The Kill, 100% tot
Kapitel 2
Sie war noch vor Mitternacht zuhause, gut 200 Kilometer weiter weg, am Rand von Braunschweig, in Rautheim. Erleichtert stieg sie aus dem Rover, schloss ihn und die Garage ab. Ein kurzer Blick auf die Videoüberwachungsmonitore. Jemand wartete vor ihrer Haustür. Würde sie eine Waffe brauchen? Nein. Vielleicht ein betrunkener Teenie, der den Weg zum eigenen Haus nicht mehr fand, ein aufdringlicher Nachbar oder sonst etwas. Sie konnte genügend Kampfkünste, um ohne Waffe durchzukommen. Sie ging durch den dunklen Vorgarten.
„Ziemlich ungewöhnlich für eine Ärztin, einen Landrover zu fahren, nicht?“ Dieser Jerry aus dem Café lehnte neben dem Briefkasten, die Arme verschränkt.
Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist sehr bequem.“ Wie hatte er sie gefunden, was wollte er? Shit, er war Polizist! Fliehen? Was wollte er?
Garden zog die Augenbrauen hoch. „Unterhalten wir uns darüber, warum Sie heute in Hamburg waren.“ War etwas durchgesickert? War sie zu unvorsichtig gewesen? Nein, ein Identitätswechsel nach dem letzten Auftrag, ein Umzug, wie immer.
„Ich hatte meinen freien Tag“, antwortete sie.
„Bitte, Frau Neuer. Lassen Sie uns ehrlich sein. Ihr „freier Tag“, wie Sie es nennen, hatte nicht zufällig etwas mit Ernst Fass zu tun? Fast 200 Kilometer für einen freien Tag?“ Er wartete ihre Reaktion ab. Seine Stimme klang bitter, prüfend.
„Ernst Fass? Der bekannte Ingenieur? Nein, wieso? Und ich stamme aus Hamburg, meine Eltern sind, als ich zehn war, mit mir umgezogen.“ Sie log. Der Polizist sah es ihr an. Sie würde besser lügen müssen. Auch wenn es eine glaubwürdige Geschichte war. Garden glaubte ihr nicht. Würden sie ihr Haus durchsuchen – was teilweise schon passiert war – würden sie keine Fotos, keine Erbstücke finden, keine alten Tagebücher, nicht einmal mehr als zwei Stühle waren vorhanden.
„Ich vermute eher, dass Sie aus Tennessee stammen, aber lassen wir das vorerst Beiseite. Darf ich mich erneut vorstellen? Jeremiah Garden, verdeckter Ermittler. Und Sie sind vermutlich Lilia Flake, eine in den USA gesuchte Auftragsmörderin, die auch in Deutschland und der Schweiz nicht ganz untätig war.“ Sie wäre jetzt wirklich gerne weggelaufen, aber vermutlich hätte er ihr all das nicht erzählt, wenn nicht mindestens ein Dutzend Waffen auf sie gerichtet waren. Es sei denn er war ein völliger Idiot, was unwahrscheinlich war. Man setzte keine völligen Idioten auf Lilia Flake an. Die besten Männer Amerikas hatten bereits nach ihr gesucht, kein Foto, keine Beschreibung, nichts war in ihren Händen. Es war ein Wunder, dass der Ermittler überhaupt von ihr – ihrer Existenz, ihren Taten – wusste. Ihre eigene Waffe war nutzlos an ihren Knöchel geschnallt und nicht geladen. Wie konnte sie die anderen nur auf dem Videoüberwachungssystem nur übersehen?
„Sie können jetzt weglaufen, aber dann sollten Sie mit einem plötzlichen stechendem Schmerz rechnen, da Sie dann von Kugeln durchsiebt werden. Wir haben Ihr VÜWsystem mit einer Schleife lahmgelegt“, fuhr er fort. Er selbst wusste, dass er nur bluffte, mit Kugeln waren die Waffen nicht geladen, aber mit Betäubungspfeilen, welche mit einem starken und schnell wirkenden Mittel gefüllt waren. Er wollte es sich nicht leisten, sie zu verlieren, sie war wichtig. Er hatte Wochen für die Bearbeitung des Falles „Lilia Flake” gebraucht, und es hatte ihm Spaß gemacht, auch wenn es ermüdend, anstrengend und teilweise langweilig gewesen war. Und es war zu riskant, sie bei einem Polizeieinsatz schwer zu verletzen oder zu töten, da die USA zweifellos großes Interesse an ihr haben würden.
