Stay

Anna Liana · Kapitel 7 von 9

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Stay

Kapitel 7

Am nächsten Morgen saß ich die ersten zehn Minuten alleine am

Frühstückstisch. Es war wieder für gefühlte zehn Personen Essen

hergerichtet worden. Ich nahm mir vor, Selma zu bitten, damit

aufzuhören. Es aß sowieso niemand.

Dann kam der Teufel ins Zimmer und setzte sich auf seinen Stammplatz. Ich hatte das Buch ‚Der Teufel trägt Prada‘ nie gelesen und doch hätte es eine Biografie meiner Mutter sein können, da war ich mir sicher. „Dein Besuch gestern war äußerst höflich.“

„Hat es sehr weh getan, als er dir die Hand geschüttelt hat?“ Ich lächelte sie scharf an, allerdings richtete sich ihr Blick nur auf ihre Kaffetasse.

„Oh bitte, hör auf dich so kindisch zu benehmen. Du hast Recht, ich bevorzuge ein mattes Lächeln als Begrüßung, wenn es um deine Bekanntschaften geht, allerdings war mir dein Freund sehr sympathisch.“ Das war glatt gelogen. James war zwar höflich, aber total nervös, das hatte nichts mit Sympathie zu tun.

„Er ist nicht mein Freund.“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Er wäre perfekt für dich.“, meinte sie und nahm einen Schluck ihres Kaffees. Frühstück beendet.

„Er ist nicht mein Freund, Mutter.“

„Wie du meinst. Allerdings solltest du wissen, dass ich ihn diesem anderen Jungen vorziehe.“ Sie stand auf und war bereit zu gehen, doch ich hielt sie auf.

„Und du solltest wissen, dass ich es vorziehe wenn du mich ignorierst, anstatt zu versuchen ein Gespräch mit mir zu führen.“

Ich bereute meine Aussage nicht wirklich, aber ich hätte sie mir auch sparen können. Ich sah ihr Gesicht nicht, wofür ich mich selbst hätte ohrfeigen können.

Doch keine zwei Sekunden später drehte sie sich zu mir um und sagte: „In Ordnung.“

Wenig später verließ sie das Haus.

Ich war unglaublich wütend. Deshalb rief ich Tom an. Und er hob Gott sei Dank ab, was er nur selten tat.

„Ja?“

„Tom? Hey, ich… ich… willst du heute in die Schule? Ich meine, es wäre wirklich nicht schlecht, aber ich kann das heute nicht… Ich…Ach egal, am besten du gehst, denn…“

„Ich bin in zehn Minuten bei dir.“ Er legte auf, ohne mir einen Atemzug Zeit zu lassen, darüber nachzudenken, ob das wirklich eine kluge Idee war.

Tom brauchte die Schulstunden, er hatte sowieso schon viel zu wenige. Aber alleine schwänzen? Nein. Und mit Elle? Ich wollte sie nicht nerven, obwohl ich wusste, dass das nicht der Fall gewesen wäre. Aber sie hätte mir jetzt nicht helfen können. Ich brauchte Tom.

Wenn ihm etwas wichtig war, kam Tom pünktlich, sonst niemals. Er kam nach zehn Minuten, ich sah ihn aus meinem Fenster die Straße entlang gehen und ich lief aus dem Haus, bis ich mich wieder in seinen Armen fand. Er sagte nichts, er drückte mich nur fest, bis ich sicher war, dass alles okay war. Alles war okay. Tom war hier. Er war bei mir.

Ich löste mich aus der Umarmung und sah ihn an. Seine Gesichtszüge entspannten sich, aber er blickte mich besorgt an. „Was ist los?“

„Ich hasse meine Mutter.“

„Sag sowas nicht.“

Ich sollte sowas wirklich nicht sagen. Nicht, weil man seine Mutter nicht hasse sollte, das war mir im Moment egal, sondern weil andere Menschen gar keine Mutter hatten. Menschen wie Tom.

„Es tut mir leid.“

„Schon okay. Wollen wir nicht ins Haus gehen? Es ist arschkalt.“

Es war wirklich ziemlich kühl gewesen an diesem Tag und ich trug bloß eine Jeans und ein luftiges, graues T-Shirt. Auf meinen Armen bildete sich eine Gänsehaut.

