Totem und Tabu / Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker

Kapitel 4

verteidigen; sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur

gegen eine Bedrängnis von außen eingetauscht.

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die

Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen

Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen wirklich zum

Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und

was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten Beziehungen unter den

Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach zugehen, daß uns dieses Moment

für sich allein die Projektionsschöpfung der Dämonen begreiflich mache. Die

Verschuldungen der Verstorbenen enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für

die Feindseligkeit der Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht

diese Feindseligkeit aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre

gewiß der ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die

man ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit

als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht entbehren.

Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten Angehörigen

konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem Bewußtsein weder

direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung verraten. Mit dem Ableben

der gleichzeitig geliebten und gehaßten Personen war dies nicht mehr möglich,

der Konflikt wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer

wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte

sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung

ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf dem

Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der

Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem zeitlichen Ablauf

der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so daß das Tabu dieser Toten

sich abschwächen oder in Vergessenheit versinken darf.

 

4.

 

Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der

Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen

anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden

können.

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die

Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen, denen

der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion der Erledigung eines

Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche Verwendung in einer großen Anzahl

von psychischen Situationen, die zur Neurose führen. Aber die Projektion ist

nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt auch zu stande, wo es keine

Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein

primitiver Mechanismus, dem z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen

unterliegen, der also an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den

größten Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen

werden innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die

Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der Außenwelt

verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es hängt dies vielleicht

genetisch damit zusammen, daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprünglich

nicht der Innenwelt, sondern den von der Außenwelt zuströmenden Reizen

zugewendet war, und von den endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten

über Lust- und Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer

abstrakten Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der

Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich

wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch Projektion

innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt entwickelt, welches

wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in Psychologie

zurückübersetzen müssen.

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dämonen ist nur ein

Stück eines Systems, welches die »Weltanschauung« der Primitiven geworden

ist, und das wir in der nächsten Abhandlung dieser Reihe als das »animistische«

kennen lernen werden. Wir werden dann die psychologischen Charaktere einer

solchen Systembildung festzustellen haben und unsere Anhaltspunkte wiederum

in der Analyse jener Systembildungen finden, welche uns die Neurosen

entgegenbringen. Wir wollen vorläufig nur verraten, daß die sogenannte

»sekundäre Bearbeitung« des Trauminhalts das Vorbild für alle diese

Systembildungen ist. Vergessen wir auch nicht daran, daß es vom Stadium der

Systembildung an zweierlei Ableitungen für jeden vom Bewußtsein beurteilten

Akt gibt, die systematische und die reale, aber unbewußte(75).

Wundt(76) bemerkt, daß »unter den Wirkungen, die der Mythus allerorten

den Dämonen zuschreibt, zunächst die unheilvollen überwiegen, so daß im

Glauben der Völker sichtlich die bösen Dämonen älter sind als die guten«. Es ist

nun sehr wohl möglich, daß der Begriff des Dämons überhaupt aus der so

bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde. Die diesem Verhältnis

innewohnende Ambivalenz hat sich dann im weiteren Verlaufe der

Menschheitsentwicklung darin geäußert, daß sie aus der nämlichen Wurzel zwei völlig entgegengesetzte psychische Bildungen hervorgehen ließ: Dämonen- und

Gespensterfurcht einerseits, die Ahnenverehrung anderseits(77). Daß die

Dämonen stets als die Geister kürzlich Verstorbener gefaßt werden, bezeugt wie

nichts anderes den Einfluß der Trauer auf die Entstehung des Dämonenglaubens.

Die Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll

die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen. Ist

diese Arbeit geschehen, so läßt der Schmerz nach, mit ihm die Reue und der

Vorwurf und darum auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Geister aber, die

zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der freundlicheren

Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur Hilfeleistung angerufen zu

werden.

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den Toten im Wandel

der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen Ambivalenz außerordentlich

nachgelassen hat. Es gelingt jetzt leicht, die unbewußte, immer noch

nachweisbare Feindseligkeit gegen die Toten niederzuhalten, ohne daß es eines

besonderen seelischen Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher der befriedigte

Haß und die schmerzhafte Zärtlichkeit miteinander gerungen haben, da erhebt

sich heute wie eine Narbenbildung die Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi

bene. Nur die Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer

Teuren durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der Psychoanalyse die

alte ambivalente Gefühlseinstellung als ihr Geheimnis verraten. Auf welchem

Wege diese Änderung herbeigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle

Änderung und reale Besserung der familiären Beziehungen in deren

Verursachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber man könnte

durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, es sei den Seelenregungen

der Primitiven überhaupt ein höheres Maß von Ambivalenz zuzugestehen, als bei

dem heute lebenden Kulturmenschen aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser

Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, das Kompromißsymptom des

Ambivalenzkonfliktes. Von den Neurotikern, welche genötigt sind, diesen Kampf

und das aus ihm hervorgehende Tabu zu reproduzieren, würden wir sagen, daß

sie eine archaistische Konstitution als atavistischen Rest mit sich gebracht

haben, deren Kompensation im Dienste der Kulturanforderung sie nun zu so

ungeheuerlichem seelischen Aufwand zwingt.

Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklarheit verwirrenden

Auskunft, welche uns Wundt über die Doppelbedeutung des Wortes Tabu: heilig

und unrein geboten hat (s. o.). Ursprünglich habe das Wort Tabu heilig und

unrein noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische bezeichnet, das nicht

berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den beiden extremen Begriffen

gemeinsames Merkmal hervorgehoben, doch beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen den beiden Gebieten des Heiligen und des

Unreinen eine ursprüngliche Übereinstimmung obwalte, die erst später einer

Differenzierung gewichen sei.

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen mühelos ab, daß

dem Worte Tabu von allem Anfang an die erwähnte Doppelbedeutung zukommt,

daß es zur Bezeichnung einer bestimmten Ambivalenz dient und alles dessen,

was auf dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. Tabu ist selbst ein

ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte aus dem

festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten können, was sich als Ergebnis

weitläufiger Untersuchung herausgestellt hat, daß das Tabuverbot als das

Resultat einer Gefühlsambivalenz zu verstehen ist. Das Studium der ältesten

Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele solche Worte gab, welche

Gegensätze in sich faßten, in gewissem – wenn auch nicht in ganz dem

nämlichen Sinne – wie das Wort Tabu ambivalent waren(78). Geringe lautliche

Modifikationen des gegensinnigen Urwortes haben später dazu gedient, um den

beiden hier vereinigten Gegensätzen einen gesonderten sprachlichen Ausdruck

zu schaffen.

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit der abnehmenden

Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambivalenz ist es selbst, respektive sind

die ihm analogen Worte aus dem Sprachschatz geschwunden. Ich hoffe, in

späterem Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können, daß sich hinter

dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare historische Wandlung verbirgt, daß

das Wort zuerst an ganz bestimmten menschlichen Relationen haftete, denen die

große Gefühlsambivalenz eigen war, und daß es von hier aus auf andere, analoge

Relationen ausgedehnt wurde.

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu auch ein Licht auf

die Natur und Entstehung des Gewissens. Man kann ohne Dehnung der Begriffe

von einem Tabugewissen und von einem Tabuschuldbewußtsein nach

Übertretung des Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die älteste

Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens entgegentritt.

Denn was ist »Gewissen«? Nach dem Zeugnis der Sprache gehört es zu dem,

was man am gewissesten weiß; in manchen Sprachen scheidet sich seine

Bezeichnung kaum von der des Bewußtseins.

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwerfung bestimmter in

uns bestehender Wunschregungen; der Ton liegt aber darauf, daß diese

Verwerfung sich auf nichts anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer selbst gewiß

ist. Noch deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der Wahrnehmung der

inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir bestimmte Wunschregungen

vollzogen haben. Eine Begründung erscheint hier überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Berechtigung der Verurteilung, den Vorwurf wegen der

vollzogenen Handlung, in sich verspüren. Diesen nämlichen Charakter zeigt aber

das Verhalten der Wilden gegen das Tabu; das Tabu ist ein Gewissensgebot,

seine Verletzung läßt ein entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso

selbstverständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist(79).

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem Boden einer

Gefühlsambivalenz aus ganz bestimmten menschlichen Relationen, an denen

diese Ambivalenz haftet, und unter den für das Tabu und die Zwangsneurose

geltend gemachten Bedingungen, daß das eine Glied des Gegensatzes unbewußt

sei und durch das zwanghaft herrschende andere verdrängt erhalten werde. Zu

diesem Schlusse stimmt mehrerlei, was wir aus der Analyse der Neurose gelernt

haben. Erstens, daß im Charakter der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen

Gewissenhaftigkeit hervortritt als Reaktionssymptom gegen die im Unbewußten

lauernde Versuchung, und daß bei Steigerung des Krankseins die höchsten Grade

von Schuldbewußtsein von ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den

Ausspruch wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft des

Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir überhaupt keine Aussicht,

dieselbe zu erfahren. Die Lösung dieser Aufgabe gelingt nun beim einzelnen

neurotischen Individuum; für die Völker getrauen wir uns eine ähnliche Lösung

zu erschließen.

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein viel von der Natur

der Angst hat; es kann ohne Bedenken als »Gewissensangst« beschrieben

werden. Die Angst deutet aber auf unbewußte Quellen hin; wir haben aus der

Neurosenpsychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der Verdrängung

unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu wollen wir erinnern,

daß auch beim Schuldbewußtsein etwas unbekannt und unbewußt ist, nämlich

die Motivierung der Verwerfung. Diesem Unbekannten entspricht der

Angstcharakter des Schuldbewußtseins.

Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist eine Überlegung

denkbar, die uns sagt, es sei ganz selbstverständlich und bedürfe keines

weitläufigen Beweises aus der Analogie mit der Neurose, daß ihm eine positive,

begehrende Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun begehrt, das

braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls muß das, was aufs

nachdrücklichste verboten wird, doch Gegenstand eines Begehrens sein. Wenden

wir diesen plausiblen Satz auf unsere Primitiven an, so müßten wir schließen, es

gehöre zu ihren stärksten Versuchungen, ihre Könige und Priester zu töten,

Inzest zu verüben, ihre Toten zu mißhandeln u. dgl. Das ist nun kaum

wahrscheinlich; den entschiedensten Widerspruch erwecken wir aber, wenn wir

den nämlichen Satz an den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme des Gewissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden dann mit einer

nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, daß wir nicht die geringste

Versuchung verspüren, eines dieser Gebote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du

sollst nicht morden, und daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes

verspüren als Abscheu.

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeutung bei, die sie

beansprucht, so wird einerseits das Verbot überflüssig – das Tabu sowohl wie

unser Moralverbot –, anderseits bleibt die Tatsache des Gewissens unerklärt und

die Beziehungen zwischen Gewissen, Tabu und Neurose entfallen; es ist also

jener Zustand unseres Verständnisses hergestellt, der auch gegenwärtig besteht,

solange wir nicht psychoanalytische Gesichtspunkte auf das Problem anwenden.

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse – an den Träumen Gesunder –

gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß die Versuchung, den anderen zu

töten, auch bei uns stärker und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie

psychische Wirkungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht

kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser Neurotiker die

Sicherungen und Selbstbestrafungen gegen den verstärkten Impuls zu morden

erkannt haben, dann werden wir zu dem vorhin aufgestellten Satz: Wo ein Verbot

vorliegt, müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer Schätzung zurückkehren.

Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu morden, tatsächlich im

Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu wie das Moralverbot

psychologisch keineswegs überflüssig ist, vielmehr durch die ambivalente

Einstellung gegen den Mordimpuls erklärt und gerechtfertigt wird.

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Charakter dieses

Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begehrende Strömung eine unbewußte

ist, eröffnet einen Ausblick auf weitere Zusammenhänge und

Erklärungsmöglichkeiten. Die psychischen Vorgänge im Unbewußten sind nicht

durchwegs mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten Seelenleben

bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte Freiheiten, die den

letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter Impuls braucht nicht dort

entstanden zu sein, wo wir seine Äußerung finden; er kann von ganz anderer

Stelle herstammen, sich ursprünglich auf andere Personen und Relationen

bezogen haben und durch den Mechanismus der Verschiebung dorthin gelangt

sein, wo er uns auffällt. Er kann ferner dank der Unzerstörbarkeit und

Unkorrigierbarkeit unbewußter Vorgänge aus sehr frühen Zeiten, denen er

angemessen war, in spätere Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in

denen seine Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur

Andeutungen, aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde zeigen, wie

wichtig sie für das Verständnis der Kulturentwicklung werden können.

Zum Schlusse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere Untersuchungen

vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. Wenn wir auch an der

Wesensgleichheit von Tabuverbot und Moralverbot festhalten, so wollen wir

doch nicht bestreiten, daß eine psychologische Verschiedenheit zwischen beiden

bestehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der grundlegenden

Ambivalenz kann allein die Ursache sein, daß das Verbot nicht mehr in der Form

des Tabu erscheint.

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der Tabuphänomene

von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit der Zwangsneurose leiten

lassen, aber das Tabu ist doch keine Neurose, sondern eine soziale Bildung;

somit obliegt uns die Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle

Unterschied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie das Tabu zu suchen ist.

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Ausgangspunkt nehmen.

Von der Übertretung eines Tabu wird bei den Primitiven eine Strafe befürchtet,

meist eine schwere Erkrankung oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der

sich die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen. Bei der Zwangsneurose ist

dies anders. Wenn der Kranke etwas ihm Verbotenes ausführen soll, so fürchtet

er die Strafe nicht für sich, sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt

gelassen ist, aber durch die Analyse leicht als eine der ihm nächsten und von ihm

geliebtesten Personen erkannt wird. Der Neurotiker verhält sich also hiebei wie

altruistisch, der Primitive wie egoistisch. Erst wenn die Tabuübertretung sich im

Missetäter nicht spontan gerächt hat, dann erwacht bei den Wilden ein

kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel alle bedroht wären, und sie beeilen

sich, die ausgebliebene Bestrafung selbst zu vollstrecken. Wir haben es leicht,

uns den Mechanismus dieser Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem

ansteckenden Beispiel, vor der Versuchung zur Nachahmung, also vor der

Infektionsfähigkeit des Tabu ist hier im Spiele. Wenn einer es zu stande gebracht

hat, das verdrängte Begehren zu befriedigen, so muß sich in allen

Gesellschaftsgenossen das gleiche Begehren regen; um diese Versuchung

niederzuhalten, muß der eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses

gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht selten Gelegenheit,

unter der Rechtfertigung der Sühne dieselbe frevle Tat auch ihrerseits zu

begehen. Es ist dies ja eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und

sie hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Regungen beim

Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft zur Voraussetzung.

