Totem und Tabu / Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker

IV. Die Infantile Wiederkehr des Totemismus.

IV.

 

DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS.

 

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung

psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu besorgen,

daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem

einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in notgedrungener, eigentlich

pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der Quellen dieser Institution zur

Anerkennung bringen will, so beansprucht sie zunächst für dieselbe die

Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten Rang unter den zusammenwirkenden

Momenten. Erst eine Synthese aus verschiedenen Gebieten der Forschung kann

entscheiden, welche relative Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus

in der Genese der Religion zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber

sowohl die Mittel als auch die Absicht des Psychoanalytikers.

 

1.

 

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des

Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein System

ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien, Amerika, Afrika die

Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der sozialen Organisation abgibt.

Wir wissen, daß der Schotte Mac Lennan 1869 das allgemeinste Interesse für die

bis dahin nur als Kuriosa gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch

nahm, indem er die Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und

Gebräuchen in verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als

Überreste einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat

seither diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine

der letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den Elementen

der Völkerpsychologie von W. Wundt (1912) zitieren(121): »Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die

totemistische Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen

und eine Übergangsstufe zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und

dem Helden- und Götterzeitalter gebildet hat.«

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem tieferen

Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche später

ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung von S. Reinach,

der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in zwölf Artikeln,

gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion, entworfen hat(122):

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die

Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen

Pflege.

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen

Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten

Körperteil des Tieres.

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der

Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die

Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und Ausflüchte

abzuschwächen.

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt man

die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind dies die

Totemtiere.

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der

Totemtiere.

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen

ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich solche

durch Tätowierung einritzen.

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so

wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes

verschont.

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes.

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen

als Führer.

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem

Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind.

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man

in Betracht zieht, daß Reinach hier auch alle Anzeichen und Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand des totemistischen

Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung dieses Autors zum Problem

zeigt sich darin, daß er dafür die wesentlichen Züge des Totemismus

einigermaßen vernachlässigt. Wir werden uns überzeugen, daß er von den zwei

Hauptsätzen des totemistischen Katechismus den einen in den Hintergrund

gedrängt, den anderen völlig übergangen hat.

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges Bild zu gewinnen,

wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk

gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen

Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten

Probleme verbindet. Wir werden J. G. Frazer, dem Verfasser von »Totemism and

Exogamy(123)«, für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben, auch wenn die

psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen sollte, welche weit von

den seinigen abweichen(124).

Ein Totem, schrieb Frazer in seinem ersten Aufsatz(125), ist ein materielles

Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt bezeugt, weil er

glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem Ding dieser Gattung eine

ganz besondere Beziehung besteht. Die Verbindung zwischen einem Menschen

und seinem Totem ist eine wechselseitige, der Totem beschützt den Menschen

und der Mensch beweist seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten,

so z. B. daß er ihn nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es

eine Pflanze ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein

Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine Tier-

oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und noch seltener

von künstlich hergestellten Gegenständen.

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich erblich

von einer Generation auf die nächste überträgt;

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen

Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechtes angehört,

und

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht auf

deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem

kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,

wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig bedeutsame

Bildungen.

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe

von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für

blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem

miteinander fest verbunden sind.

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach

seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger Achtung und

Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach seiner sozialen

Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder gegeneinander und gegen

andere Stämme. In der späteren Geschichte des Totemismus zeigen dessen beide

Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; das soziale System überlebt häufig

das religiöse und umgekehrt verbleiben Reste von Totemismus in der Religion

solcher Länder, in denen das auf den Totemismus gegründete soziale System

verschwunden ist. Wie diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich

miteinander zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen

Ursprünge nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke

Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang

unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir

zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige sich zur

selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den Totem von dem

gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen Systems

stellt Frazer voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich nach ihrem Totem

nennen und in der Regel auch glauben, daß sie von ihm abstammen. Die Folge

dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier nicht jagen, nicht töten und nicht

essen und sich jeden anderen Gebrauch des Totem versagen, wenn er etwas

anderes als ein Tier ist. Die Verbote, den Totem nicht zu töten und nicht zu

essen, sind nicht die einzigen Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch

verboten, ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf

der Totem nicht bei seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung

dieser den Totem schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere

Erkrankungen oder Tod(126).

