Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein
Ein Schreiben an Herrn Professor Hufeland zu Jena im Jahr 1797(1).
Daß meine Danksagung, für das den 12. Dez. 1796 an mich bestellte
Geschenk, Ihres lehrreichen und angenehmen Buchs »von der Kunst das
menschliche Leben zu verlängern« selbst auf ein langes Leben berechnet
gewesen sein dürfte, möchten Sie vielleicht aus dem Datum dieser meiner
Antwort vom Januar dieses Jahres zu schließen Ursache haben; wenn das
Altgewordensein nicht schon die öftere Vertagung (procrastinatio) wichtiger
Beschlüsse bei sich führete, dergleichen doch wohl der des Todes ist, welcher
sich immer zu früh für uns anmeldet, und den man warten zu lassen an Ausreden
unerschöpflich ist.
Sie verlangen von mir »ein Urteil über Ihr Bestreben das Physische im
Menschen moralisch zu behandeln; den ganzen, auch physischen, Menschen als
ein auf Moralität berechnetes Wesen darzustellen, und die moralische Kultur als
unentbehrlich zur physischen Vollendung der überall nur in der Anlage
vorhandenen Menschennatur zu zeigen«, und setzen hinzu: »wenigstens kann ich
versichern, daß es keine vorgefaßte Meinungen waren, sondern ich durch die
Arbeit und Untersuchung selbst unwiderstehlich in diese Behandlungsart
hineingezogen wurde«. – Eine solche Ansicht der Sache verrät den Philosophen,
nicht den bloßen Vernunftkünstler; einen Mann, der nicht allein, gleich einem
der Direktoren des französischen Konvents, die von der Vernunft verordneten
Mittel der Ausführung (technisch), wie sie die Erfahrung darbietet, zu seiner
Heilkunde mit Geschicklichkeit, sondern, als gesetzgebendes Glied im Korps der
Ärzte, aus der reinen Vernunft hernimmt, welche zu dem, was hilft, mit
Geschicklichkeit, auch das, was zugleich an sich Pflicht ist, mit Weisheit zu
verordnen weiß: so, daß moralisch-praktische Philosophie zugleich eine
Universalmedizin abgibt, die zwar nicht allen für alles hilft, aber doch in keinem
Rezepte mangeln kann.
Dieses Universalmittel betrifft aber nur die Diätetik, d. i. es wirkt nur
negativ, als Kunst, Krankheiten abzuhalten. Dergleichen Kunst aber setzt ein
Vermögen voraus, das nur Philosophie, oder der Geist derselben, den man schlechthin voraussetzen muß, geben kann. Auf diesen bezieht sich die oberste
diätetische Aufgabe, welche in dem Thema enthalten ist:
Von der Macht des Gemüts des Menschen, über seine krankhafte Gefühle
durch den bloßen festen Vorsatz Meister zu sein.
Die, die Möglichkeit dieses Ausspruchs bestätigenden, Beispiele kann ich
nicht von der Erfahrung anderer hernehmen, sondern zuerst nur von der an mir
selbst angestellten; weil sie aus dem Selbstbewußtsein hervorgeht, und sich
nachher allererst andere fragen läßt: ob es nicht auch sie ebenso in sich
wahrnehmen. – Ich sehe mich also genötigt, mein Ich laut werden zu lassen; was
im dogmatischen Vortrage(2) Unbescheidenheit verrät; aber Verzeihung
verdient, wenn es nicht gemeine Erfahrung, sondern ein inneres Experiment oder
Beobachtung betrifft, welche ich zuerst an mir selbst angestellt haben muß, um
etwas, was nicht jedermann von selbst, und ohne darauf geführt zu sein, beifällt,
zu seiner Beurteilung vorzulegen. – Es würde tadelhafte Anmaßung sein, andere
mit der inneren Geschichte meines Gedankenspiels unterhalten zu wollen,
welche zwar subjektive Wichtigkeit (für mich) aber keine objektive (für
jedermann geltende) enthielten. Wenn aber dieses Aufmerken auf sich selbst und
die daraus hervorgehende Wahrnehmung nicht so gemein ist, sondern, daß jeder
dazu aufgefordert werde, eine Sache ist, die es bedarf und verdient, so kann
dieser Übelstand mit seinen Privatempfindungen andere zu unterhalten
wenigstens verziehen werden.
Ehe ich nun mit dem Resultat meiner, in Absicht auf Diätetik angestellten,
Selbstbeobachtung aufzutreten wage, muß ich noch etwas über die Art
bemerken, wie Herr Hufeland die Aufgabe der Diätetik, d. i. der Kunst stellt,
Krankheiten vorzubeugen, im Gegensatz mit der Therapeutik, sie zu heilen.
Sie heißt ihm »die Kunst das menschliche Leben zu verlängern«.
