil meines Bauch sehen konnte. Noch dazu hatte das Top einen leichten Ausschnitt, der mein Outfit noch etwas aufreizender wirken ließ. Ich beschloss mir einen Cardigan überzuwerfen, da es doch noch etwas frisch in Savannah war. Ich umrandete meine Augen mit dunklem Kajal, öffnete meine Haare und ließ sie in ihrem welligen, etwas unordentlichen Zustand. Das sah… irgendwie gut aus. Katharina wäre stolz auf mich gewesen. Ich vermisste sie.
Mein Handy vibrierte und ich betrachtete mich ein letztes Mal im Spiegel. Dann rannte ich hinunter, zog mir meine Stiefel an und öffnete die Haustür. Gerade als ich sie wieder zu schmiss, hörte ich meine Mutter nach mir rufen.
Ich sah ihn zuerst nicht, erst als ich beim Gartentor ankam, erblickte ich ihn am Randstein sitzend, neben ihm stand sein Motorrad.
Ich schloss das Tor und er drehte sich zu mir um. Er starrte mich an, ohne irgendwas zu sagen. Ich bereute schon mich so hergerichtet zu haben.
„Hey.“, sagte ich und setzte mich neben ihn. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Er glotzte mich weiterhin an, als wäre ich eine Fremde. „Was ist denn?“, fragte ich.
Er sah weg, als wäre ihm erst jetzt klar, wie er mich angestarrt hatte. „Nichts. Was wolltest du?“
„Brauche ich immer einen bestimmten Grund dich zu sehen?“
Er ging nicht auf die Frage ein. „Wo fahren wir hin?“
„Können wir nicht… spazieren gehen?“
Er sah mich an. „Okay. Klar.“
Wir standen beide auf und er lag seinen Helm hinter meinen Zaun. Wir gingen die Straße entlang, ohne zu reden, es blieb solange still zwischen uns bis ich die lange Allee sah, an der ich jeden Morgen entlang ging. Das von den Bäumen hängende Louisiana Moos fing wieder an zu blühen.
„Kennst du die Legende des Louisiana Moos?“, fragte er plötzlich.
„Nein.“, log ich. Natürlich kannte ich sie. Aber ich wollte sie ihn erzählen hören, ich wollte einfach seine Stimme hören, die ganze Nacht von mir aus.
„Einer indianischen Legende zufolge ist Louisiana Moos das Haar einer Prinzessin, welche an ihrem Hochzeittag getötet wurde. Der trauernde Bräutigam soll es abgeschnitten und an einen Baum gehängt haben. Der Wind trug das Haar fort und verteilte es so über das ganze Land.“
„Das ist eine sehr schöne Legende.“
„Ja.“
Ich nahm seine Hand. Es war schwierig und ich hatte Angst er würde zurückweichen, aber er drückte sie und ließ sie nicht mehr los.
„Wollen wir uns da hinsetzen?“, ich zeigte auf eine Bank.
Wir ließen uns auf der alten Holzbank nieder. Es war schon dunkel geworden.
„Du siehst wunderschön aus.“, sagte er.
Ich schmiegte mich an seine Schulter.
Er holte tief Luft,als würde er gleich mit einer großen Rede beginnen. „Es…ich… ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Du musst nichts sagen.“, meinte ich, aber ich wollte, dass er sich entschuldigte.
„Gestern… Ich hätte dich nicht anrufen sollen.“
„Doch, das war gut so. Dein Zustand war…“
„Der war nicht so schlimm. Ich weiß nur nicht, wie ich so außer Kontrolle geraten konnte, dass ich dich anrufe.“
Ich richtete mich auf und sah ihn an. „Dafür schämst du dich, nicht wahr? Das du dich mir so jämmerlich gezeigt hast.“
„Das stimmt nicht.“
„Und ob das stimmt. Es ist dir scheißegal, wie betrunken und zugedröhnt du warst!“
„Hör auf.“, sagte er leise, aber ich hörte nicht auf.
„Du schämst dich nur dafür, wie erbärmlich du dich benommen hast.“ Meine Stimme bebte.
