Stay
Kapitel 3
Der Wecker gab dieses unerträgliche, schrille Klingeln von sich, dass ich mir jedes Mal wünschte, dass a) ich tot wäre, b) das verdammte Ding endlich zu Grunde gehen würde, oder c) ich die Schule endlich hinschmeißen würde.
Da keine der drei Wünsche in Erfüllung gehen würden, schlug ich auf den Wecker und kroch mühsam aus dem Bett. Ich zog meinen Bademantel an und tapste ins Badezimmer. Wie immer waren die Marmorfliesen saukalt, sodass ich von einem Bein aufs andere hüpfte, während ich mir die Zähne putzte. Das Gesicht wusch ich mit eiskaltem Wasser, um endlich munter zu werden. Ich schminkte mich, zog mir eine Jeans, T-Shirt und Chucks an, nahm meine Tasche und ging die Treppen hinunter ins Esszimmer. Am Tisch standen Kaffetassen, Krüge mit Orangensaft und Wasser, Teller mit Croissants, belegten Brötchen, Eierspeis, Speck, Semmeln und anderem Gebäck. Viel zu viel für eine dreiköpfige Familie… Oh. Sagte ich gerade Familie? Pardon, zwei Erwachsene und eine Jugendliche.
„Guten Morgen, Arizona.“
„Morgen, Dad.“
Er las die Zeitung und sah mich nicht an. Die Uhr, die über der Tür hing gab ein angenehmes, leises Ticken von sich. Es war 7:20. Ich setzte mich auf meinen Stammplatz und holte mein Buch aus der Tasche. Ich war gestern Abend mit Das Parfüm fertig geworden und las jetzt Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger. Der Ich-Erzähler in dem Buch gefiel mir unglaublich gut. Ich nahm mir zwei Brötchen, eine Tasse Kaffee und ein Glas Orangensaft.
Um 7:45 verließ ich das Haus, ohne zu wissen wo Mom war. Wann wusste ich das schon.
Als ich bei der Schule ankam, stand Elle davor und winkte mir zu. „Beeil dich!“, rief sie.
Wir hasteten den Flur entlang, und kamen gleichzeitig mit Mrs. Miller bei der Klasse an.
„Guten Morgen, Mrs. Miller.“, begrüßten wir sie.
„Eleanor, Arizona.“, sie nickte uns lächelnd zu.
Ich mochte Mrs. Miller. Sie war um die 50, hatte graublondes Haar und blaue Augen. Sie war sehr freundlich, intelligent und machte den Geschichte-Unterricht erträglich. Außerdem war sie einer der wenigen, die Tom noch ausstehen konnte.
Ich betrat die Klasse, die immer egal zu welcher Jahreszeit, nach Lavendel roch. Ich mochte diesen Raum. Die Wände waren in einem hellen Beige gestrichen worden, eine Wand bestand allerdings nur aus Fenstern, die uns einen Blick auf die wenig befahrene Straße vor der Schule schenkten. Sowohl die Sessel als auch die Tische waren aus Holz, welches leider nicht mehr das Neuste war, aber das machte mir nichts aus. Links neben der Tür hing eine riesige Pinnwand mit Fotos, die Schüler aus dem Fotographie-Kurs gemacht hatten. Darunter die Meisten von Jackson und Elle. Elle schoss die besten Fotos die ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Sie war zwar besser als Jackson, aber Fotografieren war wohl das einzige Hobby von ihm, in dem er gut war. Und in dem das Hobby gut für ihn war. Die meisten Fotos von Elle waren von Landschaften. Atemberaubende Sonnenaufgänge, orange-braune Blätter, die lose an Ästen hingen und bei jedem kleinen Windstoß drohten runterzufallen, Nebel der in der Finsternis in der Luft hängt, Schneeflocken, so unglaublich nah, dass man ihre Zerbrechlichkeit spüren konnte. Oft fotografierte sie auch Jackson, wie er einfach nur still stand, meisten sah er weg. Jackson, wie er lachte, wie er finster in die Kamera blickte, wie er fluchte, wie er rauchte. Als ich zum ersten Mal die Fotos gesehen hatte, die sie von ihm gemacht hatte, da begriff ich, dass sie ihn wirklich liebte. Und ich musste an Tom denken.
Jetzt dachte ich auch an ihn. Sein Sessel war leer. Ich setzte mich auf meinen eigenen und drehte mich zu Jackson um, der hinter mir saß.