Er nimmt seine Benennung von demjenigen her, was die Menschen am
sehnsüchtigsten wünschen, ob es gleich vielleicht weniger wünschenswert sein
dürfte. Sie möchten zwar gern zwei Wünsche zugleich thun: nämlich lange zu
leben und dabei gesund zu sein; aber der erstere Wunsch hat den letzteren nicht
zur notwendigen Bedingung: sondern er ist unbedingt. Laßt den Hospitalkranken
jahrelang auf seinem Lager leiden und darben und ihn oft wünschen hören, daß
ihn der Tod je eher je lieber von dieser Plage erlösen möge; glaubt ihm nicht, es
ist nicht sein Ernst. Seine Vernunft sagt es ihm zwar vor, aber der Naturinstinkt
will es anders. Wenn er dem Tode, als seinem Befreier (Jovi liberatori), winkt,
so verlangt er doch immer noch eine kleine Frist und hat immer irgend einen
Vorwand zur Vertagung (procrastinatio) seines peremtorischen Dekrets. Der in wilder Entrüstung gefaßte Entschluß des Selbstmörders, seinem Leben ein Ende
zu machen, macht hievon keine Ausnahme: denn er ist die Wirkung eines bis
zum Wahnsinn exaltierten Affekts. – Unter den zwei Verheißungen für die
Befolgung der Kindespflicht – »auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf
Erden« – enthält die letztere die stärkere Triebfeder, selbst im Urteile der
Vernunft, nämlich als Pflicht, deren Beobachtung zugleich verdienstlich ist.
Die Pflicht das Alter zu ehren gründet sich nämlich eigentlich nicht auf die
billige Schonung, die man den Jüngeren gegen die Schwachheit der Alten
zumutet: denn die ist kein Grund zu einer ihnen schuldigen Achtung. Das Alter
will also noch für etwas Verdienstliches angesehen werden; weil ihm eine
Verehrung zugestanden wird. Also, nicht etwa weil Nestorjahre zugleich durch
viele und lange Erfahrung erworbene Weisheit, zu Leitung der jüngeren Welt,
bei sich führen, sondern bloß weil, wenn nur keine Schande dasselbe befleckt
hat, der Mann, welcher sich so lange erhalten hat, d. i. der Sterblichkeit, als dem
demütigendsten Ausspruch, der über ein vernünftiges Wesen nur gefällt werden
kann – »du bist Erde und sollst zur Erde werden« – so lange hat ausweichen und
gleichsam der Unsterblichkeit hat abgewinnen können, weil, sage ich, ein
solcher Mann sich so lange lebend erhalten und zum Beispiel aufgestellt hat.
Mit der Gesundheit, als dem zweiten natürlichen Wunsche, ist es dagegen
nur mißlich bewandt. Man kann sich gesund fühlen (aus dem behaglichen
Gefühl seines Lebens urteilen), nie aber wissen, daß man gesund sei. – Jede
Ursache des natürlichen Todes ist Krankheit: man mag sie fühlen oder nicht. –
Es gibt viele, von denen, ohne sie eben verspotten zu wollen, man sagt, daß sie
für immer kränkeln, nie krank werden können; deren Diät ein immer
wechselndes Abschweifen und wieder Einbeugen ihrer Lebensweise ist, und die
es im Leben, wenngleich nicht den Kraftäußerungen, doch der Länge nach, weit
bringen. Wie viel aber meiner Freunde oder Bekannten habe ich nicht überlebt,
die sich bei einer einmal angenommenen ordentlichen Lebensart einer völligen
Gesundheit rühmten: indessen daß der Keim des Todes (die Krankheit) der
Entwickelung nahe, unbemerkt in ihnen lag, und der, welcher sich gesund fühlte,
nicht wußte, daß er krank war; denn die Ursache eines natürlichen Todes kann
man doch nicht anders als Krankheit nennen. Die Kausalität aber kann man nicht
fühlen, dazu gehört Verstand, dessen Urteil irrig sein kann, indessen daß das
Gefühl untrüglich ist, aber nur dann, wenn man sich krankhaft fühlt, diesen
Namen führt; fühlt man sich aber so auch nicht, doch gleichwohl in dem
Menschen verborgenerweise und zur baldigen Entwickelung bereit liegen kann;
daher der Mangel dieses Gefühls keinen andern Ausdruck des Menschen für sein Wohlbefinden verstattet, als daß er scheinbarlich gesund sei. Das lange Leben
also, wenn man dahin zurücksieht, kann nur die genossene Gesundheit
bezeugen, und die Diätetik wird vor allem in der Kunst das Leben zu verlängern
(nicht es zu genießen) ihre Geschicklichkeit oder Wissenschaft zu beweisen
haben: wie es auch Herr Hufeland so ausgedrückt haben will.