„Also, kommen Sie mit?“ Er hielt ein Paar Handschellen hoch. Sie schluckte und schüttelte den Kopf. Sie musste verhandeln. Ein roter Laserpunkt erschien auf ihrem Knie und ein weiterer auf ihrer Schulter. Vermutlich waren auf ihrem Rücken noch mehr davon. Na toll, Waffen waren ein gutes Argument, sich nicht zu wehren.
„Wissen Sie, was das ist?“, fragte Garden. Sie nickte. „Dann heben Sie die Arme auf Schulterhöhe und drehen Sie sich langsam um.“ Seine Stimme war ruhig und gefährlich drohend. Lilia schluckte wieder, und tat, was er gesagt hatte.
Sie hörte seine Schritte, als er auf sie zuging. Er führte ihre Arme auf dem Rücken zusammen, lies die Handschellen zuschnappen und schloss sie ab. Er trat näher an sie heran und umfasste ihre Handgelenke mit den Händen, um sie besser festhalten zu können.
Auf einmal war auf dem abgelegenen Grundstück die Hölle los. Flutlicht ging an, welches alles taghell erleuchtete, Schützen kamen hinter Büschen und Bäumen hervor, Wagen mit abgedunkelten Fenstern fuhren vor. Jemand tastete sie ab, fand ihre Waffe, beschlagnahmte sie. Ihren Personalausweis nahm man ihr ebenfalls ab – beziehungsweise den gefälschten Perso. Garden hielt sie fest, während Polizisten das Gelände absicherten. Lilia ärgerte sich darüber, dass ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt waren, bis auf gefährliche Verbrecher, die versuchten wegzulaufen, hatten alle immer die Hände vor dem Körper. Jerry merkte ihren Ärger darüber, aber bei Lilia Flake wollte er kein Risiko eingehen. Sie war zu wichtig für ihn. Daher stand er auch dicht hinter ihr, um die Oberhand zu behalten. Ganz recht war ihm das nicht, Himmel, sie hatte getötet. Töten war für Jerry kein Problem, wenn es um sein eigenes Leben ging, aber Auftragsmorde? Innerlich schüttelte es ihn. Statt ihr mehr Spielraum zu geben, überwand er sich und fasste energischer zu. Lilia war definitiv nicht zimperlich.
Schließlich kam das richtige Auto an. Panzerglas, kugelsicher – und ausbruchssicher. Er schob Lilia darauf zu, jemand öffnete die Tür, er ließ Lilia einsteigen und setzte sich daneben. Der riesige Mann auf der anderen Seite von Lilia war wieder eine von Jerry's Methoden, ihr ein wenig Angst einzujagen. Jerry zog ihren Gurt vor, reichte ihn dem Mann und er schob ihn in das Gurtschloss. Lilia saß still auf dem Sitz im Auto, ihre Hände drückten in ihrem Rücken, sie saß ziemlich eng zwischen dem Riesen auf der einen und Jerry auf der anderen Seite.
Etwa eine stille, sorgenvolle, langweilige und unruhige dreiviertel Stunde später hielt der Wagen vor einem hohen Tor. Der Fahrer fuhr das Fenster herunter und wechselte einige Worte mit jemandem, der draussen stand. Kurz darauf reichte er ein Tuch nach hinten und Garden versuchte Lilia die Augen zu verbinden. Sie zog den Kopf weg, doch der große Mann auf ihrer anderen Seite hielt sie fest und der Ermittler verknotete das Tuch fest auf ihrem Hinterkopf. Sie schüttelte den Kopf, doch es ging nicht ab.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass andere Gefangene nicht so behandelt werden!“, protestierte sie wütend.
Jerry lachte kurz. „Sie sollten besser kooperieren, dann würden Sie vielleicht auch besser behandelt.“ Er griff nach ihrer Schulter. ,,Flucht nützt auch nichts, wir setzen Ihnen einen Peilsender ein.“ Etwas stach in ihn ihren Rücken, kurz über dem Schulterblatt. Es schmerzte kurz und drückte dann unangenehm. Jetzt würde man sie überall aufspüren können. Was für Spielereien hatte der Typ noch in petto?