„Weißt du, wo er ist?“
Er schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder von mir ab, um Elle einen Kuss zu geben. Es war keine Eifersucht, die in mir hochstieg, es war einfach nur leichte Traurigkeit. Ich wollte, dass Tom in die Klasse hereinspazierte, mit diesem frechen Halblächeln zu mir kam und mich küsste. Ich wollte, dass er stolz darauf war mein Freund zu sein. Das war eines der Dinge, die Tom viel zu selten tat. Zeigen, dass er mich liebte. Und das war der Grund, weshalb ich mir noch nie sicher war, ob er es wirklich tat.
„Ruhe, Kinder, Ruhe bitte!“ Mrs. Miller stellte ihre braune Tasche, die sie besaß seit ich sie kannte, auf den Tisch und sah sich in der Klasse um. „Ich hoffe ihr hattet ein schönes Wochenende. Bevor wir mit dem Programm für die heutige Stunde beginnen, möchte ich noch kurz die Anwesenheitsliste überprüfen.“ Sie holte eine Mappe und einen Stift aus der Tasche und begann jeden Namen eines Schülers der Klasse laut auszurufen.
„Bones?“
„Hier.“, antwortete Jackson hinter mir.
„Clark?“
„Ja.“, sagte ich.
„Holmes?“
Stille.
„Holmes?“, wiederholte Mrs. Miller. „Weiß irgendjemand wo Thomas ist?“
Leises Gemurmel, aber keine richtige Antwort.
Die Tür flog auf. Wenn man vom Teufel spricht…
„Entschuldigen Sie, Mrs. Miller, aber mein Motorrad wollte einfach nicht anspringen.“ Er lächelte sie mit diesem unschuldigem Gesicht an, sodass unsere Geschichtslehrerin nicht anders konnte, als zu seufzen und auf seinen Platz zu zeigen. Da ging er auch hin.
Mrs. Miller zählte die restlichen Schüler auf und begann dann mit dem Unterricht.
Als es zur Pause klingelte stand ich auf, ohne auf ihn, Elle oder wen auch immer zu warten. Ich ging zu meinem Spind um mein Buch für die nächste Stunde zu holen. Als ich die warmen Hände spürte, die meine Taille umarmten, erschrak ich so heftig, dass mir das Buch aus der Hand fiel. Mit einem Knall landete es am Boden und die Hände lösten sich von meinem Körper. Er hob das Buch auf. „Aufpassen, Kleines.“
„Hey, Tom.“ Jackson und Elle tauchten neben uns auf.
Tom wandte seinen Blick von mir ab und begrüßte seinen besten Freund. „Wie geht’s?“
„Bist gestern einfach abgehauen, Mann.“, meinte Jackson, ohne die Frage zu beantworten.
Tom sah mich wieder lächelnd an. „Ich wollte dieses Mädchen hier sehen.“
Ich konnte spüren, wie ich rot anlief. Er nahm meine Hand und wir gingen gemeinsam den Gang hinunter.
„Chuck schmeißt heute Abend eine Party.“, sagte Jackson nach einer Weile.
„Ach ja?“
„Gehen wir hin?“, fragte Elle mich.
„Ich weiß nicht so recht…“, antwortete ich unsicher.
Partys waren noch nie mein Ding gewesen. Viel zu laute Musik die dir das Gehirn aus den Ohren bläst, betrunkene Menschenmengen, die drängeln und nach Alkohol stinken.
Ich saß lieber gemütlich in einer Runde und rauchte eine. Oder mehrere.
„Wir müssen ja nicht lange bleiben. Danach können wir zu Jackson gehen und uns einen Film reinziehen?“, schlug Tom vor, seine Finger in meinen verschränkt.
„Okay.“, sagte ich.
Ihr denkt jetzt vielleicht, ich würde viel zu schnell nachgeben. Ich hätte keine eigene Meinung. Ich würde immer das tun was die anderen machen. Oder was auch immer. Aber wisst ihr warum ich mitgegangen bin? Weil ich weiß, dass Tom auch ohne mir gegangen wäre. Und weil ich nicht wissen will, was er in dieser Nacht ohne mich angestellt hätte.
Es klingelte. Tom gab mir einen Abschiedskuss und verschwand im nächsten Klassenzimmer. Ich verabschiedete mich von den anderen und ging in Richtung Raum 244.