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen

und in der Gefangenschaft gehegt(127). Ein tot aufgefundenes Totemtier wird

betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein Totemtier töten, so

geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von Entschuldigungen und

Sühnezeremonien.

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein

gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus, daß er

seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese Voraussetzung

nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamme ausgestoßen. Eide,

meint Frazer, waren ursprünglich Ordalien; viele Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung überlassen. Der Totem

hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen und Warnungen. Die

Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses wurde häufig als

Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war gekommen, seinen

Verwandten zu holen(128).

Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse seine

Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm äußerlich ähnlich

macht, sich in die Haut des Totemtieres hüllt, sich das Bild desselben einritzt

u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der Geburt, der Männerweihe, des

Begräbnisses wird diese Identifizierung mit dem Totem in Taten und Worten

durchgeführt. Tänze, bei denen alle Genossen des Stammes sich in ihren Totem

verkleiden, und wie er gebärden, dienen mannigfaltigen magischen und

religiösen Absichten. Endlich gibt es Zeremonien, bei denen das Totemtier in

feierlicher Weise getötet wird(129).

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng

gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die Mitglieder

eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet einander zu helfen

und zu beschützen; im Falle der Tötung eines Clangenossen durch einen

Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für die Bluttat, und der Clan des

Gemordeten fühlt sich solidarisch in der Forderung nach Sühne für das

vergossene Blut. Die Totembande sind stärker als die Familienbande in unserem

Sinne; sie fallen mit diesen nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in

der Regel durch mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche

Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war.

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß

Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt nicht in

Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte und rätselhafte,

mit dem Totemismus verknüpfte Exogamie. Wir haben ihr die ganze erste

Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier nur anzuführen,

daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven entspringt, daß sie als

Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen verständlich würde, und

daß sie zunächst die Inzestverhütung für die jüngere Generation besorgt und erst

in weiterer Ausbildung auch der älteren Generation zum Hindernis wird(130).

 

An diese Darstellung des Totemismus bei Frazer, eine der frühesten in der

Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen Elementen der

Völkerpsychologie sagt W. Wundt(131): »Das Totemtier gilt als Ahnentier der

betreffenden Gruppe. ›Totem‹ ist also einerseits Gruppen-, anderseits

Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat dieser Name zugleich eine

mythologische Bedeutung. Alle diese Verwendungen des Begriffes spielen aber

ineinander und die einzelnen dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in

manchen Fällen die Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der

Stammesabteilungen geworden sind, während in anderen die Vorstellung der

Abstammung oder aber auch die kultische Bedeutung des Totems im

Vordergrund steht ... Der Begriff des Totem wird für die Stammesgliederung und

Stammesorganisation maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung

im Glauben und Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das

Totemtier ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe

von Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater

der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese

Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich ursprünglich,

abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen Festen vor allem in

dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein einzelnes Tier, sondern

jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in gewissem Grade ein geheiligtes

Tier, es ist den Totemgenossen verboten oder nur unter bestimmten Umständen

erlaubt, das Fleisch des Totemtieres zu genießen. Dem entspricht die in solchem

Zusammenhange bedeutsame Gegenerscheinung, daß unter gewissen

Bedingungen eine Art von zeremoniellem Genuß des Totemfleisches

stattfindet ...«

»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen Stammesgliederung

besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der Sitte für den Verkehr der

Gruppen untereinander verbunden sind. Unter diesen Normen stehen in erster

Linie die für den Eheverkehr. So hängt diese Stammesgliederung mit einer

wichtigen Erscheinung zusammen, die zum erstenmal im totemistischen

Zeitalter auftritt: mit der Exogamie.«

Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder

Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen

Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche Züge:

Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen der einzelnen

Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie; es war verboten, den

Totem zu töten (oder zu essen, was für primitive Verhältnisse zusammenfällt); es

war den Totemgenossen verboten, Sexualverkehr miteinander zu pflegen(132).

Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totémisme, den Reinach

aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung vom