Ich nahm seine Hand und führte ihn ins Haus. Er war erst einmal hier gewesen, am Beginn unserer Beziehung. Es war ein Samstag und meine Eltern waren in New York gewesen, aus welchem Grund auch immer. Ich bat Selma, das Haus zu verlassen, in dem ich ihr ein Essen in einem teuren Restaurant reservierte und schon vorbezahlt hatte. Sie nahm die Einladung erst an, als ich ihr von Tom erzählte. Ihre Wangen wurden damals ganz rot und sie grinste wie der Weihnachtsmann, freute sich fast mehr als ich, dass er zu mir kommen würde.

„Wo sind deine Eltern?“, fragte er, zog sich die Jacke aus und legte sie auf die Kommode im Vorzimmer, anstatt sie aufzuhängen. Immer das tun, was man eigentlich nicht tun sollte, nicht wahr? Darin warst du Meister Tom, das fiel mir sogar bei mickrigen, unwichtigen Dingen wie dem auf.

„Nicht hier. Komm, wir gehen in mein Zimmer.“ Wir begegneten Selma nicht, ich hätte ihr einfach einen Blick zugeworfen, der bedeutete, dass das in Ordnung ginge. Selma hätte mich bei meinen Eltern nie deshalb verraten. Und selbst wenn, was hätte meine Eltern gekümmert, wenn ich Schule schwänze? Hat sie denn sonst irgendwas gekümmert, was ich tat?

Ich setzte mich sofort auf mein Bett als ich mein Zimmer betrat und sah wie Tom noch immer am Türrahmen stand und sich umschaute.

„Was ist?“

„Du hast dein Zimmer umgeräumt.“, stellte er fest.

„Ja. Aber das ist ewig her.“, meinte ich.

„Ich war auch ewig nicht mehr hier.“

„Du hättest öfter kommen können.“ Er hätte immer kommen können. Jeden verdammten Tag und es hätte mich nicht gestört.

Mein Zimmer war groß, nicht riesig, aber groß. Ich bestand auf eine Lichterkette, egal zu welcher Jahreszeit, die an der Wand entlang hing und als einziges Licht den Raum schwach beleuchtete. Meine Wände waren lavendellila gestrichen, nicht zu mädchenhaft und nicht zu neutral. Die weiße Flanell Bettwäsche auf meinem Himmelbett hatte bestickte lila Verzierungen und ich brauchte abends keine 5 Minuten um darin eingewickelt einzuschlafen.

Tom ging zu der Pinnwand die über einer Holzkommode gegenüber dem Bett stand. Er sah sich jedes Foto genau an und murmelte: „Da bin ja ich.“

Es war nie so, dass es mich richtig verletzt hatte, aber oft kam es mir so vor, als wüsste Tom gar nicht, dass wir zusammen waren. Als wäre das für ihn nichts Ernstes und er könnte jederzeit mit einem anderen Mädchen ins Bett hüpfen.

„Natürlich. Elle macht ständig Fotos von uns, ist dir das noch nie aufgefallen?“

Er drehte sich zu mir und sagte: „Weißt du, wenn ich dich ansehe, dann sehe ich dich an. Dann achte ich nicht darauf, was alle anderen machen. Mir ist noch nie aufgefallen, dass Elle Fotos von uns macht.“

Mein Herz sprang förmlich aus meiner Brust. Tom war nicht oft so ehrlich, aber wenn, dann kam es vollkommen unerwartet.

„Setzt du dich zu mir?“

Er kam zum Bett und setzte sich neben mich. „Also. Was treibt jemanden wie dich dazu, Schule zu schwänzen?“

„Du tust so, als wäre ich ein Streber.“

„Bist du ja auch.“, er grinste.

„Ich will ausziehen.“

Sein Grinsen erstarb.

„Ich will weg von hier.“

Er starrte mich nur an, er sagte nichts, er wartete darauf, dass ich weiterredete.

„Ich… Ich halte das nicht mehr aus, weißt du? Meine Eltern. Sie sind… Monster.“ Obwohl es glasklar für mich war, wie Recht ich mit meiner Aussage hatte, war es unglaublich schwer die Worte aus meinem Mund zu bekommen. Deine Eltern sind Monster. Gratulation, Arizona.

„Nein.“, sagte er.

„Was?“, war alles, was ich rausbrachte.

