Totem und Tabu / Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker
Kapitel 2
Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die Darstellung
Reinachs, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors, ausgewählt, um auf
die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren vorzubereiten, welche uns
nun beschäftigen sollen.
2.
Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine regelmäßige
Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde das Bedürfnis, zu
einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel seines Wesens aufzuhellen.
Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die entscheidenden Fragen sind die
nach der Herkunft der Totemabstammung, nach der Motivierung der Exogamie
(respektive des durch sie vertretenen Inzesttabu) und nach der Beziehung
zwischen den beiden, der Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das
Verständnis sollte in einem ein historisches und ein psychologisches sein,
Auskunft geben, unter welchen Bedingungen sich diese eigentümliche
Institution entwickelt, und welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie
Ausdruck gegeben hatte.
Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie
verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen versucht
wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher hierüber
auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man allgemein über
Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das vorangeschickte, aus
einer von Frazer 1887 veröffentlichten Schrift geschöpfte Bild kann der Kritik
nicht entgehen, eine willkürliche Vorliebe des Referenten auszudrücken, und
würde heute von Frazer selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand
wiederholt geändert hat, beanständet werden(133).
Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und
der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der
beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der Sachlage
die Bemerkung von Andrew Lang nicht zu vergessen, daß auch die primitiven
Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen und die Bedingungen
für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so daß wir einzig und allein
auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die mangelnde Beobachtung zu
ersetzen(134). Unter den vorgebrachten Erklärungsversuchen erscheinen einige
dem Urteil des Psychologen von vornherein als inadäquat. Sie sind allzu
rationell und nehmen auf den Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die