„Du sollst aufhören, habe ich gesagt.“
„Du hast mir gar nichts zu sagen! Du bist kein Stück besser als ich, deine Würde hast du gestern endgültig verloren!“
„HÖR AUF!“ Er packte mich am Arm und zerrte mich zu ihm, sodass ich auf ihn flog. Ich versuchte mich aufzurichten, aber er ließ mich nicht los. Ich wehrte mich mit aller Kraft, aber Tom war schlicht und ergreifend viel stärker als ich, also hatte ich keine andere Chance, als mich schließlich gerade auf ihn zu setzen und ihn wütend anzustarren.
„Lass mich los!“, schrie ich.
„Schrei nicht so, bist du bescheuert?! Willst du, dass alle denken ich vergewaltige dich hier?!“
„Hier ist doch niemand! Und keine Sorge dein Ruf ist sowieso schon ruiniert.“
„Du bist so ein Biest.“
„NENNST DU MICH ETWA BIEST?“ Ich kreischte auf, extra laut, damit mich ja ‚jeder‘ hörte. Dabei war weit und breit niemand zu sehen. Tom war so ein Idiot, dass ich nicht anders konnte als über ihn zu lachen.
Ich lachte drei Sekunden, dann wurde mir plötzlich der Mund zugehalten. Tom presste seine Hand auf meine Lippen. Ich versuchte zu schreien, aber man hörte natürlich nichts. Ich schleckte seine Hand mit meiner Zunge ab, aber er lachte nur laut.
„Deine Zunge war schon an ganz anderen Stellen meines Körpers, glaubst du ein bisschen Sabber von dir auf meiner Handfläche macht mir was aus?“
Ich schaffte es, seine Hand mit meiner aus meinem Gesicht zu schieben. „Du bist widerlich.“, sagte ich und wollte mich von der Bank aufrichten, um zu gehen.
Aber er hielt mich erneut zurück, indem er seine Arme um meinen Rücken schlang und mich an ihn drückte. Ich wollte schon protestieren, doch sein Blick ließ mich verstummen. Ich merkte, wie seine Lippen sich langsam öffneten, unsere Gesichter waren uns so nah, dass ich seinen warmen Atem auf meiner Haut spürte. „Du machst mich wahnsinnig.“, flüsterte er.
Und dann küsste er mich und seine Lippen verschmolzen mit meinen. Er widerstand der Versuchung seine Zunge in meinen Mund zu stecken, stattdessen fuhr er mit der Spitze nur meine Lippe entlang. Es fühlte sich so unglaublich gut an, ich hätte ihn so für den Rest meines Lebens weiterküssen können.
Aber er hörte auf. „Wenn ich jetzt hier weitermache, dann…“
„Wollen wir zu mir?“, unterbrach ich ihn.
„Ja, mein Gott, bitte.“
Wir standen auf, ich richtete mein ohnehin schon kurzes Top wieder gerade, mein halber BH war sichtbar gewesen, und schob meinen Cardigan wieder über meine Schulter. Tom legte die Hand auf meinen Rücken und schob mich behutsam aber bestimmt nach vorne. „Komm.“
Ich konnte nicht anders, ich schaute weiter abwärts zu seiner Hose. Oh…
Keine 10 Minuten später standen wir vor meiner Haustür und mir fiel auf, dass ich keinen Schlüssel mit hatte. Während ich gegen die Tür hämmerte, küsste Tom meinen Hals und versuchte die ganze Zeit seine Hand unter mein Top zu schieben. Ich versuchte ihn wegzustoßen und kicherte, weil die Küsse am Hals mich kitzelten. So ging das hin und her, die ganze Nachbarschaft musste uns gehört haben, bis schließlich die Tür aufflog. Mein Mutter höchstpersönlich.
„Huch!“, rief ich. Tom hörte auf mich zu küssen und stand still da. „Wann hast du denn das letzte Mal die Tür selbst aufgemacht?“
Sie starrte mich an, sie sah richtig angewidert von mir aus, und das gefiel mir. Sie sollte mich ruhig verabscheuen.
„Naja wie auch immer, lässt du uns bitte durch, ich muss jetzt einem meiner Liebschaften mein Zimmer zeigen.“ Ich packte Tom beim Arm und zog ihn hinter mir her. Ich musste über meine eigenen starken Worte kichern, ich war in diesem Moment so stolz auf mich, dass ich gar nicht daran dachte, dass mir das später peinlich sein könnte.