„Nein. Du wirst nicht ausziehen.“

„Wieso nicht?!“

Ich dachte, er würde sagen, dass meine Eltern mir alles geben konnten und ich glücklich darüber sein sollte, aber er meinte: „Ohne diese Mexikanerin die dir täglich hinterherläuft, deine fünfzehn Köche und deine Eltern, die dir das Geld wortwörtlich hinterherschmeißen, schaffst du das nicht.“

20 Wörter. 20 Wörter hatte er nach diesem schönen Kompliment aus seinem Mund befördert und das waren eindeutig zu viele, es war Zeit mir wieder eine ins Gesicht zu klatschen mit Sätzen wie ‚das schaffst du nicht‘.

Ich funkelte ihn an und sagte trocken: „Wenn du nichts besseres zu sagen hast, dann geh.“

Er seufzte. „Ich will dir nur die Wahrheit sagen.“

„Du hast keine Ahnung. Denkst du ernsthaft mir macht das Spaß hier? Denkst du mir gefällt, wie ich hier behandelt werde? Nein! Nein, Tom, so ist es nicht, ich muss dich enttäuschen.“ Tränen stiegen mir wieder in die Augen. Nein, bitte, nicht vor ihm.

„Hey, hör auf.“ Ich spürte eine warme Hand, er zog mich zu sich und ich sank in seine Arme wie ein elendes Wrack. „Ich hasse es, wenn du weinst.“

„Ich hasse es vor dir zu weinen.“, gab ich zu.

„Wieso?“

„Sieh mich an.“

Er hob mein Kinn und sah mir in die Augen. „Du weißt gar nicht, wie wunderschön du bist, Arizona. Ich hasse es, wenn du weinst, aber selbst dann bist du wunderschön.“

Ich wusste damals noch nicht, dass er solche schönen Worte immer seltener in den Mund nehmen würde.

Ich realisierte nicht, dass er selbst da schon aufhörte, mir zu zeigen, dass er mich liebte.

Ich hätte gehen sollen.

Ich hätte gehen sollen, bevor ich nicht mehr konnte.

Ich hätte nie damit anfangen sollen, Thomas zu lieben.

*

Ich blieb die ganze Woche zuhause. Ich hatte weder die Kraft noch die Lust in die Schule zu gehen. Und es war wirklich nicht schlimm, dass ich schwänzte, meine Noten waren ausgezeichnet.

Mein Vater bemerkte es erst nach drei Tagen mit den Worten: „Bist du krank?“ –„Ja.“ – „Oh. Am besten du fragst Selma nach Tee und so Zeugs…“

Schon okay, Dad. Dachte zwar nicht, dass du mir Tee kochen nicht zutraust, aber schon okay.

Ich redete mir eine leichte Erkältung ein, weshalb mich eine kleine Stimme in meinem Kopf als „Feigling“ beschimpfte. Ich hatte nicht sonderlich Angst davor, James wieder zu begegnen, aber ich wollte es ehrlich gesagt einfach nicht.

Als ich nachmittags gerade Alice im Wunderland las, klingelte es an der Tür. Es war Elle. Sie begrüßte mich mit mitgebrachtem Sushi und irgendeiner Schnulzen-DVD. Elle war regelrecht besessen von romantischen Filmen und nervte mich mindestens 3-mal im Monat mit irgendeiner neuen.

Ich hasste Romantik-Filme. Warum? Du weißt nach den exakt ersten 60 Sekunden des Films, wie es ausgeht. Wer mit wem zusammen kommt, wer mit wem schläft, wer alleine nach Hause geht, oder wer stirbt. Wobei man sagen muss, dass das letzte doch eher selten zutrifft, da man bei einem romantischen Film auf so reale Dinge wie den Tod verzichten möchte, es muss ja schließlich ein Happy End geben.

„Wir MÜSSEN uns diesem Film ansehen!“

„Kommt drauf an, was du mir für Sushi mitgebracht hast.“ Ich hob eine Augenbraue.

„Gurken-, Lachs- und Avocado-Maki. Und natürlich Sojasauce!“ Sie grinste zufrieden.

„Hereinspaziert.“

Wir gingen in mein Zimmer, da ich keine Lust auf einen erneuten Überraschungsbesuch meiner Mutter hatte. Auch wenn sie Elle sehr gut kannte.