Lilia spürte wie das Auto wieder anfuhr. Zehn Minuten später ruckte das Gefährt ein letztes Mal, offensichtlich hielt es an. Jemand schnallte sie ab und Türen gingen auf und zu.
Jerry lächelte zufrieden. Er zog Lilia aus dem Auto und wartete. Er hielt sie fest, aber sie entwand ihre Hände aus seinem Griff. Sofort drehten sich etliche Wachen zu ihnen um, mache hatten ihre Dienstwaffe gezogen oder hatten die Hand am Griff.
„Alles in Ordnung“, murmelte er ihnen zu. „Wie war das mit dem Kooperieren?“, zischte er Lilia dann ins Ohr und verschränkte seine Arme so um ihre, dass sie auf gar keinen Fall weglaufen konnte. Bald darauf kam auch eine weitere Wache, die Lilia an einem Arm nahm, Jerry nahm sie an dem anderen und gemeinsam zogen sie Lilia auf den Haupteingang zu. Das Gebäude war groß und pompös, aus gelbem Sandstein und angeblich ein Forschungsinstitut für Heimatkunde, das sich am Fümmelsee stationiert hatte.
In Wirklichkeit war es die geheime Zentrale der geheimen Ermittler.
Sie führten Lilia die Stufen hoch und in das Innere des Gebäudes. Die riesigen Gänge hier drin waren wie ein Labyrinth. Jerry hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt sich hier zurecht zu finden. Der Wachmann dagegen ging sicher durch die Gänge, bog mal rechts und mal links ab, mit dem Fahrstuhl einige Stockwerke unter die Erde und dort zu einem Zimmer. Oder eher Bunker. Die Wände waren kahl und weiß und es befanden sich nur zwei Stühle und ein Schreibtisch in dem Zimmer, sowie eine Kamera an der Decke. Die Tür war mit Zahlencode und Augenlaser gesichert. Das war Jerry's Arbeitsplatz für … naja, bis Lilia der Organisation half. Sehr einladend, dachte er sich.
Er drückte sie auf einen Stuhl und der Typ vom Wachdienst befestigte ihre Handschellen daran. Er nickte Jerry zu und stellte sich vor die Tür. Jerry nahm Lilia als erstes das Tuch von den Augen. Verwirrt blinzelte sie in das Neonlicht. Er ließ sich auf dem Stuhl hinter dem Schreibtisch nieder und betrachtete ihre Akte.
Name: Lilia Flake
Alter: vermutlich Mitte 20
Gesucht wegen: Auftragsmord in ca. 40 Fällen, davon etwa 30 in den USA, mindestens 5 in
Deutschland und der Schweiz
Staatsangehörigkeit: US Staatsbürgerin, nach Deutschland geflohen, Eingebürgert
Derzeitiger Wohnort: Braunschweig
Bekannte Decknamen: Miriam Neuer, Kinderärztin; Julia Schwarz, Studentin; Helen White,
Reisende;
Waffen: SIG Sauer; P99; Präzisionsschussgewehre; verschiedene Messer, darunter Jagdmesser; einige Gifte; Säure; Würgedraht; Fäuste;
„Ihre Charme fehlt. Und die bissigen Kommentare“, dachte Jerry, während er die Akte zum wiederholten Male studierte. Eigentlich kannte er sie auswendig, so oft hatte er bereits darüber gebrütet, doch er hatte gerne das Dokument vor sich, wenn er innerlich seine neuen Erfahrungen abglich. Außerdem würde es Lilia ein Gefühl der Überlegenheit bereiten, wenn sie dachte, er sähe ihre Akte zum ersten Mal.
Darunter lagen die Steckbriefe ihrer Opfer. Er blätterte sie ohne Hast durch, las manchmal einige Zeilen. Es war ein ziemlich großer Stapel. Wenigstens waren es meist Leute, die selbst häufig nicht ganz legal und fair gearbeitet hatten, wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte. Und keine Kinder. Wenige Frauen, etwa zwei, keine Mütter mit unmündigen Kindern. Fast tröstete die Tatsache Jerry. Schließlich lehnte er sich zurück und beobachtete Lilia. Sie blickte zurück, beherrschte Wut lag in ihrem Blick, vielleicht Neugier, und … Angst? Auf jeden Fall noch etwas, etwas, was sie gefährlich machte, nicht nur für sein Leben. Die Angst war gut versteckt, aber Jerry nahm sie wahr.