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu sagen pflegen, wir

seien alle arge Sünder. Wie soll man nun den unerwarteten Edelsinn der Neurose

erklären, die nichts für sich und alles für eine geliebte Person fürchtet? Die

analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist. Ursprünglich, das heißt zu Anfang der Erkrankung, galt die Strafandrohung wie bei den Wilden der

eigenen Person; man fürchtete in jedem Falle für sein eigenes Leben; erst später

wurde die Todesangst auf eine andere geliebte Person verschoben. Der Vorgang

ist einigermaßen kompliziert, aber wir übersehen ihn vollständig. Zu Grunde der

Verbotbildung liegt regelmäßig eine böse Regung – ein Todeswunsch – gegen

eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, das Verbot an eine

gewisse Handlung geknüpft, welche etwa die feindselige gegen die geliebte

Person durch Verschiebung vertritt, die Ausführung dieser Handlung mit der

Todesstrafe bedroht. Aber der Prozeß geht weiter, und der ursprüngliche

Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch die Todesangst um ihn

ersetzt. Wenn die Neurose sich also so zärtlich altruistisch erweist, so

kompensiert sie damit nur die ihr zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung

eines brutalen Egoismus. Heißen wir die Gefühlsregungen, die durch die

Rücksicht auf den anderen bestimmt werden und ihn nicht selbst zum

Sexualobjekt nehmen, soziale, so können wir das Zurücktreten dieser sozialen

Faktoren als einen später durch Überkompensation verhüllten Grundzug der

Neurose herausheben.

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen und ihrer Beziehung

zu den anderen Grundtrieben des Menschen aufzuhalten, wollen wir an einem

anderen Beispiel den zweiten Hauptcharakter der Neurose zum Vorschein

bringen. Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte Ähnlichkeit mit der

Berührungsangst der Neurotiker, dem Délire de toucher. Nun handelt es sich bei

dieser Neurose regelmäßig um das Verbot sexueller Berührung, und die

Psychoanalyse hat ganz allgemein gezeigt, daß die Triebkräfte, welche in der

Neurose abgelenkt und verschoben werden, sexueller Herkunft sind. Beim Tabu

hat die verbotene Berührung offenbar nicht nur sexuelle Bedeutung, sondern

vielmehr die allgemeinere des Angreifens, der Bemächtigung, des

Geltendmachens der eigenen Person. Wenn es verboten ist, den Häuptling oder

etwas, was mit ihm in Berührung war, selbst zu berühren, so soll damit

demselben Impuls eine Hemmung angelegt werden, der sich andere Male in der

argwöhnischen Überwachung des Häuptlings, ja in seiner körperlichen

Mißhandlung vor der Krönung (s. o.) zum Ausdruck bringt. Somit ist das

Überwiegen der sexuellen Triebanteile gegen die sozialen das für die Neurose

charakteristische Moment. Die sozialen Triebe sind aber selbst durch

Zusammentreten von egoistischen und erotischen Komponenten zu besonderen

Einheiten entstanden.

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangsneurose läßt

sich bereits erraten, welches das Verhältnis der einzelnen Formen von Neurose

zu den Kulturbildungen ist, und wodurch das Studium der Neurosenpsychologie für das Verständnis der Kulturentwicklung wichtig wird.

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende

Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der Kunst, der

Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen sie wie Verzerrungen

derselben. Man könnte den Ausspruch wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild

einer Kunstschöpfung, eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein

paranoischer Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. Diese

Abweichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, daß die Neurosen

asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der

Gesellschaft durch kollektive Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen

erfährt man, daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den bestimmenden

Einfluß ausüben, während die entsprechenden Kulturbildungen auf sozialen

Trieben ruhen, solchen, die aus der Vereinigung egoistischer und erotischer

Anteile hervorgegangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stande, die

Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der Selbsterhaltung zu

einigen; die Sexualbefriedigung ist zunächst die Privatsache des Individuums.

Genetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose aus deren

ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden Realität in eine

lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In dieser, vom Neurotiker gemiedenen

realen Welt herrscht die Gesellschaft der Menschen und die von ihnen

gemeinsam geschaffenen Institutionen; die Abkehrung von der Realität ist

gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen Gemeinschaft.