Ich knallte die Tür meines Zimmers hinter mir zu und schob Tom zum Bett. Gerade als ich mich auf ihn setzen wollte um bei dem weiterzumachen, wobei wir vorher aufgehört hatten, hielt er inne.
„Du solltest nicht so mit deiner Mutter reden.“
„Halt‘ die Klappe.“
Ich küsste ihn, aber ich konnte spüren, dass er nicht mehr ganz bei der Sache war. Ich zog mein Top aus, öffnete seine Hose und versuchte ihn irgendwie wieder zu dem Zustand zurückzubringen, in dem er sich im Park befand.
Ich weiß, warum ich das tat.
Weil ich wusste, dass es sowas nicht mehr oft geben würde. Dieses Gefühl, in einer richtigen Beziehung zu sein. Dieses Gefühl von Tom begehrt zu werden und sich zu trauen ihn dazu zubringen mich zu begehren. Ich wollte die letzten Stunden Liebe, die er noch für mich übrig hatte, genießen, bevor er wieder so tat, als würde er mich hassen.
Nachdem wir miteinander geschlafen hatten, stand Tom auf. Er wollte gehen.
„Bleib hier.“, ich krächzte die Worte, es fiel mir schwer sie auszusprechen.
„Nein.“
„Wieso nicht?“
Er sah mich an. „Wieso schon?“
Ich sagte nichts mehr. Er zog sich sein T-Shirt über, schlüpfte in seine Schuhe und hob seine Lederjacke vom Boden auf. „Gute Nacht, Arizona.“ Er ging die Tür hinaus.
„Ich habe dich auch nicht verlassen.“
Er wollte gerade die Tür schließen, doch er hielt inne und sah nochmal zu mir. „Was?“
Ich holte tief Luft. Nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen. „Gestern.“
Er kam wieder ins Zimmer und schloss die Tür, blieb aber dort stehen, als hätte er Angst, wenn er näher zu mir kommen würde, könnte er nie wieder weg. „Ich verstehe nicht…“
„Du hast mich gebeten, dich nicht zu verlassen. Und ich habe es nicht getan. Ich habe mich neben dich gelegt und habe auf dich aufgepasst. Ich habe dich nicht verlassen, Tom.“ Meine Stimme zitterte, ich zitterte.
Tom sah mich eine halbe Ewigkeit an. Dann schmiss er die Lederjacke auf den Boden, zog die Schuhe, die Hose und das T-Shirt aus und kroch unter die Bettdecke. Ich schmiegte mich an seine Brust und versuchte nicht zu schluchzen, aber es ist so ziemlich das Schwerste auf der Welt, Weinen zu unterdrücken. Damals wusste ich noch nicht, wie gut ich in dieser Fähigkeit werden würde.
„Nur weil ich nach Hause gehe, heißt das nicht, dass ich dich verlasse.“, sagte er leise.
„Ich weiß. Aber wieso willst du gehen?“
„Ich kann nicht die ganze Zeit bei dir sein, Arizona.“
„Warum nicht?“ Ich wusste, dass ich wie ein kleines Kind klang, aber ich musste die Chance nutzen, mit ihm normal reden zu können.
„Das… Das mach ich einfach nicht, okay?“ Er streichelte meine Wange und lächelte. „Dein schwarzes Zeug am Auge ist jetzt etwas verwischt worden.“
„Oh Gott.“Ich wollte schon aufspringen um mich abzuschminken, aber er hielt mich zurück.
„Nein, bitte, lass es. Es sieht gut aus. Du siehst aus, als hättest du gerade guten Sex gehabt.“ Er grinste. „Können wir jetzt schlafen? Oder reden wir jetzt noch die ganze Nacht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Keine Sorge. Wir können jetzt schlafen, wenn du willst.“
Er gähnte herzhaft. „Gott sei Dank. Gute Nacht, Arizona.“
Wie ich es liebte, wenn er meinen Namen sagte.
„Gute Nacht, Tom.“
Tag der Veröffentlichung: 05.06.2014
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Anna Liana