„Gut, Lilia Flake. Sie werden in den USA und Deutschland auf Grund von Auftragsmord in rund 40 Fällen gesucht.“
Etwas huschte über ihr Gesicht, ein kleines Lächeln oder sogar Spott. Die Zahl war vermutlich falsch. Das war zu erwarten gewesen, und dennoch ärgerte er sich darüber. Er hatte so viel recherchiert, über 500 Morde und Todesfälle abgeglichen. Sie hatte keine Handschrift, schien nicht einmal eine besondere Route zu bereisen, schien eher spontan. Die Spur zog sich unregelmäßig durch die USA, mal in den Bergen ein verdächtiger Unfall, mal einer am Meer. Es verschaffte Lilia Genugtuung, dass er falsch lag, und auch, dass er scheinbar nichts von den Auftragsverletzungen wusste.
„Aha“, machte sie.
„Sie bestreiten es nicht. Das ist interessant.“ Er ließ sie nicht aus den Augen, und die Kamera über ihm fing ebenfalls jede von ihren Bewegungen ein. Nichts würde ihm entgehen. Ihr schauspielerisches Talent hatte sie noch nie im Stich gelassen, es würde auch jetzt nicht fehlschlagen. Hoffte sie. Unsicherheit machte sich in ihr breit. „In Amerika würde Ihnen für jeden Fall die Todesstrafe drohen. Von daher machen wir Ihnen ein Angebot.“ Sie sah ihn weiter an und er fuhr fort: „Sie helfen uns einen bestimmt Mann zu finden, und wenn Sie erfolgreich sind bekommen Sie eine Generalamnestie in den Fällen in den USA, der Schweiz und Deutschland, sowie eine neue Identität.“ Sie schüttelte den Kopf. Das war noch lange nicht genug. Wusste er nicht von dem Belgien-Fall? Großbritannien? Gerade Irland, dann Frankreich?
„Nicht? Sehen wir uns die Alternative an“, redete er weiter. „Sie werden in Deutschland zu einer „lebenslangen“ Haftstrafe verurteilt, sofern die amerikanische Botschaft keinen Widerspruch einlegt. Ich vermute aber sehr stark, dass die Botschaft genau das tun wird.“ Er sah sie finster, aber nicht ungeduldig an. „Sie haben rund 30 Morde auf amerikanischem Boden begangen, von daher dürften Sie sehr interessant für die USA sein. Sie werden ihren ehemaligen Landsleuten übergeben und nach einem – vermutlich nicht ganz fairen – Prozess zum Tode verurteilt. Fairness können Sie als Auftragsmörderin vom Gericht nicht erwarten.“
„Ihre Methoden sind ebenfalls nicht ganz fair“, entgegnete sie. Verhandeln. Schieb es auf ihn, betete sie innerlich vor sich her. Er kann dir nichts.
„Das hat niemand gesagt. Ist Mord nun fair oder nicht?“, konterte Jerry.
„Es ist mein Job“, argumentierte sie.
„Nun gut. Über Moral können wir später diskutieren. Nehmen sie an? Bedenkzeit ist Ihnen leider nicht gegeben“, drängte er.
Sie zögerte. „Kann ich mir dem Versprechen zur Generalamnestie sicher sein? Ganz Europa?“, wollte sie wissen.
Er legte den Kopf schief. „Sobald sie zugestimmt haben machen wir Sie da los und unterschreiben einen Vertrag mit Ihnen. Wir tun unser bestes um sie in der gesamten EU Straffrei für vergangene Taten zu halten. Für zukünftige garantieren wir nicht.“
Sie nickte. Gut. „Ich werde mehr Informationen brauchen.“ Und den Peilsender wollte sie los werden.
Jerry zog den Schlüssel für die Handschellen hervor und trat hinter sie. „Die werden Sie kriegen, verlassen Sie sich drauf.“ Etwas an seinem Gesichtsausdruck gefiel Lilia gar nicht, aber sie nahm den Stift, den er ihr hinhielt, las den Vertrag und setzte ihre Unterschrift darunter. Jerry tat es ihr gleich.