Totem und Tabu / Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker
III. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken.
III.
ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.
1.
Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der
Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, daß sie
dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschränken sich darum auf
den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne Vorschläge, die er
bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser Mangel wird sich aufs äußerste
fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher das ungeheure Gebiet dessen, was
man Animismus nennt, behandeln will(80).
Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelenvorstellungen,
im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch
Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden
Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus,
früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, scheint seine
gegenwärtige Bedeutung durch E. B. Tylor erhalten zu haben(81).
Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat ist die Einsicht in die
höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten primitiven
Völker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden. Diese bevölkern die
Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder
übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und Dämonen die Verursachung
der Naturvorgänge zu und halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch
die unbelebten Dinge der Welt für durch sie belebt. Ein drittes und vielleicht
wichtigstes Stück dieser primitiven »Naturphilosophie« erscheint uns weit
weniger auffällig, weil wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind,
während wir doch die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die
Naturvorgänge heute durch die Annahme unpersönlicher physikalischer Kräfte
erklären. Die Primitiven glauben nämlich an eine ähnliche »Beseelung« auch der menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen,
welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern können;
diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis zu einem gewissen
Grad von den »Leibern« unabhängig. Ursprünglich wurden die Seelen als sehr
ähnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwicklung
haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad von
»Vergeistigung« abgestreift(82).
Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese
Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems sind, daß
die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entsprechen, und daß auch die
Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den Menschenseelen
gebildet wurden.
Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen
Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht?
Man meint, durch die Beobachtung der Phänomene des Schlafes (mit dem
Traum) und des ihm so ähnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese
jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem müßte das
Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden sein. Für den
Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens – die Unsterblichkeit – das
Selbstverständliche. Die Vorstellung des Todes ist etwas spät und nur zögernd
Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. Über den
Anteil, den andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der
animistischen Grundlehren gehabt haben mögen, die über Traumbilder, Schatten,
Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß gelangte
Diskussionen stattgefunden(83).
Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phänomene mit der
Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte der
Außenwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus natürlich und
weiter nicht rätselhaft beurteilt. Wundt äußert angesichts der Tatsache, daß sich
die nämlichen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern und
zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, dieselben »seien das notwendige
psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der primitive
Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzustandes
gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist(84)«.
Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume in seiner
»Natural History of Religion« gegeben, indem er schrieb: »There is an universal
tendency among mankind to conceive all beings like themselves and to transfer
to every object those qualities with which they are familiarly acquainted and of
which they are intimately conscious(85).«