Ich kann nicht genau sagen, was sie voneinander hielten. Elle begrüßte sie immer höflich und Mom hatte schon mal nebenbei erwähnt, dass Elle ein vorzügliches und nettes Mädchen wäre. Aber ich wusste, dass Elle keine Angst vor meiner Mutter hatte, die hatte sie schon vor Jahren abgelegt. Und da Mom nun mal alles mitbekam, wusste sie das auch. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass sie Elle nicht leiden konnte. Was, sowohl mir als auch Elle, egal war.

Wir legten die DVD ein und aßen auf meinem Bett die Maki, die vorzüglich schmeckten.

Der Film war, welch eine Überraschung, totlangweilig, was Elle scheinbar auch so sah, denn wir unterhielten uns die meiste Zeit. Ich fragte sie, wie die Schule war.

„Die Stunden scheinen jeden Tag langsamer zu vergehen. Ich brauche dringend wieder Ferien!“, beklagte sie sich.

„Kommt Tom jeden Tag?“

„Ja.“ Sie machte eine kurze Pause und stopfte sich ein Maki in den Mund. „Außer heute.“

Ich fragte mich, ob er jemals eine ganze Woche zur Schule ging. „Wieso nicht?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich. Aber Jackson war heute auch nicht.“

„Hat er dir…“

„Nein. Ich habe keine Ahnung wo er ist.“

Manchmal tat es gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige war, auch wenn das vielleicht gemein klang. Aber Elle verstand mich, selbst wenn wir nie richtig darüber sprachen.

Ich starrte auf den Bildschirm und überlegte, ob ich ihm eine SMS schicken sollte.

„OH!“ Elle schrie auf und mir fiel das Maki aus dem Essstäbchen, das gerade auf dem Weg zu meinem Mund war. Es landete lautlos auf der Bettdecke, ich nahm es mit den Fingern und steckte es mir in den Mund.

„James hat mich angesprochen!“, sagte sie und beinahe blieb mir der Reis im Hals stecken.

„Er fragte mich nach dir und ob ich wüsste, wann du wieder kommen würdest. Oh, und gute Besserung!“

Ich kaute, schluckte und murmelte ein „Danke“.

„Ja, das war allerdings schon gestern. Tom ist daraufhin zu mir gekommen und fragte, was ‚der Spasti‘ wollte.“ Sie kicherte kurz. „Da ist wohl jemand eifersüchtig.“

„Ach was, das war Tom doch schon immer.“ Ich versuchte nicht nur Elle, sondern auch mich davon zu überzeugen, aber ich glaubte mir noch weniger als sie es tat.

„Das ist was anderes. Du bist mit James schon ewig befreundet und du weißt, dass Tom ihn nicht leiden kann.“

„Ja und? Soll ich James deshalb aus dem Weg gehen?“ Das tat ich bereits.

„Nein! Aber du solltest Tom zeigen, dass seine Sorgen unnötig sind.“, meinte sie.

„Tom macht sich keine Sorgen. Er will ihm nur endlich eins in die Fresse hauen und sucht dafür jederzeit nach einer Gelegenheit.“

Sie lachte. „Ja, wahrscheinlich. Aber sag mal, sollte Tom sich Sorgen machen?“

Wir sahen uns an. Ich konnte sie nicht anlügen. „Ich glaube nicht.“

„Du glaubst?“

„James ist ganz anders als Tom, weißt du. Und ich bin mir einfach noch nicht sicher, wie ich das finden soll.“, sagte ich ehrlich.

„Okay.“ Sie lächelte mich an und ließ es darauf beruhen, wofür ich sie hätte küssen können.

Es war schon dunkel, als Elle nach Hause ging. Sie vergaß die DVD, die sofort in der hintersten Ecke meines Schrankes verschwand.

Ich war gerade dabei, einzuschlafen, als mein Handy läutete. Noch bevor, ich auf den Bildschirm blickte, wusste ich, dass es Tom war.

„Arizona?“

„Ja?“

„Arizona?!“ Er klang besorgt. Das machte mir Angst.

„Was ist denn?“

„Arizona, ich brauche dich. Jetzt. Ich kann nicht… ich…“ Er war betrunken. Oder? Ich war mir nicht sicher. Sollte ich auflegen?

„Arizona? Arizona, bitte!“ Seine flehende Stimme ließ mich aus dem Bett steigen.

„Wo bist du?“