„Clark!“
Ich drehte mich um und James Green kam mit einem Lächeln auf mich zugerannt. „Amerikanische?“
„Richtig.“
Ich teilte mir mit James so ziemlich alle Kurse, die ich dieses Jahr belegt hatte. Das wusste ich schon, als ich das Anmeldeformular ausgefüllt hatte. Wir hatten einfach dieselben Interessen. Ich konnte mich stundenlang mit ihm über Weltliteratur unterhalten. Bei anderen Menschen war die erste Frage ‚Wie geht’s? ‘, bei uns war sie ‚Welches Buch? ‘.
Ich belegte mit James die Kurse ‚Journalismus‘, ‚Amerikanische Literatur‘, sowie ‚Britische & Weltliteratur‘, ‚Kreatives Schreiben‘ und ‚Psychologie‘. Unser zweitliebstes Thema.
Schon als ich klein war, wollte ich immer alles über einen Menschen wissen. Seine Gedanken, sein Vorgehen, sein Verhalten, warum er sich so verhält.
Wenn ich meine Mom wieder mal bei einer ihrer Shoppingtouren begleiten musste, war meine Lieblingsbeschäftigung andere Menschen zu beobachten. Nicht in irgendeiner komischen, kranken Art oder sowas. Ich wollte einfach herausfinden, wer sie sind.
Hat dieser Mann zwei Kinder und eine Ehefrau, die zuhause auf ihn warten, oder ist diese junge Dame wirklich seine Einzige? Ist diese Frau glücklich oder ist es ein falsches Lächeln, welches sie ihrem Freund zeigt? Mag diese Verkäuferin ihren Job überhaupt?
Solche Dinge. Es war meine einzige Rettung nicht in der Gegenwart meiner Mutter in Tränen auszubrechen. Denn das ist das Einzige, was ich niemals tun würde.
„Der Fänger im Roggen.“, sagte ich, ohne auf die Frage zu warten.
„Gut. Sehr gut.“
„Ja. Der Erzähler ist großartig.“
„Wie war dein Wochenende?“, fragte er mich, als wir in den Raum spazierten und uns auf unseren Stammtisch setzten. Fast alle Schüler waren schon da, beachteten uns aber nicht weiter.
„Schön. Denke ich. Eigentlich nichts Besonderes. Ziemlich langweilig. Deines?“
Er lächelte mich an und schüttelte den Kopf.
„Was denn?“
„Das mag ich sehr an dir.“, bemerkte er.
Ich spürte wie mir die Röte ins Gesicht schoss wie Lava. „Was meinst du?“
„Du bist immer so ehrlich. Anfangs sagt du vielleicht die Standardantwort, aber dann fällt dir auf wie dumm das klingt und du sagst die Wahrheit, wie es wirklich war.“
„Es ging nur um mein Wochenende.“, meinte ich, und doch gab ich ihm voll und ganz Recht. Deshalb konnte ich die Frage ‚Wie geht’s? ‘ nicht ausstehen. Jeder, und wirklich jeder, antwortet dasselbe. ‚Gut‘. Und nicht mal die Hälfte spricht die Wahrheit.
„Guten Morgen, meine Lieben.“ Mr. Folks kam in die Klasse spaziert. Der gute Mann war Mitte 60, hatte eine Glatze, trug immer denselben grauen Anzug, selbst im Sommer bei größter Hitze, und seinen schwarzen Aktenkoffer. Er war streng, aber nicht zu streng. Was ich an ihm schätzte, waren seine Erzählungen. Er unterhielt uns und schenkte uns trotzdem viel Wissen. „Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema ‚Drama‘ in der amerikanischen Literatur.“, teilte er uns mit und ließ seinen Koffer behutsam auf dem Boden nieder.
„Drama Baby Drama!“, grölte Rob Lyons, ein Vollidiot aus dem Footballteam (keine Ahnung was der hier suchte), durch die Klasse und lautes Gelächter brach aus.
„Genau das meine ich, Robert! Also weiß jemand wie das Drama nach Amerika kam?“
Stille. Aus den Augenwinkeln sah ich wie James mich beobachte.
„Theater.“, sagte er laut, ohne den Blick von mir abzuwenden.
„Richtig, Green.“
„Gehst du heute zu Chuck Preston‘s Party?“, fragte er mich unbekümmert von Mr. Folks.
„Ich denke schon. Du?“
„Mal sehen.“
Mr. Folks redete weiter vom Drama in den USA, doch ich konzentrierte mich mehr darauf, dem Drang zu widerstehen, James Blick zu erwidern, der nicht aufhörte mich anzusehen.
Für Tom stand bereits fest, dass wir hingingen, obwohl er wusste, dass ich nicht wollte.
‚Ich hol‘ dich um Mitternacht ab. X‘, schrieb er mir, als es zur Pause läutete.
„Na dann vielleicht bis heute Abend.“, verabschiedete sich James von mir.
„Ja, vielleicht.“
Er verschwand aus dem Zimmer und ich blieb noch eine Weile sitzen und starrte auf mein Handy. Kurz kam mir der Gedanke, Tom zu fragen, ob wir nicht zuhause bleiben konnten, aber ich vergaß ihn schnell wieder.
„Okay. X‘, antwortete ich.
Ich stand auf und wollte schon gehen, als mich Mr. Folks‘ Stimme zurückhielt.
„Clark, könnte ich sie noch einen Moment sprechen?“
Mir war gar nicht aufgefallen, dass er die ganze Zeit an seinem Tisch saß, während ich auf mein Handy glotzte. Hoffentlich hatte ich nicht Selbstgespräche geführt oder sowas.
„Ja?“ Ich ging zu seinem Tisch nach vor.
„Du kennst doch bestimmt Mrs. Mayer?“
„Ja, klar. Sie ist meine Englischlehrerin.“
„Dann vermute ich, dass sie auch die Englischlehrerin von Mr. Holmes ist?“ Er hob seine Augenbraue und blickte mich ohne irgendeinen Ausdruck an. Für einen kurzen Moment setzte mein Herz aus. Ich hatte keine Ahnung auf was er herauswollte.
„Äh, ja. Wieso?“
„Mrs. Mayer hat euch vor kurzem den Auftrag gegeben einen Aufsatz zu schreiben, richtig?“
Das tat sie dauernd. „Ja. Welches Thema meinen sie?“
„Über das Buch Der scharlachrote Buchstabe.“
Ja, ich erinnerte mich. Das Buch hatte ich aber schon vor dem Englischunterricht gelesen.
„Mr. Folks, ich verstehe nicht…“
Er öffnete seine Aktentasche und holte ein beschriebenes Blatt in einer Klarsichthülle heraus. Er holte es aus der Hülle und es stellte sich heraus das es zwei Blätter waren, jeweils auf beiden Seiten mit einer krakeligen Schrift geschrieben, als hätte der Schreiber es eilig gehabt.
„Dieser Aufsatz ist von Thomas. Mr. Mayer hat ihn mir in mein Fach gelegt mit einer kleinen Notiz.“ Er reichte mir ein kleines, weißes Zettelchen aus der Innentasche seines Anzugs.
‚Die größten Talente sind die Versteckten. Lies es und sag mir danach deine Meinung. Anne.‘
Ich brauchte ein paar Sekunden um zu realisieren, was das hier alles bedeutete.
„Der Aufsatz ist großartig. Das wird Thomas auch von Mrs. Mayer zu hören bekommen. Allerdings bezweifle ich, dass er sich von ihr überreden lässt, meinen Kurs zu besuchen.“, sagte Mr. Folks nach einer Weile, lehnte sich an seinen Stuhl zurück und lächelte mich an.
Ich begriff es nicht. Thomas schrieb gute Aufsätze? Thomas schrieb Aufsätze?
„Ich weiß nicht… Ich weiß nicht, ob ich ihn überreden kann.“, murmelte ich.
Falsch. Ich wusste nicht einmal, ob ich überhaupt mit ihm über sowas reden konnte.
„Versuch’s. Ich bitte dich darum, Arizona. Ich glaube, dass könnte Thomas wirklich helfen…“
Ah. Das war’s. Thomas Zukunft stand am seiden Faden. Er würde den Abschluss nicht schaffen, wenn er so weiter machen würde wie jetzt. Ich wollte nie daran denken, aber es war offensichtlich. Tom hatte nicht vor, sich irgendwie zu ändern.
Mr. Folks räusperte sich. „Das wäre vielleicht seine letzte Chance alles nochmal auszugleichen. Natürlich, müsste er sich wirklich anstrengen. Aber ich glaube, er könnte das schaffen.“
Seht ihr, deshalb mochte ich Mr. Folks. Er wusste, was Hoffnung war. Er hatte das Rezept, wie man sie nie verlieren konnte.